Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper am Heiligen Abend 2004

Liebe Gemeinde!
—Du lieber Gott, komm doch mal runter und schau dir die Bescherung selber an...ž - textete der Liedermacher Stephan Suhlke - schon vor mehr als vor 20 Jahren. Und heute? Da gilt erst recht: Schöne Bescherung! Kein Geld, keine Stimmung, selbst der Schnee ist schon wieder weg. Nicht genug damit: Seit Monaten gehen wir Weihnachten aus dem Wege, wollen wir die sich seit dem Spätsommer anbietenden Dominosteine und Lebkuchen links liegen lassen (tägliche Gewissensfrage: —Oder wollen wir sie reinlassen?ž); seit Wochen eilen wir in die Geschäfte - nur mal gucken - um dann doch noch, auf den letzten Drücker, unsere staatsbürgerliche Pflichten als Konsumenten zu erfüllen (tägliche Gewissensfrage: Heute wieder genug gekauft, um Arbeitsplätze zu sichern?); seit Tagen quälen besonders junge Frauen und Mütter die Fragen: Alles im Haus? KlapptŽs mit der Gans? KlapptŽs mit den Kindern?

Immer häufiger stellt sich die Frage: Weihnachten feiern - wie geht das eigentlich? Besonders, nachdem man dem Fest so lange wie möglich aus dem Weg gegangen ist - selbst auf Weihnachtsfeiern in Betrieben oder Vereinen: Ein Graus, wenn Chef oder Trainer da Weihnachtslieder hören wollen...! Weihnachten feiern wird schon zum Thema in der Schule. Bericht eines Schülers von zu Hause: —Ich sitze am Computer, die  Eltern klopfen an, ich gehe zum Gabentisch, betrachte meine Geschenke - und gehe wieder zurück.ž Weihnachten feiern - geht das so?

Die Älteren unter uns haben es noch gut, die können auf Kindheitserlebnisse zurückgreifen: auf die alten Lieder, auf den Heiligabend mit Kartoffelsalat und Würstchen. Sie wissen uns Geschichten zu erzählen: wie die Eltern in Krieg- und Nachkriegszeiten einen Baum organisierten, wie glücklich man damals war, noch am Leben zu sein. Weihnachten 44 - heute, 60 Jahre danach, ein Medienthema, damals Erlebnisse wie dieses: Grau gewordene Soldaten, gerade in Gefangenschaft geraten, fassen sich am Heiligen Abend bei den Händen und singen mit Tränen in den Augen: —Nun danket alle Gott...ž. Weihnachten feiern - so ging das!

Und heute? Weihnachten feiern - wie geht das nun eigentlich? Brauche ich dazu die traditionellen Zutaten - den Braten, den Baum, den Schnee; die Familie oder (für die andere Hälfte der Berlinerinnen und Berliner) die Party unter dem Motto —Single Bellsž - oder wenigstens ein gemütliches Zusammensein am Heiligen Abend? Was, wenn ich das nicht habe? Wenn mir das alles fehlt? Oder wenn mich das alles anödet? - Dann ist es fast wieder so wie damals - nein, nichts mit Krieg, sondern so, wie noch früher: so wie damals bei der Geburt Jesu in Bethlehem.

Und in der Tat, manches heute erinnert an damals: Der Staat will mehr Geld, es gibt keinen Raum für Kinder und Familien, Menschen sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft und stellen fest - alles besetzt. Keine Idylle. Nicht einmal Schnee sorgte damals für weihevolle Stimmung, für Frische und Reinheit - jedenfalls erzählen die Evangelien nichts vom —kalten Winterž, sie erzählen nüchtern, wie Gott zur Welt kam: im Menschen Jesus, in einer Geburt unter ärmlichen Bedingungen. Und sie erzählen, was es da dennoch zu feiern gibt: —Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!ž

Große Freude - so feiert sich Weihnachten. Große Freude, die wir menschlich gar nicht inszenieren können - und auch nicht aus eigener Kraft in Szene setzen müssen, denn diese große Freude wird uns von ganz oben angekündigt, von einem Engel. Sie kommt auf uns zu, von oben nach unten, schlägt ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel, egal, ob wir nun vorbereitet und in Stimmung sind oder nicht. Es ist die Freude darüber, daß wir am Leben sind - und am Leben bleiben. —Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.ž

Das ist die Gute Nachricht vom Heiligen Abend: ewiges Leben.

Und wo bleibt die schlechte? Die schlechte ist, daß das alles ist, was wir von Gott haben. Mehr gibt es nicht. Wer also mehr will, der ist beim Christentum an der falschen Adresse, der muß sich andere Götter suchen.

Aber wie will man eigentlich mehr finden? Mehr von Gott kann es doch gar nicht geben - als ihn selbst. Und so haben wir das ewige Leben.

In Jesus Christus macht sich Gott, der Schöpfer der Welt, in verhüllter Weise einer ihn vergessenden Welt wieder bekannt. Denn seit Weihnachten damals wissen wir, wie Gott aussieht, wenn er zur Welt kommt - wie einer von uns. Gott wird Mensch. Jesus Christus ist —das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfungž (Kol 1, 15ff).

Schöpfung? Schöpfer? Ist das nicht eine Nummer zu groß, im Zusammenhang mit der Geburt eines kleinen Kindes vom Schöpfer der Welt zu reden? Mit Weihnachten, liebe Gemeinde, bekommt der Herr des kosmischen Urknalls ein menschliches Gesicht und menschliches Maß: Der Schöpfer ist so groß, daß er auch klein sein kann. —Er äußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt - der Schöpfer aller Ding.ž —Du König der Ehren, Herrscher der Heerscharen, verschmähst nicht zu ruhn in Marien Schoß, Gott, wahrer Gott, von Ewigkeit geboren.ž

Die alten Lieder sprechen von diesem Zusammenhang, vom Schöpfer, der bei seinen Geschöpfen sein will, von Jesus und von uns - und das hebt, liebe Gemeinde. Das hebt uns Menschen, die wir uns von Gott und der Welt verlassen fühlten. Das hebt uns nicht über andere Menschen empor, aber läßt uns wieder Menschen sein, Menschen, denen das Tor zum verlorenen Paradies wieder geöffnet wurde. Wir müssen uns nicht mehr wie Götter aufspielen und über andere Menschen herrschen, wir können Mensch sein. BleibenŽse Mensch. Das ist Weihnachten. - Da kriegt der Ausdruck «WeihnachtsmannŽ erst seinen wahren Sinn: Weihnachtsmann ist der von Gott begnadigte Sünder, der keine anderen Götter anerkennt als den, der in Jesus Mensch geworden ist. Also alles Weihnachtsmänner hier - bis auf die Frauen: und die sind Weihnachtsfrauen.

Wie aber hatte der Liedermacher vor 20 Jahren gesungen?

—Du lieber Gott, komm doch mal runter und schau dir die Bescherung selber an;
du lieber Gott, komm doch mal runter, ich schwör dir, daß man hier verzweifeln kann.
Doch schick nicht wieder nur den Junior her, das ging beim letzten Mal schon schief;
du solltest's machen so wie vorher, als Moses durch die Wüste lief.ž

Was soll da schiefgegangen sein? Ist der Junior am Kreuz gescheitert und alles beim Alten geblieben? Manche denken so und erwarten neue Propheten von Gott. Einspruch dagegen! Einspruch wieder von ganz oben. Der Osterengel verkündet den Toten als Lebenden, so voller Leben, daß es auch für uns noch reicht - weil es das Leben Gottes ist: —Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.ž Der Junior hatŽs also doch gebracht.

Daß die Welt zum Zweifeln, manchmal auch zum Verzweifeln ist, das ist seitdem zwar nicht anders geworden - aber dank Ostern und Weihnachten müssen wir uns nicht wieder wie die alten Israeliten vierzig Jahre in die Wüste schicken lassen, auf einen unsicheren Weg, auf der Suche nach Gott und einem Platz in der Welt, wir müssen uns heute am Heiligen Abend nicht einmal zur Freude, zum Glücklichsein zwingen - denn Weihnachten hat Gott den Weg zu uns beschritten und uns den Weg zu ihm wieder eröffnet. Im —Juniorž hat sich uns Gott wieder nahegebracht:
—Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!
Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Menschen den Menschen dar.ž

Solches Weihnachten, wie könnte man das überhaupt angemessen feiern? Das kann man eigentlich gar nicht feiern, das feiert sich selbst, das feiert sich ganz von allein - auch wenn man nicht in Stimmung ist oder nichts davon wissen will. - Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, für dieses Fest haben Sie sich heute Abend entschieden - und Sie haben sich richtig entschieden, denn hier werden Sie geholfen: Was immer Sie hinter sich haben, was immer Sie vor sich haben - turbulente Tage, Streit und Ärger, angenehme Entspannung oder drückende Stille und Einsamkeit - das jetzt ist Weihnachten: Wir sind und bleiben am Leben - als Weihnachtsmänner und -frauen, als Menschen im Glanz göttlichen Lebens. Hier werden Sie Weihnachten gefeiert. - So feiert sich Weihnachten ganz von allein.
Amen.
 
 


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