Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper 2000

Liebe Gemeinde!
Weihnachten kommt immer so plötzlich. In diesem Jahr ganz besonders plötzlich, nach nur drei Wochen Advent. Allen Vorboten und Vorbereitungen zum Trotz - auf einmal ist Weihnachten. Und eh man sichs versieht, ists wieder vorbei.

Laß dir die Seele nicht entgleiten in der Hektik dieser Zeiten, rät Udo Lindenberg in der Telekom-Werbung aber schon seit Wochen, Wochen, die in diesem Jahr allgemein Vorweihnachtszeit genannt wurden. Lebkuchen und Dominosteine satt seit September, als könne man einfach nicht genug kriegen von Weihnachten. Ja, is denn heut scho Weihnachten? Ein englischer Elektriker feiert seit Wochen jeden Tag Weihnachten und besingt das auf seiner CD Christmas every day. Bei uns: Kein Betrieb ohne Weihnachtsfeier, eine für alle und für jede Abteilung eine. Wir rasen von Besinnlichkeit zu Besinnlichkeit. Und mit der Bescherung ist alles vorbei. Schöne Bescherung.

Weihnachten, eine Frage der Zeit. Zu viel Weihnachten? Muß Weihnachten irgendwie gerettet werden? Vielen wird es immer schwerer, den rechten Umgang zu finden mit dem Fest. Größter Wunsch eines bekannten deutschen Schauspielers aus der Sparte Comedy: In diesem Jahr den Weihnachtsmann endlich persönlich kennenlernen: Bitte, komm! (Die er bisher traf, die waren es wohl nicht, die waren nur wie er - Schauspieler.)

Nähern wir uns dem Geheimnis der Weihnacht Schritt für Schritt. Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Gnad. Atmen wir sie ein, diese Zeit - und nehmen wir uns Zeit für Weihnachten. 2000 Jahre (und ein paar zerquetschte, wie die Historiker sagen) ists her, daß Gott herunter gekommen ist in unsere Zeit. Und es ward Weihnachten, zum ersten Mal. In einer Zeit der Veränderungen treffen zwei Welten aufeinander. Werbung für einen Film an den Feiertagen - zugleich versteckte Weihnachtsbotschaft. Zwei Welten trafen aufeinander: Gottes Welt traf auf unsere Welt, um sie heimzuholen in seine Welt..
Aber das braucht Zeit. Darum ist neue Advents-Zeit, Zeit des Wartens auf seine zweite Ankunft. Il sera une fois noel. Die Weihnachtswerbung eines französischen Kaufhauses trifft den Nagel auf den Kopf: Es wird einmal Weihnachten sein. Sehnsucht und Gewißheit. Und jetzt ist Warte-Zeit. Weihnachten hat Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 Wer das fühlen will, muß hören, die Botschaft hören, wer jener Jesus von Nazaret ist: die sichtbare Gestalt des Göttlichen. Und so hörte der christliche Glaube der Alten Kirche die Botschaft von Weihnachten: Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde. Gott wurde Mensch, daß der Mensch sich wieder aufmachen kann zu Gott, heimholen lassen kann, retten. Künstler spürten dem nach in Bildern wie diesem hier, um zu fühlen, was geschieht. Auf den ersten Blick ein Krippenbild wie jedes andere: Maria mit dem Kinde, Josef, Engel, ein Stall mit Ochs und Esel - Weihnachten wie im Bilderbuch.

Dann aber fällt der Blick auf einen Abgrund. Unter der ganzen Szene ein Abgrund. Marias Gewand gleitet in ein Schwarzes Loch. Eine Szene auf löchrigem Boden, wie auf dünnem Eis. Und gesetzt den Fall, Maria ließe das Kind auf dem Bild fallen, dann stürzte es wie in ein offenes Kellerloch.

Eine Darstellung voller Symbolik: Wo Gottes Welt und Menschenwelt einander berühren, ist der Abgrund nicht fern, das Dunkel des Grabes und des Nichts. Abgründe tun sich da auf. Von den dünnen Steinplatten auf dem Boden fehlt eine bereits. Wie lange ist unsere Welt noch tragfähig? Ende des 15. Jahrhunderts, als das Bild entstand, war das eine berechtigte Frage.

In diese Welt zwischen Himmel und Abgrund kommt das Kind, und in seiner nackten Gestalt verdichten sich Wehrlosigkeit, Ausgesetztheit und Nacktheit des Menschen. Maria hält es vor sich, als könnte sie sich damit vor dem Abgrund schützen. Strahlendes Weiß, himmlisches Licht gegen die abgründige Schwärze. Die Engel preisen Gott dafür, daß dieses Kind gekommen ist, um die Erde vor dem Absturz zu bewahren und heimzuholen in Gottes Welt.
- Flötenspiel -

Aber will diese Welt ihren Erlöser, den Erlöser in der Gestalt eines von uns, als Brücke über dem drohenden Abgrund? Wie sieht das der Maler, genannt der Wiener Schottenmeister? Die Menschen auf diesem Bild malt er als Zaungäste. Sie sind nicht ganz dabei, bestenfalls ein Teil ihres Körpers ist der Mitte mit dem erlösenden Kind nahe.

Und unsere Welt heute, will sie diesen Erlöser? Unsere Welt verkleidet ihre Wünsche und Hoffnungen, sie verkleidet auch ihre Ängst bis zur Unkenntlichkeit. Niemand erwartet im Ernst das Ende der Welt - aber alle laufen und kaufen, verwalten und gestalten als sei der letzte Tag in Sicht. Weihnachten, eine Frage der Zeit.

Da, im Radio ein Wort, das nach Hoffnung schmeckt: Du denkst nicht an mich. Das macht nichts. Denn ich komme zu dir.... Was klingt wie ein Wort vom kommenden Gott, Wort eines liebenden Vaters, enthüllt sich am Ende als Warnung vor der grausamen Realität des Todes. Es spricht Gevatter Tod: Du denkst nicht an mich. Das macht nichts. Denn ich komme zu dir... - Aids. Demnächst in ihrem Körper.

Ob spätmittelalterliche Angst vor dem Abgrund oder vielfältige Angst in unserer Spaßgesellschaft - das menschliche Leben: eine Sache auf Leben und Tod. Und wir leben und leiden mit, als Zuschauer, Zaungäste - und doch voll beteiligt.

Die Botschaft von der Rettung hat sich verkleidet in neue Geschichten und Bilder von uraltem Gehalt. Da opfert sich einer für eine andere, er stirbt, sie bekommt den letzten Platz im Rettungsboot. Überlebensgroß die Gestalten oben am Bug des Schiffes: Sie fliegt über den Wellen, dem Himmel ganz nah, endlich, er hinter ihr, hält sie in seinen Armen, aufrecht - wie der Erlöser am Kreuz, sterbend triumphierend. Titanic - und Weihnachten ist gerettet.

In solche Bilder verkleidet unsere Welt ihre Sehnsucht nach Erlösung, versteckt sie die Botschaft von göttlicher Rettung. In einer Zeit der Veränderungen treffen zwei Welten aufeinander.

Und wir? Zaungäste des Geschehens, Zuschauer, zugleich mitleidend und voll beteiligt. Auch Miterlöste?

Wir feiern das Original, die Erlösung von ganz oben: Weihnachten miterlebend, hörend, singend, betend - so mittendrin. Die Suche nach dem echten Weihnachtsmann endet beim göttlichen Kind in der Krippe. So wird Weihnachten Gegenwart. Alle Jahre wieder, gut 2000 an der Zahl, Jahre nach Christi Geburt. Thank God, its Christmas. Gott sei Dank, es ist wieder Weihnachten. Für einen Augenblick vergessen wir die Not des Augenblicks. Weihnachtsbotschaft allerorten, in allen Sprachen. Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde. Deshalb können wir von Weihnachten gar nicht genug kriegen. Wir feiern, was einmal geschah, bis Gott vollendet, was er da in Jesus Christus begonnen hat: Bitte, komm! Weihnachten - alles eine Frage der Zeit. Weihnachten hat Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wer die Zeit nach Ihm berechnet, hat seine Rechnung mit Gott gemacht. Denn Jesus - das ist einer für alle: für alle Menschen und für alle Zeit, Rettung vor dem Abgrund. Ihn feiern - und Weihnachten ist gerettet (und selbst der Schnee war diesmal pünktlich, geliefert just in time - von oben)!
Amen.
 
 


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