Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Christvesper 1999 (zu einem Bild von Meister Francke, um 1424)

Liebe Gemeinde!
Es war einmal ein Traum, der Traum, daß der Himmel die Erde berührt, der Traum von himmlischen Zeiten. Als Kinder haben wir ihn geträumt, von kleinen Dingen und von großen: daß einst der Himmel sich öffnet wie im Märchen vom Sterntaler. Größer geworden, dann der Traum vom Häuschen im Grünen, vom Fortschritt im Jahre 2000, vom Sieg über das Leid, von Frieden und wenigstens bescheidenem Wohlstand für alle Menschen auf Erden. Das war Himmel konkret. Der Himmel ? er hatte die Züge einer vollkommenen Erde angenommen. Und wir waren auf dem Weg dahin. Die Kinder sollten es einmal besser haben.

Heute hingegen: Gute Zeiten ? schlechte Zeiten. Das istŪs, was wir erleben. Und der Traum ist ausgeträumt, der Traum von den himmlischen Zeiten. Die Welt ist, wie sie ist. Und manche meinen: žDem Himmel sei Dank!Ó Denn besser keine Hoffnungen als falsche Hoffnungen.

Der Traum von himmlischen Zeiten ausgeträumt? Beinahe ausgeträumt vielleicht ? wenn da nicht Weihnachten wäre, die Zeit voller Zauber, in der Unmögliches ein wenig möglicher erscheint. Von Engeln ist da die Rede, von Boten des Himmels. Alle Jahre wieder das Fest des Himmels, die Heilige Nacht. Am Heiligen Abend werden Kinderträume wieder wach ? wie Gebete: žLieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm.Ó Wir hören neu die Weissagungen der Propheten des Alten Israel von der himmlischen Zeit:

"Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein,
der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen;
gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf,
ein kleiner Junge kann sie hüten.
Die Kuh wird neben dem Bären weiden,
und ihre Jungen werden beieinander liegen;
der Löwe frißt dann Häcksel wie das Rind.
Der Säugling spielt beim Schlupfloch der Schlange,
das Kleinkind steckt die Hand in die Höhle der Otter.

Niemand wird Böses tun und Unheil stiften
auf dem Zion, Gottes heiligem Berg.
So wie das Meer voll Wasser ist,
wird das Land erfüllt sein von Erkenntnis des Herrn.
Wenn jene Zeit gekommen ist,
wird der Nachkomme Israels als Zeichen dastehen,
weithin sichtbar für die Völker;
dann kommen sie und suchen bei ihm Rat.
Von dem Ort, den er zum Wohnsitz nimmt, strahlt Gottes Herrlichkeit hinaus in alle Welt."

So heißt es beim Propheten Jesaja. Es ist dies der uralte Traum vom Himmel auf Erden, verwirklicht im Zeichen eines Nachkommen Israels. Wer ist das? Wann wird das sein? Und können wir diesen Traum wirklich noch träumen?

Da war einst Jakob, der Stammvater Israels. Auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, den er schändlich betrogen hatte, an der Grenze zur Fremde, hat er einen Traum, den Traum von der Himmels-Leiter. Die Bibel überliefert es so:
žUnd ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.Ó

Die Leiter als kürzeste Verbindung zwischen Himmel und Erde. Sie zeigt die Distanz an zwischen Gott und Mensch, die gestörte Beziehung ? und stellt sie zugleich wieder her, überbrückt die große Kluft, die so weit ist, daß selbst die Engel sie nicht im Fluge zurücklegen können. Ohne diese Leiter zwischen Himmel und Erde geht es nicht. Hier begann er, der Traum von himmlischen Zeiten, von der Verbindung zwischen Gottes Welt und der Welt der Menschen, ein Traum, getragen von Gottes Verheißung: ž... durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.Ó

Aber blieb das nicht nur ein Traum? Jakob wurde zwar zum Stammvater Israels, er selbst wurde fortan Israel genannt, aber sein Volk erlebte alles andere als den Himmel auf Erden. Wo blieb der verheißene Segen? Israel erlebte das allmähliche Verschwinden des Traums vom Himmel, allen Weissagungen der Propheten zum Trotz. Der Traum war ausgeträumt, der Traum von himmlischen Zeiten. Und manche meinten: žDem Himmel sei Dank!Ó Denn besser keine Hoffnungen als falsche Hoffnungen. Wir kennen das. Was blieb? Gute Zeiten ? schlechte Zeiten. Tausend Jahre lang. Dann dies:

- Dia an: Francke - Ein Nachkomme Jakob/Israels wird geboren: Jesus. Er ist der Nachkomme, von dem Jesaja sprach. Eines Tages wird er als das verheißene Zeichen Gottes dastehen. Dann ist der Himmel endgültig auf der Erde angekommen. Das bekennt der christliche Glaube. Und dieser Glaube schaut schon im Kind den Himmel auf Erden.

Um 1424 stellt dies der Hamburger Maler Meister Francke dar ? wie ein Traumbild. Nicht wird die biblische Erzählung von der Heiligen Nacht einfach ins Bild gebracht: Meister Francke malt, was der Glaube schaut. Verändert kehrt er hier wieder, der Traum von der Leiter zwischen Himmel und Erde.

Denn da ist sie wieder, die Leiter zwischen Himmel und Erde ? als Strahlenbündel zwischen dem Bild Gottes und der Welt. Der Maler will sagen: Da ist er wieder, der Traum von der Himmels-Leiter, nein, mehr noch: Da ist sie wirklich, die Leiter, die Himmel und Erde verbindet, die Welt Gottes und die Welt der Menschen.

Hier liegt das Kind nicht in der Krippe, sondern auf der Erde. Ein Strahlenkranz breitet sich unter ihm aus, kein Strohbündel. Der Himmel glüht rot auf, besetzt mit goldenen Sternen: kein Weltenbrand der Apokalypse, sondern neue Schöpfung, rot wie die Liebe.

žWenn das schöpferische Licht Gottes Gestalt annimmt, nimmt es die Gestalt eines Menschen an, eines Kindes, und das Kind kommt in der Seele des Anbetenden zur Erscheinung.Ó

Das klingt geheimnisvoll, mysteriös. Ist das nicht Mystery? Das ist das Geheimnis des Glaubens, Mystik! Schon der Kirchenvater Hieronymus schreibt:
 žDie Jakobsleiter zeigt den Herrn und seine Engel, damit der Sünder nicht an seiner Rettung zweifle, und der Gerechte nicht zu sehr auf seine Tugend baue.Ó

Und der geistliche Dichter Angelus Silesius denkt den Gedanken weiter:
žWird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, so bleibst du noch verloren.Ó

Auf dem weißen Spruchband unseres geheimnisvollen Weihnachtsbildes  lesen wir die Antwort Marias auf das Kind: žMein Herr und mein Gott.Ó Jesus Christus  selbst ist die Leiter, die Verbindung von Himmel und Erde in Person. Er ist der Segen. Er setzt die Weissagungen in Kraft. Er verheißt den Glaubenden die Kraft der Himmelsleiter:
žIhr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.Ó

Seitdem können wir Menschen den Traum von den himmlischen Zeiten wieder träumen, denn der Himmel kam der Erde entgegen, Gott machte sich zugänglich. Gute Zeiten ? schlechte Zeiten? Gute Zeiten!

Und seitdem lassen sich wieder Spuren der Himmelsleiter finden, mitten in dieser Welt, die den Träumen vom Himmel abschwören wollte. Da sind eben nicht nur die Türme der alten Kirchen und Kathedralen, auch die leichten (und selbst die seichten) Mythen der Gegenwart kennen den Traum, žin den Himmel zu kommenÓ: vom Weihnachtsmann mit seinem Schlitten bis hin zu Stargate, dem Tor zu den Sternen.

Wir aber feiern heute das Original, das Fest des Himmels, die Heilige Nacht ? heute und alle Jahre wieder. Weil in Jesus Christus, dem Nachkommmen Israels, der Himmel die Erde berührt hat, werden am Heiligen Abend zu Recht die Träume wieder wach, die Träume von künftigen himmlischen Zeiten, die Weissagungen der Propheten des Alten Israel:
—Niemand wird Böses tun und Unheil stiften
auf dem Zion, Gottes heiligem Berg.
So wie das Meer voll Wasser ist,
wird das Land erfüllt sein von Erkenntnis des Herrn.
Wenn jene Zeit gekommen ist...
Von dem Ort, den er zum Wohnsitz nimmt, strahlt Gottes Herrlichkeit hinaus in alle Welt.ž
Amen.
 


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