Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Projekt Urgeschichte - eine (Bahn-)Lesung mit Kommentaren:

Liebe Gemeinde!
Heute und an den nächsten fünf Sonntagen hören wir die ersten Seiten der Bibel, aus dem 1. Buch Mose, die Kapitel 1 - 11: die sogenannte Urgeschichte. Wir hören die einzelnen Geschichten und lernen ihren Zusammenhang kennen. Die verschiedenen Geschichten sind uns seit Kindertagen ja fast alle wohlbekannt - und doch geben sie uns Anlaß zu vielen Fragen. Und das sind häufig andere Fragen als die, die diese Texte einst beantworten wollten - besonders, seit in Europa die sogenannte Neuzeit begonnen hat und die Welt wissenschaftlich und ohne Glauben an Gott untersucht wird. Seitdem hören viele nicht mehr, was diese Texte wirklich sagen. Das aber zu hören, wollen wir jetzt versuchen. Wo anfangen?  Mit dem Anfang, der Schöpfung:

L. - Textlesung Gen 1,1-2,4a -

—Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.ž
Das hebräische Wort fur Entstehungsgeschichte heißt toledot. Es meint auch die Entstehungsgeschichte von Menschen und Völkern, also die Geschlechterfolgen oder Genealogien. Diese wollen zeigen, wie die verschiedenen Stämme und Völker heute ursprünglich miteinander verbunden sind, und bilden so etwas wie das «GerüstŽ der Kapitel 1 bis 11. Sie verbinden die verschiedenen Stücke. Wenn die Erzählung vom Anfang so eine toledot ist, heißt das: Sie verbindet Gott mit dem Menschen. Sie zeigt einen Zusammenhang auf. Dieser lautet: Der Gott Israels ist der Schöpfer der Welt.

Weil bestimmte Redewendungen regelmäßig wiederkehren - —es wurde Abend, und es wurde Morgenž - und die acht Schöpfungswerke Gottes in den Rahmen von sechs plus einem Tag, also einer Woche, gestellt werden, kann man eine Ordnung des Textes erkennen, die an die Strophen eines Gedichtes erinnert - oder an ein Lied, das einen Dichter hat. Es ist ein Lobpreis: —Gott sah, daß es gut war.ž

Viele haben sich von diesem Lied zu eigenen Liedern zum Lob des Schöpfers inspirieren lassen. Bekannt ist der —Sonnengesangž des Franz von Assisi. Ein modernes Lied geht darauf zurück. Laßt es uns anstimmen:

G. - 515, 1-6 -

Das biblische Lob des Schöpfers wurde - soviel wir wissen - zuerst im heutigen Irak angestimmt. Um 520 vor Christus war die nach Babylon verschleppte jüdische Führungsschicht vor die Frage gestellt: Was bleibt uns noch? Der Tempel ist zerstört, ein fremder König herrscht über uns, unser Land haben wir verloren. Der Glaube an den Gott der Väter gerät ins Wanken. Was also bleibt? Die Priesterschaft antwortet darauf mit diesem Lied von der Schöpfung. Es ist ihr Glaubensbekenntnis. Es bringt zum Ausdruck: Unser Gott ist auch der Gott der anderen, er ist auch der Schöpfer - der Schöpfer des Menschen und der Welt überhaupt.

Im babylonischen Exil hatte das jüdische Volk den Glauben an andere Götter kennengelernt und Geschichten vom Anfang, eigentümliche, eigenartige Göttermythen. Das ist z.B. die Rede von einem Kampf der Götter, an dessen Ende die heutige Welt steht. (Die damalige - denn wir sprechen ja von der Zeit vor 2500 Jahren.) Da gibt es Mythen, in denen Götter die Menschen als ihr Dienstpersonal erschaffen. Gegen diese Schöpfungsmythen geht der Glaube Israels an mit dem Gedanken des Bundes: Gott hat mit seinem Volk einen Bund geschlossen. Mag das Volk diesen Bund auch gebrochen haben und als Strafe nun die Zeit der Verbannung ertragen müssen - Gott erneuert seinen Bund, der begonnen hat mit dem Anfang.

Die Priester erzählen ältere Schöpfungsgeschichten neu: Was bleibt uns in der Verbannung? Das Wissen um die bleibende Beziehung unseres Gottes zu seiner guten Schöpfung. Unser Gott ist auch der Herr der Babylonier. Er hält die ganze Welt in seiner Hand - denn wie könnten wir einem Gott vertrauen, der nicht auch der Schöpfer der Welt ist? So gibt Israels Lied von der Schöpfung Antwort auf die Frage, —was die Welt im Innersten zusammenhältž. Es gibt Antwort auf Angst und Resignation angesichts katastrophischer Welt- und Lebenserfahrungen und führt uns unsere Welt vor Augen - nicht als Spielball im Kampf der Götter, sondern als von Gott erbautes Haus.
Wir hören die Erzählung noch einmal im Rhythmus der Werke Gottes:

L. - 1,1+2 -

—Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?ž können die Philosophen fragen. Die Bibel sagt es mit einer Überschrift: Gott ist der Grund des Anfangs. Er hat —Himmel und Erdež geschaffen: kein Götterkampf, kein Zufall, kein Unglück. Die Welt ist nicht Gott; sie ist, was er machte, als er Grenzen setzte. Gott gegenüber stehen Bildworte vom Chaos: Finsternis, Flut, Wüste.

 L. - 1,3-5 -

Gott schafft Unterschiede. Er trennt: Licht von Finsternis. Gott macht Ordnung, die Ordnung der Zeit, Tag und Nacht - oder (nach orientalischem Zeitempfinden): den Beginn des Tages mit dem Abend.

L. - 1,6-10 -

Gott macht Lebensraum: Wie eine Käseglocke wölbt sich der Himmel über der Erde, die lebens- und ordnungsbedrohenden Wasserfluten werden ausgesperrt. - Das alles macht Gott, indem er es sagt. Er spricht - und es geschieht. Sein Wille ist Gesetz. Was ein altorientalischer Herrscher Untertanen gegenüber vermag, vermag Gott gegenüber den Dingen der Welt.

L. - 1,11-13 -

Das Haus wird eingerichtet. Das Land erhält sein Pflanzenkleid. Die Wüste wird begrenzt. Für wen bloß?

L. - 1,14-19 -

Sonne und Mond sind bloß Lampen, sie bestimmen nicht unser Schicksal. Astrologie? Sterndeuterei? Das war gestern. Keine höheren Mächte, die uns beherrschen könnten: Zeitmesser stehen bereit - zur Ordnung der Zeit. Und wer braucht das?

L. - 1,20-25 -

Lebewesen bevölkern die Erde. Der Lebensraum ist besiedelt. Aber warum das Ganze? Warum gibt es diese unsere Welt? Alles ist bereit, scheint zu warten. Und dann der Höhepunkt:

L. - 1,26-2,1 -

—... und alles, was dazugehört.ž Also keine Welt ohne Menschen. Ohne den Menschen wäre diese von Gott gemachte Welt nicht vollendet. Das ist eine Absage, die Absage an den alten und modernen Zynismus derer, die da sagen: Die Erde braucht den Menschen nicht. Israels Glaube ist menschenfreundlicher: Der Mensch gehört zur Erde. Gott hat sie ihm als Haus erbaut und für ihn ausgestattet. In diesem Haus lebt der Mensch, sein Abbild, ihm ähnlich. - Was soll das bedeuten? Inwiefern ist der Mensch Gott ähnlich? Geistig? Oder hat Gott eine Gestalt?

Der Mensch ist Gottes Repräsentant - wie eine antike Statue des Herrschers den abwesenden Herrscher anwesend sein läßt. Wer Gott sehen will, bekommt den Menschen zu sehen. Und er sieht ihn so, wie er ist: Mann und Frau. - Auch das ist eine Absage, eine Absage nicht nur an die, die den Frauen früher ihr volles Menschsein abgesprochen haben sollen, sondern auch an die modernen Skeptiker in den Zeitgeistmagazinen, die Männer und Frauen mit milder Ironie für eine unterschiedliche Spezies halten. Beide sind Mensch. Der Mensch ist Mann und Frau.

Als Repräsentanten Gottes herrschen Mann und Frau über die anderen Geschöpfe und die Erde. In seinem Namen herrschen sie in Zeit und Raum. Gottes Segen ruht auf ihnen. Von Zerstörung der Umwelt und Überbevölkerung kann keine Rede sein: Zu ordnen ist ihre Aufgabe. Doch ist da schon eine Spur ausgelegt, die in Richung Rückkehr des Chaos weist - wie in einem Krimi: Mensch und Tier sind noch Vegetarier. Heute aber doch nicht mehr. Der Hörer ahnt: Da wird also noch etwas kommen, was diese gute Welt bedroht.

Das weist darauf, daß das Lied von der Schöpfung mit seinem Lob des Schöpfers nicht einfach Spiegelbild unserer wirklichen Welt ist, sondern eher ihr Urbild, ihre Norm, Welt, wie sie sein soll. In diesem Lied erhält der Schöpfer die Note: sehr gut.

L. - 2,2-4a -

Wenn alles getan ist..., die Ruhe des siebten Tages. Ruhe nicht aus Erschöpfung oder zum Zwecke künftiger Leistungssteigerung, sondern - wie die Priester später sagen - für den Sabbat, den Feiertag. Er ist gesegneter Tag, heiliger Tag - Tag Gottes. Tag der Ordnung: Gott erklärt die Welt für fertig. So kommt die Welt zu ihrem Schöpfer.
Aber ist die Welt nicht in Jahrmilliarden entstanden, nach einem Urknall und in voller Evolution befindlich? - Das sind Fragen von heute, die der Text nicht beantwortet. Er löst ein anderes Problem: Er bekennt den Glauben an den Gott Israels angesichts zusammenbrechender Ordnungen, angesichts von Chaos.

—Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen.ž Das heißt: Gott ist konkurrenzlos. Nur er gibt Halt - der Welt und den Menschen. Und die Welt ist eine Welt für den Menschen - bei allem begründeten Zweifel daran.

—Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?ž - Die einander ablösenden naturwissenschaftlichen Hypothesen können nicht einmal fragen, was das Lied von der Schöpfung beantwortet: Warum Urknall und Evolution - und wozu? Die Bibel sagt: Im Anfang - Gott allein. Dann der Mensch - weil Gott ihn will - der Mensch in der geordneten Schöpfung. Doch das Chaos bleibt Bedrohung.

Das Lied von der Schöpfung wird in der Bibel noch weitergesungen. Mit Jesus Christus beginnt Gottes neue Schöpfung. Das bringt uns zur Feier der Taufe, zur endgültigen Rettung aus den todbringenden Mächten der Flut. Amen.

G. - Lied 515, 7-9 -
 
 

Das Projekt "Hören auf die biblische Urgeschichte" geht weiter. Heute: Schöpfung und Fall des Menschen - eine andere Darstellung des Anfangs, älter als das Lied von der Schöpfung. Durchgängig wird hier der alte Gottesname Jahwe verwendet (was die Übersetzung leider nicht erkennen läßt). Darum nennt man diesen Erzählstrang der Bibel die Stimme des "Jahwisten". Lange schrieb man ihn der Zeit des Königs Salomo, dem 10. Jahrhundert vor Christus, zu. Der Jahwist erzählt lebendig und anschaulich:

L. - Textlesung Gen 2,4b - 2,9 -

P. Pflanzen brauchen Wasser, um wachsen zu können. Das ist menschliche Erfahrung seit Anbeginn. In Palästina wird das besonders anschaulich: Sobald es Wasser gibt, verwandelt sich der steinharte Boden. Er wird weich, zu Lehm - und dann entsprießen ihm allerlei Pflanzen. Mutter Erde? Nein: Jahwe Elohim macht das, Gott der Herr - Gottes Name, wie er ihn Mose geoffenbart hat.

Und der Mensch? Er ist Erde von der Erde, Adam von der adamah - wie es mit einem Wortspiel heißt. Der Mensch - aus Lehm geformt und mit eingehauchtem Leben. Der Mensch - mit Leib und Seele? Das wären die Begriffe der späteren griechischen Philosophie - hier aber herrscht noch die einfache menschliche Beobachtung vor: Wer lebt, der atmet - wer atmet, der lebt. Gott handelt wie ein Töpfer und Rettungssanitäter. So schlicht - so einfach. Und doch nur ein Anfang.

Weiter geht es: Blühende Landschaften im Osten. Ein Garten in Eden, von Gott gemacht, ein Garten als Lebensraum für den Menschen. Der Garten - historisch gesehen, die große kulturelle Errungenschaft der ersten uns faßlich gewordenen menschlichen Hochkultur der Sumerer in Mesopotamien. Der Jahwist aber führt diese menschliche Errungenschaft auf Gott zurück: Gott legt den Garten an, Gott läßt es wachsen. Verlockende Früchte überall - und zwei geheimnisvolle Bäume: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

G.- Lied 96,1 -

P. Das Lied handelt von einem dritten Baum, genauer: Es sieht den Baum des Kreuzes mit jenem Doppelbaum zusammen. Als Christen wissen wir schon, warum: In jenem Garten in Eden liegt der Beginn einer langen Geschichte - bis hin zu Jesus Christus  (und darüber hinaus).

L. - Textlesung Gen 2,10 - 14 -

P. Vor der Geschichte aber erfahren wir Genaueres über den Ort des Gartens. Der in ihm entspringende Fluß speist vier Flüsse: Pischon, Gihon, Tigris, Euphrat. Zwei davon sind mythische Namen, die man auf keiner Landkarte je gefunden hat, die beiden letzteren kennen wir bis heute. So bekommt der Garten einen Ort nahe unserer Welt - aber doch nicht ganz von dieser Welt. Später, im Raum griechischen Denkens, nannte man ihn Paradies.

K. - Flötenspiel -

L. - Textlesung Gen 2,15 - 17 -

P. Der Mensch im Garten übt das älteste Gewerbe der Welt aus - das des Gärtners.  Gewerbe? Auftragsarbeit. Der Mensch hat einen göttlichen Auftrag zu erfüllen: den Garten bebauen und bewahren. Dazu gehört es, das erste Gebot Gottes zu beachten: Ein Baum ist Tabu, der Genuß seiner Früchte bringt den Tod - der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

Erkenntnis, Gut und Böse, der Tod - wie hängt all das zusammen? Noch erfahren wir die Antwort nicht - aber schon sind die Fragen aufgerufen, Grundfragen des Menschseins. Der Philosoph Kant hat sie so auf den Punkt gebracht: "Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?"

L. - Textlesung Gen 2,18 - 25 -

P. Ein frühes Gottes-Urteil: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." Darum die Suche nach einer Hilfe. Gott töpfert Landtiere und Vögel und führt sie dem Menschen zu - zwecks Namensgebung. Wer den Namen verleiht, der herrscht. Dennoch: Tiere sind nicht die gesuchte Hilfe.

Gegen den Zynismus derer, die da sagen: "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere", meint die Bibel: Die Hilfe, die dem Menschen wirklich entspricht, sie muß selber Mensch sein. Sie muß aus ihm stammen - als wär's ein Teil von ihm, die "bessere Hälfte". Darum tritt Gott auf als plastischer Chirurg.

"Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad"? Ein Wort aus der Frauenbewegung. Es meint: Da fehlt nichts. Wirklich nicht? Doch - aber dem Mann. Der Jahwist läßt Adam hymnisch ausrufen: "Gebein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch." Die Frau muß dem Mann zur Hilfe kommen. Und nur sie kann die Hilfe sein, die ihm entspricht. Der Jahwist sieht den Drang der Geschlechter zueinander in der Ergänzungsbedürftigkeit des Menschenmannes. Der braucht die Frau. Das biblische Ideal ist nicht die Selbständigkeit zweier Individuen. Darum die Sache mit der Rippe. Jeder kann ja an sich fühlen, daß ihm da was fehlt, wo der Brustkorb endet.

Und so verläßt der Mann um der Frau willen seine Familie. Die Wirklichkeit damals ist zwar anders - ist das also womöglich eine Erinnerung an ein ursprüngliches Matriarchat? Jedenfalls ein Hinweis auf stärkere Bande als selbst die altorientalischen Familienbande. Mann und Frau - ein Fleisch. Darauf zielt die Erzählung.

Und die Sache mit der Nacktheit? Paradiesische Schamlosigkeit. Freikörperkultur? Der Garten in Eden zwischen Sylt und Rügen? Wieder ein Auftakt: Jeder Hörer im Alten Orient weiß: Unsere Welt ist anders. Da gilt das Tabu Nacktheit - bis heute. (Auch bei uns, selbst, wo man das im nackten Osten nicht mehr vermutet. Denn sonst blieben all die Magazine mit Nacktfotos unverkäuflich.) Die biblische Erzählung ist noch nicht zu Ende. Da kommt noch was auf uns zu.

L. - Textlesung Gen 3,1 - 6 -

P. Der Auftritt der Schlange - biblisch eigentlich: "der Schlang" (oder der Schlangerich), das grammatikalische Geschlecht ist jedenfalls männlich: genial erzählt, ein Musterbeispiel von Verführung. Aus dem Verbot eines Baumes macht er die Unterstellung des Verbots aller - und legt so den Keim zum Widerstand.

Wie in den Fabeln kann das Tier sprechen, besondere Klugheit wird ihm attestiert. Der Erzähler kennt wohl das sumerische Gilgamesch-Epos. Da sucht der Mensch das Kräutlein des ewigen Lebens - und verliert es am Ende durch einen dummen Zufall an die Schlange. Seitdem gilt die Schlange als Spezialistin fürs ewige Leben: Die menschliche Beobachtung stellt fest, wie sie sich häutet und damit scheinbar verjüngt.

In der Erzählung des Jahwisten löst das Tier das Rätsel des Doppelbaumes - im Widerspruch zu Gott: "Ihr werdet nicht sterben." Das Versprechen: Der Genuß der verbotenen Frucht läßt werden wie Gott und "Gut und Böse" erkennen. Das weckt menschliche Wünsche: wie Gott werden wollen. Für den Jahwisten ist das aber Auflehnung gegen Gott; denn das ist die von Gott dem Menschen gesetzte Grenze: Gott ist Gott, und der Mensch ist Mensch. Gut und Böse erkennen - nach biblischer Redeweise kann das auch bedeuten: alles erkennen - das soll Sache Gottes bleiben.

Hat Gott damit Erkenntnisgewinn verboten? Hat er dem Menschen Klugkeit nicht gegönnt - wie in den alten Mythen, die vom Neid der Götter auf die menschlichen Geschöpfe berichten? Achten wir darauf, was am Ende der Erzählung geschieht.

Zunächst aber essen beide, die Frau und der Mann - die Frau zuerst. Unleugbar: Die Frau gilt hier als die erste, die der Verführung erliegt. Und er, ißt er bloß, "was auf den Tisch kommt"? Nein, auch er läßt sich verführen. Beide überschreiten die von Gott gezogene Grenze.

L. - Textlesung 3,7 - 13 -

P. Nacktheit und Scham sind jetzt in der Welt. Von wegen Unsterblichkeit. Die Schlange hat nicht die Wahrheit gesagt. Statt der Erfüllung des großen Traumes Unsterblichkeit die Erkenntnis der eigenen Nacktheit. Wie banal! Die Erzählung des Jawisten liest sich wie eine andere Antwort auf die alten Mythen: Nicht Zufall oder Ungeschick - das eigene Tun der Menschen ist für ihren Zustand verantwortlich. Gegen Nacktheit helfen Feigenblätter - Flucht und Entschuldigungsstrategien aber scheitern: Gott kommt wie der Herr des Gartens und sucht den Menschen: "Wo bist du?" (Ein Echo davon ist der Ruf des Mysterienspiels: "Jedermann!")

Die Folgen: Zunächst bekommt die kluge Schlange - das altorientalische Symbol der Unsterblichkeit - ihr Fett ab:

L. - Textlesung 3,14 - 15 -

P. Unsere Welt ist das - mit ihrer Feindschaft von Mensch und Schlange, ihrer gegenseitigen tödlichen Bedrohung. Das Gegenteil dessen, was die Schlange versprach, tritt ein: nicht Leben, sondern Tod. Die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus kommt darauf zurück - und verkündet ihn als Sieger über die Schlange:

G. Lied 113, 2

L. - Textlesung 3,16 - 19 -

P. Unsere Welt ist das - die Welt der orientalischen Frau: mit ihren zahllosen Schwangerschaften und unter der Herrschaft des Mannes. Unsere Welt ist das: die Welt der Schmerzen - und der Mühsal, mit der dem Acker die Nahrung abgerungen werden muß, Feldpflanzen statt köstlicher Früchte. Blut, Schweiß und Tränen. Und am Ende dieses harten Lebens - der Tod. Zurück zum Anfang, Rücknahme der Schöpfung: "Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück." Der Tod - der Sünde Sold. So hat der Apostel Paulus das später gesagt - und zugleich den Toten in Christus Auferstehung verheißen.

G. Lied 520, 2

L. - Textlesung 3,20 - 24 -

P. Vertreibung aus dem Garten in Eden, Paradise lost. Doch nicht ohne Hoffnungsschimmer: Gott wirkt als Kürschner, er versorgt die Menschen mit Kleidung.

Da ist Eva - unsere Mutter, wir, die Kinder von Adam und Eva. Wir sind, was sie geworden sind: Geschöpfe Gottes, die sich gegen ihn auflehnen, die sein wollen, wie er. Und die auch geworden sind wie er: Wir erkennen Gut und Böse. Gott bestätigt das ausdrücklich. Die Schlange hat also nicht rundum die Unwahrheit gesprochen. Der Jahwist setzt das altbabylonische Neid-der-Götter-Motiv nicht fort: Der Mensch ist Mensch im Widerspruch zu Gott. Adam und Eva - das sind wir. Der Mensch ist tatsächlich nur "wenig geringer als Gott". So hieß es im heutigen Psalm. Aber welchen Gebrauch machen wir Menschen davon, von dieser Höhe unseres Seins, die auch nach dem, was die Kirche später den "Sündenfall" nannte, noch besteht? Die Erzählung ist nur ein Auftakt für das, was noch kommt. Der sogenannte "Fall" der Menschen hat erst begonnen.

Zunächst aber folgt der Tat die Strafe: die Vertreibung aus dem Garten. Engel - seltsam, wir kennen und lieben sie doch so als Boten Gottes und freundliche Wesen, hier aber bewachen sie den Garten: Kein Zutritt! Kein ewiges Leben! Arbeit als Bauer! Engel versperren den Weg zu Gott - bis der ihn wieder öffnet. Amen.

G. Lied 27, 1+6

P. Die Lieder, die wir gesungen haben, haben die Botschaft der Bibel weitererzählt. Das tut auch Paulus: - Röm 5, 12 - 19 als "Evangelium" -

"Deshalb, wie durch einen Menschen  die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet. Dennoch herrschte der Tod von Adam an bis Mose auch über die, die nicht gesündigt hatten durch die gleiche Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild dessen, der kommen sollte.

Aber nicht verhält sich's mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wieviel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus.

Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wieviel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus.

Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten."
 
 

Das Projekt "Hören auf die biblische Urgeschichte" geht weiter. Heute: die Geschichte von Kain und Abel, der Brudermord - eine weitere Darstellung menschlicher Grundbefindlichkeit. Als selbständige Erzählung steht sie neben der von Schöpfung und Fall des Menschen. Doch wieder wird der alte Gottesname Jahwe verwendet, wieder hören wir die Stimme des "Jahwisten" mit seiner lebendigen und anschaulichen Erzählweise. Der Text ist kurz, ruft aber eine Menge Fragen auf:

L. - Textlesung Gen 4,1+2 -

P. Kain ist der Erstgeborene, Kain ist sogar der erste Erstgeborene, den die Bibel erwähnt - der Prototyp, das Muster. Sein Name kommt vom hebräischen Wort für erwerben und kann mit —Besitzerž wiedergegeben werden. Der Erstgeborene ist ja (nicht nur) im Alten Orient der Nachfolger, das künftige Familienoberhaupt, der Haupterbe. Kain ist der Habende. - Eva versteht ihn als Gabe Gottes.

Sein Bruder Abel ist dagegen nur die Nummer Zwei. Sein Name bedeutet: —Hauchž - also: Habenichts. Die beiden Brüder verkörpern zwei alte Berufe, zwei menschheitliche Traditionen: den Hirten und den Bauern. Beide leben nebeneinander - doch haben wir es hier nicht nur mit zwei unterschiedlichen Berufen zu tun, die sich ergänzen, sondern auch mit zwei Lebensweisen, die historisch miteinander konkurrierten: der nomadischen und der seßhaften. Als die Geschichte von Kain und Abel aufgeschrieben wird, ist das Volk Israel zwar längst seßhaft geworden, aber seine Sympathie lag immer noch bei der früheren nomadischen Lebensweise, man erinnerte sich an die —gute alte Zeitž der Väter in der Wüste. Die verkörpert Abel, der ansonsten der Benachteiligte ist.

L. - Textlesung Gen 4,3-4a -

P. Kain bringt ein Opfer dar, Abel auch. Warum? Das muß die Bibel nicht erklären. Gott gebührt das Opfer des Erstlings, der ersten Ernte. Uns ist das fremd geworden. - Nicht völlig fremd vielleicht: Kommt beispielsweise ein unerwarteter Geldgewinn ins Haus, spüre ich vielleicht noch undeutlich die Verpflichtung, davon etwas abzugeben. (Anders Onkel Dagobert, der Prototyp des Kapitalisten in den Walt Disney Comics, der fällt durch das Gegenteil auf: Der behält den ersten selbstverdienten Kreuzer und stellt ihn zur Schau.) Die Religionskundler belehren uns, warum Menschen in den alten Kulturen opferten: um die Zukunft zu sichern. Insbesondere das Erstlingsopfer, das Primitialopfer, will durch Gabe an die Gottheit künftigen Ertrag sicherstellen. Der Bauer opfert Feldfrüchte, der Hirte Tiere. Wie das geschieht, wird nicht erzählt. Es ist wohl nicht wichtig. Das Bild von den zwei Altären, das manche von uns vielleicht im Kopf haben, ist eine spätere Ergänzung.

L. - Textlesung Gen 4,4b-6 -

G. Lied EKG 346,6 (Melodie EG 444): Copy

L. - Textlesung Gen 4,7 -

Warum verwarf Gott das Opfer Kains und woran hat Kain das erkannt? Auf beide Fragen gibt der Text keine Antwort. Wir könnten uns jetzt natürlich eine Antwort ausdenken, wie das die Menschen immer wieder getan haben, um sich einen Reim auf die geheimnisvolle Geschichte zu machen: Vielleicht hat Abel —Besseresž geopfert, will sagen: Tiere (wie im späteren Tempelopfer), oder er war ganz einfach der bessere Mensch - aber: Das erzählt die Bibel hier nicht. Auch die Bilder vom aufsteigenden und niederfallenden Rauch, der Annahme oder Nichtannahme des Opfers signalisiert, sind außerbiblisch. Auch Erklärungen wie die, es handele sich um ein Notopfer bei anhaltender Dürre oder ein Bauopfer zur Erlangung von Segen, beantworten nicht unsere Fragen. Wie dem auch sei: Der Text gibt jedenfalls keine Antwort auf jene Fragen. Daher denke ich, wir sollen in dieser Erzählung etwas anderes hören, als wir fragen wollen. Aber was?
Ist Gott willkürlich, launisch, unberechenbar - wie die Götter der Alten Griechen? War er einfach nicht gut drauf - oder wollte er Kain auf die Probe stellen? Das Fragen kann man sich nicht verbieten. Bloß: Welchen Hinweis gibt der Text?

Im Vordergrund steht Kain, den überläuft es heiß und sein Blick senkt sich. Was bedeutet diese Körpersprache? Scham oder Zorn? Gottes Worte an Kain klären auf: Erst Kains Gefühlsaufwallung über die Nichtannahme des Opfers ist eine Gefahr für ihn. —Wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde - als Dämon.ž Die neue Übersetzung verdeutlicht den schwierigen Text: Die Sünde droht die Herrschaft über den Menschen zu übernehmen - wie ein Tier, das einen überfällt, sobald man den sicheren Schutz seines Hauses verläßt. Kain droht die Kontrolle über sich zu verlieren, von fremder Macht beherrscht zu werden.

Nicht, daß Gott Kains Opfer nicht angenommen hat, ist also das Problem, Kain macht es erst dazu. Kain selbst ist das Problem: der Erstgeborene - zum ersten Mal benachteiligt. Verrät sein Aufbrausen Neid auf den Bruder? Schon seltsam: Neid des Erstgeborenen auf den Habenichts, bloß weil er nun einmal der Benachteiligte ist? Neid, weil Gott auf den schaut, der im Vergleich zu Kain nichts hat? Gönnt Kain Abel nicht die Erwählung durch Gott? Fühlt er sich da zurückgesetzt, in seinem Ego verletzt? Woher der emotionale Ausnahmezustand - aus Ungeduld? Kann er nicht bis zum nächsten Opfern warten?

Solche Probleme sind uns bekannt. Sie kommen - wie man so sagt - in den besten Familien vor. Auch am Anfang der sagenhaften Gründungsgeschichte Roms steht ein Brudermord: Romulus tötet seinen Bruder Remus. Als typischer Bruderkonflikt, als Rivalität unter Geschwistern, wird uns auch die Geschichte von Kain und Abel vorgeführt. Gott aber appelliert an Kain: Beherrsche dich! - Unser Liedvers hat schon einen ersten Fingerzeig auf diese Deutung gegeben. Ein zweiter folgt jetzt:

G. Lied EG 389, 1+2

L. - Textlesung Gen 4,8-12 -

P. Kain hat die Selbstbeherrschung verloren. Die Sünde hat ihn übermannt. Und Gott amtiert als Ordnungshüter: —Wo ist dein Bruder Abel?ž Kain weicht aus: —Bin ich der Hüter meines Bruders?ž - Genial erzählt. Noch die Ausflucht des Mörders verrät, was dessen, was unsere wahre Bestimmung ist: Ja - wir sind die Hüter unserer Schwestern und Brüder. Sind, das bedeutet: Wir sollen es sein. Wir, die Kinder von Adam und Eva, sind auch die Geschwister von Kain und Abel, Täter und Opfer - vor allem aber —sindž wir dies: Hüter!

Der Tat folgt die Strafe. Kain, der Ackerbauer, verliert seine Existenzgrundlage - den Ertrag des Ackers, den das Opfer sicherstellen sollte und den festen Ort im Leben: —rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde seinž. Das ist nicht die Verurteilung zum Nomadendasein - das war ja Israels Ideal, die Wanderungen der Väter von einem Ort zum anderen - Kain ist ein Outlaw.

L. - Textlesung Gen 4,13-16 -

P. Kain sieht die Größe seiner Schuld und kennt keine Vergebung. Seine Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen, ja auch die zur Natur ist zerstört. Er hat nur noch den Tod zu erwarten. Da greift Gott ein - zum Schutz des Mörders bedroht er die, die Rache üben wollen.

Wo könnten die eigentlich her kommen - gibt es denn schon andere Menschen? Aber sicher doch: Was die Bibel hier vom Anfang erzählt, von den ersten Menschen, das  meint keine Aufzählung: Adam + Eva + Kain - Abel, sondern spricht vom Menschen auf eine besondere Weise: nicht individuell, nicht kollektiv, sondern beispielhaft, prototypisch. Das meint: Adam und Eva, Kain und Abel - das ist der Mensch, das sind wir, wie wir sein sollen, wie wir sein könnten - und wie wir wirklich sind. —Es ist ein Geschehen, das in der Urzeit spielt, setzt aber nicht voraus, daß es erst vier Menschen gab.ž Sagt ein Ausleger.

Die Erzählungen der Urgeschichte setzen auch keine Normen - sonst müßte man Gott ja als den Erfinder maßloser Blutrache bezeichnen: —Jeder, der Kain erschlägt (soll) siebenfacher Rache verfallenž. Die Erzählungen der biblischen Urgeschichte, sie bringen unsere Welt vor Gott auf den Punkt, hier: den Menschen als Mörder und Hüter. Und Gott als den Hüter der Verlorenen. Gott verleiht das Kainsmal - vielleicht ein Stammeszeichen, wir können es uns als ein Art Tattoo vorstellen - Kain steht damit unter dem Schutz Gottes. Im Alten Israel dachte man dabei wohl wirklich an einen Stamm, die Keniten. Sie waren Jahweverehrer, hatten sich der Wanderung durch die Wüste angeschlossen, doch war ihnen kein Teil des verheißenen Landes zugefallen. Sie lebten unstet an der Grenze des Kulturlandes, jenseits des Bundes und doch bezogen auf Jahwe. Und —Kain, der seinen Bruder tötete, ist der Prototyp des Mörders. Denn alle menschlichen Wesen sind [Schwestern und] Brüder; und wer immer Menschenblut vergießt, vergießt das Blut seines Bruders [oder seiner Schwester].ž

G. Lied EG 16,4+5

P. Das Neue Testament kommt mehrfach auf die Geschichte von Kain und Abel zurück. Abel wird zum Inbegriff des Gerechten, dessen Blut vergossen wird. Jesus warnt: Über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten  Abel bis auf das Blut des Secharja.

Der erste Johannesbrief fordert zur Bruderliebe auf. Kain wird —der mit den bösen Werkenž, der den Gerechten nicht neben sich bestehen lassen konnte: Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang an, daß wir uns untereinander lieben sollen, nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht.

Und im Hebräerbrief heißt es im Anschluß an die Theologie des Apostels Paulus: Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, daß er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte; und durch den Glauben redet er noch, obwohl er gestorben ist.

Die Erzählung von Kain und Abel selbst schweigt ja - wie wir gesehen haben - über die Gründe und Hintergründe der Annahme und Nichtannahme des Opfers. Das Neue Testament aber weiß einerseits um die Folgen der —Mutter aller Mordež und andererseits um den entscheidenden Punkt, der zwar nicht den Mörder vom Opfer trennt, aber den Menschen vor Gott ausmacht: Es ist der Glaube, das Vertrauen auf Gott, das die Kinder Adam und Evas, die Geschwister Kain und Abels wieder vor Gott stellt. Amen.
 
 
 

Die heutigen Abschnitte aus der biblischen Urgeschichte hören sich an, als läsen wir aus einem Telefonbuch, lauter Namen nämlich. Allerdings müßte das dann schon das Telefonbuch von Bagdad sein: Es sind orientalisch klingende Namen. Es sind Namen von vielen Einzelpersonen und vielen Völkern, ganze Stammbäume. Sie wollen eine Verbindung herstellen von der maßgeblichen Urzeit zur Welt derer, die uns diese Stammbäume überliefert haben. Es sind menschheitliche Ahnentafeln, Genealogien. Sie geben Auskunft, woher ein Volk kommt.

"Stimmen" diese Geschlechterfolgen? Geben sie die historische Entwicklung richtig wieder? Teilweise mag das so sein. Bis heute ist der Orient traditions- und familienbewußt. Nicht nur Geschichten werden von Generation zu Generation getreu weitererzählt, wichtig sind auch die Vorfahren: Man sagt, wer man ist, indem man treulich aufzählt, von wem man abstammt. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Karl May hat uns das noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt.

Die biblischen Genealogien, hebr. toledot, sind nach Ansicht der Ausleger unterschiedlich alt und nicht alle gleichartig, schon gar nicht gleichbedeutend. Hören wir zuerst die Ahnentafel der Kainiten:

L. - Textlesung Gen 4,17-24 -

Hier geht es um die frühen kulturellen Errungenschaften der Menschheit: die Stadt, die Musik, die Verarbeitung des Eisens. Von Kain ist hier nicht als von dem unter Gottes Schutz stehenden Brudermörder die Rede, sondern als dem Stammvater eines großen Geschlechtes.

Unter den verschiedenen Namen ragt der des Henoch, des Städtebauers, hervor. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, daß er gestorben ist: "Gott hatte ihn weggenommen". Über ihn sind noch viele andere Geschichten in Umlauf. Jahrhunderte später wird ihm sogar noch ein ganzes Buch zugeschrieben, das zwar nicht mehr zu den biblischen Büchern gerechnet wird, aber sogar zur Zeit Jesu noch sehr populär war.

Bei Lamech fällt dessen exzessive Blutrache auf - das gab Anlaß, dieser alten Geschlechtertafel eine kulturkritische Absicht zu unterstellen: Die Menschen werden eben immer schlechter. Aber auf der anderen Seite ist da ja nicht nur von den Kindern Kains die Rede, sondern auch von denen des Ersatzkindes für Abel, von den Kinder Seths - und vom Beginn der Verehrung Gottes:

L. - Textlesung Gen 4,25f. -

G. Lied 288, 1+2

L. - Textlesung Gen 5 -
 
P. Die Geschlechterfolge von Adam bis Noah ist eine große Konstruktion. Generell sind solche Stammbäume Orientierungshilfen einer mündlichen Kultur und geben den Menschen Antwort auf die Frage: Woher kommen wir? Aber nicht erst wir heutzutage fragen uns: Wurden die wirklich so alt?

Die Auslegern meinen dazu, daß die Namens- und die Zahlenreihen ursprünglich unabhängig voneinander entstanden sind. Die Zahlen gehören zur Gattung der Listen und Chroniken und tragen wohl eher eine bestimmte Bedeutung, als daß sie kalendarisch richtige Lebensjahre zählen. Bei Henoch z.B. fällt auf, daß sein Lebensalter - 365 Jahre - der Anzahl der Tage im Sonnenjahr entspricht. Die Bedeutung anderer Zahlen ist uns unklar geblieben. Es fällt ihre Höhe auf - aber auch, daß sie in späteren Genealogien nach der Sintflut geringer werden und "Normalmaß" erreichen. Generell bringt die Höhe der Altersangaben vielleicht die Wirkung des Segens Gottes über seine menschlichen Geschöpfe zum Ausdruck und das Ideal einer Goldenen Zeit, in der viele Generationen bedeutender Stammväter gleichzeitig lebten, speziell die unterschiedliche Bedeutung einzelner Vorfahren: je bedeutender, desto länger die ihm zugeschriebene Lebenszeit.

Rechnete man all die Zahlen zusammen, könnte man ein mutmaßliches Alter der Menschheit errechnen - kriegte dann allerdings Probleme mit der Paläoontologie, die das Alter der Menschheit viel höher ansetzt. Obendrein überliefern die verschiedenen biblischen Texte unterschiedliche Zahlensysteme, sind selbst also nicht widerspruchsfrei. Statt zu fragen: Ist das nun wirklich so gewesen, sollte man daher fragen: Was bedeutet das? Und stößt auf eine Antwort, die uns heutzutage vielleicht wieder verständlicher wird: Es geht um Stetigkeit. Die Namensfolgen zeigen Ordnung in einer chaotischen Welt. Die einen sehen nur Chaos - konkret: das Volk der Juden im babylonischen Exil: ihm schwimmen alle Felle weg, alle Sicherheiten - die anderen - hier: die Priesterschaft - sie zeigen auf, wie wohlgeordnet der Gang der Ereignisse unter dem Segen Jahwes doch verläuft - allem Chaos der Tagespolitik zum Trotz.

L. - Textlesung Gen 6,1-4 -

P. Ein geheimnisvoller Text. Himmlische Wesen, die die schönen Töchter der Menschen begehren, kennen wir zwar aus den griechischen Göttermythen um Zeus und Konsorten - aber damit wären wir im falschen Kulturkreis. Die Hellenisten haben aus diesem Text vielmehr ihre Lehre von den Engeln entwickelt und die Alte Kirche die von den gefallenen Engeln. Rabbiner hingegen haben damit ihre Ehelehre begründet, das Verbot bestimmter Mischehen. Luther hat daraufhin gegen die Vermischung von Geistlichem mit Weltlichem gesprochen. Und worum geht es? Geht es darum, sich einen Reim zu machen auf alte Überlieferungen von der Existenz von Riesen? Oder um Gottes gnädige Begrenzung der menschlichen Lebenszeit auf höchstens 120 Jahre? Oder werden durch Rückgriff auf alte Mythen diese "himmlischen Wesen", die alten Götter selbst entzaubert: Sie wollen auch bloß immer nur das eine. Die großen Götter der Völker - menschlich, fast wie du und ich?!

L. - Textlesung Gen 10,1-32 -

G. Lied 279, 1+2

L. - Textlesung Gen 11, 10-32 -

P. Der Text ist kompliziert, weil verschiedene Traditionen an ihm mitgewirkt haben. Deutlich ist der Grundzug: Es geht um eine Tafel der Völker, die um Israel lebten, in einem Radius von ca. 2000 km. Jedes dieser Völker bekommt seinen Platz zugewiesen in der Welt - in Raum und Zeit. In der Zeit durch die Geschlechterfolgen, in der Zeit durch einen Platz auf der Landkarte. Diese Karte hier (- zeigen -) zeigt die Grundzüge: Babylonien/Persien - die vom Stamme Sems, Ägypten, die vom Stamme Hams, die Ägäis - die vom Stamme Japhets. Das ist Israels Welt, sein Horizont.

Natürlich ist das eine Konstruktion, die Konstruktion eines kleinen Volkes, das sich im Konzert der Großmächte seiner Zeit ordnet, eine Konstruktion nach den wirklichen Machtssphären von damals. 70 Namen - die Gesamtheit der Völker entspricht der Zahl der Nachkommen Jakobs.

Ist das wirklich so? Es ist eine Frage der Deutungsmacht.

(Generell machen ja erst Deutungen Dinge wirklich: Ohne die Deutung "Geld" wäre das hier ja bloß Papier.) Gedeutet wird die Welt der Vielfalt der Völker als Schöpfung Gottes, als Ausdruck seines Auftrags "Seid fruchtbar und mehret euch!" Mit einem jüdischen Philosophen könnte man das eine "leibhafte Grammatik des Menschengeschlechts" nennen: eine Weltkarte aus Menschen und Völkern - zur Orientierung in der Welt von damals.

Israel sieht sich umgeben von einem Meer von Völkern - und droht im babylonischen Exil, darin unterzugehen, seine Identität zu verlieren. In dieser Krise ordnet die Völkertafel die anderen Völker auf Israel hin - und auf seinen Gott, der im Glauben Israels auch der Gott und Schöpfer der anderen Völker ist. - Spannung erhält der Text besonders im Vergleich zu anderen religiösen Deutungen: Im alten Babylon hing nicht nur das Wohl und Wehe, sondern die schiere Existenz des Volkes an seinem gottähnlichen Führer. Ohne die alljährliche "Heilige Hochzeit" des Stadtherren verdorren nicht nur die Äcker, sondern hat auch der Einzelne buchstäblich keine Zukunft - die ihm dann aber nicht nur der König, sondern auch ein ausführlicher Beamten- und Priesterapparat gewährleistet. So ist der Einzelne total abhängig von seinem Gemeinwesen und seiner Führung. (Es wäre lohnend, einmal die kritische Frage zu stellen, ob unser Staat nicht wieder babylonische Züge entwickelt - so abhängig macht er uns von sich. Aber das ist ein Thema für sich.)

Die unübersichtlichen Geschlechterfolgen, die Namen und Zahlen - sie bedeuten die biblische Sicht der Welt: die Sicherheit der Welt stammt ein für alle Mal von Gott - auch nach der großen Flut, von der wir das nächste Mal hören, wird das so bleiben. Aus der willkürlichen Ordnung der Götter wird biblisch eine zuverlässige Ordnung der Natur. Die Menschheit erstreckt sich durch die Folge der Generationen in der Tiefe der Zeit und in den Völkern in der Weit der Fläche der Erde. So universal denkt die Bibel. Amen.

G. Lied 291

P. Eine letzte Genealogie gibt es in der Bibel, im Neuen Testament. Es ist die Genealogie Jesu. Sie verankert den Sohn Gottes fest in der Geschichte der Menschen und in der Geschichte seines Volkes Israel, "von Jesse (Isai) kam die Art" und steht im Evangelium nach Matthäus im 1. Kapitel:

P. Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der  Rahab.  Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte  Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der  babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin  Schealtïl. Schealtiël zeugte  Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder.
 
 
 

Geschichten von einer großen Flut und der Rettung eines Menschen gibt es viele. Manche sind viel älter als die biblische Erzählung. Auch große Fluten  - und nichts anderes bedeutet das altdeutsche Wort Sintflut als 'große Flut' - gibt es viele. Im Mündungsgebiet des Euphrat kommt das regelmäßig vor. Auch die Flutwelle beim Ausbruch des Vulkans auf Santorin in der Ägäis oder jüngst die Entstehung des Schwarzen Meeres mit ihrer Überschwemmung steinzeitlicher Siedlungen waren schon Kandidaten für die biblische Flut. Kurzum: Fluten gab es viele, Geschichten von Fluten gibt es viele. Hören wir auf die Besonderheit der Erzählung von der biblischen Sintflut:

L. - Gen 6,5-22 -

P. Viele Doppelungen kennt die Geschichte, eigentlich wird sie komplett zweimal erzählt. Es gilt darum als sicher, daß in der einen Geschichte zwei Erzählfäden nur locker miteinander verwoben sind. Darum die vielen Wiederholungen und unterschiedlichen Akzente. Gemeinsam ist der Gedanke: Der Mensch ist schlecht. Die Welt ist verdorben. Das bedeutet ihr Ende. Gott nimmt seine Schöpfung zurück. Die Geschichte von der Sintflut ist die Umkehrung der Geschichte von der Schöpfung. Viele Erzählmotive kehren wieder: Gott spricht, die Ordnung von Mensch und Getier, die Angabe von Zahlen. Wie das Lied von der Schöpfung ist die Anti-Geschichte von der Sintflut kein realitätsnaher Bericht, sondern viel hintergründiger, mit zahlreichen geheimnisvollen Motiven, erzählter Glaube an Gott, den Retter.

Ein Beispiel: Wie sieht die Arche aus? Jedenfalls nicht wie ein seetüchtiges Schiff, eher wie ein Kasten. Der ist zwar für damalige Zeiten recht groß - im Vergleich zu heutigen Supertankern aber nur winzig. Die Beschreibung der "Arche" erinnert an die babylonischen Stufentürme und an den Bauplan des Wüstenheiligtums, der Stiftshütte, und an den Tempel in Jerusalem. Die Alte Kirche verstand sie darum als Bild für sich selbst: für die Gemeinschaft der durch die Taufe Geretteten. Wie Noah aus den Wassern der Flut gerettet wurde, so werden die Christinnen und Christen durch das Wasser der Taufe mit neuem Leben beschenkt. In der Erzählung ist sie so etwas wie eine Nachbildung der Schöpfung im Kleinen, eine Kleinausgabe der Welt.

L. - Gen 7 -

P. Da haben wir deutlich die beiden Erzählfaden vor uns gehabt: einmal gehen von allen Tieren je zwei an Bord, das andere Mal je zwei von den unreinen und je sieben Paar von den reinen Tieren. Einmal dauert die Flut 40 Tage - das andere Mal 150. Miteinander verwoben fallen die beiden Erzählfäden aber kaum noch auf. Die Vielfalt der Zahlen macht - wie beabsichtigt - den Eindruck von göttlicher Planung und Ordnung, die Wiederholungen verlangsamen. Sie betonen unterschiedliche Aspekte - wie es beispielsweise die verschiedenen Kameraperspektiven ein und derselben Szene in einem Film tun.

L. - Gen 8, 1-12 -

P. Anrührend erzählt die Geschichte von der Taube. Den Maler Picasso hat sie zur Darstellung seiner berühmten Friedenstaube inspiriert. Viele wissen nicht mehr um ihren biblischen Ursprung. Auffällig die Betonung des Wochenrhythmus' - die Schöpfung ist wieder in ihrer ursprünglichen Ordnung.

L. - Gen 8, 13-22 -

P. Zu Neujahr des israelitischen Kalenders beginnt die neue Welt: am ersten Tag des ersten Monats. Die neue Welt hat Anklänge an die erste: die Tiere sollen "fruchtbar sein und sich mehren". Die Erzählung von der Sintflut wird zum dritten Schöpfungsbericht. Bloß der Mensch, der bleibt böse. Und was macht Gott? Droht er erneut die Vernichtung allen Lebens an, die erneute Rücknahme der Schöpfung, den Kreislauf von Sterben und Werden? Nicht, was ihn selbst angeht. Der Kreislauf wird "natürlich": zum Jahreskreis. An die Stelle eines immer wieder neuen Kampfes wie in der altbabylonischen Religion tritt die Ordnung der Natur. Göttliche Bestandsgarantie für die Welt hat man das genannt - das geht zu weit. Es heißt lediglich: Gott will sich zurückhalten und das Böse nicht gleich wieder vertilgen. Große Fluten gab es und gibt es ja immer wieder - nur, daß Gott sein Gericht zurückhält. Heil und Unheil haben wir nur von Gott zu erwarten, nicht vom natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten.

L. - Gen 9, 1-3 -

G. Lied 325,6

L. - Gen 9, 4-17 -

P. Wir sind angekommen in der Welt Israels, in der jüdischen Religion. Da ist das Verbot des Genusses von Blut und die Todesstrafe - aber auch der grundsätzliche Segen Gottes über den Menschen: die Herrschaft des Menschen über die Welt und seine nun nicht mehr exklusiv vegetarische Nahrung. Und wir sind in unserer Welt angekommen. Der Mensch, das Bild Gottes, herrscht hier - aber es ist keine friedliche Welt, keine Welt voller Harmonie. Auch das Zeichen des Bundes, der Regenbogen, ist nichts Romantisches, sondern Zeichen des Kampfbogens, die fortgeschrittenste Waffe jener Zeit. Er bedeutet: Gott kämpft gegen das Böse, nicht der Mensch. Der Mensch ist Gottes Bundesgenosse in Bezug auf die Schöpfung und steht unter Gottes Schutz.

G. Lied 508, 2

L. - Gen 9, 18-29 -

P. Was war das jetzt? Bloß eine Erzählung von Sitte und Anstand? Ein Nachwort? Eine kleine Episode nach der weltumfassenden Geschichte von Vernichtung und Errettung? Oder ist sie in ihrer Banalität gerade typisch für den Menschen? Jedenfalls: Nicht der betrunkene Noah wird verurteilt, er ist lediglich nach Adam und Eva der nächste Nackte, der Anstoß erregt.

Die familiäre Entgleisung Hams begründet einen Fluch über ihn und seinen Stamm: Willkommen im Alten Orient - wo sich die Verfehlungen der Väter bis heute zu einer Kette von Verstrickungen verwirren, daß die Geschichte gegenseitiger Verfehlungen zu einem schier unlösbaren Knäuel wird. Jedenfalls wird die Bibel anschließend in diesem Sinn über die geschichtlichen Erlebnisse des Volkes Israel berichten.

Der Mensch ist schlecht und bleibt es - das ist die Botschaft. Allein Gott verdanken wir unser Leben, seinem ordnenden Eingreifen in den Lauf der von uns bestimmten Welt. Der Mensch macht immer bloß Chaos.

Das ist kein Stoßseufzer resignierter alter Männer aus dem Orient vor 2500 und mehr Jahren - sondern ein Grundzug biblischen Menschenbildes, das uns für unser Leben und Sterben, für unser Heil allein an Gott verweist. Die Wahrheit dieses Menschenbildes ist nicht durch Fakten beweisbar - es ist für den Glauben belanglos, ob Archäologen die Arche oder wenigstens den definitiven Beweis einer globalen Flut finden oder nicht (noch einmal: es gab einfach zu viele davon). Auch können die sogenannten Widersprüche der verschiedenen Erzählfäden, die uns diesen bunten Erzählteppich hinterlassen haben, den Glauben nicht erschüttern, daß wir unser Sein nicht nur von Anfang an, sondern immer wieder, jeden Tag neu, Gott allein verdanken - obwohl wir es nicht verdient haben. Die philosophisch mögliche Spitzenaussage, die Frage vom Anfang: "Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?", salopper gesagt: "Warum gibt es uns Menschen eigentlich noch angesichts all unserer Bosheit?", beantwortet die Bibel durch die Erzählung von der großen Flut mit einem simplen: weil Gott es so will.
Amen.
 
 

P. Als letzten Text in der Reihe unserer Lesungen aus der biblischen Urgeschichte hören wir heute die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie ist kurz, steckt aber voll unterschiedlicher Motive: Es geht um den Bau einer Stadt und eines Turmes, um eine und viele Sprachen, um Einheit und Zerstreuung.

L. - Gen 11, 1-9 -

P. Wer die Geschichte hört, hat häufig Bilder im Kopf, Bilder von Malern und eigene. Viele sehen jetzt vielleicht vor ihrem geistigen Auge das Gemälde des Malers Pieter Breughel: Da ähnelt der Turm dem Kolosseum in Rom. Während die einen noch bauen, laufen die anderen auseinander, und der Turm beginnt einzustürzen. Und - nach dem 11. September - da haben wohl alle von uns beim Stichwort Turm gleich wieder die Bilder der einstürzenden Twin Towers des World Trade Center in New York vor Augen.

Hat Gott etwas gegen Türme? Soll der Mensch vielleicht nicht zu hoch hinaus? Hatten die Islamisten des 11. September also Recht, als sie in Gottes Namen die himmelstürmenden Bauten, Symbole der Macht des globalen Marktes, zum Einsturz brachten, im Glauben, seinen Willen auszuführen?

Schon die alten Griechen kannten ja den Begriff der menschlichen Hybris, der Vermessenheit. Solcher Selbstüberhebung folgt unweigerlich die Strafe der Götter. Handelt es sich bei der Geschichte vom Turmbau also um eine der vielen Erzählungen von Schuld und Strafe? Bloß: Worin genau besteht die Schuld der Stadt- und Turmbauer? Geht es vielleicht eher allgemein um Kultur- und Zivilisationskritik? Hat Gott also doch etwas gegen Türme?
Hören wir die Geschichte noch einmal Satz für Satz:

L. - Gen 11, 1 -

P. Ausgangspunkt ist das Thema Einheit: "die gleiche Sprache, die gleiche Ausdrucksweise". Meint die Bibel damit - was früher auch viele Sprachwissenschaftler dachten - am Anfang der Menschheit habe es nur eine Sprache gegeben und ihre Vielfalt sei göttliche Strafe? Geht es also um eine theologische Erklärung, wie es zu den verschiedenen Sprachen gekommen ist? Oder steckt dahinter eine Situation, die es in der Weltgeschichte immer wieder gibt, daß die je verschiedenen Völker trotzdem eine gemeinsame Verkehrssprache haben? Wenn Sie sich heute auf Reisen in einem fremden Land verständigen müssen und die Landesprache nicht sprechen - Sie werden es immer zuerst mit Englisch versuchen. Und damals, seit dem 3. Jahrhundert vor Christus, seit Alexander dem Großen, sprach die Welt Griechisch. Das war die eine Sprache, die lingua franca der Antike (bis sie im Mittelalter vom Lateinischen abgelöst wurde).

L. - Gen 11, 2 -

P. Das Land Schinar wird in Südmesopotamien angenommen, im Raum des heutigen Bagdad. Die auffällig anonym bleibenden Menschen kommen aus dem Gebiet östlich davon. Die Geschichte rechnet also mit einer Wanderung. Das könnte eine Hilfe zu ihrem Verständnis werden.

L. - Gen 11, 3 -

P. Die bautechnischen Hinweise versetzen uns die in die Zeit des frühen Städtebaus im Zweistromland, der schon gebrannte Ziegel verwandte.

L. - Gen 11, 4 -

P. Nicht nur ein hoher Turm - auch eine ganze Stadt soll also gebaut werden. Die Menschen wollen sich damit "einen Namen machen" und verhindern, daß sie verstreut werden. Sie wollen also zusammenbleiben und wissen: Dazu braucht man Gemeinsamkeiten - ein Projekt, einen Mittelpunkt, einen Punkt der Identifikation. Völker - realpolitisch heißt das: Herrscher - bauen, um ihre Macht zu demonstrieren und zu festigen, um sich zu verewigen. Das ist bis heute so: vom Stadtschloß zum Palast der Republik und zum Kanzleramt. Bauen ist steingewordene Herrschaft: ihr Anspruch, ihr Ausdruck, ihr Symbol.

Die Stadt ist Lebensort vieler Völker - verbunden durch gemeinsames, nicht immer freiwilliges Tun. Neue Herrscher bauen ihre eigene Stadt. Der erst vor kurzem zurückgetretene Herrscher des afrikanischen Staates Malawi, Dr. Hastings Banda, hat in der Zeit seiner Herrschaft gleich zwei neue Hauptstädte aus dem Boden stampfen lassen - zur Entwicklung der Infrastruktur seines Landes und zur Festigung seiner Herrschaft.

In der Antike war das nicht anders: Der Assyrerkönig Sargon ließ ab dem Jahre 715 vor Christus seine neue Hauptstadt bauen. In einer Inschrift können wir lesen: "Untertanen aus den vier Himmelsrichtungen mit jeweils fremder Sprache, Rede ohne Harmonie, die Berg und Flachland bewohnen, ..., die ich auf Geheiß Assurs, meines Herrn, mit meinem zornigen Szepter erbeutet hatte, ließ ich eine Rede führen und sie in der Stadt wohnen." - Haben wir damit das historische Vorbild für die biblische Erzählung vom Turmbau gefunden, das Projekt des Baus der sogenannten Sargonsburg? Das hebräische Wort migdal (für Turm) kann auch Burg oder Zitadelle bedeuten. Dann wäre die Geschichte zwar ein wenig gewandert, bis Bagdad-Babel eben, doch ist das möglich. Geschichten führen ja ein Eigenleben. Jeder Hörer erlebt sie vor dem Hintergrund der eigenen Anschauungen.
 
L. - Gen 11, 5 -

P. In diesem Vers schwingt Ironie mit: um den Turm "mit einer Spitze bis zum  Himmel" und die Stadt zu besichtigen, muß Gott erst noch "herabfahren". Ganz so hoch kann der Turm also nicht gewesen sein. Die damals wie heute übliche Bildlichkeit, sich Gott oben und den Menschen unten vorzustellen, bringt den Abstand zum Ausdruck, der zwischen dem himmelstürmenden Projekt und seiner bescheidenen realen Ausführung besteht.

Allerdings scheint der biblische Erzähler hier eine neue Anschauung vor Augen zu haben: nicht nur der Assyrerkönig Sargon betrieb ja ein Baugroßprojekt, beispielswiese ließ der König des babylonischen Exils, der König Nebukadnezzar, den großen Stufenturm von Altbabylon, die Ziqqurrat Etemenanki errichten - genauer gesagt: renovieren, denn derartige Stufentürme gab und gibt es im Zweistromland eine ganze Reihe - wie in Ägypten die Pyramiden. In der Tat waren sie der Mittelpunkt der Städte und auf ihrer Spitze gab es einen "Wohnort" für den Stadtgott. Einmal im Jahr wurde dort zwischen der obersten Priesterin, die für diesen Moment den Stadtgott verkörperte, und dem Herrscher die "Heilige Hochzeit" vollzogen, die jeweils für ein weiteres Jahr den Fortbestand der Stadt garantieren sollte.

L. - Gen 11, 6 -

P. "Nichts ist unmöglich", sagte Präsident Bill Clinton am Brandenburger Tor, als es denn offen war - und brachte damit einen für ihn positiven menschlichen Wesenszug zum Ausdruck: den Zwang zur Steigerung, zum Wachstum, zum Mehr. Er ist ja auch der Motor unseres Wirtschaftens. Wie sehr, merken wir gerade jetzt, da er so ins Stottern geraten ist. Alles, was uns weltlich fehlt, ist Wachstum.

Ist gerade das für Gott aber vielleicht das Problem? Oder auch für uns selbst? - Gott konstatiert jedenfalls: Turm und Stadt sind erst der Anfang.

L. - Gen 11, 7 -

P. Jetzt wird es unklar. Warum verwirrt Gott die Sprache? Warum läßt er die Stadt- und Turmbauer scheitern, so daß ihnen am Ende das Gegenteil von dem widerfährt, was sie eigentlich planten: Zerstreuung statt Stärkung der Einheit. Das menschliche Handeln erweist sich als kontraproduktiv. Aber wo liegt das Problem? Handelt Gott hier nach der menschlichen Devise: "Wehret den Anfängen?"

L. - Gen 11, 8 -

P. Eine Erklärung für Gottes Maßnahme gibt die biblische Erzählung nicht. Sie berichtet von einem menschlichen Scheitern - einem Scheitern, das aber über einen Einzelfall hinausgeht: Der Bau der neuen Hauptstadt für Sargon wurde nach seinem gewaltsamen Tod eingestellt, und auch die babylonischen Ziqqurrat verfielen.

Der Glaube Israels konnte all dieses Scheitern im Laufe der historischen Erfahrung mit ansehen, aber auch vorausnehmen: Die beispielhafte Erzählung vom Scheitern eines Großprojektes gab Kraft, wenn der Feind wieder einmal mit unüberwindlicher Stärke gegen Israel auftrumpfte - als etwa Alexander der Große auf seinem Durchmarsch nach Indien den Stufenturm von Altbabylon als Zeichen seiner Weltherrschaft wieder aufbauen wollte und Israel sich durch die Welteinheitskultur des Hellenismus massiv in seiner Identität bedroht sah.

Das ist in unseren Augen nun vielleicht eine mehr politische als religiöse Deutung der sogenannten Erzählung vom Turmbau - obwohl es natürlich auch dabei um die Frage nach dem Gott geht, auf den allein man setzen kann.

L. - Gen 11, 9 -

P. Der Nachsatz bringt ein Wortspiel: Babel-Babylon klingt im Hebräischen wie aus dem Wortstamm balal zusammengesetzt. Zu Deutsch hieße das Durcheinanderstadt - ein ironisches Urteil über die fremde Großstadt, symbolisch geworden für die seitdem immer unwirtlicher gewordenen Groß-Städte der Menschen: Berlin, New York - alles Babel?

Ein wenig Zivilisationskritik schwingt hier zweifellos mit. Aber wenn wir die Pointe der Geschichte suchen, haben wir wohl mit mehren Motiven zu rechnen. Es ging ja ums Bauen, um die Einheitssprache und um das Scheitern menschlicher Einheitsbemühungen; um Kommunikation, Monumentalität und das Streben nach Ruhm. - Dahinter stehen Israels Erfahrungen, auf wessen Rücken Herrscher nun mal ihre Einheit stiften: mit der Fronarbeit fremder Völker, deren Identität bedroht ist. Die Globalisierung und ihre Probleme - so nennen wir das heute. Um das zu sehen, muß man nicht Terrorist sein - aber manche werden darüber zu Terroristen. Jedenfalls wird diese kleine Geschichte vom Scheitern eines Großprojektes zu Recht über den Kreis kirchlicher Auslegung hinaus weltweit beachtet. Ich denke: Sie kritisiert nicht den Bau von Städten und Türmen an sich - schließlich haben auch Kirchen und Moscheen einen Turm - wohl aber unser Streben nach Vereinheitlichung auf Kosten bunten Lebens, unsere manchmal zwanghafte Harmonisierungssucht, unsere kostspielige und lebensfeindliche Suche nach Identität, das "Sich-einen-Namen-machen-Wollen".

Israels Glaube allerdings sollte das verhindern können: Er liefert nämlich im Fortgang des biblischen Zeugnisses ein anderes Modell von Einheit und Identität, das nicht so todbringend ist wie das der Herren der Welt - und derer, die sich gegen sie auflehnen:

Will und muß der Mensch sich - weltlich gesehen - selbst einen Namen machen, bezeugt Israels Glaube am Beispiel Abrahams ein alternatives Modell: Gott ist es, der Abrahams Namen groß macht.

Gott nimmt in die Hand, was in unseren Händen zu schädlichen Folgen führt. Das ist im biblischen Kontext die wohltuende Pointe der so vielfältigen Erzählung vom Turmbau. Bei Gott ist unsere Identität gut aufgehoben. Er stiftet die Einheit, die wir mit unserem Tun immer wieder verspielen.

Wir müssen also gerade nicht Gottes Rolle übernehmen. "Gott ist Gott - und der Mensch ist Mensch. Das ist die Summe." Luthers berühmte letzte Worte bringen auch diese Erzählung auf den Punkt. Daß Gott in Christus Mensch wurde, hat uns von dem Zwang erlöst, göttergleich zu werden. Das Neue Testament setzt den Himmelstürmern die Herabkunft des Heiligen Geistes, die Pfingstgeschichte entgegen. "Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden." Hier bleibt es bei vielen Sprachen, doch sie sind vereint im Lob Gottes...
Amen.


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