Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt in der Friedhofsandacht am Ewigkeitssonntag 2003

Predigt über das Lied —So nimm denn meine Händež

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
Häufig erklingt in dieser Kapelle - wie auch auf anderen Friedhöfen - das Lied —So nimm denn meine Händež. Meist hören die Trauernden nur die Melodie, manchmal wird es auch gesungen. Gedichtet hat dieses Lied Julie Hausmann (1826-1901) im Jahre 1862. Die Geschichte dieses Liedes lenkt unseren Blick vom Totensonntag des weltlichen Kalenders mit seinem Gedenken unserer Verstorbenen hin auf den —Ewigkeitssonntagž des Kirchenjahres, der vom Kommen Gottes kündet.

Bevor —So nimm denn meine Händež unser beliebtestes Trauerlied wurde, wurde es bei Hochzeiten gesungen. Und wer den Text der ersten Strophe mit diesem Wissen hört, der kann hören, warum:

So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich!
Ich mag allein nicht gehen,
Nicht einen Schritt;
Wo du wirst geh'n und stehen,
Da nimm mich mit.

Von wessen Händen ist dann die Rede? Von den Händen eines Bräutigams, dem —ewigež Liebe bekundet wird. Wie kam es nun dazu, daß —So nimm denn meine Händež bei Hochzeit und Trauer gesungen wurde? Auf tragische Weise sind bei diesem Lied von Anfang an Hochzeit und Tod miteinander verknüpft:

Julie von Hausmann wuchs in einer gut situierten Familien auf. Sehr jung noch lernt sie ihren späteren Ehemann kennen und verliebt sich in ihn. Der junge Mann ist Pfarrer. Seine Berufung sieht er darin, Menschen, die noch nie von Jesus Christus gehört haben, das Evangelium zu verkünden. Er will unbedingt als Missionar nach Afrika gehen. Seine Papiere sind schon fertig, der Abreisetermin steht fest, als er Julie von Hausmann kennen lernt. Die beiden verloben sich noch - wohl Liebe auf den ersten Blick - dann fährt er in seine Mission nach Afrika.

Einige Zeit später hat auch Julie die nötigen Visa und Aufenthaltsbescheinigungen zusammen, um ihrem Verlobten zu folgen. Damals, vor über 140 Jahren, ist das mehr als nur eine lange Schiffahrt, die vor ihr liegt. Es ist schon ungewöhnlich, daß sie alleine fährt, ohne Begleitung. Doch ist sie nicht die einzige Frau damals, die sich auf einen solchen Weg macht. Es ist ein wenig wie mit Tania Blixen: —Jenseits von Afrikaž. Afrika war noch wenig erforscht. Für Julies Umwelt und auch für sie selber muss es eine Fahrt ins Ungewisse gewesen sein. Da ist nur ein fester Zielpunkt für sie: ihr Verlobter, der sie in Afrika erwartet.

Nach mehrwöchiger Reise, nach vielen Strapazen läuft das Schiff im Zielhafen ein - doch der Verlobte steht nicht wie erwartet am Kai. Julie von Hausmann fragt sich durch, nimmt Träger und Führer in Dienst, die sie zur Mission bringen sollen. Kein leichtes Unterfangen. Und dann endlich ist sie da, die Mission ist erreicht. Sie fragt nach ihrem Verlobten und erntet nur trauriges Kopfschütteln. Endlich nimmt sich jemand ihrer an, führt sie etwas abseits - zum Friedhof der Mission. Dort hatte man den Verlobten beerdigt. Er war an einer Seuche gestorben - drei Tage vor ihrer Ankunft.

Noch am gleichen Abend - so wird erzählt- setzt sich Julie von Hausmann hin und dichtet dieses Lied:
So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich!
Ich mag allein nicht gehen,
Nicht einen Schritt;
Wo du wirst geh'n und stehen,
Da nimm mich mit.

Ein Lied zur Hochzeit, die nicht stattfand, zugleich ihre Antwort auf den Tod, ihre Antwort auf den Verlust des liebsten Menschen, mit dem sie eine Familie gründen wollte, dem sie in die Ferne, in die Mission gefolgt war und an dessen Grab sie nun stand. Ihre Frage: In wessen Hände lege ich jetzt mein Schicksal? Ihre Antwort: Allein in Gottes Hände. Er wird mich nicht verlassen. Er wird mich führen. Was der Bräutigam nicht kann, Gott wird es tun. Jetzt und ewiglich.›

In dein Erbarmen hülle
Mein schwaches Herz
Und mach es gänzlich stille
In Freud und Schmerz.
Laß ruhn zu deinen Füßen
Dein armes Kind;
Es will die Augen schließen
Und glauben blind.

In Gott findet Julie Ruhe. Aber blinder Glaube? —Ach, wenn ich doch nur glauben könnte wie meine Großmutter!ž Stoßseufzer eines Berliner Lehrers. Blind könnte er nicht glauben, das kann er sich nicht gestatten. Er muß sein Leben immer selbst im Griff haben. Und wenn Tränen ihn blind machen?

Wenn ich auch gleich nichts fühle
Von deiner Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele,
Auch durch die Nacht.
So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich!

In der Stunde des Abschieds ist da nur Nacht. Gut gemeinte Beileidsworte gehen an einem vorbei, man ist wie in Watte gepackt. Gottes Macht - wo ist sie? Mitten drin in der Trauer, mitten in der Nacht. Da bin ich ich auf Führung angewiesen, und diese Führung ist da. Auch Julie Hausmann hat sie nicht gefühlt - wohl aber geglaubt, nein, gewußt: Sie ist da.

Mit kindlichem Vertrauen bittet Julie Hausmann hier Gott, sie zu trösten in ihrem Leid und in ihrem Schmerz - wie ein Kind, das nach einem Sturz aufgelöst nach seiner Mutter oder dem Vater ruft, um sich trösten zu lassen. Wie gut, wenn man als Kind solches Vertrauen und solche Geborgenheit erleben darf! Natürlich sind die Schmerzen nicht sofort weg - aber die Gewißheit, daß da Liebe ist und daß sich jemand kümmert, die hilft weiter.›

Gesungen wird dieses Lied auf eine Melodie von Friedrich von Silcher. (Er vertonte auch —Wenn alle Brünnlein fließenž, —Ich weiß nicht, was soll es bedeutenž, —Der Mai ist gekommenž, —Ännchen von Tharauž, —Alle Jahre wiederž und —Ich hatt' einen Kameradenž - allesamt Volkslieder.)

—So nimm denn meine Händež ist schon an vielen Gräbern erklungen, bei Unbekannten und bei Prominenten. Die Herzen bewegt hat es, als es beispielsweise erklang bei der Trauerfeier für Prinz Claus, der die Niederländer mit den Deutschen versöhnte.

Auch manchen Abschied hat es begleitet. Amerikanische Mennoniten erzählen die Geschichte des Bahnhof Lichtenau in der Ukraine: Some trains took Mennonites north in hopes of emigration, usually to Canada.›However, it was also in Lichtenau that Mennonites left for exile in Siberia and other points east. Hope and Sadness. When Mennonites left either way, it was said to be the custom for those leaving and those staying to sing So nimm denn meine Hände at the station.› According to some, when the last Mennonites left, the Ukrainians sang for them.

In andere Sprachen übertragen macht dieses Lied von Anfang an klar, wem das Vertrauen gilt:
—O take my hand, dear Father, and lead Thou mež;
—Señor, heme en tus manos, dirígemež.

Ein Lied geht um die Welt. Und lädt uns ein, Vertrauen zu wagen - im Angesicht von Freud und Leid, von Hochzeit und Tod. Hochzeit, wirklich Hochzeit?

Das Neue Testament stellt uns unsere Zukunft und die unserer Verstorbenen im Bild einer Hochzeit vor Augen: Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind.

—So nimm denn meine Händež...
Amen.
 

[Aufgrund der zahlreichen Nachfragen nach dieser Predigt möchte ich hinzufügen, daß mir als maßgebliche Vorlage für die Geschichte des Liedes eine im Internet aufgefundene Predigt diente. Leider ist es mir nicht gelungen, sie wiederzufinden. Aber Dank dem unbekannten Autor! Zusätzlich ein Hinweis für hymnologisch/liedkundlich Interessierte: Andreas Marti, "So nimm denn meine Hände". In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, 27. Bd., 1983, S.215-225 (zusammen mit Waldtraut Ingeborg Sauer-Geppert).]


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite