Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Sehnsucht und Hoffnung in Theologie und Philosophie: Vortrag im Rahmen der 4. Fachtagung Religion und Schule am 5.6.07

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
—Die Hoffnung stirbt zuletzt.ž Dieses journalistisch mittlerweile schon ein wenig inflationär (und für beliebige Themen) gebrauchte Diktum hat zwar eine große Geschichte, kann aber keineswegs als Leitmotiv für die mir gestellte Thematik dienen. Dafür ist die Rolle des Begriffes der Hoffnung in der abendländischen Philosophiegeschichte nicht zentral genug - wäre da nicht der christliche Glaube...
Ursprung dieser Formulierung ist möglicherweise das spanisch-mexikanische Sprichwort: —La esperanza es lo ultimo que se muerte.ž (Andere vermuten den Ursprung in Rußland.)
In der Sache aber können wir den Ursprung bis zu Cicero zurückverfolgen: —Dum spiro, spero.ž (—Solange ich atme, habe ich Hoffnung.ž)
Daher lautet meine These: Sehnsucht und Hoffnung sind (bis hin zum Extremfall ihrer Zurückweisung) im Wechsel und Wandel ihrer Kontexte Konstanten menschlichen Lebens. Ihre positive Bedeutung im westlichen Denken verdankt sich - historisch und sachlich (!) - dem christlichen Glauben.
Das komplexe Thema bearbeite ich in vier unterschiedlich langen Blöcken:
1. Sehnsucht in der Philosophie
2. Hoffnung in der Philosophie
3. Sehnsucht in der Theologie
4. Hoffnung in der Theologie
Dabei ist die Abgrenzung sowohl der Begriffe als auch der Disziplinen nur eine vorläufige. Ich will auch nicht ausschließlich über Begriffe reden. Seit geraumer Zeit sind Schulabgänger nämlich geradezu darauf fixiert —erst einmal die Begriffe zu klärenž. Diese Verfahrensweise verschleiert die notwendige (und in Seminararbeiten dann häufig unterbleibende) Sach- und Fachdiskussion. Über die Begriffsgeschichte der Begriffe werde ich allerdings zu sprechen haben - aus Zeitgründen allerdings nur über ausgewählte Stationen dieser Geschichte. M.a.W.: Ich habe für sie ein paar Blumen gepflückt (Florilegium als Gestaltungsprinzip mittelalterlich-scholastischer Lehrbücher). Zugleich möchte ich die Sachdiskussion zumindest benennen - in Aufnahme eines alten philosophischen Problems, der Frage nach dem Realitätsgehalt dieser Begriffe: Sind das nicht alles «nur GedankenŽ? Ich habe die Hoffnung, daß auf diese Weise aus den Blumen ein Strauß wird, vor allem aber die Sehnsucht nach dem Inhalt aller Hoffnung: ihre Erfüllung.
Literatur: HWPh, Wikipedia, TRE

1. Sehnsucht in der Philosophie
Sehnsucht wird kategorisiert als Emotion und drückt ein Begehren aus. Es gilt als eher literarisches denn genuin philosophisches Thema (HWPH: —nur bedingt ein philosophischer Terminusž). Sehnsucht ist eben ein psychisches Phänomen, zuerst mittelhochdeutsch belegt als —Krankheit des schmerzlichen Verlangensž - und insbesondere ein Adoleszenzproblem. Werthers Leiden sind nicht die Kants: Philosophie sucht(e) nach dem Überindividuellen. So definiert Kant: —Der leere —Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehnsuchtž.
Das Grimmsche Wörterbuch stellt bezüglich der Sehnsucht eine Tendenz zum Gegenbegriff zur Hoffnung fest: Man spreche von —Sehnsucht bei unerfüllbarer oder jedenfalls lange noch unerfüllter Hoffnung.ž
Allerdings wird gerade dieser Begriff der Sehnsucht (eher Streben als Erfüllung) in der Philosophie des Idealismus und in der Kunsttheorie der Romantik aufgewertet. Die Sehnsucht nach dem Unendlichen gehört für hier zu den Anfangsgründen der Kunst und Poesie.
(Jakob Böhme spricht vom —großen Sehnen der Finsternis nach dem Licht ... Gottes, durch das diese Welt aus der Finsternis geborenž sei.)
Für Schiller ging der vollkommene Naturzustand verloren. Daraus entspringt eine doppelte Sehnsucht nach der Natur: nach ihrer Glückseligkeit und nach ihrer Vollkommenheit.
Auch für Schlegel kann die Poesie in der Moderne nur eine der Sehnsucht sein, da die Anschauung des Unendlichen im Christentum das Endliche vernichtet habe. Er versucht das endliche Bewußtsein aus dem unendlichen abzuleiten und nennt die Philosophie Lehre von der Sehnsucht, ja Wissenschaft der Sehnsucht.
Fichte versteht Sehnsucht als Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen, als selbstreflexive Tätigkeit des Ich.
Selbst Hegel, ansonsten Kritiker der Romantik, spricht noch vom Streben nach dem unwandelbaren Wesen, von Sehnsucht nach dem Paradies.

2. Sehnsucht in der Theologie
Insoweit Sehnsucht als ein Begehren aufgefaßt wird, könnte es unter das Verdikt des 9. und 10. Gebotes (in Andreas Osianders Interpretation sogar: aller Gebote) fallen: —Du sollst nicht begehren...!ž

Von großem Einfluß (und von großer Verbreitung) ist allerdings Augustins Wort: —Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.ž In Aufnahme der antiken theologia naturalis wird der Mensch hier als ein auf Gott hin ausgerichtetes Wesen verstanden, dessen kreatürlicher Unvollkommenheit der Wunsch nach Perfektionierung innewohnt.
In Abwandlungen ist es bis heute verbreitet: —Ich glaube nicht, daß ich etwas finden kann, wonach ich mich mehr sehne als nach Gott.ž (Fundstück des PS «GlaubeŽ SoSe 2006)

In der christlichen (katholischen) Ethik kann das Streben nach größerer Vollkommenheit philosophische Bedeutung gewinnen und zum Ideal eines sich durch Tugendübungen vervollkommnenden Menschen führen (Ziel, ein Heiliger zu werden).
(Luthers Gedanke vom Menschen als simul iustus et peccator ist der in der Erlösungslehre begründete theologische (hamartologische) Einspruch gegen dieses letztlich antik-griechische Menschenbild. Gegen die scholastische Tugendlehre stellt Luther den Gedanken der Rechtfertigung: Der Mensch ist peccator in re, iustus in spe.)

Für Schleiermacher ist Sehnsucht der Ursprung aller Religion. Das christliche Bewußtsein vom Unendlichen gewinnt selbst dessen Qualität. So führt die Erfahrung des Endlichen zur Sehnsucht nach dem Unendlichen: in Religion und Kunst.

Schelling verlegt Sehnsucht in Gott selbst, in den Grund der Existenz Gottes: Das ewige Eine hat die Sehnsucht, sich selbst zu gebären.
 

3. Hoffnung in der Philosophie
Hoffnung ist eine zuversichtliche Erwartungshaltung ohne die Gewißheit des Eintretens, jedoch auch ohne die Gewißheit des Nichteintretens (Illusion). Sie stellt eine umfassende, emotionale, u. U. handlungsleitende Ausrichtung auf Zukunft dar. Hoffnung impliziert die Erwartung veränderter Zukunft. Gelebte Hoffnung setzt also Zukunft frei.
In der griechischen Antike bezeichnet Hoffnung hingegen nur formal den Zukunftsbezug des einzelnen Menschen (Erwartung). Pindar und Hesiod warnen vor dem Egoismus der Hoffnung und der Unberechenbarkeit der Zukunft (illusionäre Annahme). In der griechischen Klassik wird Hoffnung im Unterschied zum Wissen als rational begründete Wahrscheinlichkeit charakterisiert (Für-Wahrscheinlich-Halten), später zur positiven Möglichkeit (existentielle Zuversicht).
Seit Platon ist der Begriff der Hoffnung jenseitsbezogen, beispielsweise im Hellenismus und in der spätantiken Religiosität: Der wahrheitsliebende Mensch ist angesichts des Todes guter Hoffnung, da die Seele erst in der Ideenwelt zur Schau des wahren Guten gelangen wird.
Seit Aristoteles und der Stoa wird Hoffnung zu den erwartungsbezogenen Affekten gerechnet.
Im Rückgriff auf stoische Traditionen erörtern auch die Rationalisten des 17. und 18. Jhs. die Hoffnung zusammen mit der Furcht innerhalb der Affektenlehre:
Descartes versteht die Hoffnung als illusionäres Verlangen, als Neigung der Seele, sich zu überzeugen, daß geschehen wird, was sie begehrt.
Bei Hobbes gilt sie als das seelische Gleichgewicht störende Verwirrung.
Spinoza definiert: —Hoffnung ist die unbeständige Freude, die aus der Idee eines zukünftigen oder vergangenen Dinges entspringt, über dessen Ausgang wir in gewisser Hinsicht zweifelhaft sind.ž Durch die Zukunft wird der Mensch verunsichert - aufgrund eines Mangels an Erkenntnis: —Die Affekte der Hoffnung und Furcht können nicht an sich gut sein.ž

In der Aufklärung wird dem Begriff eine rationale Komponente zugesprochen. Johann Georg Walch nennt in seinem Philosophischen Lexikon von 1726 das Beispiel vom rettenden Sprung aus dem Fenster eines brennenden Hauses.
Kants berühmte drei Fragen: —Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?ž (KrV, 1781) stehen im Horizont von Erkenntniskritik. Er erkennt die Hoffnung als anthropologische Grundkategorie, ihr Ziel aber bleibt innerhalb der der Grenzen der Moralität: Hoffnung ist stimmungsaufhellend, verbunden mit der Sehnsucht nach Glück (—unerwartete Eröffnung der Aussicht in ein nicht auszumesssendes Glückž). Daß Natur- und Sittengesetz letztlich zusammenfallen, bleibt ein Postulat: Hoffnung «darfŽ keine Illusion sein.

Karl Marx hingegen ist der Prototyp eines säkularen Hoffnungsdenkers - mit der klassenlosen Gesellschaft als dem konkreten Ziel der Geschichte.
Nietzsche kritisiert die Hoffnung als Betrug an der Wirklichkeit und am Wissen, da sie die Unglücklichen hinhalte.
(Bei Kierkegaard und Heidegger ist die Hoffnung lediglich existentielle Befindlichkeit des vereinzelten Subjekts.)

In der Philosophie wird das Thema der Hoffnung erst seit Lebensphilosophie und  Existenzphilosophie wirklich tragend.
Erwartung und Hoffnung wohnen dem Leben selbst inne.
vgl. Pascals Gegenbegriff des ennui

Albert Camus, La peste: Revolte und Liebe
Dr. Rieux: —Letztendlich ist es sehr dumm, nur mit der Pest zu leben. Ein Mann muss natürlich kämpfen [...]. Aber wenn es damit endet, dass er sonst nichts mehr liebt, wofür ist dann das Kämpfen gut?ž
Vgl. Der Mythos vom Sisyphus: —Man muß Sisyphus für glücklich halten.ž

Der Zusammenbruch aller Hoffnungen (beispielweise im Angesicht des sicheren baldigen Todes) vermag in der Erfahrung ein Leben konstituierendes Element freizusetzen: im Durchgang durch die Verzweiflung gewonnene Hoffnung. (Marcel, Plügge, Bollnow)

Ernst Bloch: —Ich bin, aber ich habe mich nicht. Darum werde ich erst.ž Die Eröffnungsworte seiner «Tübinger Einleitung in die PhilosophieŽ gelten als Inbegriff des Ansatzes seiner «Philosophie der HoffnungŽ. Der Gedanke der Entwicklung und des Werdens führt bei Ernst Bloch zu einer Neubewertung der Utopie: Vom «OrtlosenŽ wird Utopie in seiner Philosophie zur Hoffnungsdimension alles Werdenden. Er entwirft eine Ontologie des «Noch-Nicht-SeinsŽ. Sie umfaßt das «Noch-Nicht-BewußteŽ des Menschen und das «Noch-Nicht-GewordeneŽ der Natur. Hoffnung ist die —menschlichste aller Gemütsbewegungenž. Am Ziel werden die Entfremdungen zwischen Subjekt und Objekt, Existenz und Welt, Mensch und Natur aufgehoben sein. Der Gott gewordene Mensch schafft sich auf Erden das Land der Verheißung: das Reich Gottes (Heil als Weltzustand). Bloch will die Welt zur Heimat machen. Statt einer Erlösung von ihr soll eine Versöhnung mit ihr stattfinden. Die Hoffnung schöpft aus den Quellen der noch unfertigen Wirklichkeit. Menschen sind von Natur aus utopische Wesen: žDie Antizipation ist unsere Kraft und unser Schicksal.Ó

Problemanzeigen:
- das Phänomen der —ewig Morgigenž (Klaus Hemmerle)
- nicht nur die unerfüllte (oder gar unerfüllbare) Hoffnung, auch die erfüllte Hoffnung (z.B. der —Traumurlaubž oder —Wen Gott strafen will, dem erhört er seine Gebete.ž)

in der Alltagsphilosophie: zerstörte Hoffnungen
- daß es den Kindern einmal besser gehen möge
- (Welt-)Frieden und Entwicklung (der sog. Dritten Welt)
Deutsche žLarmoyanzÓ (Helmut Schmidt) und žAngstÓ - vor dem Verlust des Lebensstandards (real und realisiert: 6-Tage-Woche)
vgl. Dorothee Sölle: —Die Hoffnung der Deutschen reicht nicht weiter als bis zum nächsten Sommerurlaub.ž (Vancouver 1983)
vgl. Hans Magnus Enzensberger: —Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.ž

in der Alltagsphilosophie: lebendige Hoffnung:
- Wahrgenommenwerden, etwas bedeuten (Hintergrund der aus Migrantenkreisen stammenden Forderung nach —Respektž) < Anerkennung als Währung des 21. Jhs.
- der Traumpartner: vgl. Eva Heller, Beim nächsten Mann wird alles anders. (sukzessive Polygamie)
- Die Suche nach Heil besteht in der Hoffnung auf gelingende Beziehung(en).

4. Hoffnung in der Theologie
Jüdisch-christlich ist Hoffnung eindeutig positiv konnotiert. Sie ist göttliche Verheißung: erwartete Erfüllung aufgrund erfüllter Erwartung (>Gebet). Ihr zugehörig ist das personale Element des Vertrauens.
Hoffen ist Antizipation der verheißenen Zukunft Gottes mit den Menschen, weshalb das Hoffen im Erhofften gründet: die spes, qua speratur in der spes, quae speratur.

Im Prozeß der biblischen Überlieferung werden die Hoffnungen Israels universalisiert, intensiviert und personalisiert.
Das NT bezeugt Hoffnung in einer gewissen Kargheit, ja Abstraktheit zuungunsten der Ausmalung konkreter Hoffnungsinhalte.
Hoffnung gilt traditionell (Thomas von Aquin) als eine der drei theologischen (oder göttlichen) Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe.
Nun aber bleiben  Glaube, Hoffnung,  Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1.Kor 13, 13)
(In diesem Verständnis wird aber wird sie noch unterbewertet.)

Im Anschluß an den Apostel Paulus spricht die christliche Tradition paradox von der —Hoffnung wider alle Hoffnungž:
Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, daß er der Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt ist (1. Mose 15, 5): »So zahlreich sollen deine Nachkommen sein.« (Röm 4, 18)

Vom Inhalt seiner Hoffnung vermag der Theologe in ungewöhnlicher Präzision und in einem einzigen Wort zu sprechen: Gott. Gott ist Grund und Ziel menschlicher Hoffnung.
Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir unsre Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt haben, welcher ist der Heiland aller Menschen, besonders der Gläubigen. (1.Tim 4, 10)

Diese Antwort läßt sich weiter entfalten. Das geschieht unter dem Sammelbegriff Eschatologie, der Lehre von den «letzten DingenŽ. Hoffnung gilt jetzt - zwischen «schonŽ und «noch nichtŽ:
Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. (Röm 8, 24f.)

Hoffnung ist vor allem Hoffnung auf Überwindung des Todes:
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2 Kor 1, 7)
Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die  entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. (1 Thess 4, 13)
 
In der Theologiegeschchte betont Augustin neben dem Zukunfts- besonders den Jenseitsaspekt der christlichen Hoffnung: vita beata, visio, fruitio Dei.
Die christliche Hoffnung aber hat sich (schon biblisch) mit der Gedankenwelt der Apokalyptik verbunden: Damit bedeutet Hoffnung die Hoffnung auf die von Gott her bewirkte Wende zum neuen Äon (Diese Welt ist —am Zu-Ende-Gehenž): Chiliasmus (1000jähriges Reich und Jüngstes Gericht (Montanus, Joachim von Fiore, Ubertino von Casale - vgl. —Der Name der Rosež - Thomas Münzer)
(vgl. meine Interpretation von Camerons Titanic)
- Apokalyptik ist eine spezifische Weltsicht: —Ich sehe was, was du nicht siehst.ž Apokalyptik ist Fiktion, insofern sie Fakten deutet. (Rückfrage: Gibt es solche Zusammenhänge —wirklichž ­ oder —machež ich sie? Oder gibt es sie vielleicht nur, wenn ich sie "mache"? (vgl. Goethe: —Ich sehe nur, was ich weiß.ž)
- Apokalyptik hat zu tun mit Vorstellungen vom Ende. Apokalyptiker wissen, woŽs langgeht. Das ist ihr Trost angesichts gegenwärtiger und künftiger Schreckensereignisse.
- Apokalyptik kann dem Bösen Macht zugestehen, ohne es zu verleugnen oder zu verdrängen ­ oder überzubewerten.
- Nach jüdischer apokalyptischer Weltsicht zerfällt die Zeit in zwei Perioden: in diese Weltzeit und in die kommende Weltzeit. Der Apokalyptiker selbst steht am Ende des ersten, vor dem Beginn oder am Beginn des kommenden Äons: Die Welt ist —am Zu-Ende-Gehenž.
-. Die jüdische Apokalyptik ist theozentrisch. Sie enthüllt Gottes Gerechtigkeit.
- Jesus selbst ist die Apokalypse in Person: In seinem Sterben und Tod vollzog sich die Wende. Heil wird in der Verkündigung Jesu nicht nur in der Zukunft erwartet, Heil ist schon jetzt. Das meint Aufhebung der Apokalyptik: paradise now!
- In Teilen des Urchristentums findet eine Reapokalyptisierung statt: Offenbarung des Johannes. Apokalyptik spricht von der Gegenwart als zukünftiger Vergangenheit und von der Zukunft als Zukunft der Vergangenheit und Gegenwart. Die Naherwartung i.e.S. erscheint —gedehntž.
- Apokalyptik ist welt- und geschichtsbezogen: Das Ferne ist nah. Gott wirkt in dieser Geschichte.

- Apokalyptische Texte werden im Mittelalter häufig auf die eigene Zeit übertragen und als Reiseroute, Zeitplan, sozialrevolutionäres Programm wörtlich verstanden, ja benutzt. Ein neuer apokalyptischer Aufbruch ­ das Ende dieser Kirche ist da. Gott will es.
- Als Apokalyptiker bin ich im Ablauf der Ereignisse wichtig. Ich bin wer ­ nicht nur Opfer, auch Täter, Agent, Katalysator der Geschehnisse. Das apokalyptische Drehbuch läßt mich mitspielen, ich spiele eine Rolle.
- Der Apokalyptiker ist Realist. Verlaß ist auf nichts und niemanden, nur auf Gott: —Fürchte Deinen Nächsten, wie dich selbst!ž (Das erregt gelegentlich Ablehnung, ja Haß auf die, die ­ wie die Apokalyptiker ­ nicht —positivž denken.)
- Nicht alles—Katastrophischež ist apokalyptisch: Christliche Apokalyptik ist Theologie der Hoffnung, Leben und Leiden in der Gewißheit des kommenden Tages des Herrn.

Ernst Käsemann: Die Apokalyptik ist —der Mutterboden des Christentums und der christlichen Theologiež.

Martin Luther kritisiert alles Anknüpfen an das weltlich-philosophische Hoffnungsverständnis als spes negativa und sieht Zukunft nicht in den gegenwärtigen Möglichkeiten der Menschen begründet, sondern allein in der Zukunft Gottes (spes Christianorum). Er erhofft den —lieben Jüngsten Tagž und kehrt die mittelalterliche Sentenz —mitten im Leben sind wir vom Tod umfangenž um: —Dreh's um, so glaubt ein Christ: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.ž

Die christliche Hoffnung erhält ihren zentralen Inhalt durch die Auferweckung Jesu Christi von den Toten: Damit beginnt die (in Teilen des Judentums ) erwartete Endzeit: Jesus Christus ist der —Erstlingž der Entschlafenen (1 Kor 15, 20).
Die Vorstellung von einer allgemeinen Erweckung der Toten entstand im Judentum aus dem Glauben an die Gerechtigkeit Gottes, der insbesondere die Märtyrer nicht im —Reich des Todesž lassen wird.
Entscheidender Inhalt der christlichen Hoffnung ist also der Durchbruch des Reiches (der Herrschaft) Gottes. Das schließt ein die genannte Auferstehung der Toten, das Jüngste Gericht und die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, der —alles in allemž sein wird: Die Hoffnung gilt dem neuen vom Himmel auf die Erde kommenden Jerusalem, einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Offb 21): consummatio/annihilatio und renovatio mundi.

Gericht Gottes bedeutet (trotz der Suggestion mancher künstlerischer Darstellungen nicht die große Abrechnung, das objektive Bewertetwerden der guten und bösen Taten der Menschen - nach Art der blinden Justitia mit der Waage - sondern) das Zurechtgebrachtwerden der Menschen und die Christusbegegnung für alle.
(< Ansatz gegen die soteriologische Totschlagfrage: Was wird aus denen, die nie von Jesus gehört haben?)
Das Gericht nach den Werken muß kommen, weil es Werke gibt. Im Endgericht werden die Werke eines jeden Menschen offenbar werden: die guten werden gelobt, die bösen getadelt werden. Die Rechtfertigung durch Glauben unterscheidet zwischen Person und Werk, legt uns also nicht auf unsere Werke fest.
Im Gericht nach den Werken vollzieht sich für alle Christusbegegnung —von Angesicht zu Angesichtž, die die irdisch verhüllte offenlegt und den Menschen von seinen Werken scheidet.
Die Lehre vom Jüngsten Gericht denkt nach Mt 25 die Möglichkeit des Heils auch für die, die Jesus Christus im irdischen Leben begegneten, ohne ihn zu erkennen.›Hier gibt es einen Ort für ein weiteres Rettungshandeln Gottes, der die Hypothese eines Fegfeuers theologisch überflüssig macht, ohne die abzulehnende Annahme einer menschlichen Entwicklung im Jenseits auskommt›und ein Anliegen der Hypothese einer Allversöhnung aufnimmt.
Vgl. Max Horkheimer: žTheologie ist ... die Hoffnung, daß es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, daß das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge. (Theologie ist) Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, daß der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphiere.Ó

Gottes Gericht unterscheidet den sich weltlich durch seine Taten definierenden Menschen gnädig von seinen Taten. Auch der Gerechtfertigte erwartet durch den —lieben Jüngsten Tagž die Befreiung von seinen Taten. So wird die durch die Sünde  (das —Sein-Wollen-wie Gottž) verlorengehende Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf eschatologisch wiederhergestellt.
Ob im Guten oder im Bösen - wir müssen mit unserer Vergangenheit leben. Die christliche Möglichkeit - die durch den Gedanken des Gerichtes ermöglicht wird - denkt die Unterscheidung meiner selbst von mir selbst (Ort des Gerichts im Selbstbezug der Person: John Locke)

Wann wird (das Gericht) sein? Biblisch steht die Zukunftskonzeption («schonŽ und «noch nichtŽ) gegen das (johanneische) Konzept der realized eschatology.
> Das Gericht muß also nicht notwendig exklusiv als Universalgericht am Ende der Zeiten gedacht werden, sondern kann auch als «Gericht im TodŽ des Einzelnen verstanden werden, als «persönliches WeltgerichtŽ. (Ladislaus Boros, Gerhard Lohfink): —Auferstehung im Todž
Die seit der Alten Kirche bestehende Spannung von Zukunfts- und Jenseitsaspekt der christlichen Hoffnung kann dadurch aufgefangen werden, daß es sich hier wie dort um Denkräume (Sloterdijk) handelt, die als gedachte zwischen dem «schonŽ und «noch nichtŽ vermitteln.
Das Reich Gottes aber ist bis zum Tag des Gerichts noch «im KommenŽ.›Es gibt nur ein Gericht.›Dieses Gericht Christi «nach den WerkenŽ steht für unsere Toten wie für alle anderen Menschen aus der Perspektive der Lebenden noch aus: žWir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lange.Ó (Xavier Naidoo)

Damit sind die wesentlichen Einzelthemen der christlichen Eschatologie genannt, des domatischen Topos de novissimis. Ergänzt wird er um das Problem des Zwischenzustandes (Fegfeuer) und Einzelfragen wie die nach der Leiblichkeit der Auferstandenen.
Folgende theologische Themen und Akzentsetzungen haben durch Kombination und Weiterentwicklung im Westen zur Vorstellung vom Zwischenzustand als Fegfeuer geführt:
1. Die Parusieverzögerung und damit die Sorge um das Schicksal der Toten.
2. Die Übernahme des Vorstellungsmodells einer unsterblichen Seele und der Trennung von Leib und Seele im Tod.
3. Die Vorstellung, daß die Märtyrer schon bei Gott und in Gemeinschaft mit Jesus Christus sind.
4. Der Glaube an die Auferweckung der Toten, und zwar der Auferweckung aller zum Gericht. (Es werden also nicht nur die auferweckt, die an Christus glauben und zu ihm gehören.)
5. Die Übernahme der aus der jüdischen Apokalyptik stammenden Vorstellung einer Scheidung der Guten und Bösen schon in der Zwischenzeit, damit verbunden die sich langsam entwickelnde Vorstellung eines Partikulargerichts ohne Aufgabe der Vorstellung vom kommenden Weltgericht.
6. Die Hervorhebung der Zukünftigkeit des Heils gegen präsentische Vorstellungen.
7. Die durch den Kampf gegen die Gnosis erfolgte Betonung der entscheidenden Bedeutung des künftigen Gerichts und damit verbunden die Hervorhebung von moralischen Kriterien für die Rettung im Gericht.
8. Die (moral-)theologische Unterscheidung von Todsünde und Wundsünde: peccatum mortale und peccatum veniale.
Sind wir als durch Glauben Gerechtfertigte «in ChristusŽ, leben wir in einer Transitexistenz: im Raum seiner proklamierten Herrschaft.›Es ist der Zwischenzustand im Leben des angebrochenen, aber nicht vollendeten Reiches Gottes: Die schon geschehene und die noch ausstehende Erlösung sind zu unterscheiden. Unsere Stellung in der Welt ist bereits eine andere, aber die Realveränderung der Welt steht noch aus (Röm 8, 21). Dieser so verstandene Zwischenzustand wird durch den Tod des Christen nicht verändert.›Das ist die particula veri der Lehre vom Zwischenzustand.›Leben und Sterben sind relativiert durch das «des HerrnŽ-Sein des Christen: —Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.ž (Röm 14, 8) Der Tod bleibt der —letzte Feindž (1 Kor 15, 26), insofern er den Überlebenden den Schmerz des Abschieds zufügt.
Paulus spricht von einer eschatologischen Ordnung des Lebendigwerdens: Erst Christus, dann die Christen, dann das Ende mit der endgültigen Vernichtung des Todes —als letzter Feindž (1 Kor 15, 26) und der Übergabe der Herrschaft an den Vater, damit —Gott sei alles in allem.ž (1 Kor 15, 28) Es
gibt Phasen der eschatologischen Hoffnung der Christen. Das vollendete Reich Gottes läßt dem Bösen keinen Raum.
Die christliche Hoffnung richtet sich also nicht auf eine bloße Rückkehr eines Goldenen Zeitalters (vgl. John Milton: žParadise lostÓ - žParadise regainedž), sondern auf die eschatologische Überbietung des Anfangs.
Christliche Hoffnung ist auch nicht gleichzusetzen mit žpositivem DenkenÓ.
Sie entspringt dem ursprünglichen christlichen Glaubensbekenntnis: —Jesus ist der Herr.ž

Teilhard de Chardin bezieht wie Bloch die Natur in den Begriff der Hoffnung ein und vertritt ein evolutionäres Weltbild, das von der Biogenese über die Noogenese zur Kosmogenese und Eschatogenese voranschreitet. Am Ende ist Gott —alles in allemž. Er sieht die Evolution sich fortsetzen im Bereich des Geistes (Noosphäre).
Am «Ende der WeltŽ löst sich der vollendete Geist aus seiner materiellen Hülle und ruht auf Gott (Omega): Tod des materiell erschöpften Planeten (kein unbegrenzter Fortschritt) zugleich Befreiung jenes Teils des Universums, dem es gelungen ist, seine Synthese mühevoll bis ans Ende durchzuführen. žUm dem Denken in der Welt seinen Platz zu geben, mußte ich die Materie verinnerlichen, eine Energetik des Geistes erdenken, im Gegensatz zur Entropie die Vorstellung einer steigenden Noogenese fassen, der Evolution einen Sinn, eine Spitze und kritische Punkte geben, schließlich alle Dinge zu jemandem zurückkehren lassen.Ó

Jürgen Moltmanns —Theologie der Hoffnungž hat die Hoffnung zur zentralen theologischen Kategorie zu erheben versucht. Die christliche Eschatologie muß —den Versuch machen, Hoffnung ins weltliche Denken und Denken in die Hoffnung des Glaubens zu bringen.ž Der Mensch —hofft, um zu erkennen, was er glaubt.ž > Erkenntnis ist eine vorgreifende, die die verheißene Zukunft präludiert. —Die noch nicht verwirklichte Zukunft der Verheißung tritt in der gegenwärtigen Verheißung und Hoffnung in einen Widerspruch zur gegebenen Wirklichkeit.ž Die Offenbarung Christi ist nicht nur Enthüllung des verborgenermaßen schon Geschehenen für die Erkenntnis (gegen Karl Barth), —sondern muß in Ereignissen erwartet werden, die das erfüllen, was mit dem Christusgeschehen verheißen ist.ž Die christliche Hoffnung ist keine Utopie des Glaubens. Sie produziert selber ein antizipatorisches Denken und öffnet das —Prinzip Hoffnungž für Gott und das Elend der Kreatur.

Die christliche Hoffnung hat Rückwirkungen auf den Alltag. Daran erkennt man ihren Lebensbezug, z.B. žDie Hoffnung stirbt zuletzt.Ó

- oder ein historisches Beispiel:
Ich leb und waiss nit, wie lang,
Ich stirb und waiss nit, wann,
Ich far und waiss nit, wohin,
Mich wundert, dass ich froelich bin.
Martin von Biberach zugeschrieben

vgl. Martin Luthers explizit christliche Abwandlung:
Ich lebe, so lang Gott will, / ich sterbe, wann und wie Gott will, / ich fahr und weiß gewiß, wohin, / mich wundert, daß ich noch traurig bin!

Das Thema stellt vor die kritische Rückfrage: Aber sind das alles nicht nur Gedanken?
Ja - allein die christliche begründete Hoffnung spricht ihnen Realitätsgehalt zu. Was (im Rückblick auf und im Unterschied zu antiken philosophischen Warnungen vor trügerischer Hoffnung) die christliche Hoffnung kennzeichnet und legitimiert, ist ihr Selbstverständnis: Es wird so sein... Darin finden Hoffnung und Sehnsucht, diese Konstanten menschlichen Lebens im Wandel ihrer Kontexte, ihren gemeinsamen Grund.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
 
 


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