Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Gottesdienst beim Gemeindefest 2005 über den Schatz der "Jakobsmuschel"

Liebe Gemeinde!
Im Urlaub - ich sage nur: kalt und naß - habe ich ein dickes Buch vom Finden eines Schatzes gelesen, einen Bestseller mit dem Titel —Riptide.Tödliche Strömungž. Worum es geht: Seit Jahrhunderten weiß man von einem Schatz auf einer Insel vor der Küste Nordamerikas. Viele haben ihn zu heben versucht, alles - all ihr Geld und selbst Menschenleben - aufs Spiel gesetzt, um ihn zu bekommen. Mit den Mitteln modernster Technik wird nun ein neuer Versuch gemacht. Am Anfang geht alles gut - aber (und der Leser ahnt es schon) am Ende geht der Schatz wieder verloren. Wie gewonnen, so zerronnen? Nein, die Geschichte dieser Schatzsuche liest sich wie ein Gegenbeispiel zum Gleichnis Jesu, das wir eben gehört haben. Die Gier nach dem Reichtum, nach dem Gold eines alten Seeräubers, scheitert daran, daß der Architekt des geheimen Seeräuberversteckes, der zu dieser Arbeit gezwungen wurde, trickreich dafür gesorgt hat, daß der Schatz im Augenblick seiner Entdeckung vor den Augen seiner Entdecker buchstäblich in die Tiefen der Erde versinkt. (Bibelkenner erinnert das an die Geschichte von der Rotte Korach im Alten Testament.) Dazu hat der alte Baumeister im Roman eine Vorrichtung gebaut, die einem auf den Kopf gestellten Kirchturm ähnelt. Aufgehalten werden die Jäger des verlorenen Schatzes am Schluß vom Pfarrer der Dorfes, einem strengen Mann, der unter Einsatz seines Lebens verhindern kann, daß das wertvollste - und gefährlichste - Stück des Schatzes je wieder das Licht des Tages erblickt. Es heißt —Schwert des Heiligen Michaelž und wurde schon vor Jahrhunderten aus dem hoch radioaktiven Material eines Meteoriten gemacht. Jeder, der es berührt hat, ist gestorben. Soweit der Roman.

Mit dieser Geschichte und ihren biblischen Anspielungen im Kopf gehe ich nun am vorigen Sonntag am Strand der Ostsee spazieren. Auf einmal finde ich selbst einen Schatz. Ich stolpere direkt darüber, kann ihn in wenigen Minuten heben und habe Ihnen diesen Schatz für heute mitgebracht. Da liegt er, vor unseren Augen. Bitte greifen Sie doch gleich zu... Wer hilft uns, ihn zu verteilen? ... Es reicht für alle...
Der Schatz sind diese kleinen Muscheln. Muschelschalen, wie sie zu Abertausenden an unseren Küsten liegen. Aber es ist wie mit dem Roman - erst der Kenner erkennt die besondere Bedeutung dieser Muschel. Sie ist nämlich ein Symbol. Wer kennt es? ... Es ist die typische Muschel des heiligen Jakobus. ... Wie er zu der Muschel kommt, erzählt eine mittelalterliche Legende: —Ein Ritter zu Pferd steht in der Nähe der Anlegestelle des Schiffes, das den hl. Jakobus nach Spanien bringt. Als das Pferd den wundersamen, hellen Schein sieht, der von einem Stern herab auf den Apostel fällt, ist es von dem Anblick so verstört, daß es in das Wasser springt und den Ritter mit sich in die Tiefe reißt. Aber die Jünger des hl. Jakobus retten den Ritter. Und als sie ihn an Bord ziehen, sehen sie voller Staunen, daß sein Körper ganz bedeckt ist mit - Muschelnž. Daher die Jakobsmuschel.

Noch heute kennen wir diese Art der Muschel als Erkennungszeichen der Jakobspilger. Sie führten so eine Muschel als Schöpf- und Trinkgefäß mit sich. Und die Muschel wurde als Schale zum Essen benutzt. Da die Muschelschalen sehr hart und beständig sind, wurde mit ihren scharfen Kanten auch geschnitten. Somit war die Kammmuschel sozusagen das "Schweizermesser" der Jakobspilger.

Einer der alten Wege nach Santiago de Compostela führte auch über Berlin, bevor man dann in Aachen oder Köln mit den anderen aus Deutschland zusammentraf. Als einzige Jacobi-Gemeinde in Berlin werden immer wieder gefragt, ob unser Name letztlich vielleicht nicht doch damit zusammenhängt, daß der alte Jacobsweg hier vorbeiführte (—Alte Jacobsstraßež) - auch wenn unsere Kirche gerade mal 160 Jahre alt ist.

Die Muschel gewann ab dem ausgehenden Mittelalter als Pilgerzeichen eine so große Bedeutung, dass viele Menschen, die eine große Wallfahrt unternommen hatten, die Muschel als Zeichen dafür erhielten - auch wenn sie nie nach Santiago gepilgert waren, sondern ganz woanders hin. Die Muschel war zum Inbegriff der Wallfahrt geworden. Sie steht dabei für die Armut der Pilger und deren Absage an die Dinge dieser Welt. Und sie ist ein Symbol für den Schatz, den die Christen gefunden haben, den wahren beständigen Schatz, der nicht mehr verlorengeht: Die Perle nämlich, die sich in der Muschel findet, ist ein Bild für die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Hier und da haben deshalb Taufbecken die Form einer Muschel.

Und wenn wir nun eine solche Muschel in den Händen halten, dann weil wir glauben und wissen: Wir haben gefunden - den Schatz im Acker, Gottes Herrschaft in Jesus Christus.

Einige unter uns stehen dabei noch ganz am Anfang: - Schulanfänger, Dennis usw. - Macht euch doch deshalb hier mal auf die Suche: - Gefäß übergeben -  Was entdeckt ihr dabei? ... Eine Muschel mit Perle. Sie soll euch erinnern an die Geschichte, die Jesus erzählt hat. Im Evangelium hatte Jesus ja eine kurze Geschichte vom Finden eines Schatzes und vom Finden einer Perle erzählt. Sie wurde zum Gleichnis für das Reich Gottes, seine Herrschaft, den Himmel. Wer die Perle sieht, weiß: Ich habe gefunden. Wir haben gefunden.
Amen.
 
 


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