Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über Röm 9, 14-24

Liebe Gemeinde!
Was macht Gott eigentlich zu Gott? Was macht ihn so anders, als es die Menschen sind? Die alten Philosophen wußten diese Frage klipp und klar zu beantworten: Gott ist allmächtig, ewig, unwandelbar und unsichtbar - das macht ihn so anders als die Menschen, die bestenfalls auf Zeit ein wenig Macht ansammeln können, für die ein Auf und Ab zum Leben gehört und die - wie alle anderen Geschöpfe - nur eine kurze Lebenszeit auf der sichtbaren Welt haben.

Das Volk Israel aber gab sich mit solchen Gedanken nicht ab - es genügte für seinen Glauben zu wissen, daß Gott der ist, der sein Volk aus Ägypten befreit hatte und der ihm seine Gebote auferlegt hatte. Trotzdem konnte man nicht vermeiden, Erklärungen dafür zu finden, warum dieser Gott einmal so und einmal anders handelt: Erst fordert er durch Mose den Pharao auf, sein Volk ziehen zu lassen, dann verstockt er dessen Herz, so daß es all der Plagen bedarf, bis Israel freikommt. Und warum hat er damals geholfen und heute nicht? Um das zu verstehen, entwickelten die Schriftgelehrten eine komplizierte Diskussionstechnik.

Unser heutiger Predigttext ist ein Ausschnitt aus einer solchen Debatte - ein Philosophisches Quartett: Beteiligt sind Paulus, zwei Gesprächspartner und die Thora, die Heilige Schrift der Juden. Paulus zeigt hier auf, was den Gott Israels zu Gott macht: Es ist seine Freiheit, mit den Menschen umzugehen, wie er will. Er kann sich erbarmen, er kann verstocken - allein sein Wille ist maßgeblich.

Erste Frage: Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? (Das soll nun diskutiert werden.) Antwort: Das sei ferne!
Begründung: Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«
Schlußfolgerung: So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
Zweite Begründung: Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«
Wiederholung der Schlußfolgerung: So erbarmt Gott sich nun, wessen er will, und  verstockt, wen er will.

Das bedeutet: Gott ist freier Wille. Weil kein Mensch Anspruch auf Gottes Erbarmen hat, kann man Gott auch keine Ungerechtigkeit vorwerfen, wenn er sich der einen erbarmt und der anderen nicht. Das ist logisch - aber schockierend. Dieser Gott ist nicht demokratisch, er ist weit entfernt von unserem Verständnis von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, von Menschenrechten. Menschenrechte sind für die Menschen da - für Gott selbst gelten sie nicht. Wir meinen zwar, einen Anspruch auf Gottes Liebe zu haben - und wehe, Gott löst den nicht ein. Dann bestrafen wir ihn mit Unglauben und sagen, es gebe ihn nicht - aber ertragen wir diese Fremdheit mal eine Zeit lang, wir werden gleich sehen, wozu dieser Gedanke gut ist.

Zu einem Einwand (eines Gesprächspartners des Paulus): Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? Antwort des Paulus: Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?

Ein Gesprächspartner macht Paulus hier auf einige Konsequenzen dieses Gottesbildes aufmerksam. —Paulus, wenn das so ist, wie du sagst, dann sind wir doch für unser Tun gar nicht verantwortlich. Wenn Gott uns so verstockt, wie er den Pharao verstockt hat - wie kann er uns da beschuldigen, seine Gebote zu mißachten? Wenn er so frei ist, wie können wir dann frei sein?ž Wir denken ans Schicksal, an Prädestination, muslimisch: Kismet - und möchten am liebsten zornig einpacken. Paulus antwortet darauf recht rabiat und wiederholt drastisch: —Gott kann machen, was er will. Basta!ž Im Gegenüber zu Gott ist der Mensch wie ein Klumpen Lehm.
Paulus denkt hier aber nicht allgemein, sondern an einen konkreten Fall, an ein Problem seiner Zeit: um die Kirche aus Juden und Heiden. Das Evangelium von Jesus Christus hatte bei den Heiden stärker Fuß gefaßt als bei den Juden. Warum bloß glauben sie nicht an Jesus Christus? Was heißt das für das alte Volk Gottes? Das versucht Paulus zu verstehen und denkt: Gott hat sie verstockt. Aber wenn Gott sie verstockt hat wie einst den Pharao, dann wird er einst auch die Verstockung von ihnen nehmen. Jetzt sind sie zwar Gegenstand seines Zorns. Aber das wird nicht so bleiben. Und ihr Nein zu Jesus Christus jetzt ist den Heiden zu Gute gekommen. Bei ihnen hat das Evangelium desto schneller Wurzeln geschlagen. Der Verstockung der Juden verdanken wir unser Christsein.

Schlußfolgerung des Apostels: Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.

So wie Paulus hier hätte kaum ein antiker Philosoph über Gott reden können, mit derart menschlichen Worten von Macht, Zorn und Erbarmen - so spricht die rabbinische Auslegung der Thora.

Und wie steht es nun mit der Freiheit des Menschen? Nicht nur der von Gott verstockte Mensch ist unfrei, jeder Mensch ist unfrei - sofern es um seine Beziehung zu Gott geht. Die kann er nämlich nicht frei eingehen wie die Beziehung zu einem menschlichen Bündnispartner. Nur Gott kann eine Beziehung zu seinem Geschöpf eingehen. Gott aber hat seine Freiheit so eingesetzt, daß er sich Gegner machte und ihre Gegnerschaft ertrug - nur um sein Erbarmen desto großartiger unter Beweis zu stellen. Ein starker Gott.

Ergebnis: Dazu hat Gott uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

Mit diesen Überlegungen hat Paulus provoziert und anhaltende Diskussionen ausgelöst.

Was also macht Gott zu Gott? Es ist seine Freiheit und Macht über die Menschen. Sogar seine zeitweiligen Gegner bleiben ihm untertan. (Tröstlich zu wissen: denn wie viele von uns leiden darunter, wenn die Kinder oder Enkel sich von Gott abwenden!) Gott wird durch nichts und niemanden eingeschränkt - weder durch das Leiden noch durch das Böse, weder durch Unglauben noch durch Glauben. Er ist und bleibt der Herr, der Herr über den Gegensätzen der Welt - weder gut noch böse, gerecht oder ungerecht nach unserem Verständnis, sondern in ihm fallen die weltlichen Gegensätze ineins. Es war ein deutscher Gelehrter aus dem schönen Moselstädtchen Kues, der Kardinal Nikolaus Cusanus (von Kues) der so die Frage der alten Philosophen beantwortete: Gott ist der Eine über den Gegensätzen, er bleibt der Eine inmitten der Gegensätze.

Liebe Gemeinde, das klingt nicht nur philosophisch, das ist es auch. Die Überlegungen des Apostels Paulus haben den Christen ja wirklich den Anstoß gegeben, anders von Gott zu denken, als es die alten Philosophen taten. Gott ist nicht der ferne Gott jenseits der Welt, auch nicht der liebe Kuschelgott in Wald und Wohnzimmer: Gott ist der Herr über den Tod, der Richter von Kirche und Politik, der Herr der Wirtschaft, der Herr all dessen, was wir fürchten müssen - der Herr auch von George W. Bush und Osama Bin Laden. Gott ist so frei, daß er sich auch in unsere Welt hineinbegeben kann, ohne seine Freiheit zu verlieren. Er ist sogar frei von unseren frommen Bildern über ihn, frei von allen frommen Übungen und Gedanken. Was also macht Gott zu Gott? Gott - nicht unser Glaube. Er kann sein, was er - menschlich gesehen - nicht sein kann. Er ist anders als die alten Philosophen meinten: so groß und frei, daß er sich kleinmachen kann, zu einem Stück Brot und einem Schluck Wein. So nahe kann er uns kommen: Christi Leib - für dich gegeben, Christi Blut - für dich vergossen.
Amen.
 
 


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