Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Reminiszere über Röm 5, 1-5

Liebe Gemeinde!
Heute können wir uns von Paulus die Frage beantworten lassen, warum wir evangelisch sind und was wir davon haben. Wahrscheinlich ist das heute gar nicht Ihre Frage, aber eben das ist ein Problem. Denn wenn die Antwort nur lautet, wir seien eben evangelisch, weil man es halt immer schon war, ist das ein Problem, weil die anderen wissen, warum sie nicht evangelisch sind. Da heißt es beispielsweise: weil es keinen Gott gibt, weil es nur einen Gott gibt oder weil sein Stellvertreter in Rom sitzt. - Wer sagt, es gibt keinen Gott, kann natürlich nicht evangelisch sein (wenn auch ein guter Mensch). Wer sagt, es gibt nur einen Gott, ist dadurch noch nicht gleich evangelisch, er könnte auch Moslem sein; er muß sich damit nicht einmal auf eine bestimmte Religion festlegen. Wer sagt, Gottes Stellvertreter sitze in Rom, weiß auch, woran er sich halten will. - Wer also so oder so denkt, weiß, warum er nicht evangelisch ist. Warum aber sind wir evangelisch? Warum gibt es uns Evangelische noch, wenn wir uns doch in so vielen Fragen mit den Katholiken einig sind, so daß manche uns schon für halbwegs fusioniert halten, eben für ökumenisch - und schon auf dem Weg zur nächsten Übernahme, dieses Mal durch den Islam.

Warum es uns Evangelische noch gibt und warum es uns auch weiterhin geben wird, das sollten wir uns von Paulus sagen lassen. Hier ist seine Antwort:

"Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern  wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist."

Das, liebe Gemeinde, macht uns evangelisch, das und nichts anderes. Mehr braucht es nicht - darf es auch nicht brauchen, alles 'mehr' wäre vom Teufel: Was meint Paulus also?

Unser Glaube weiß: Wir sind gerecht geworden. Wir haben Frieden mit Gott. Das liegt an Jesus Christus. Also nicht daran, daß es nur einen Gott gibt oder daß wir von Natur aus friedfertig wären, sondern an ihm, dem Friedensstifter Jesus Christus. Er ist das Tor zur Gnade, in der wir stehen. Wir sind begnadigt und begabt mit Hoffnung. Mit Gott haben wir eine glänzende Zukunft.

Warum aber gibt es noch so viel Leid? Gibt es doch keinen Gott? Oder: Was ist das für ein Gott? So fragen nicht nur unsere Konfirmanden, und was soll man dazu sagen? - Warum es so viel Leid gibt, weiß ich letzten Endes auch nicht, aber ich weiß von Paulus, daß Gott gerade deshalb Jesus zum Christus, zum Retter, machte: Weil es so viel Leid gibt, ist Jesus mitten in dieses Leid hineingekommen, hat er es erlebt und schon den Frieden mit Gott gestiftet und damit die Hoffnung auf künftige Befreiung vom Leid geweckt.

Wer Gott dafür zu 'bestrafen' versucht, daß es so viel Leid gibt, indem er nicht an ihn glaubt, und auch, wer ihn 'entschuldigen' will, weil das Böse ja alles vom Menschen komme, hört nicht auf Paulus. Der sagt ja nicht, woher das Leid kommt, sondern, was Gott dagegen getan hat. Mehr noch: Wer mit dem Argument: die Welt leide, sich dem Glauben verweigert, dem geht es dadurch ja auch nicht besser. Und mit dem Herrgott wird man sowohl das Böse als auch andere Herren nicht los, die versuchen, uns zu beherrschen.

Genauso praktisch beantwortet Paulus die Frage, was wir von der Erlösung durch Jesus Christus haben: Das Leiden, die Bedrängnisse bringen Geduld, Bewährung und Hoffnung. Ich denke, das meint er ganz realistisch: Da, wo man in Christus ist, werden positive Kräfte frei - ohne daß man die Augen vor dem Leid und dem Bösen zumachen müßte. Wenn man in der Liebe Gottes lebt, die Gott ausgegossen hat, verströmt wie Wasser und Licht, dann muß man nicht ípositiv denkení, sich das Böse wegdenken; aber Gottes heiliger Geist ist in uns, meint Paulus. Das reicht für Geduld, Bewährung und Hoffnung. Damit haben wir es gar nicht nötig, mehr aus uns zu machen, als wir schon sind, um Gott zu gefallen. Und für Martin Luther war es genau das, was evangelisch ist.

Machen wir uns das an diesem Werbeplakat hier klar. Manche von Ihnen, liebe Gemeinde, kennen es schon. Wir haben es vor einigen Jahren schon einmal zusammen betrachtet. Passend zu Reminiszere, also als Reminiszenz, zur Erinnerung habe ich es wieder hervorgeholt. Es ist also nicht die Mode für den Sommer 2004.

Eine junge, elegant gekleidete Frau kniet auf einer alten Kirchenbank, den Kopf gebeugt, ein geschlossenes Gebetbuch in den Händen. Sie trägt ein dunkles Nadelstreifenkleid, das über dem Knie endet, an den Schultern sehr weit ausgeschnitten, dazu riemenlose Lackpantoletten mit leichtem Absatz.
Unser Blick wandert auf die linke Seite, die Schrift fällt ins Auge. Fett, aber nicht groß steht dort mitten auf der Seite geschrieben:
"Ziehen Sie sich immer gut an.
Denn der Herr sieht alles."
Darunter: "René Lezard Mens Womens Collection".
Links oben der Hinweis auf eine Telefonnummer für weitere Informationen.

Bei einem zweiten Blick auf das Poster fällt auf, daß es ansonsten leer ist. Kein Kirchenraum, in den die Kniebank gestellt ist, sie ist aus ihrem gewohnten Umfeld herausgelöst, nur die knieende Frau und die Weisung auf der linken Seite. Die junge Frau wirkt hilflos, fast deplaziert auf der Kniebank. Der kurze Haarschnitt, die enganliegende, glatte Frisur: Frau - oder Mann? Das kurze, ausgeschnittene Kleid hebt Arme und Beine so hervor, daß sie trotz des eleganten Kleides nackt wirkt und somit der Kleiderordnung für einen Kirchenbesuch nicht unbedingt entspricht. Ihre Haltung dagegen entspricht im höchsten Maß der Haltung einer frommen Beterin: ernst, kniend, gebeugter Nacken, das geschlossene Gebetbuch, dessen sie in diesem Moment der Versenkung nicht mehr bedarf. - Der Text: "Ziehen Sie sich immer gut an" erinnert an die Kleidervorschriften der fünfziger und sechziger Jahre, wobei man damals wohl "ordentlich" gesagt hätte: "Ziehen Sie sich immer ordentlich an". Gut hingegen zog man sich für besondere Anlässe wie Feste, Jubiläen oder auch aus Anlaß eines Vorstellungsgesprächs an, dafür hatte man ein 'gutes' Kleid, vielleicht das 'Kleine Schwarze', aber das zog man keinesfalls immer an, das hätte man für den Alltag als unpassend und zu kostspielig empfunden.

Dann der Satz: "Denn der Herr sieht alles." Mit diesem Satz kommen religiöse Vorstellungen aus der christlichen Erziehung in den Sinn: "Der liebe Gott sieht alles". Aber auch dieser vertraute Satz ist verändert, "der liebe Gott" wird durch das strengere: "der Herr" ersetzt. Man möchte trotzdem schmunzeln, denkt: raffiniert, wie die Werbung sich des religiösen Themas bedient, weiß man doch, Gott blickt nicht auf das Äußere, Gott blickt auf das Herz. Naiv, wenn die Frau meint, nur immer gut angezogen vor Gott bestehen zu können.

Ist das wirklich naiv? Katholische Christen denken doch wirklich so: Der Mensch kann sich vor Gott mit guten Taten bekleiden, um besser dazustehen. Es gibt vor Gott wirklich einen Entwicklung zum Positiven, der Mensch kann mit seinen Mühen vor Gott Erfolg haben. Gott nimmt den Menschen an, aber nicht ohne dessen Dazutun. Es gibt ein Mehr oder Weniger, das mit Gottes Gnade und dem Tun des Menschen mit Blick auf das Ziel der ewigen Seligkeit erreicht werden kann. Es gibt Menschen, die dieses Ziel erreicht haben, die Heiligen, sie werden durch die Heiligsprechung zur Verehrung und als Vorbild den Gläubigen vorgestellt. Glaube und Tun, Frömmigkeit und Engagement für den Nächsten fördern die Heiligkeit und zeigen sie an. Ein geradezu katholisches Werbeplakat ist das!

Diese Werbung weist aber noch in eine andere Richtung. Man beachte die Veränderung im Text! Nicht der liebe Gott, der Herr sieht alles. Wer ist das? Und wer könnte das nicht alles sein? Auch wer den Gott Jesu los ist, ist das Problem höherer Mächte ja nicht los. Die gibt es ganz weltlich und auch religiös. Da sind ídie da obení. Ihre forschenden, kritischen Blicke meint man auf dem gebeugten Nacken lasten zu sehen. Dem entspricht die junge Frau, einer Novizin gleich - mit kurz geschorenem Haar - beugt sie sich dem strengen Diktat. Jung, zielbewußt auf dem Weg zu höheren Weihen. Für sie gibt es keinen bergenden Raum, ihre Geste der Hingabe und des Gebetes wird den kritischen Blicken wie auf einem Tablett präsentiert. Ihr Ausgeliefertsein wird durch den Werbetext verstärkt, er hat einen warnenden Klang: Machst auch du immer eine gute Figur? Würdest du immer bestehen können ­ oder mußt du nicht eher damit rechnen durchzufallen? Karriereknick - und aus?

Was dort dargestellt wird, wozu geraten wird, das ist leider nur zu wahr. Es trifft den Nerv unserer heutigen Situation. Denn so ist es, wenn man Erfolg haben muß, insbesondere, wenn 'frau' Karriere machen will: Perfektion der Figur, des Outfit, der Haltung in allen Lebenslagen. Auch die Geste der Demut und Hingabe muß perfekt beherrscht werden - und die ist die angemessenste Haltung dem Herrn gegenüber, der alles sieht. So geht es einer Frau im Rampenlicht der gnadenlosen Öffentlichkeit: ob Lady Di, der Kollegin Jette Joop - oder Angela Merkel. (Der verzeiht man ihre Härte nicht, ihren Widerstand gegen diese Erwartung.) ŃDer Herr, der alles siehtě, das Auge der Kamera, ist gnadenlos, er gestattet keine Auszeit, keine unbeobachtete Regung. Nur so gibt es Erfolg im Leben.

Aber diese Anzeige spricht nicht nur die sogenannte Karrierefrau an. Die knieende Frau drückt mit ihrer Haltung eine fast religiöse Sehnsucht aus, die viele haben: sich für etwas hingeben können, für das es sich lohnt; weiterkommen, Erfolg haben durch die eigenen Mühen, über sich hinauswachsen, sich auf etwas verlassen können, das zuverlässig ist. Es ist die Suche nach neuen Werten, Verbindlichkeiten, Verhaltensrichtlinien. Man möchte mit sich und der Welt im Reinen sein, eins sein ­ und das fraglos und ohne Vorbehalt. Deshalb kann das Gebetbuch geschlossen bleiben, eine christliche Gemeinde würde nur stören, die römische Kirche nur einengen. Das ist heute íiní: Hingabe an Natur, Schöpfung und Kosmos. Religion also, nicht Gott; höhere Ziele und Werte ja, Jesus nein. Und das erfordert totalen Einsatz, Anpassung, Verzicht auf Kritik und störende Individualität. Und man fügt sich, hat sich zu fügen. ŃSo ist das ebeně, sagt man, Ńdas ist der Lauf der Dinge.ě ŃDamit mußt du lebeně, heißt es. Man trägt das kleine Schwarze der Anpassung wie eine Uniform: ŃZiehen Sie sich immer gut an. Denn der Herr sieht alles.ě So wird alles gut. Heil wird, wer sich fügt. Wie gnadenlos!

Dagegen setzt Paulus Christus den Retter. Der Glaubende weiß sich als von Gott gerechtfertigt, wirklich begnadigt. Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

Dafür schlicht dankbar sein, das ist evangelisch - und was haben wird davon?
Es gilt eine neue Kleiderordnung (ein Bild, das Paulus wirklich gebraucht): Wir haben Christus angezogen. Er ist unser Kleid. In Not und Tod wissen wir: Gott hüllt uns ein wie in sein weites Kleid. Er bekleidet uns mit seinem Sohn. Evangelisch sein heißt: Gott läßt uns nicht nackt dastehen.

Und wer Christus angezogen hat, der kann alles andere getrost lassen - und der sollte das auch. Evangelisch sein heißt darum: Ich schmücke mich nicht mit meinen Taten. Evangelisch sein heißt immer wieder neu: Sich ausziehen! Fasten durch Sich-Ausziehen! Darum, liebe Gemeinde: Wenn Sie evangelisch sein wollen, ziehen Sie sich ganz aus - und keine Angst: Sie sind immer noch gut angezogen!
Amen.
 
 


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