Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag im Advent über Röm 15, 4-13

Liebe Gemeinde!
Wer an den heiligen Nikolaus denkt, denkt an das baldige Kommen Jesu, an Advent und Weihnachten; wer an Maria, die Mutter Jesu, denkt, auch. Es gibt im Kirchenjahr ausgesprochene Adventsgestalten. Auch Johannes der Täufer gehört dazu - und die heilige Luzia. Unsere katholischen Mitchristen kennen noch die heilige Barbara. Wenn wir ihre Festtage feiern, wissen wir, Weihnachten ist nahe. So weisen sie hin auf Jesus und sein Kommen. - Mit ihrer Geschichte hat das mal mehr, mal weniger zu tun; eher schon mit den Geschichten, die man über sie erzählt; am meisten aber mit bestimmten Bräuchen, die sich im Lauf der Zeit entwickelt haben. Wir sahen die Barbara-Zweige: Zweige, am Barbaratag vom Baum geschnitten und in eine Vase mit warmem Wasser gestellt, sie blühen am Heiligen Abend wie frisch geschnittene blühende Triebe. Was das mit dem Kommen Jesu zu tun hat, hören wir gleich - ausgerechnet vom Apostel Paulus.

Der ist ja nie in die Reihe der Adventsgestalten aufgenommen worden. Ihn hat man nicht besonders mit Hinweisen auf das Kommen Jesu in Verbindung gebracht. Der Grund scheint auf der Hand zu liegen: Bei Paulus, in seiner Verkündigung des Evangeliums, spielt Jesus und sein Leben keine große Rolle, scheinbar jedenfalls. Von der Geburt Jesu erzählt er gar nicht. Dennoch sollten wir auch Paulus in den Kreis der Adventsgestalten aufnehmen - denn in seinem Brief an die Gemeinde in Rom erklärt er, was es mit dem Kommen Jesu auf sich hat:

Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.«

Was Paulus da macht, ist eine Art Bibelarbeit. Und dabei wird es notgedrungen ein bißchen kompliziert. Es geht um ein schwieriges Thema, das Thema Juden und Heiden und ihr Verhältnis. Es ist das Lebensthema des Apostels Paulus. Haben die Juden den Heiden etwas voraus, was ihre Beziehung zu Gott angeht? Oder müssen die Heiden erst Juden werden, um Anteil zu erhalten an den Verheißungen Gottes? Paulus beantwortet beide Fragen mit Nein. Den Grund dafür findet er in Jesus Christus. Der bestätigt einerseits die Verheißungen Gottes an die Juden, die Verheißung von Gottes Gerechtigkeit, der dehnt andererseits die Gültigkeit dieser Verheißungen auf die Heiden aus, also auf alle Menschen. Auch die Heiden werden Gott loben und in die Gemeinschaft der Erlösten aufgenommen.

Argumente für diese Deutung des Wirkens Jesu Christi findet Paulus in der Heiligen Schrift der Juden, im Alten Testament. Er zitiert dazu Psalmen und Propheten. So wie Paulus sie versteht, kommen sie darin überein, daß Gottes gute Herrschaft auch die Nichtjuden einbeziehen will, ja schon einbezogen hat. Darum ist Jesus Christus gekommen, der Sproß aus der Wurzel Isais. Zur Erinnerung: Isai war der Vater Davids, wir kennen ihn aus dem Adventslied —Es ist ein Ros entsprungenž. Darin heißt es: —von Jesse kam die Artž. Damit ist also jener Isai gemeint. (Wir sollten ihn also nicht verwechseln mit dem Propheten Jesaja oder dem Namen Jesus - bloß weil es im Bayerischen heißt: —Jessas!ž) Mit dem Hinweis auf Isai als Wurzel erklärt Paulus den Sprößling Jesus Christus zur Erfüllung der Verheißungen Gottes, erklärt er die Bedeutung seines Kommens. Und der Brauch der Barbara-Zweige hat hier seinen biblischen Anlaß: Jesus ist wie der blühende neue Trieb an einem alten scheinbar toten Baum. —Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.ž (Jes 11, 1)

Ich finde schon, daß damit auch Paulus einen Platz verdient in der Reihe der Adventsgestalten, die auf die eine oder andere Art auf den kommenden Jesus hinweisen: als Messias, als Gottes Sohn, als den Heiland - oder eben hier: als die Erfüllung der Verheißungen Gottes an sein Volk, insbesondere der Verheißung, daß sich dereinst alle Völker zu diesem Gott bekehren werden. Weil in Jesus Gott zur Welt kam, kommen die Völker der Welt zu Gott. Damit beschreibt der Apostel die heilsgeschichtliche Wende des Advent - zwar ohne Folklore, ohne Brauchtum, aber dem Sinne nach. Die Christen sind —der neue Wegž; und Christus ist —der Heiden Heilandž. In seinem Brief an die Christen in Rom begibt sich der Apostel Paulus damit zwischen mehrere Fronten: die zwischen Juden und Heiden und die zwischen den sogenannten —Starkenž und —Schwachenž in der Gemeinde. Dabei ging es um die Frage nach dem Umgang mit den jüdischen Gesetzen in der christlichen Gemeinde:

Um die 10 Gebote gab es zwar keinen Streit - die galten nach allgemeiner Ansicht sinngemäß für alle vernünftigen Menschen, die konnte eigentlich auch jeder einsehen - aber wie steht es um die religiösen Speisevorschriften, die Sache mit dem koscheren Essen, und was machen die Christen mit dem auf dem Markt gehandelten Fleisch? Damit stand es in jüdischen Augen ja viel schlimmer als mit dem Skandal ums Gammelfleisch heute, es stammte unter Umständen aus dem heidnischen Tempelkult, war also Götzenopferfleisch. Und so was soll man essen können? Gut, man muß es ja nicht kaufen - aber wenn einem das als Gast vorgesetzt wird? Was macht man dann? Kein Problem, sagt Paulus - solange ihr Euch keines daraus macht, solange nicht die einen - die sogenannten —Starkenž  - auftrumpfen und die anderen, die da noch ihre Gewissensbisse haben, schlecht machen als —Schwachež oder Kleingläubige. Seine Begründung für diesen Standpunkt ist wieder eine adventliche: Gottes Kommen in Jesus Christus macht das Heil der Menschen nicht mehr abhängig von dem, was sie essen oder trinken - ihr Heil hängt allein ab von Jesus Christus. Und da ist es gut aufgehoben. Darum fügt Paulus seinen Worten einen Segensgruß hinzu:
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.
Und wir könnten bestätigend antworten mit: ...
G. Amen.

Aber da ist noch etwas, liebe Gemeinde: In einem neuen Adventskalender —Advent mit Kindernž habe ich den Apostel Paulus dann doch noch als Adventsgestalt verewigt gefunden. Das Bild zeigt ihn, in Stein gehauen - als Säule im Portal der Kirche St. Loup de Naud in Frankreich. In der Hand hält Paulus eine Buchrolle. Gottes Wort, die Botschaft Jesu Christi, sie ist schon da. Er selbst aber muß noch kommen, wiederkommen. Darauf wartet der Apostel - gleich denen, die an ihm vorübergehen und in die Kirche gehen, um dort Gottes Wort zu hören. Im Begleittext heißt es: —So stehst du fest und wartest - wartest mit uns, daß Jesus Christus wiederkommt. Denn du weißt: Gott ist treu! Er ist bei uns - immer.ž
G. Amen.
 
 


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