Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über Röm 12, 9-16

Liebe Gemeinde!
Im Jahre 494 vor Christus hängt im Alten Rom der Haussegen schief: Die Plebejer sind es leid, immer nur Steuern zu zahlen und Kriegsdienst leisten zu müssen, damit die Stadt Rom sich immer weiter ausbreiten kann. Sie streiken, ziehen aus, verlassen die Stadt und lassen sich auf einem Hügel in der Nachbarschaft Roms nieder. Sollen die Patrizier doch auch einmal die schmutzige Arbeit machen!

Der erste große Sozialprotest. Er hat Geschichte gemacht. Geschichte gemacht hat er vor allem durch sein Scheitern. Die Patrizier nämlich, die genau wußten, daß die Oberschicht nicht ohne die Unterschicht leben kann, hatten Erfolg mit ihrem Versuch, die Plebejer umzustimmen. Nicht, daß sie eine Steuerentlastung beschlossen hätten, nein, sie schickten einen der ihren, den Patrizier Menenius Agrippa, aus, um eine Geschichte zu erzählen. Kaum, daß die Plebejer sie gehört hatten, kehrten sie wieder nach Rom zurück. Wie das?

Menenius Agrippa erzählt die Fabel vom menschlichen Körper, vom Magen und den Gliedern: —Einst empörten sich die Glieder des Körpers gegen den Magen, weil sie glaubten, er allein sei untätig, während sie alle arbeiteten. So weigerten sie sich, weiterhin ihren Dienst zu tun. Die Hände wollten keine Speise mehr zum Mund führen, der Mund sie nicht mehr aufnehmen und die Zähne sie nicht zermahlen. Doch bald erkannten die Gliedern, daß sie sich mit dieser Weigerung selber am meisten schadeten und selber immer schwächer wurden, weil sie nur vom Magen her Leben und Kraft empfingen. So hielten es die Glieder dann doch für besser, sich mit dem Magen wieder zu versöhnen.ž

So gelang es den römischen Patriziern, die sich natürlich selbst in der Rolle des alle anderen ernährenden Magens sahen, die Plebejer von der vermeintlichen Naturgegebenheit der Aristokratie zu überzeugen. Die Plebejer kehrten wieder nach Rom zurück und übernahmen ihre alte Rolle - zweihundert Jahre dauerte es noch, bis ihnen ein paar Reförmchen zugestanden wurden.

Schon vor dem Jahre 494 vor Christus war das Motiv von dem einen Leib und den vielen Gliedern bekannt - und bis heute spielt es in unserem sozialen Leben eine große Rolle. Ist es nicht ein guter Vergleich, um zu verstehen, wie der Staat funktioniert? Und nicht nur der: ARD und ZDF, die GEZ, die großen Kirchen - das alles sind - auch im Wortsinn und rechtlich gesehen - Körperschaften. Das Geben und Nehmen findet hier statt wie in einem Leib und seinen Gliedern. Das klingt naturgegeben und irgendwie harmlos - es sei denn, sie haben schon einmal versucht, ihren Fernsehapparat bei der GEZ abzumelden: dann erleben Sie, daß dieser Magen auch Zähne hat! Und verunklart dieses Bild nicht, daß bei allem Aufeinander-Angewiesen-Sein der eine mehr davon hat als der andere? Der Philosoph Ernst Bloch hat die Fabel des Menenius Agrippa die erste große Soziallüge genannt - gerade weil sie geschichtlich so häufig erfolgreich war. Schließlich sprachen auch die Nazis vom «VolksganzenŽ und vom «VolkskörperŽ - um ihre Politik gegen das eigene Volk und den Rest der Welt zu bemänteln.

Und nun ist es Paulus. Der verwendet dieses Bild gleich mehrfach. Im 1. Brief an die Korinther heißt es:
Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein ? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen's nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

Hören wir da nicht so etwas wie ein Echo der Rede des alten römischen Patriziers?

Vom Füreinander ist hier zwar auch die Rede, aber hier geht es nicht um den Staat, sondern um die Kirche, um die Kirche als den Leib Christi. Und deshalb gebraucht Paulus das Motiv anders als Menenius Agrippa: Die bisher geringgeschätzen Glieder gelten ihm im Leib Christi als besonders geehrt. Das ändert zwar noch nicht viel, so wird die Putzfrau zur Raumpflegerin, aber: Paulus gebraucht das Bild nicht nur, um die Notwendigkeit des Zusammenhaltens in der Kirche zu betonen, das Mit-Leiden und das Sich-Mitfreuen - beides spielt im Alltag einer Gemeinde ja eine große Rolle: im Gebet füreinander, in der gegenseitigen Hilfe und im Gottesdienst, den wir ja nicht allein zu Hause, sondern als sichtbare Gemeinschaft feiern - Paulus gebraucht das Bild vom Leib und den Gliedern aber auch so, daß er damit gerade unsere Unterschiedlichkeit betont, ja geradezu begründet und sehr positiv bewertet. Darum heißt es in unserem heutigen Predigttext aus dem Römerbrief: Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

Wir sind und bleiben verschieden - auch als Glieder des Leibes Christi. Paulus unterwirft uns nicht - wie einst die Faschisten  - dem Leib als einem übergeordneten Ganzen, sondern der eine Christus hat uns als seine vielen unterschiedlichen Glieder. Später hat Augustin das bekannte Bild völlig aus den Angel gehoben, indem er zwar uns «Glieder ChristiŽ nannte - wie es im Neuen Testament ja heißt, aber Jesus Christus «das Haupt und die GliederŽ. Christus ist nicht nur das Haupt, also die Einheit, das Oberhaupt - da würde sich ja der Gedanke an einen irdischen Stellvertreter wie den Bischof von Rom ja geradezu aufdrängen - Jesus Christus ist auch die Vielfalt, die Vielfalt seiner Gnaden und Gaben. Die Christen in ihrer Vielzahl und Vielfalt sind nicht weniger Christuskörper als diejenigen, die die Einheit verkörpern: die Amtsträger.

Im Lauf der Kirchengeschichte hat sich allerdings immer wieder das Bild von dem Einen durchgesetzt, der Eine als Darsteller des Leibes Christi - das eine Amt: der Priester, der Bischof, der Papst, der Pfarrer.
Auch die neue Grundordnung unserer Kirche hat das leider wieder verstärkt. (Sie wissen: Seit dem 1. Januar sind wir die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz.) Aber besonders die Gemeinden, die sich in der Tradition des Apostels Paulus entwickelt haben, haben von der Vielfalt der Gaben, Aufgaben, Begabungen und Dienste gelebt - in der Alten Kirche und seit der Reformation die reformierten Gemeinden in der Tradition des Genfer Reformators Johannes Calvin. (Wir kennen sie hier in Berlin vor allem als die sogenannten Hugenotten.) Diese haben das Wort des Paulus vom einen Leib und den vielfältigen Gaben in ein Gemeindeleben übertragen, das die Ämter des Pastors, des Doktors, des Ältesten, des Diakons, des Lehrers usw. kennt. Führt das nun ins Durcheinander? Keineswegs! Wie hatte Paulus gesagt?

Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.  Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.

Paulus bindet all die verschiedenen Dienste an Christus. Aber der eine Christus-Leib macht nicht alles eins, sondern kennt in sich und aus sich heraus die Vielfalt - wie es beim menschlichen Leib der Fall ist. Der ist zwar einer und doch sehr vielfältig - und wie! Das merkt man besonders bei Schmerzen: Manchmal tutŽs einem ja an Stellen weh, von denen man gar nicht wußte, daß man sie hatte...

Für die Einheit am Leib Christi kann das heißen: Natürlich sind wir eins, leiden alle daran, wenn einer leidet, bis hin zu absurden Beispielen - es sind schon Leute aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil sie mit dem Papst nicht einverstanden waren - wichtiger aber ist: In Christus ist auch die Vielfalt kein Problem. Wenn Christus alles zusammenhält, dann braucht man nicht mehr selber alles zusammenhalten. Wie sähe wohl die zu diesem Gedanken passende Kirche aus, eine Kirche, der Vielfalt kein Problem ist, die keine Fusionen braucht, und eine Gemeinde, in der nicht alles so sein muß, daß es mir gefällt, die mich täglich neu überrascht, weil sie in aller Buntheit Christus dient? ...

Liebe Gemeinde, all diese Erwägungen von Menenius Agrippa bis Paulus sind nicht bloß Kirchenkunde und Ämterlehre, nicht nur Probleme des Glaubens und der Theologie, sondern ich frage mich: Könnte das nicht auch weltlich ein Modell sein - um beispielsweise aus dem vielbeschworenen Phänomen der Globalisierung mehr zu machen, als die Eroberung der Weltmärkte für die Produkte einiger weniger Konzerne? Paulus und seine Betonung der vielen Gaben bringt mich auf die Idee zu fragen: Lohnt sich Einheitlichkeit eigentlich weltlich, wirtschaftlich? Haben die Globalisierungsgegner nicht genau das als Problem erkannt? Was soll ich in Sri Lanka, wenn auch dort nur Coca-Cola auf mich wartet? Da muß doch noch mehr sein als eine globale Welteinheitskultur und -wirtschaft...

Natürlich kann man der falschen Globalisierung nicht mit so einfach mit Paulus in der Hand entgegentreten  - aber gerade wer wirtschaftlich und profitorientiert denkt, wird sich fragen lassen müssen, ob Vereinheitlichung wirklich auf Dauer Geld bringt. Noch sind die Proteste dagegen wirtschaftlich schwach, werden sich die Autos immer ähnlicher und kauft der Irak auch noch die ältesten Schrottautos, solange sie nur aus Deutschland kommen - aber auf lange Sicht dürfte sich Vielfalt auch weltlich wieder lohnen. Noch wird das Angebot in unseren Geschäften immer öder - egal, in welchen Laden man geht, überall die gleichen Produkte - aber die Gegenbewegung hin zu mehr Vielfalt, die wird kommen.

Ob das in diesem Jahr schon auf der Grünen Woche zu sehen (und zu schmecken) ist, weiß ich zwar nicht - persönlich warte ich auf das Angebot von Toddy, von ceylonesischem Palmenwein - aber ich bin sicher, daß das paulinische Modell vom einen Leib und der Vielfalt der Glieder auch für Kirche und Wirtschaft erfolgversprechender ist als eine fade Welteinheitskirche und -kultur.

Der Konsumentenstreik der letzten zwei Jahre hat ja schon viele aufwachen lassen: Bauchschmerzen allerorten, Leib-Schmerzen. Soll man nun die reichen Glieder, die Millionäre, zu mehr Abgaben zwingen, wie es der Theologe Friedrich Schorlemmer meint? Oder soll man wie sein Kollege Richard Schröder süffisant sagen: Zu dumm, um unseren bisherigen Bedarf zu stillen, haben einfach nicht genug Millionäre? Zur Zeit geht es dem Ganzen jedenfalls schlecht; der Staatsmagen kann die Glieder des Körpers nicht wie bisher ernähren, er fastet schon selbst und verschlingt dennoch noch zuviel. Also müssen wir wohl alle noch weiter abnehmen.

Daß es so wie immer jedenfalls nicht endlos weitergeht, das haben schon die Plebejer im Jahre 494 vor Christus demonstriert, als sie auf Roms Nachbarhügel ihren eigenen Laden aufmachen wollten - die ersten Globalisierungsgegner in einer sich ausdehnenden Stadt. Die Fabel vom Leib und den Gliedern bewog sie noch einmal zur Rückkehr. Menenius Agrippa hatte sie erfolgreich eingesetzt, um die Macht der Patrizier zu erhalten. Das verstimmt seitdem viele christliche Leser, weil sie auch aus ihrer eigenen Geschichte um den Mißbrauch dieses Gedankens wissen, wie jedwede Obrigkeit immer alles unter ihre einheitliche Kontrolle bringen will - aber das Bild läßt sich ja auch anders lesen, wie bei Paulus und in den christlichen Gemeinden: als Lob der Vielfalt: Weil Christus einer ist und sein Leib sowohl einer als vielfältig gegliedert - darum können wir so vielfältig sein und bleiben, wie wir sind, mit all unseren verschiedenen Gaben.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite