Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis über Röm 12, 17-21

Liebe Gemeinde!
Vermissen Sie in der Kirche nicht manchmal klare Worte, Worte, die uns ohne wenn und aber sagen, was wir zu tun haben? Manche von uns klagen jedenfalls: "Immer diese wohlabgewogenen Stellungnahmen, dieses sanfte 'sowohl-als auch', selbst die Worte des Papstes haben nicht mehr den Biß, den sie früher einmal hatten." Wer an kirchlicher Ausgewogenheit und Uneindeutigkeit leidet, dem kann heute geholfen werden. Die Worte des Apostels Paulus jedenfalls sind unmißverständlich:

"Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21.22). Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Kurz und bündig, liebe Gemeinde: Schluß mit jeder Art von Rache! Schluß mit dem 'Aug um Auge, Zahn um Zahn'! Das gilt gegenüber persönlichen Feinden, aber auch gegenüber Feinden der christlichen Gemeinde. Und wie haben sich die Christen verhalten?

Riskieren wir einen kurzen Blick in die Kirchengeschichte, fällt das Ergebnis verwirrend aus: In den Christenverfolgungen durch den römischen Staat - kein Gedanke an Rache. (Einzelne Racheakte hätten die Christen ja durchaus unternehmen können, die Ermordung römischer Statthalter vielleicht.) Als sie später stärker waren, im Mittelalter etwa, da gingen sie dann doch gegen vermeintliche Feinde vor - gegen die Juden beispielsweise, denen man unterstellte, die Brunnen zu vergiften. Und wie hat man das begründet? Das war dann natürlich keine vom Evangelium verbotene Rache, sondern - modern gesprochen - Terroristenbekämpfung. (Ist der Dorfbrunnen vergiftet, ist das für eine Gemeinde schließlich das Todesurteil.) Aber mit diesem Verdacht konnte man gleich so manche persönliche Rechnung begleichen und ganze Verfolgungswellen 'begründen'. Auch im Zeitalter der Glaubenskriege nach der Reformation sind schreckliche Grausamkeiten begangen worden - aber auch der Gedanke: "'Mein ist die Rache', spricht der Herr," ist nicht ausgestorben. (Davon handelte Conrad Ferdinand Meyers Gedicht).Genausowenig aber starb der Gedanke der Rache. Das Prinzip der Vergeltung, es herrscht ja noch immer - zwischen verfeindeten Christen in Nordirland beispielsweise. Jahrhundertealte Siege und Niederlagen werden begangen, als sei das alles gestern gewesen.

Im persönlichen Bereich nimmt das nicht solch gewalttätigen Formen an. Rache? Kein Gedanke - bloß: Einen kleinen Denkzettel möchte man dem einen oder der anderen doch schon verpassen. In einer kirchlichen Karikatur hieß es einmal: "Für 100 Mark erwähne ich in der Predigt ihren Lieblingsfeind". Und: "Sagen Sie in der Predigt doch mal, daß Frau Müller netter zu mir sein soll!" (Das habe ich vor Jahren wirklich einmal gehört.) Die Suche nach der kleinen Rache geht also weiter.

Andererseits beten wir auch unabläßlich um Frieden - seit mehr als 10 Jahren im wöchentlichen Friedensgebet. Wo bleibt bloß der Erfolg? Und was ist aus der eindeutigen Absage an die Rache geworden? Müssen wir vielleicht mehr tun? Öffentlich demonstrieren: "Lieber Osama Bin Laden, liebe Terroristen, wir erklären euch nicht den Krieg, wir erklären euch den Frieden. Wir sind nicht Eure Feinde!"

Aber reicht es aus, seinen Friedenswillen bloß zu beteuern, um mit den Unfriedlichen Frieden halten zu können? Was wäre noch zu tun - wieviel an Ausgleich zwischen arm und reich? Wie teuer - in Euro und Cents -würden wir uns unseren Friedenswillen zu stehen kommen lassen? Andererseits: Sind die Ursachen des Unfriedens wirklich nur sozialer Natur, so daß alle nur gleich reich oder arm sein müßten, um wirklich miteinander in Frieden leben zu können?

Fragen über Fragen - und keine Antworten. Dafür die klare Anweisung des Apostels: Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Eine klare Anweisung? Klingt das nicht eher wie eine Einschränkung, dieses "ist's möglich, soviel an euch liegt", eine Einschränkung, die zwar nicht den Friedenswillen der Christen einschränkt - der soll unbegrenzt sein - aber auch nicht meint, er könne damit auf jeden Fall Frieden schaffen?

Der Erfolg der paulinischen Friedensmission ist in der Tat weltlich nicht garantiert, sondern viel bescheidener angelegt: Wir verzichten darauf, selbst Rache zu üben. Rache ist süß, Rache ist Blutwurst? Nein, wer Rache übt, handelt nicht christlich.

Wenn uns das wirklich gelänge, zu leben, ohne uns zu rächen, dann hätten wir mit einer langen, sehr langen menschlichen - auch religiösen - Tradition gebrochen, einer Tradition, die Rache zuläßt, etwa im persönlichen Umfeld, um damit verlorengegangene Ehre wiederherzustellen.

Unter jungen Leuten ist das ja wieder eine verbreitete Lebensregel: zu kämpfen um der beschädigten Ehre willen. Da wird jede Ermahnung von Lehrern und Erwachsenen als Angriff auf die persönliche Ehre verstanden; also beharrt man auf dem Unrecht, setzt noch einmal nach, streckt noch einmal die Zunge raus und ballt die Faust - bevor man dann taktisch den Rückzug antritt, nicht ohne seine "Tags" - die persönlichen Graffiti oder Duftmarken - zu hinterlassen. Man könnte solches Verhalten als albern und kindlich abtun, wenn man nicht an Erfurt denken müßte - und wenn es bei den Erwachsenen nicht ähnlich zuginge: Da wird dann natürlich geschickter verfahren, da wird beispielsweise jede Niederlage in einen Sieg umgelogen. Jede Wahl kennt doch nur Gewinner. Was sollten da Akte politischer Rachsucht? Wir sind doch nicht im Mittelalter. (Heute heißt das: Mobbing.)

Wieviel an Lebensqualität könnten wir gewinnen, wenn wir wirklich Gott die 'Rache', den Ausgleich für selbst Erlittenes, überließen, wieviel würden wir gewinnen an Freiheit und Gelassenheit...

Sicher, wer im Sinn dieser Lebensregel einen Angriff auf seine Ehre mit einem Lächeln pariert, der wird auch heutzutage Aggressionen auslösen, derart seltsame Heilige machen die Welt auch nicht unbedingt zu einem besseren Ort, man kann sich die Feinde nicht einfach wegdenken - aber einen Gewinn hätten wir doch von dieser Lebensregel: einen sehr persönlichen Gewinn an Freiheit und Gelassenheit, vielleicht sogar an Gesundheit.

Meister Eckhart, der große Prediger und sogenannte Mystiker am Ende des Mittelalters, hat einmal gesagt: "Daß du mein Feind bist, dafür bin ich die Ursache!" Diesen Satz sollte man einmal auf sich selbst und sein Leben anwenden: "Daß du mein Feind bist, dafür bin ich die Ursache...".

Wirklich überwunden haben wir das Böse mit dem Guten dann zwar noch lange nicht, aber wir haben es in seine Schranken gewiesen. Wir können das Böse nicht besiegen - das kann Gott allein - aber wir können ein wenig ("ist's möglich, soviel an euch liegt") verhindern , daß es sich in uns ausbreitet - und damit sogar auch Einfluß beim Feind ausüben. Paulus zitiert dazu eine alte Redensart aus dem biblischen Buch der Sprüche: »Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21.22)

Schon die jüdischen Ausleger hatten ein wenig Mühe, dieses krasse Bild zu verstehen: Feurige Kohlen aufs Haupt sammeln, das muß man sich einmal konkret vorstellen - das tut doch weh. Da stellt sich die Frage: Ist das jetzt ein Strafakt oder ein Bußakt? Ist mein Gutestun für die anderen Strafe - weil sie sich beschämt fühlen müssen - oder ist das mit den Kohlen aufs Haupt ein drastisches Zeichen der Umkehr des Feindes, der sein Fehlverhalten eingesehen hat - ähnlich dem vertrauteren Bußzeichen von der Asche auf dem Haupt?

Wie gesagt, die Ausleger sind sich nicht einig. Ich sehe hier eher das Schmerzhafte des Vergleiches. Ohne das Bild von den Kohlen gesagt: Wer dem Feind Gutes tut, tut ihm auch weh. Der streitbare Bischof Dibelius (?) sprach immer davon, die Kommunisten totzulieben. Wer Gutes tut, kann anderen also wirklich weh tun.

In manchen Ländern wird, wer nach dem Weg fragt, in die falsche Richtung geschickt - weil es als die bessere Tat gilt, eine falsche, als keine Antwort zu geben.

Die  Fußballgeschichte dazu: Weltmeisterschaft 1966, ganz hinten in Anatolien. Endspiel Deutschland gegen England (Ich sage nur: Wembley, das umstrittene dritte Tor). Damals natürlich kein deutsches Fernsehen weit und breit. Frage der deutschen Reisegruppe an die türkischen Gastgeber: Wer hat gewonnen? Die höfliche Antwort (weil man seinem Gast doch Gutes tun muß, statt Revanche für vergangene eigene Niederlagen zu nehmen): Deutschland. Die Folge: eine gigantische Siegesfeier, die Gruppe hält das ganze Dorf aus - bis das richtige Ergebnis bekannt wird. Das tat dann richtig weh.

Zurück zum Ernst des Lebens: Sie sehen, solch gute Regeln können auch mißverstanden werden - und selbst wohlverstanden lösen sie nicht alle Probleme -aber heute morgen ging es auch nicht darum, wieder einmal eine wohlausgewogene kirchliche Stellungnahme abzugeben, sondern unmißverständlich klarzumachen, daß Rache nicht zu den christlichen Verhaltensweisen gehört: Rache, das geht für Christen einfach nicht. "Mein ist die Rache", spricht der Herr.

Einem Konfirmanden, der sehr unter dem dauernden Um-seine-Ehre-kämpfen-Müssen litt und Rachephantasien entwickelte, empfahl ich die Lebenshaltung: "Was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbellt." Wäre das nicht auch etwas für Sie - angesichts von Verletzungen und Kränkungen durch Nachbarinnen und Nachbarn? Noch einmal: Auch das löst nicht alle Probleme. Aber wer sich rächt, der verhält sich nicht christlich.
Amen.
 
 


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