Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias über Röm 12, 1-3

Liebe Gemeinde!
Wie gefährlich ist der Gottesdienst? Nicht besonders, werden Sie sagen, was kann einem da schon Unangenehmes widerfahren? Das Gesangbuch kann einem auf die Zehen fallen, man kann sich an einer Kerze verbrennen oder beim Nebenmann mit Schnupfen anstecken. Aber das kann schließlich überall passieren. Kurz und gut: Der Gottesdienst ist wohl ein ziemlich sicherer Ort. Heute allerdings - und das ausgerechnet am Festtag der Taufe Jesu - wird der Gottesdienst lebensgefährlich. Unser heutiger Predigttext macht meine Bemerkung verständlich. Paulus schreibt:
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr  eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Gottesdienst ist Opfer, Opfer des Leibes. Was meint Paulus damit? Sollen wir uns jetzt hier opfern, entleiben - wie fanatische Märtyrer, denen der Tod mehr bedeutet als das Leben? Wird der Altar wieder das, was er in der Antike war: Schlachtbank? Das wäre ja wirklich lebensgefährlich - oder ist das alles nur irgendwie symbolisch gemeint? Aber wie? Eines ist klar: Paulus spricht hier vom Gottesdienst ganz anders, als wir das für gewöhnlich tun. Gottesdienst ist für ihn nicht bloß die Veranstaltung am Sonntag von 10 bis 11, sondern nicht mehr und nicht weniger als das ganze Leben der Christen: Alles, was Christen tun und lassen, ist Gottesdienst. Er nennt diesen Gottesdienst des ganzen Lebens nun ein "Opfer" und erklärt auch, was er damit meint: Im christlichen Gottesdienst, der das ganze Leben umfaßt, wird nicht Zeit oder Geld, überhaupt nicht irgend etwas geopfert, sondern man opfert sich selbst. Im Verständnis seiner Zeit heißt das: Die Christen sind Opferpriester und Opfergabe zugleich. Das klingt aber nun wirklich lebensgefährlich - und ist es offensichtlich auch. Aber wie ist das gemeint?

Wer nur etwas opfert, auf etwas verzichtet, der behält alles andere ja zurück, gibt einen Teil vom Ganzen. Gott aber will uns ganz. Und das geschieht in der Weise, daß der Christ in seinem ganzen Leben für Gott da ist: in Arbeit und Familie, in Freizeit und im öffentlichen Leben, ganz im Sinne des ersten Gebotes, Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt zu lieben.

Religion ist also keine Privatsache, sondern in jeder Beziehung Gottes-Dienst: nichts nur Innerliches, nichts, was nur einen Teil von mir beträfe - also auch nichts bloß Politisches, bei dem die Tat wichtiger wäre als die innere Einstellung. Bis in unsere Gegenwart hinein hat es da in der Geschichte der christlichen  Kirchen immer wieder törichte Auseinandersetzungen gegeben, wurde das eine gegen das andere ausgespielt.

Paulus ist ganz etwas anderes wichtig: Wenn er vom "Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist", spricht, meint er nicht das auch uns geläufige Verständnis vom Opfer als Mittel zum Zweck: Ich gebe was, damit jemand mir gibt, hier: ich opfere mich auf, damit ich beim lieben Gott gut angesehen bin.... Das wäre jene Werkgerechtigkeit, die Martin Luther im Anschluß an Paulus als unbiblisch verworfen hat. Opfern meint für Paulus: Wir geben unser Leben aus Dankbarkeit auf. Darin besteht unser "vernünftiger" Gottesdienst. Wir behalten unser Leben nicht für uns, sondern wir leben für Gott und füreinander.

Das ist aber nun wirklich lebensgefährlich - denn es gefährdet unser altes Leben, das Leben vor der Taufe, das Leben, das uns selbst gehörte. Wer nicht für Gott lebt, der ist geneigt, ja gezwungen, alles auf sich zu beziehen: Mein Haus, mein Auto, mein Pferd - oder: meine Wohnung, meine Sachen, meine Kinder. Mit unserer Taufe kam die Wende: Nun gehören wir Gott. Das alte Leben ist vorbei. In der Taufe haben wir uns geopfert, besser gesagt: wurden wir Teil von Jesu Christi Opfer - nun sind auch wir Opfer. Opfer aber ist nicht gleich Opfer. Christlich gesehen meint Opfern: Alles gehört nun Gott.

Was aber heißt das fürs praktische Leben, wenn man als Christ nicht so daherleben kann wie alle anderen, die sich um sich selbst drehen dürfen? Um diese Frage tobte in einer anderen Gemeinde, an die Paulus damals einen Brief schrieb, in Korinth, gerade ein Streit:
"Uns Christen ist alles erlaubt," sagten die einen - man nannte sie die "Starken" -, "wir sind frei von allen Vorschriften, ob sie nun von außen oder aus der Gemeinde kommen."
"Keineswegs", sagten die anderen - man nannte sie die "Schwachen" - "von allem, was in der Welt von Bedeutung ist, müssen wir uns abwenden: von Geld und Macht, von Einfluß und Gewalt."

Paulus versucht zu vermitteln, besser gesagt, er sucht eine wirkliche Lösung in dieser Auseinandersetzung. Er müht sich ab, er versucht, ganz praktische Anweisungen zu geben. Davon handeln dann auch die Kapitel des Römerbriefes, die unserem Predigttext folgen. Aber zuerst stellt er eine allgemeine Regel auf, wie die Diskussion geführt werden soll:
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch  durch Erneuerung eures Sinnes,  damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, daß niemand  mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern daß er maßvoll von sich halte, ein jeder,  wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Erstens muß klargestellt sein, daß ein Christ sich nicht nach den Regeln dieser Welt richten darf, er muß sich ändern. Dann muß er prüfen, was Gottes Wille ist. Und dabei muß er einen Grundsatz beachten: Halte Maß, überhebe dich nicht über die anderen, urteile für dich nach deinem Maß, nach dem Maß deiner Erkenntnis, zwinge die nicht anderen auf, sonst zerstörst du die Gemeinde. Gemeinde wird erst möglich, wenn einzelne nicht ihr Maß überschreiten. Laßt einander gelten!

Paulus redet hier in einem sehr wörtlichen Sinn evangelisch: Wenn wir glauben, meint Paulus, werden wir begreifen, was Gott von uns will. Der Christ kennt Gottes Willen ohne das Gesetz durch Gottes Geist. Dabei ist jedoch jedem ein durchaus verschiedenes Maß an Glaubenserkenntnis gegeben, so daß wir uns fragen müssen: Wie gehen wir mit unseren verschiedenen Einsichten um?

Nach Paulus ist es uns nicht erlaubt, von den anderen zu fordern, daß sie so denken wie wir - gar noch mit dem Zusatz, sie seien sonst keine oder schlechte Christen. Damit stellt Paulus aber auch keinen Freibrief aus, daß jeder machen kann, was ihm in den Sinn kommt. Wie also soll es sein? Paulus begründet die Notwendigkeit für das Gespräch in der Gemeinde. Deshalb sind die protestantischen Gemeinden mit Sprech-Stellen ausgestattet, mit kleinen Parlamenten, den Gemeindekirchenräten. Hier fallen nach Diskussion die Entscheidungen. Das ist meist mühsam, anstrengend und langwierig - aber 'vernünftiger' Gottesdienst, Leben als Geopferte. (Warum ich das betone? Weil wir in diesem Jahr wieder einen neuen Gemeindekirchenrat wählen müssen und auf freiwillige 'Opfer' angewiesen sind, Opfer in Anführungszeichen.) Denn das meint nun nichts Heroisches. Wir sind ja nicht im Krieg nach Hollywood-Manier - da muß dauernd einer sterben, um die anderen zu retten. Grundsätzlich gilt mit Paulus: Opfer sind wir alle schon dadurch, daß wir in Christus getauft wurden. Ein Opfer aber ist genug. Sein Opfer ist genug.

Natürlicherweise will ja auch keiner Opfer sein: Unter jungen Leuten ist 'Opfer' gerade ein Modewort für Weicheicher, für Leute, die sich nicht durchsetzen können, die nicht zählen - und auf die man auch nicht setzen kann. Solche 'Kandidaten' meint Paulus nicht. Wenn Paulus uns in seinem Brief an die Römer das christliche Leben als Opfer vor Augen stellt, dann deshalb, weil wir aus dem Opfer unsere Stärke fürs Leben beziehen: Wir in der Taufe in Christus Geopferten leben nicht uns selbst, sondern wir leben Gottes Leben. Wir gehören zu Gott - und gehören damit keiner Macht der Welt mehr, weder Staat noch Eltern (oder Kindern) noch der Kirche. Aber auch nicht uns selbst. Und das ist auch gut so, das ist vernünftig.

Das griechische Wort, das Paulus hier verwendet, das Wort "logos", bedeutet neben Vernunft auch Satz, Urteil und Beschluß, meint also Debatte und Gespräch - und in der Philosophie und Religion von damals bedeutet es auch Geist. Vernünftiger Gottesdienst, christliches Leben als Geopferter, das meint also: Gottes Geist sucht Opfer, denen er etwas Gutes tun kann. Gott sucht Menschen, die sich von ihm befreien lassen wollen vom Opferzwang der Welt. Irdisch gilt ja weiterhin die Parole: Opfer müssen gebracht werden. Und damit greifen weltliche Interessen nach uns: der Staat - aber auch die Gruppe, die Schulklasse. Alle wollen Opfer machen.

Gottes Geist sucht Menschen, die da gegen sind, die überhaupt dagegen sind, sich dem auszuliefern, was die Welt von einem will: Querdenker und Querhandler, Querulanten einer vernünftigen Art, die aufs Opfern nicht aus Selbstsucht und Selbsterfüllung, sondern auf dankbare Selbsthingabe aus sind, auf den kleinen Dienst zwischendurch. Solche Opfer haben es gut. Sie haben es hinter sich, was die anderen noch belastet: den Zwang, sich selbst zu beweisen, indem sie sich zu Opfern machen.

Einmal Opfer - immer Opfer? So könnte Paulus mißverstanden werden. Einmal Opfer - nie wieder Opfer? Das trifft auch nicht ganz seinen Gedanken. Einmal mit Christus Opfer - und dann frei vom weltlichen Opferzwang leben, aber zum Dienst am Nächsten bereit - unter Umständen sogar dazu, sein Leben einzusetzen: das meint Paulus mit seinem Wort vom Gottesdienst als Opfer, als Opfer des Leibes.

Und so gesehen, liebe Gemeinde, ist Gottesdienst - auch der von Zehn bis Elf - tatsächlich lebensgefährlich - denn er beendet das alte Leben. Hier kann man sich nicht nur wie überall mit Schnupfen anstecken, hier riskiert man nicht nur den Einfluß von Kerzen und Gesangbüchern, hier riskiert man buchstäblich sein altes Leben: Denn wer sich mit seiner Taufe auf das Evangelium einläßt, der oder die riskiert es, ein neuer, ein befreiter Mensch zu werden: als Opfer nicht mehr sich selbst, sondern im Geist Gottes nur Christus und den Christen zu leben.

So gesehen, liebe Gemeinde, braucht der Gottesdienst einen Warnhinweis - ähnlich denen auf den Zigarettenpackungen (die ziehen ja auch eher an, als daß sie abschrecken):
Die Kirche warnen: Gottesdienst kann tödlich sein. Er gefährdet ihr Ego.
Er macht allerdings auch süchtig - sehnsüchtig nach Leben.
Amen.
 
 


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