Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Reformation live

Reformation live ist ein Gottesdienst am Reformationsfest, der den Gedanken von der 'Rechtfertigung allein aus Gnade' im Gottesdienst als Gottesdienst entfaltet. Die verschiedenen dramatischen Elemente wollen nicht als Rollenspiel oder Anspiel verstanden werden, schon gar nicht als Erinnerung an eine alte Geschichte, sondern sind Ausformungen des überlieferten Gottesdienstes mit seiner Meßstruktur.

Reformation live beruht auf dem Gedanken, daß 'Rechtfertigung allein aus Gnade' ein Thema von heute ist. 'Rechtfertigung allein aus Gnade' wird dabei verstanden, wie Martin Luther die Rechtfertigung des Sünders verstanden hat. Die heutige Situation wird dagegen von einer durchaus bestreitbaren These her verstanden:
1. Unsere Gegenwart steht in einem apokalyptischen Horizont. Dies ist den (meisten) Menschen bewußt.
2. Der apokalyptische Horizont stellt die Menschheit vor die Frage nach möglicher Rettung.
3. Angesichts einer Fülle verschiedener Antworten können einige - stark typisierend - hervorgehoben werden als
- der Weg religiöser Rettungsversuche, der die Welt negiert;
- der Weg 'positiven Denkens', der vor dem Gericht der Welt bestehen lassen will;
- der Weg, gegen die 'gnadenlose Gesellschaft' Gott anzurufen.
Dabei sollen diese Typen zwar als Alternativen deutlich, aber nicht karikiert werden. Jeder hat heute seine Anhänger und seine Plausibilitäten. An jedem Gedanken "ist was dran" - auch theologisch. Von da her lebt besonders die "Disputation" nicht nur vom Wortlaut, sondern auch von den sie führenden Personen. Im Idealfall sollten sich die Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer in einen lebendigen Gedankengang hineingenommen fühlen können. Gesellschaftlich-theologische Alternativen werden so im Gottesdienst gleichzeitig. Die vorgestellten Alternativen sind aber nicht gleichwertig. Gegen die 'gnadenlose Gesellschaft' Gott anrufen - das ist unser Vorschlag, heute den Gedanken von der 'Rechtfertigung allein aus Gnade' zum Thema zu machen.

Die Vorstellung einer 'gnadenlosen Gesellschaft' wird nicht allen vertraut sein. Es mehren sich jedoch die (theologischen) Analysen, die - gegen vordergründig gegenteilige Anzeichen - unserer Gesellschaft dieses Prädikat zuschreiben. (Zu der so verstandenen Gesellschaft zählt auch und gerade eine moralisch aufrüstende Kirche.) Vgl. Thomas Lackmann, Im Fegefeuer der Öffentlichkeit: Der Tagesspiegel, Nr. 15 541 vom 18.2.1996 und Michael Beintker, Schuld und Verstrickung in der Neuzeit, in: Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd. 9: Sünde und Gericht, Neukirchen-Vluyn 1994, 219 - 234.

Unter der Voraussetzung dieser These wird die evangelische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade in mehreren gottesdienstlichen Schritten entfaltet:
- Eröffnet wird der Gottesdienst mit (ausgewählten) Thesen Martin Luthers. Sie bringen den Vorrang des Evangeliums vor dem Gesetz zur Geltung - entsprechend dem Eingangsvotum.
- Der Bußakt findet als Kerzenprozession statt.
- Die Anrufungen werden mit der Litanei für das Ende des 20. Jahrhunderts gestaltet.
- Die Verkündigung der Frohen Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade wird vorbereitet vom Dialog verschiedener Standpunkte (und dem Angebot eines Freibriefes) und der anschließenden Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes.
- Das Bekenntnis geschieht durch ein Lied, das Gottes Ehre preist.
- Die Einnahmen aus dem Geschäft um gnädige Mitmenschen werden unsere Kollekte zum Wohl des Nächsten. Die Gemeinschaft der begnadeten Sünder feiern wir im Abendmahl.
- Sendung und Segen nehmen das besondere Thema in einer gewohnten liturgischen Form auf.

Reformation live macht den Vorschlag, über das in jedem Gottesdienst übliche Maß hinaus den ganzen gottesdienstlichen Raum und die liturgische Mitgestaltung durch alle Gottesdienstteilnehmerinnen und - teilnehmer anzustreben:
- durch Ausgestaltung der Kirche mit Bildern und Texten, die die apokalyptische Situation der Gegenwart erschließen,
- durch den Thesenanschlag am Kirchenportal,
- durch einen Eingangspsalm beim Einzug der Gemeinde in die Kirche,
- durch einen Bußgang durch die Kirche,
- durch den Gang zum Erwerb des 'Freibriefes',
- durch die Anregung zum persönlichen Einstimmen in das Lied um das Kommen des Heiligen Geistes
- durch den Gang zum Empfang des Abendmahls.

Das hier vorgestellte Projekt hat viele Mütter und Väter, die zu immer neuen Elementen beigetragen haben. In unterschiedlicher Gestalt wurde der Gottesdienst in mehreren Kreuzberger Kirchengemeinden gefeiert. Die erste Konzeption geht auf Pfarrer Bernd Seelig und mich zurück, die hier vorgestellte Form auf Pfarrer Oliver Dekara, Doris Mertke und mich.
Verschiedenen Konfirmandengruppen haben sich beteiligt, auch die "Jugendetage" von St. Jacobi. Dabei war es eine große Hilfe, mit aufeinander "eingespielten" Menschen sowohl die Vorbereitungen gemeinsam zu treffen als auch den Gottesdienst zu feiern. Besonders der Chor der Kirchengemeinde St. Jacobi-Luisenstadt, das Luisenstädter Vocalensemble, mit seinem Leiter Oliver Lüsch und ein geistesgegenwärtiger Kirchwart wie Andreas Korn waren eine große Hilfe - aber Talente wie diese sind gottlob hier und da in unseren Gemeinden noch zu finden.

Material zur Vorbereitung
Apokalyptische Bilder und Slogans, z.B. die Stiche von Dürer
Poster mit Graffitti
Anschlagbrett
Thesen, Auswahl aus den "95 Thesen über den Ablaß", insb. 1, 36 und 62, 94f.
Prozessionskreuz für den Chor
(Buß-)Kerzen: alle möglichen Formen und Größen
Kollektenkörbchen - 'Ablaß'kiste
'Erlösergewand' - Smoking, Yuppiekleidung
"Freibriefe" blanko: Raum für persönliche Eintragungen - Name und Datum,  besondere Verdienste

Rollen
"Freibrief"verkäufer
ein Chor mit brennenden Kerzen
Kerzenverkäufer (Der "Warner"):
ein "Retter"
ein Prediger
ein Litaneilektor (während des Liedrufes "Herr, erbarme dich")

Zur Gestaltung mit Gruppen:
Bei der Vorbereitung können beliebig viele Menschen beteiligt sein. Auch die Durchführung steht einer variablen Anzahl offen. Die Zusammenarbeit mit Religionsgruppen in Schulen drängt sich geradezu auf.
Für alle Beteiligten, besonders für die unvorbereiteten Gemeindeglieder, ist ein kommentierter Gottesdienstzettel hilfreich. Am 31.10.1993 sah er so aus:

Reformation live
Unsere Welt am Abgrund - wo ist Rettung?
Mit Beginn des Glockenläutens findet vor der Kirche der Thesenanschlag statt.
Wenn die Glocken ausgeläutet haben, singt der Chor im Eingangsbereich das "Psallite Deo".
Anschließend zieht die Gemeinde mit dem "Dies Irae" (Chor) in die Kirche ein: In der Kirche weisen Texte und Bilder hin auf die uns heute bedrohende apokalyptische Situation.
Hinter der Tür bietet - gegen Geld - ein Warner Kerzen für die Prozession an: "Das Ende der Welt ist nah. Setzt Zeichen: Kauft Bußkerzen! Es gibt Kerzen für jeden Anlaß: für den nichtbesuchten Nachbarn, für den gedachten Fluch, Kerzen für Sünden, über die man besser nicht redet..."
Wir hören die Litanei für das Ende des 20.Jhs.:
Gemeinde und Chor singen währenddessen den Liedruf: "Herr, erbarme dich". EG 178.11
Ein Retter gibt Anregungen, wie wir unsere Zukunft sicherstellen können.
Er bietet "Freibriefe" an, die den Empfängern bestätigen, in der Öffentlichkeit vor den Folgen ihrer Versäumnisse sicher zu sein.
Allen Anwesenden werden sie - gegen Geld - angeboten, auch Ihnen!
Ein Prediger unterbricht das Geschäft und widerspricht: "Eine gnädige Öffentlichkeit läßt sich nicht erkaufen. Gegen die gnadenlose Gesellschaft können wir Gottes Gericht anrufen. Von Gott kommt das Heil. Mit Gott müssen wir keine Geschäfte machen - wir können es nicht - wir brauchen es nicht. Und mit den Folgen unserer Taten müssen wir durch andere Taten fertigwerden."
Es kommt zur Entscheidung: Was sagt die Heilige Schrift zum Thema Heilwerden? Röm 3, 21-30 - Wir werden zur Entscheidung für das Wort Gottes gerufen.
Einer nach dem anderen stimmt ein in das
Lied "O komm, du Geist der Wahrheit'' EG 136, 1 - 4
Abkündigungen: Aufforderung, die Gelder aus dem 'Schein'geschäft für dasWohl des Nächsten einzusetzen
Gegen die falschen Heilsangebote singen wir ein
Glaubenslied: ''Allein Gott in der Höh sei Ehr und dank für seine Gnade' EG 179
Abendmahlsbetrachtung, Einsetzungsworte, "Christe, du Lamm Gottes" und Austeilung
Chor: "Lobe den Herren" von Distler
Fürbittgebet und Vater unser
Schlußlied: "Ein feste Burg ist unser Gott" EG 362
Segen
Orgelnachspiel - Und was wird aus den 'Freibriefen'?

Materialien
I. Thesenauswahl
1. Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort:
"Tut Busse" usw., daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.
36. Jeder Christ, der seine Sünden aufrichtig bereut, hat den vollkommenen Nachlaß von Strafe und Schuld, der ihm auch ohne Ablaßbrief gebührt.
62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
94. Ermahnen soll man die Christen, daß sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle hindurch zu folgen trachten,
95 und so lieber durch viel Trübsal in den Himmel einzugehen als durch unerschütterte Sorglosigkeit ihrer Sache sicher zu sein.

2. "Dies irae" (Sequenz aus dem Requiem, apokalyptische Dichtung, seit dem 13. Jahrhundert bis zum II. Vatikanischen Konzil in der römisch-katholischen Messe für die Verstorbenen, einfache gregorianische Melodie z.B. im alten Gebet- und Gesangbuch für das Erzbistum Köln)

Dies irae, dies illa
solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sybilla.

Quantus tremor est futurus
quando iudex est venturus
cuncta stricte discusurus!

Tuba mirum spargens sonum
per sepulcra regionum
coget omnes ante thronum.

Mors stupebit et natura,
cum resurget creatura
iudicanti responsura.

Liber scriptus proferetur,
in quo totum continetur,
unde mundus iudicetur.

Iudex ergo cum sedebit
quidquid latet apparebit,
nil inultum remanebit.

Quid sum miser tunc dicturus?
Quem patronum rogaturus?
Cum vix iustus sit securus.

Rex tremendae majestatis
qui salvandos salvas gratis:
Salva me, fons pietatis!

Recordare, Iesu pie,
quod sum causa tuae viae:
Ne me perdas illa die!

Quaerens me sedisti lassus,
redemisti crucem passus:
Tantus labor non sit cassus!

Iuste judex ultionis
donum fac remissionis
ante diem rationis!

Ingemisco tamquam reus,
culpa rubet vultus meus,
supplicanti parce Deus!

Qui Mariam absolvisti
et latronem exaudisti
mihi quoque spem dedisti.

Preces meae non sunt dignae
sed tu bonus fac benigne,
ne perenni cremer igne!

Inter oves locum praesta
et ab haedis me sequestra
statuens in parte dextra!

Confutatis maledictis
flammis acribus addictis
voca me cum benedictis!

Oro supplex et acclinis
cor contritum quasi cinis
gere curam mei finis!

Lacrimosa dies illa
qua resurget ex favilla
iudicandus homo reus.

Huic ergo parce, Deus.
Pie Jesu, Domine,
dona eis requiem.
Amen.

Deutsche Übersetzung
Tag des Zornes, Tag der Zähren, wirst die Welt in Asche kehren, wie Sibyll und David lehren.
Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt mit Fragen, streng zu prüfen alle Klagen!
Laut wird die Posaun' erklingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen.
Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben.
Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen.
Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten.
Weh! Was werd ich Armer sagen? welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?
König schrecklicher Gewalten, frei ist deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, laß Gnade walten!
Milder Jesus, wollst erwägen, daß du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen.
Bist, mich suchend, müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen, mög dies Mühn zum Ziel gelangen.
Richter du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache.
Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen, laß mein Bitten Gnad erlangen.
Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen.
Wenig gilt vor dir mein Flehen; doch aus Gnade laß geschehen, daß ich mög der Höll entgehen.
Bei den Schafen gib mir Weide, von der Böcke Schar mich scheide, stell mich auf die rechte Seite.
Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der Selgen Wohnung.
Schuldgebeugt zu dir ich schreie, tief zerknirscht in Herzensreue, selges Ende mir verleihe.
Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden;
laß ihn, Gott, Erbarmen finden.
Milder Jesus, Herrscher du, schenk den Toten ewge Ruh. Amen.
 

3. "Die Litanei für das Ende des 2O. Jahrhunderts"
Die einzelnen Anrufungen begleitet die Gemeinde mit dem Liedruf "Herr, erbarme dich" nach der Melodie EG 178,11 (Peter Janssens 1973).

Die Luft wird immer schlechter -
Das Ozonloch nimmt immer größere Ausmaße an -
Die Renten sinken -
Die Arbeitslosigkeit nimmt zu -
Ossis und Wessis fallen übereinander her -
AIDS - Leichenberge in aller Welt -
Unbekannte Krankheiten tauchen auf -
Inflation - was wird aus der D-Mark?
Die Industrie geht, die Armen kommen -
Das Konkurrenzdenken wird immer stärker -
Das Arbeitstempo nimmt immer mehr zu -
Der Krankenstand in den Betrieben wächst -
Jeder ist sich selbst der Nächste -
Es gibt keine gute Nachbarschaft mehr -
Die Medien zeigen nur noch Sex, Mord und Totschlag -
Gewalt auf der Straße ist allgegenwärtig -
Es gibt immer mehr Straftaten -
Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sterben aus -
Die Preise steigen ohne Ende -
Die Mieten werden unbezahlbar -
Unsere Kinder haben keine Zukunft mehr -
An allen Ecken und Enden der Welt herrscht Krieg -
Flüchtlingsströme ziehen durch die Welt -
Das Ende der Welt ist nah!

4. Ein Freibrief

5. "Disputation" (Ein Vorschlag)
- Ein Retter bietet sich an -
Hallo, Nachbarn, ich muß Sie mal was fragen. Hat Ihnen das jetzt geholfen, diese Kerzen und Gesänge? Brauchen Sie wirklich Rettung vor einem fernen Weltuntergang? Interessiert Sie denn wirklich die ferne Zukunft, während um Sie herum so vieles im Argen liegt? Lassen Sie doch den Weltuntergang Weltuntergang sein! Ist es heute nicht viel wichtiger, daß Sie einmal etwas für sich selbst tun?
Nicht Kerzen anzünden und singen. Das ist ein Unding. Jetzt sind andere Dinge gefragt. Was machen Sie sich Gedanken über die Hölle im Jenseits, wo Ihnen doch Ihre Nachbarn das Leben schon jetzt zur Hölle machen. Tun Sie doch einfach mal was für Ihr positives Image!
Mein Vorschlag: Lassen Sie sich kein schlechtes Gewissen machen! Der größte Feind von Motivation und gutem Handeln ist das schlechte Gewissen
Lassen Sie sich nicht verunsichern, verwirren, schlecht machen! Denken Sie positiv, entwickelen Sie Ihre guten Kräfte! Optimistisch die ganze Kraft für das Gute einsetzen: positiv denken! Einfach ein guter Mensch sein! Das ist es.
Kein höheres Wesen hilft da, wenn Sie Angst vor den Mitmenschen haben müssen, wenn die einen fertigmachen im Beruf; wenn die Kinder einem zusetzen mit ihren maßlosen Wünschen.
Sie können selbst das Nötige tun: Ihre Mitmenschen, die ganze Gesellschaft, gnädig stimmen. Wie? Ganz einfach!
Sie hier tun doch schon lange eine Menge Gutes: Fasten, Meditieren, Workshops hier und da, politisches Engagement, ökologisches Handeln - sehen Sie mal, was Sie alles leisten! Stellen Sie ihr Licht nicht unter den Scheffel, zeigen Sie den anderen, was Sie Gutes tun!
Denken Sie positiv!

- Kerzenverkäufer (mit Bauchladen voller Kerzen) mischt sich ein, repräsentiert den Lösungsvorschlag der Weltflucht -
Du bist mir ja ein ganz Schlauer, läßt Gott einfach außen vor. Aber ich sage Euch, sein Gericht wird kommen, und wir werden für unsere Taten einstehen müssen. Gnade uns Gott, wenn er kommt und seine Herrschaft errichtet! Rettet Eure Seele! Tut Buße, damit wir nicht untergehen! Was bist Du für ein hohler Optimist? Gegen die Bosheit der Welt kann man ja doch nichts machen. Kriege - in der weiten Welt, vor der Haustür, in der Nachbarschaft und in der Familie-  die wird es immer geben. Was kümmert Euch Euer Bild bei den Menschen - da kann man eh nichts machen - vor Gott müßt Ihr ein gutes Bild abgeben!

- Erneut der Retter -
Ach, dieses Gerede von Gott! Wo zeigt Gott denn seine Macht? Wo denn?
Vielleicht später mal. Jetzt aber vertraut lieber auf euch selbst!
Die Menschen gehen gnadenlos mit euch um, das ist doch das wahre Problem.
- spricht einen aus der Menge an -

Ja, der Herr da sagt es gerade: Unsere Gesellschaft ist gnadenlos, ihre Belastungen machen uns fertig. Wir brauchen uns nicht nach dem gnädigen Gott zu fragen, wir brauchen eine gnädige Gesellschaft, den gnädigen Mitmenschen. Ich zeige Ihnen jetzt mal, welche Möglichkeiten Sie da haben.

Da ist sie: der Freibrief!

Wenn Ihnen jemand ein schlechtes Gewissen machen will, lassen Sie sich gar nicht erst darauf ein. Wenn Ihnen keiner Ihr Engagement, ihr positives Handeln glaubt - wir geben es Ihnen schriftlich, mit Brief und Siegel! Sie brauchen sich nicht länger schlecht machen zu lassen:
 -liest den Text vor -

So können Sie Ihr gutes Handeln schwarz auf weiß nachweisen. Kommen Sie gleich, meine Kollegen warten schon auf Sie, lassen Sie ihre positiven und guten Gedanken hier eintragen! Und das alles - natürlich - kostenlos. Das ist ja hier kein Ablaß, wir sind doch nicht im Mittelalter. Lediglich eine kleine Abgabegebühr erheben wir für unsere Aufwendungen - und die ersten vier, die sich jetzt entscheiden und nach vorn kommen, haben sogar alles frei!
Was kann Ihnen Besseres passieren? Kommen Sie!

- während der Kauf schon losgeht -
Ich habe schon fünf davon zu Hause - und Sie sehen, wie ich bin: optimistisch und erfolgreich, kein Miesepeter wie der da mit seinen Kerzen. Machen Sie mit! Und mal ganz unter uns: Ich weiß nicht, wie Sie sonst ihren Nachbarn noch unter die Augen treten wollen.

- Die Freibriefverkäufer treten auf- und führen individuelle Verkaufs-und Beratungsgespräche: Was wird in Ihrem persönlichen Freibrief eingetragen? Was ist Ihnen das wert?-

- Prediger im Talar mit Barett, hat unauffällig zugehört, drängt sich nach vorn, wirft das Barett empört hin, haut auf den Tisch oder stürzt ihn um -

Einspruch: Schluß mit der Bauernfängerei, das sind doch alles falsche Versprechungen! Was dieser selbsternannte Retter verspricht, kann er doch gar nicht halten. Einen "Freibrief" stellt er Euch  aus - meint ihr, der ist nur auch das Papier wert, auf dem er gedruckt ist?

Wenn ihr Angst habt vor Euren Mitmenschen, weil sie so gnadenlos mit Euch umgehen - dann überlegt mal, woran das liegt! Gnadenlos geht ihr doch schon mit Euch selbst um.

Was wollt Ihr alles leisten, wie wollt Ihr sein? Friedfertig, jung, schön, bei allen beliebt, umweltbewußt, frei von Schuldgefühlen, perfekt funktionieren, sicher leben, ein glückliches Familienleben haben - und den Kindern soll es einmal noch besser gehen - ihr seid wie besessen vom Zwang zur Leistung! Immer mehr, immer mehr - das ist Euer Gott!
Und wenn der Euch genommen wird? Wenn aus dem Immer-Mehr auf einmal ein bißchen weniger wird? Dann steigert Ihr Euch erst recht in den Zwang zum Mehr hinein - wie besessen! Macht dem ein Ende! Dieser Retter da predigt für Gesunde und Starke! Was sollen denn die Armen und Schwachen machen?

Um freizuwerden von diesem Zwang, hilft kein Papier, kein "Freibrief", da helfen keine guten Taten schwarz auf weiß, die man den anderen unter die Nase reibt. Wer mit seinen guten Taten protzt, sich als Weltmeister im Gutes-Tun aufbaut, wird erst recht auf die Nase fallen. Ein humanes Miteinander kann man sich nicht erkaufen.

Ihr wollt eine einfache Lösung für die Nöte dieser Welt - Image, das sei alles - aber Ihr wißt doch wohl, wohin einfache Lösungen führen. Denkt an eure Geschichte!

Ich hingegen kann Euch nichts versprechen, was Ihr gerne hören wollt.
Ich rede von Gott und Jesus Christus - und seiner Gerechtigkeit.
Jesus Christus ist kein Zauberer gegen Eure Sorge vor einer gnadenlosen Gesellschaft, er nimmt Euch nicht aus der Welt heraus - aber er bewahrt Euch davor, in der Welt aufzugehen - und darum geht Ihr auch nicht mit ihr unter! Gott gibt Euch nicht die Antwort auf alle Fragen, er hält nicht den Weltuntergang, die Apokalypse auf - aber er bleibt ihr Herr!
Deshalb braucht Ihr Eure Not nicht mit flotten Sprüchen zu überspielen, braucht nicht verdrängen, was Euch an Angst im Nacken sitzt. Das Ende der Welt kommt ja gewiß - und zu unserem Glück, denn wir brauchen Gottes Gericht über unsere Untaten - weil wir die Folgen unserer Taten nicht beseitigen können, weil sie uns überwältigen und zu erdrücken drohen.

Laßt Euch nicht von den Erwartungen Eurer Nachbarn gefangennehmen - sie sind nicht das Maß der Dinge! Sonst macht Ihr die Menschen zu Eurem Gott, die Gesellschaft, die Geschichte- oder Eure Mitschüler, Kollegen und Nachbarn, die alle sagen wollen, was 'man' zu tun hat. Seid keine Mitläufer, schwimmt gegen den Strom! Laßt Euch nicht kaputtmachen mit tausend Forderungen und abertausend Anforderungen! Ihr braucht nichts tun für Euer Heil. Alles ist von Gott getan. Denn es gilt, was der Apostel Paulus lehrt: Gott ist Euch gnädig.

Hört seine Worte: - Röm 3, 21 - 30 -

Ich kann Euch das wohl nicht so attraktiv verkaufen wie diese beiden hier ihre Heilsangebote, aber ich glaube: Wir sind erlöst!
Darum glaube ich nicht, daß es auf das Image vor Gott ankommt - wie dieser apokalyptischeWarner.
Darum glaube ich nicht, daß es auf das Image bei den Menschen ankommt - wie euer persönlicher Retter da.
Ihr seid gerecht gemacht, von Gott geliebt.
Laßt Euch das gefallen!
Das ist alles.
Dann seid ihr gelassen und könnt durchschauen, was ihr treibt - und von Gottes Geist geführt bessere Wege gehen.
- stimmt das Lied an: O komm, du Geist der Wahrheit, einer nach dem anderen fällt ein -

6. Abendmahlsbetrachtung, z.B. Erneuerte Agende Nr. 502 (Verfasser: Andreas 0siander)

7. Sendungswort nach der Austeilung, z.B. Röm 5,1

8. Fürbittgebet, z.B. nach Jörg Buchna, Dich rufen wir an. Gebete für den Gottesdienst, S. 111

9. Feierlicher Schlußsegen, z.B. Die Feier der heiligen Messe. Meßbuch, S. 542f


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