Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag im Advent über Phil 4, 4-7

Liebe Gemeinde!
Zur Vorbereitung auf Weihnachten eine letzte Frage, eine Prüfungsfrage: Was steht da in Phil 4, 4? (Wir haben das als die heutige Epistellesung gehört.) - ? - Das war übrigens auch die Frage an meinen Lehrer in Theologie, als der, noch Student, seine Prüfung im Fach Bibelkunde abzulegen hatte: —Herr Kandidat, was steht denn da Phil 4, 4?ž Der spätere Professor Jüngel sagt nach kurzer Überlegung: —chairete, zu deutsch: freuet euch!ž —Aber bitte, Herr Kandidat, da steht doch noch mehr!ž Jetzt wird er unsicher, stottert und fängt noch einmal an: —Wie gesagt: chairete, freuet euch!ž Und wider Erwarten hat der Kandidat bestanden, denn tatsächlich steht da eine Wiederholung: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!

Ob diese Begebenheit wirklich so passiert ist, weiß ich nicht. Zwar erzählt man sie sich im Brandenburger Predigerseminar, aber eigentlich ist es eine schon ziemlich alte Anekdote, was man schon daran merkt, daß die Prüfungen in Bibelkunde heute natürlich in deutscher Sprache stattfinden. Die Anekdote wurde abwechselnd verschiedenen Promis angedichtet, nach dem Motto: mehr Glück als Verstand, das brauchen auch die Erfolgreichen und Berühmten. Und beim Erzählen der Anekdote stellt sich manchmal bei einem selbst eine kleine Freude ein - wenn man sich daran erinnert, selbst einmal so oder so ähnlich glücklich davongekommen zu sein. Wenn man dann anderen solche Erlebnisse erzählt, fallen dem einen oder der anderen rasch ganz ähnliche ein: von einer bestandenen Prüfung oder einer schlagfertigen Antwort oder wie man einem Polizisten das Knöllchen ausreden konnte. Manchmal kommt man beim Erzählen wieder in die alte Hochstimmung von damals. Es kommt zur Erzählgemeinschaft der Noch-einmal glücklich-davongekommenen.

An solche Geschichten von der Freude muß ich beim heutigen Predigttext denken. Da geht es nicht um Freude auf Befehl, da sprudelt der Apostel Paulus vor Freude über und will andere damit anstecken: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!

Anstecken will er die anderen mit seiner Freude über die Nähe Christi des Herrn. Und was er dann noch sagt, muß er gar nicht groß erläutern - wer so voller Freude ist über die Nähe Christi wie Paulus, dem kaufen wir auch ab, was er sonst noch alles sagt: Eure Güte laßt kundsein allen Menschen! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!

Für die einen, die Nüchternen, sind das selbstverständliche oder gar lästige Ermahnungen, für die andern Ausdruck der wahrscheinlich längsten Freude der Welt, nämlich Freude konkret, Freude ohne Ende, Freude von oben: Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

—Amenž, möchte man sagen und es damit gut sein lassen. Das alles ist ein klarer Fall von Freude, diese Reihe von Ausrufen, mit denen Paulus seinen Brief an die Philipper schließt. Das einzige Problem: Können müßte man das; sich wirklich so freuen können, um den Ausruf caivrete nicht als Befehl, sondern als Impuls verstehen zu können, der so ansteckend ist wie ein guter Lacher. —Wenn ich doch nur so einfach und zufrieden glauben könnte wie meine Großmutterž, seufzte einmal ein Religionslehrer.

Was ist so anders an seiner Großmutter? Oder sagen wir gleich: an Paulus? Ging es ihnen - äußerlich gesehen - besser? Das kann doch wohl keiner im Ernst behaupten angesichts der harten Auseinandersetzungen, mit denen Paulus fertigwerden mußte, und angesichts dessen, was die Großmütter des vergangenen Jahrhunderts mitgemacht haben. Den Unterschied müssen wir anderswo suchen. Sie, liebe Gemeinde, könnten jetzt sagen, das liegt doch auf der Hand: Beiden war Christus nahe. Beide glaubten so richtig fest ­ und so kann ich heutzutage eben nicht glauben. Ist der Lauf der Welt nicht ein einziger Aufschrei: Freuet euch nicht!? Und ist uns Gott nicht so fern, wie er ferner nicht sein könnte? Theologen reden von der Ohnmacht Gottes und einer anderen Theologie nach Auschwitz.

Ich glaube das nicht.

Ich glaube schon, daß uns Heutigen Gott eher fern als nah vorkommt. Ich glaube auch, daß Auschwitz zum Inbegriff all dessen geworden ist, was den Glauben an Gott schwer macht. Aber ich glaube nicht, daß wir in einer grundsätzlich anderen Lage sind als Paulus oder die erwähnte Großmutter. Worin bestand für sie denn die Nähe Christi? Hatten sie ihn anders als im Glauben? Konnten sie wissen, wo wir glauben müssen? Keineswegs. Ihnen war Christus auch nicht näher als uns.
Ganz allgemein gilt sogar: Gerade wer glaubt, der empfindet Gottes Ferne, möchte, daß er endlich kommt, daß dieser Advent von zweitausend Jahren Dauer ein Ende hat und der Herr endlich aufräumt mit dem Elend der Welt.

Ich gehe einen Schritt weiter. Ich meine, daß uns Gott auf diese Weise gerade nahe ist. Er ist in der «Abwesenheit anwesendŽ. Diesen Ausdruck prägte mal einer meiner Lehrer, eben der mit der glücklich bestandenen Prüfung in Bibelkunde. Damit hat er abstrakt gesagt, wie es Paulus, der genannten Großmutter und uns ergeht: Daß Gott uns fehlt, hält ihn uns gegenwärtig, wie es der Gedanke an einen lieben Menschen tut, der nicht da ist. Er ist weg - und doch irgendwie da, machmal sogar intensiver, als wenn man ihn die ganze Zeit um sich hat.

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich finde, daß der Glaube diese Erfahrung der Ferne Gottes braucht. Wem Gott hingegen beständig gegenwärtig ist - Sie wissen, auch solche Menschen leben unter uns - wen er berät, wie ein guter Freund, wem er erfahrbar ist, wie der Nachbar von oben, dem fehlt mit der Erfahrung dieser Ferne die der Unbegreiflichkeit, des Andersseins Gottes. Das hat Folgen: Ein solcher Mitchrist kann unduldsam werden gegenüber Menschen, die Gott so nicht erfahren, schlimmer noch: der kann selbstgenügsam werden, der hat seinen Glauben, so daß er die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, nicht mehr braucht. Wie kann er sich eigentlich sicher sein, daß sein Glaube nicht der an einen selbstgemachten Gott ist? Solche Christen machen den anderen das Leben ebenso schwer wie die, die lieber die Not der Welt vor Augen haben als den Herrn, der naht.

Demgegenüber empfehle ich das paulinische Großmuttermodell: Der ferne Herr ist dort nahe, wo seine Nähe bekannt wird: im Gebet - sei es im privaten oder im öffentlichen. Und wer im Gebet die Nähe des fernen Herrn bekennt - in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden - der kann seine Ferne besser aushalten, der kann die Not der Welt an sich heranlassen, ohne sich durch sie zerstören zu lassen. Einfacher gesagt: Gott ist mir nahe, wenn mir gesagt wird, daß er nahe ist. Damit kommt er. Das war für Paulus so, für die genannte Großmutter - und für uns.

Laut Dietrich Bonhoeffer sind Christen Menschen, die beten, das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. Das letzte ist entscheidend: auf Gottes Zeit warten. Der Christ betet im Gebet letztlich immer um Gott selbst, Gott wird radikal erwartet.

Und dadurch kommt dann schon heute Freude auf, Vor-Freude nämlich, Freude darüber, daß Gott im Kommen ist. Denn, wenn Menschen glauben und sagen, daß Gott kommt, dann sagen Menschen sagen das nicht aus sich, sondern im Heiligen Geist. Dann wird überraschend eine Brücke geschlagen über den Abgrund, der Gott und Mensch trennt.

Dann kommt wirklich Freude auf - so überraschend wie die über die so glücklich bestandene Bibelkundeprüfung zu Phil 4, 4 oder: Ja, kennen Sie eigentlich die Geschichte von meiner Führerscheinprüfung? Ich glaube, ich habe sie schon einmal erzählt: Vier Stunden mußte ich warten, bis ich an der Reihe war. Bis dahin hatten alle bestanden, aber dem Prüfer ging der Ruf voraus, immer genau zwei Prüflinge durchfallen zu lassen. Und richtig: Als ich an die Reihe kam, als letzter, da war die Frau vor mir gerade durchgefallen. Jetzt war das eine klare Sache, die Statistik war gegen mich. Trotz flatternder Nerven fuhr ich aber einwandfrei und sollte zum Schluß den Wagen in der Einfahrt zur Fahrschule abstellen. Ich biege ein. Da steht auf einmal unerwartet ein geparktes Fahrzeug. Ich fahre noch darauf zu, komme näher, der Fahrlehrer muß eingreifen - tööt - die Alarmklingel schrillt kurz vor dem gerade noch verhinderten Aufprall. Das warŽs dann, kann ich noch denken, als das Fahrzeug zum Stillstand kommt.

Wie betäubt steige ich aus und schleiche hinter Prüfer und Fahrlehrer her zur Abschlußbesprechung. - Da krieg ich den Schein. Stellen Sie sich das vor: Ich kriege den Schein. Noch heute kann mich der Gedanke daran in Begeisterung versetzen: Der gefürchtete Prüfer - seinen Namen werde ich nie vergessen: Er hieß Maus - gab mir den Schein (zeigen). Ich hätte die ganze Welt umarmen können: Am liebsten hätte ich damals im Dezemberregen vor 34 Jahren was Gutes getan, alle nach Hause gefahren oder sonstwas. Paulus hat Recht, wenn er sagt: Eure Güte laßt kundsein allen Menschen! Vor lauter Freude macht man das dann einfach.

So weltlich mein Erlebnis mit dem gnädig gewährten Führerschein auch ist - auch Paulus muß so aus dem Häuschen gewesen sein, als er unerwartet und unverdient die Gnade des Herrn erfuhr. (Schließlich war er zuvor auf Kollisionskurs mit den Christen und ihrem Herrn.) Darum sagte er: caivrete, und wiederum: chairete.

Heute lernen wir heute also griechisch, liebe Gemeinde. Dieses eine Wort nur, aber das können wir im Leben gebrauchen: caivrete, freut euch! - In Griechenland ist das übrigens ein Alltagsgruß, so wie in Israel das Wort Schalom - aber nicht deshalb meinte ich, das wir unser heute gelerntes griechisches Wort im Leben gebrauchen können: nicht etwa, um Souflaki und Gyros zu bestellen, sondern weil es uns den Herrn nahebringt, wenn wir mit Paulus sagen: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!

Und Paulus geht sogar noch einen Schritt weiter: Den Herrn zu haben, macht alles andere, alles, was einem ansonsten ach so wichtig ist, vergleichsweise wertlos: Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne. So heißt es wenige Zeilen vorher. Auf griechisch klingt das so: Panta ... skybala. Martin Luther übersetzt das noch vornehm mit «DreckŽ. Paulus spricht drastischer: Weil Christus ihm alles ist, ist alles andere... Was er da wirklich sagt? Das sagt man nicht - und: Ein griechisches Wort zu lernen, das sollte uns für heute reichen. Lernen wir also dieses eine: chairete! Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Amen.
 
 


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