Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Palmarum über Phil 2, 5-11

Liebe Gemeinde!
Die kirchliche Liturgie feiert den Einzug Jesu in Jerusalem. Sie feiert ihn, wie in der Antike der Einzug des Herrschers in seine Stadt gefeiert wurde, mit Palmzweigen und mit Gesängen. Wie auf diese Weise die Anwesenheit des weltlichen Herrschers gerühmt und gepriesen wurde, so im Gottesdienst die Gegenwart des erhöhten Christus: —Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!ž (Mk 11,9) So wird Gott gerühmt, in dessen Name Jesus kommt, mit Palmen und Psalmen, Gott in seiner Macht und Herrlichkeit. Die Begeisterung von damals wird in der Liturgie wieder lebendig. Und wer heute zu spät kommt... ­ darf nach altem Brauch scherzhaft ŪPalmeselŪ genannt werden. ... Das Osterlachen über die rettende Erhöhung kommt schon heute auf.

In diesen Jubel stimmt heute ein frühchristlicher Liedermacher ein. Er hat ein Lied nach Art der Psalmen gedichtet, ein Lied auf Christus. Es ist selbst getextet, gr. idios - Idiotenpsalm nennt man das, im Wortsinn von 'selbst gemacht'. Wir haben ihn heute bereits als Epistellesung gehört. Es ist der Christushymnus aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi.

Das Lied beginnt mit einer knappen Einleitung. In einem Satz wird der Zusammenhang zum Vorhergehenden hergestellt, zum Leben in Christus: —Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.ž Damit fordert Paulus wiederholt auf zur Einigkeit unter den Christen in der Stadt Philippi, wie er das in den Versen vorher mit ganz ähnlichen Worten schon gemacht hat. - Dann wird das Lied auf Christus angestimmt. Frage: Wie ist es zu der Gemeinschaft in Christus gekommen ist? Antwort: —Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.ž Das ist so etwas wie eine erste Strophe: zwei Verse, nach Art der Psalmen gereimt: d.h. es sind zwei Satzteile, die denselben Gedanken umspielen. Christus war Gott gleich ­ aber es war nicht die Gottgleichheit, die der Mensch in der biblischen Erzählung von Adam und Eva haben wollte, als er der Versuchung erlag: —Ihr werdet sein wie Gott.ž

Christi Gottgleichheit war sein Eigentum, er brauchte sie nicht zu rauben, er brauchte nicht krampfhaft an ihr festzuhalten, er konnte sie nicht verlieren, als er den Menschen gleich wurde. Davon handelt die zweite Strophe: —Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.ž Wieder sagen jeweils zwei Satzteile dasselbe. Zur ersten Strophe jedoch bilden sie einen spannungsvollen Gegensatz: Aus göttlicher Gestalt wird Knechtsgestalt, aus Gottgleichheit Menschengleichheit. Der göttliche Christus ­ er sieht aus wie einer von uns und ist doch nicht unseresgleichen.

Die dritte Strophe betont die Freiwilligkeit des Handelns Christi: —Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.ž Sein Gehorsam macht Christus so anders als uns. Während die Menschen den Weg des Ungehorsams gegenüber Gott gehen, bleibt er gehorsam: auch am Kreuz, das nach menschlichem Ermessen für Aufrührer reserviert war, für Ungehorsame gegenüber Gottes Gebot. Paulus schaut von Ostern, von der Erhöhung Christi her zurück und versteht: Der gewaltsame Tod Ūim Namen des GesetzesŪ vollendet die freiwillige Erniedrigung Christi, sie liegt im Sinn seiner Gottgleichheit. Das äußere Verhängnis entspricht zutiefst seinem inneren Wollen. Deshalb kann Paulus sagen: Christus ist gehorsam.

—Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie: die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind ­ und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist ­ zur Ehre Gottes, des Vaters.ž Damit vollendet sich der Weg Christi: von der Selbsterniedrigung zum Erhöhtwerden. Christus steht über allen, die einen Namen haben, die sich einen Namen gemacht haben oder sich einen Namen machen wollen: über den Großen der Welt. Vor seinem Namen gehen alle in die Knie, denn es ist der Name Gottes. So endet das Lied mit dem Jubelruf: —Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters.ž Herr, das ist das Wort, das an die Stelle des Namens Gottes tritt, der vor Ehrfurcht nicht ausgesprochen wird: Jesus Christus ist Jahwe, Jesus Christus ist Gott. Gottes verborgenes Wesen hat nun ein Gesicht bekommen: das Gesicht des Menschen Jesus.

Was für ein Lied, liebe Gemeinde! Es wurde wohl zur Taufe und zum Taufgedächtnis gesungen, um die erlösende Kraft von Christi Erniedrigung und Erhöhung vor Augen zu führen, um sein Kreuz sozusagen ŪverstehenŪ zu lassen.

Dieser selbst gemachte neue Psalmsong, der Idiotenpsalm, ist den nichtchristlichen Zeitgenossen damals allerdings auch idiotisch (so wie wir das verstehen) vorgekommen - nicht, weil sie generell etwas gegen selbst verfaßte Lieder gehabt hätten, nein: Bei einem feierlichen Gastmahl etwa war es Brauch, zur Unterhaltung kleine Liedchen auf Gastgeber und Gäste zu dichten - zu deren Lob und Ehre. Idiotisch im abwertenden Sinn erschien hier aber das, was besungen wird: ein Gott, der sich klein macht.

Zwar gab es für diesen Gedanken eine Vorlage, die damals viele kannten, den Mythos vom Urmenschen: Der Urmensch hat die Gestalt des Lichtgottes, er steigt zu den in der Materie gefangenen Menschen herab, um sie zu erlösen, und kehrt dann wieder in die himmlische Welt zurück. Möglich, daß diese Vorlage unseren unbekannten christlichen Liedermacher inspiriert hat - aber geht das als Jesuslied, als Lied auf einen Gekreuzigten? Als Lied, in dem der als Aufrührer und Gotteslästerer verurteilte —König der Judenž, am Kreuz hingerichtet, als der Herr der Welt gepriesen wird?

Was für ein im doppelten Sinn idiotisches Lied: selbst gemacht und eigentümlich! In der Tat: Kein Lied, das schon allgemeine Anerkennung unter den Menschen gefunden hätte - aber ein Lied, das uns die Karwoche christlich zu feiern erlaubt: als Abstieg und Aufstieg des Gottessohnes; die Erlösung des Karfreitag, weil es Ostern gibt. (Andere feiern in diesen Tagen etwas anderes: das schöne Wetter oder Früh-ling(k)s-erwachen. Kann man ja tun. Aber warum dann nicht auch Spät-rechts-einschlafen feiern? ... Wie trivial ist das: Ostereiertage statt Osterfeiertage) Anders dieses Lied, das hat seine Power: Gott ist so groß, daß er auch klein sein kann; so lebendig, daß er auch in den Tod gehen kann.

Anderen kommt das allerdings nun wirklich idiotisch vor: sich schmücken mit dem Kreuz, ja: sich bekennen zu einem Gekreuzigten. Unser Staat will das seinen Bediensteten jetzt mancherorts nicht mehr gestatten - wie auch andere Bekenntniszeichen. Er sagt, er wolle 'neutral' sein. Ein Bekenntnis zu unterdrücken, ist allerdings keine Neutralität, sondern Anmaßung. Hier stellt der Staat sein Selbstverständnis über das Bekenntnis von Christen, Juden und Muslimen. Er drängt sich zwischen sie und fordert von ihnen, von uns allen Gehorsam, Bekenntnis zur Neutralität. Für den einzelnen Staatsbediensteten hat das Bekenntnis zur staatlichen Neutralität Vorrang vor seinem Bekenntnis zu Gott. So nimmt der Staat selbst die Stelle ein, die Gott gebührt: Auf ihn sollen wir unsere Hoffnungen setzen - weil er allein uns aus sozialer Not und vor dem Terror retten kann. (So denkt er sich das, so hätte er's gern.) Schade, daß man aus seinem Staat nicht austreten kann...

Der Staat wird damit allerdings scheitern - wie schon das heidnische Rom scheiterte, das seinen Bürgern Religionsfreiheit nur im Rahmen des für alle verpflichtenden Kaiserkultes zugestand. Niemand aber kann zwei Herren dienen. Wie der Einzug Jesu in Jerusalem die politischen und religiösen Führer von damals herausforderte, so können wir ihren Nachfolgern heute nicht ersparen, dieses Bekenntnis zu hören und sich dadurch herausfordern und in Frage stellen zu lassen: "In dem Namen Jesu sollen sich beugen aller derer Knie: die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind ­ und alle Zungen sollen bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist ­ zur Ehre Gottes, des Vaters."

Wieviel Religion verträgt wohl unser ach so toleranter Staat - bis er zurückschlägt? Seine Ablehnung religiöser Symbole trifft jedenfalls nicht nur Muslime. Wie reagieren?

Der über die atheistische Erziehung der Kinder und Jugendlichen in der DDR verzweifelte Pfarrer Oskar Brüsewitz hat sich dort Mitte der 70er Jahre demonstrativ das Leben genommen, sich verbrannt. Danach wurde er von seiner Kirche als Einzelgänger abgestempelt und von der westdeutschen Rechten politisch für ihre Zwecke mißbraucht. Ein Idiot eben, im griechischen Sinne: ein Einzelner - und im modernen Sinn: ein Störenfried. Sterben für Christus?

Kein evangelisches Thema ­ wir bringen uns lieber mit Arbeit und Sorgen und durch ungesunde Lebensweise um. Das kommt mir allerdings auch nicht 'evangelischer' vor - und der frohen Botschaft von Christi Selbsterniedrigung und Erhöhung durch Gott keineswegs angemessen.

Darum greife ich wieder zu diesem Lied, das Paulus zitiert - um es heute und in dieser Woche zu beten und zu singen. Der christliche Glaube kommt nicht ohne diesen Lobpreis Gottes aus, wo von der ŪidiotischenŪ, höchst eigenwilligen Erniedrigung und Erhöhung Jesu Christi die Rede ist, von diesem eigenwilligen Gott, der allen gängig-gemütlichen Gottesbildern widerspricht. Doch muß sich nun seinetwegen keiner mehr umbringen. Gott deswegen zu loben, das reicht aus. Das ist ŪidiotischŪ genug ­ und evangelisch ist es auch.

Und wenn das für unseren Staat ein Problem ist - dann wird er noch sehen, was er davon hat.
Amen.
 
 


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