Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Ewigkeitssonntag über Phil 1, 21-26

Liebe Gemeinde!
—Was soll aus dem noch werden?ž So stöhnen nicht nur Erwachsene über einen aus dem Ruder gelaufenen Jugendlichen, das fragt man sich auch, wenn jemand bei einem Fehltritt erwischt wurde und ins Gefängnis muß. Als ich früher in den Semesterferien bei der Post gearbeitet habe, hatte ich einmal eine ZU zuzustellen, eine amtliche Zustellungsurkunde mit dem Vermerk —Ladung zum Strafantrittž. Empfänger war der Hausmeister einer Schule in meinem Bezirk - und da fragt man sich ja gleich, was der wohl auf dem Kerbholz hat und - da sich in unserem Kleinstädtchen alles herumsprach - man fragt sich: —Was soll aus dem noch werden?ž

Dieselbe Frage stellt sich dem Apostel Paulus. Als er seinen Brief schreibt, aus dem wir heute einen kleinen Abschnitt gehört haben, sitzt er schon im Gefängnis. Leider wissen wir die Einzelheiten nicht: nicht den Grund dafür, die Höhe der Strafe - hat es überhaupt einen Prozeß gegeben? - nicht einmal der Ort seiner Gefangenschaft wird uns mitgeteilt. Manche vermuten, daß es Ephesus ist - das würde zu den meisten sonstigen Angaben passen. Wichtig aber ist die Frage: —Was soll aus ihm noch werden?ž Und die stellt sich Paulus selbst.

Paulus hatte ja etwas von - modern gesprochen - einem workaholic an sich, einem, dem die Arbeit alles bedeutet. Sein Einsatz für die Predigt des Evangeliums von Jesus Christus war buchstäblich grenzenlos und hatte ihn schon von Jerusalem bis nach Europa geführt. Die kleine Gemeinde in Philippi, der er hier schreibt, war seine Gründung, die erste auf griechischem Boden. Philippi war damals eine Stadt, deren Bevölkerung von Veteranen bestimmt wurde, von alten römischen Soldaten außer Dienst, die hier angesiedelt worden waren. Zumeist waren es Anhänger des im Bürgerkrieg gegen Julius Cäsar unterlegenen Antonius gewesen. Mittlerweile waren sie und ihre Nachkommen zu etwas Wohlstand gekommen, es war wohl - modern gesprochen - eine Stadt der Mittelschicht.

Auch den Christinnen und Christen dort - bekannt ist die Purpurhändlerin Lydia - ging es nicht schlecht, so daß sie es sich leisten können, Paulus finanziell zu unterstützen - und der nahm ihre Unterstützung auch an, obwohl das ansonsten ja bekanntlich nicht seine Art war. In seinem Brief bedankt er sich dafür. Die Leute in Philippi hatten eben Geld, und Paulus ging es in erster Linie ja darum, ungehindert das Evangelium verkünden zu können. Aber genau daran ist er nun gehindert - weil er in Gefangenschaft sitzt: Was soll aus ihm noch werden? Was soll da aus dem Evangelium werden?

Eigentümlicherweise ist Paulus jetzt aber alles andere als verbiestert. Hauptthema seines Briefes ist nicht nur der Dank - der Dank für die finanzielle Unterstützung - sondern Paulus bringt auch seine Freude zum Ausdruck: Er weiß, das alles gut wird. Diese Denkweise erscheint uns zunächst vertraut, auch wir müssen uns in schwierigen Lebenslagen häufig damit trösten, daß es schon werden wird, daß wir da durch müssen, kommt Zeit, kommt Rat - und wie die Sprüche alle lauten. Bei Paulus aber ist die Begründung eine andere: Nicht positives Denken hilft ihm weiter, solange er kaltgestellt ist, auch nicht die Hoffnung, daß die anderen Missionare jetzt verstärkt an die Arbeit gehen werden, solange er im Gefängnis sitzt - gleich einer Fußballmannschaft, durch die ein Ruck geht, wenn da einer vom Platz gestellt wird; nein, Paulus beliebt angesichts seiner erzwungenen Auszeit gelassen, ja er sieht sogar dem Tod gelassen ins Auge: —Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.ž

Das klingt, als sei er es auf einmal leid: all diese mühsamen Reisen im Dienst der Verkündigung, die Ablehnung, den Mißerfolg. Hat Paulus —die Faxen dickež? —Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.ž So aus dem Zusammenhang gerissen klingt das irgendwie krank. Ist Paulus lebensmüde? Wenn er vor die Wahl gestellt würde, vor die Wahl Tod oder Leben - er wüßte nicht, was er wählen soll: —Ich habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre, aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen.ž Hält ihn nur noch sein Pflichtbewußtsein am Leben, die große Aufgabe?

Das wäre ehrenwert - aber nicht christlich. Im Schlamassel seiner Gefangenschaft entdeckt Paulus hier etwas anderes, etwas Neues, eine neue Begründung fürs Leben. Er hat eine Einsicht, die den kleinen Briefabschnitt für uns wichtig macht, hier und heute - am Totensonntag. Paulus erkennt, daß er auch als Gefangener, als einer der sich im Augenblick nicht engagieren kann, der wie gelähmt dasitzt, ohne Arbeitsmöglichkeiten, daß er als zeitweilig Gescheiterter, gestrandet im Sturm des Lebens - daß er dennoch Christus verkündet. Christus wird verherrlicht an seinem Leibe. Entdeckt da der workaholic die Bedeutung der kreativen Pause? Nein, er entdeckt das Wirken Gottes. Dafür gilt: —Erfolg ist keiner der Namen Gottes.ž Gott vermag also auch über den Mißerfolg zu wirken, durch das Scheitern hindurch, selbst der Tod setzt seinem Wirken keine Grenze. Darum kann Paulus sagen: —Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.ž

Scherzbolde nennen diesen Ausspruch, bzw. das Lied aus dem Gesangbuch, das so beginnt, das Lied der Bestatter. Wieso? Sterben ist mein Gewinn! Auch Paulus hätte darüber wohl geschmunzelt, denn seine Einsicht in die Bedeutung des Todes, die eben darin besteht, daß der Tod keine Bedeutung
mehr hat, machte ihn gelassen.

Was habe ich da gesagt? Der Tod hat keine Bedeutung mehr? Aber er nimmt doch Leben, das Leben unserer Lieben - und er nimmt auch uns Lebensmöglichkeiten. Das macht ihn doch so schmerzhaft.

Paulus, der hier mitten aus dem Leben kommt, durch seinen Gefängnisaufenthalt plötzlich gezwungen ist, über die Bedeutung von Tod und Leben nachzudenken - droht ihm gar die Todesstrafe? - Paulus hat erkannt, daß das alles - Tod oder Leben - ihn nicht von Christus trennt. Es bleibt nicht bei dieser persönlichen Einsicht: Auch die geliebte Verkündigung des Evangeliums - sie ist nicht erfolgsabhängig. Auch im Scheitern und Sterben vermag der Glaube an Christus zu bestehen - was Paulus selbst angeht, aber auch seine Mitchristen. Der Tod ist kein Hindernis, kein Einwand gegen Gott - weil Gott in Christus den Tod besiegt hat. Weder ist der Tod zu verherrlichen noch zu fürchten: allein Christus zählt.

Diese große Botschaft geht von der kleinen Gefängnisepisode aus der Frühzeit des christlichen Glaubens aus. —Was soll aus ihm noch werden?ž Das ist egal. Paulus ist schon etwas: ein Glaubender. Mehr braucht aus ihm nicht zu werden. Mehr kann aus ihm nicht werden. Mehr braucht auch aus uns nicht zu werden. Darum können wir mit den Worten unseres allwöchentlichen Friedensgebetes sprechen:

—Laß uns nicht vergehen an unserem Kleinsein, stärke unseren Glauben! Weil du mit uns gehst, werden wir unser Handeln nach deinem Gesetz nicht vor den Spöttern rechtfertigen müssen. Weil du mit uns gehst, werden wir unsere Erfolge nicht zählen müssen. Weil du mit uns gehst, muß unser Versagen uns nicht vor Mutlosigkeit stumm machen.ž

Das tut gut.
G. Amen.
 
 


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