Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Passionsandacht "Blut und Leben" (Misereor-Hungertuch 2004)

Liebe Gemeinde!
Blutrot strahlt es uns entgegen, das neue Misereor-Hungertuch. Es zeigt vertraute Themen im modernen Gewand. Wie immer zeigt es den Weg Jesu Christi, seinen Leidensweg, den Weg der Erlösung verwoben mit den Erfahrungen der Menschen heute; modern ist die Weise der Darstellung: Wir sehen ein Bild, gestaltet wie der Desktop eines Computers. Desktop, —Schreibtischž, nennt man das Bild, das der Benutzer sieht, um die verschiedenen Befehle geben zu können - man führt den Zeiger der Maus über ein kleines Bild, Ikon genannt, drückt einmal auf die Taste, das Bild öffnet sich zu einem sogenannten Fenster.

Einige Fenster sind geöffnet: Wir sehen ein Straßenkind, Töpfe schlagende Frauen, arbeitende Hände, eine Volksküche, Brot und Wein auf Rosen. Es ist wie mit Computerfenstern, schnelle Blicke reichen, um informiert zu sein: Es geht um den Hunger auf den Straßen, den Widerstand von Frauen in Südamerika, die Hoffnung auf Arbeit, um sich selbst ernähren zu können, das Problem der Verteilung - und das christliche Teilen in der Feier des Abendmahls und darüber hinaus. Weitere Ikons sind noch geschlossen und harren der Entdeckung.

Angefertigt wurde das Hungertuch von sieben Frauen aus Lateinamerika, die als Drogenkuriere in Frankfurt inhaftiert wurden. Sie stellen sich auch selbst darauf dar - als Silhouetten mit dem Labyrinth ihrer Lebensfäden in den Händen.

Ein Bild ist anders gestaltet: das Bild von der Taube vor grünem Kreuz. Es erinnert an die bei Computern üblichen Bildschirmschoner, jene über den ganzen Bildschirm wandernde Bilder, die sich frei bewegen, mal diesen, mal jenen Platz einnehmen.

Die Malerin sagt dazu: —Während ich dieses Bild malte, dachte ich immer an meine Kindheit. Als uns im Religionsunterricht das Leiden Jesu erzählt wurde, mußte ich weinen. Als Jesus gestorben war, wurde die ganze Welt dunkel. Gott hat die Welt verlassen. Doch der Vorhang des Tempels zerriß entzwei, und Jesus ist von den Toten auferstanden und lebt. Die weiße Taube bedeutet den lebensspendenden Geist Gottes, und das grüne Kreuz ist die Hoffnung, die Jesus schenkt. Wer an ihn glaubt, überwindet Hunger und Krieg. Die Taube kann aber auch gekreuzigt sein, weil Friede und Freiheit in dieser Welt so oft ans Kreuz geschlagen wird.ž Einfache Worte, Glaubensbekenntnis und Weltsicht ineins. Ein Bild für schnelle Blicke, nur wenig Text (in spanischer Sprache): —Heute Reis. Blut ist Leben. Christus stillt Hunger und Durst.ž

Den stärksten Eindruck macht wohl die rote Farbe. Sie beherrscht das Bild. Rot wie Blut. Blut - bekanntlich ein ganz besonderer Saft. Blut ist der Sitz des Lebens. Wird Blut vergossen, ist Gewalt im Spiel: Tiere werden geschlachtet, Menschen verletzt. —Ich kann kein Blut sehenž, sagen viele Menschen und schließen die Augen bei der Blutentnahme. Im Krankenhaus fiel mal eine kleine Ampulle um, da haben wir eine Stunde lang geputzt, es sah aus wie nach einem Massaker. Vorsicht bei Unfällen: Sanitäter ziehen Handschuhe an - Aidsgefahr. Blut macht unrein. Das galt im Alten Bund auch in religiöser Hinsicht: Wer sich mit Blut beschmutzte, war kultisch unrein, kultunfähig.

Aber gerade deshalb konnte Blut auch zum Mittel und Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und Mensch werden.Im Tempel von Jerusalem flossen Ströme von Blut, um das Volk zu entsühnen. Die Besprengung der Deckplatte auf dem Thronsitz der Lade mit Blutstropfen des Sündopferstiers am Versöhnungstag führte das Volk zur rettenden Gottesbegegnung. Was passierte da? —Unter stellvertretender Lebenshingabe [des Opfertieres] wird Israel in den Kontakt mit Gott selbst gebracht. In einer Zeremonie, die das Nahekommen zu Gott bis zur letzten materiellen Berührung verdichtet und doch die äußerste Sublimität [Feinheit] der Berührung in der Sprengung eines Tropfens wahrt, wird das Urphänomen der heiligenden Gottesbegegnung vollzogen, der Kontakt des sich offenbarenden Gottes und des sich ganz und gar hingebenden Menschen.ž Einfacher gesagt: Wieder Kontakt zu Gott bekommen - das ist der Sinn des alttestamentlichen Blutopfers. Blut gehört Gott.

Eine Deutung des Todes Jesu, eine ganze frühe, war das Lied vom Gottesknecht: —Er ... tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, ... durch seine Wunden sind wir geheiltž. Bei der Feier des Abendmahls stimmen wir immer wieder an: —Christe, du Lamm Gottesž.

Aber was heißt das? Ist Jesus denn ein Opferlamm, war Jesu Tod ein Opfer? Gewiß nicht in den Augen der für seinen Tod Verantwortlichen, aber auch in den Augen seiner Freunde war Jesus allenfalls ein «OpferŽ des Gesetzes - engl. ein victim - oder der Willkür der Mächtigen oder auch seines Auftrages, das Reich Gottes zu verkünden, eben ein leidender Gerechter wie bei Jesaja, ein verkannter Prophet. Erst nach Ostern konnten die Gläubigen Jesu gewaltsamen Tod am Kreuz auch religiös deuten. Weil sie durch die Auferweckung Jesu vom Tode erfahren hatten, daß Gott auf seiner Seite stand, galt Jesu Sterben nicht mehr als weltliches Blutvergießen, ein Fall unter unzähligen, sondern als Opfer, engl. sacrifice: Sein Blut stellte den Kontakt der Menschen mit Gott wieder her, denn in seinem Tod war Gott selbst den Weg des Leidens und Sterbens gegangen.

Damit hat Gott selbst dem religiösen Blutvergießen und aller Verherrlichung gewaltsamen Todes die Grundlage entzogen, ein für alle Mal. Jesus war das letzte Opfer (sacrifice). Und wenn wir heute von Opfern sprechen, dann ist alle religiöse Überhöhung fehl am Platz. Opfer sind victims. Blut ist nicht zu vergießen, sondern als Lebensquell zu bewahren. —Heute Reis. Blut ist Leben. Christus stillt Hunger und Durst.ž In der Offenbarung des Johannes heißt es über die Erlösten: —Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.ž Jesu Blut macht rein.

Der Seelsorger der Frankfurter JVA fragt angesichts dieser Bilder der Frauen aus Lateinamerika nach der Bedeutung der Farbe Rot: —Ist das Hungertuch blutrot? Verbluten die Menschen, die hier dargestellt sind? Oder ist das Hungertuch gut durchblutet, also voll Leben, so wie jene Menschen, die sich einer guten Durchblutung erfreuen? Können wir die Durchblutung fördern?ž
Amen.
 
 


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