Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt in der Passionsandacht: Das "süße" Kreuz

Liebe Gemeinde!
Symbole haben ihre Geschichte - und dabei verändern sie sich. Das hier - vormachen - ist ursprünglich nicht das heute so genannte —Peacež-Zeichen, das wir von der Oscarverleihung und von den Schülerdemos gegen den Irak-Krieg kennen, sondern steht für V wie victory - also Sieg. Der britische Premierminister Winston Churchill machte es im 2. Weltkrieg zum Zeichen des Durchhaltewillens und der Siegesgewißheit über Hitlerdeutschland.

Das hier - zeigen - ist kein umgekehrtes oder zerbrochenes Kreuz, sondern basiert auf der britischen Signalsprache, zeigt die Buchstabensignale für N und D und steht für «atomare AbrüstungŽ (nuclear disarmament). Es wurde in den fünfziger Jahren zu den Kampagnen der Anti-Atom-Tod-Bewegung erfunden vom englischen Philosophen Sir Bertrand Russell. Aber schon damals galt es allgemein als Friedenszeichen.

Und das hier - zeigen - , das Kreuz-Zeichen?

An den Brandenburger Straßenalleen aufgestellt, bedeutet es Tod: Hier starb ein Mensch. Im Friedrichshain stellt eine Künstlerin darum jetzt jeden Tag Kreuze auf, für jeden Tag des Krieges 10 weitere - Symbole für die Opfer.

Vor 2000 Jahren hingegen war es eine Hinrichtungsart - und zwar mit symbolischer Bedeutung. Kreuzigung entehrte. Kreuzigung - durch Annageln oder Anbinden an Pfahl und Querholz in Form eines T oder + - war darum die römische Strafe für nichtrömische Schwerverbrecher: für Tempelräuber, fahnenflüchtige Soldaten, Aufrührer und Hochverräter: Zur Niederschlagung des Sklavenaufstandes unter Spartakus in den 70er Jahren vor Christus ließ der römische Feldherr Crassus zur Abschreckung Tausende von Sklaven kreuzigen. Entlang der ganzen Via appia von Rom bis Süditalien standen damals die Kreuze.

An einem Kreuz starb auch Jesus - hingerichtet als religiös-politischer Aufrührer.

Wie konnte das altrömische Abschreckungsinstrument zum Erkennungszeichen der Christen werden? Was hat es in der Kirche zu suchen? Können wir uns mit dem Kreuz schmücken - als Anhänger, Kette, Ohrstecker? Und wie kann der Dichter eines geistliches Textes es —süßž nennen? Gipfel der Geschmacklosigkeit!? —Süßž - heute ist das Wort abgesunken zu Kitsch: Wir kennen noch das —Süßholzraspelnž: —mein Süßerž, —meine Süßež. Was sonst noch? Allenfalls dies: —Rache ist süß.ž

Was schmeckt denn nun eigentlich —süßž? Zucker natürlich - und bevor die Menschen Zucker aus Zuckerrohr oder Rüben kannten, war vor allem eines der Inbegriff des Süßen: der Honig. Das kennt schon die Bibel, wenn sie fragt: —Was ist süßer als Honig?ž (Ri 14, 18) Und sie verwendet —süßž auch schon in übertragener Bedeutung: —Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süßž. (Pr 5, 11)

Gottes Wort wird —süßž genannt: —Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.ž (Psalm 119, 103) Die Metaphorik des Schmeckens für Gott ist also schon alt. Wir Christen haben das so gründlich vergessen, daß Lionel Blue, ein britischer Rabbiner, der ein Kochbuch geschrieben hat über die religiös-symbolische Küche in den verschiedenen Religionen, sein Kapitel über das Christentum unter die Frage stellt: —Hat das Christentum den Geschmack an seiner Religion verloren?ž Gottes Wort ist süß.

Das Leiden, das Kreuz Jesu hingegen ist natürlich alles andere als süß. Im Neuen Testament ist ausschließlich ohne schmückendes Beiwort die Rede vom Kreuz. Jesus erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.  (Phil 2, 8)

Dennoch: die Hinrichtungsart, das Folterinstrument ist nicht mehr das, was es vorher war: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. (1.Kor 1, 18)

Woran liegt das? Das Kreuz Jesu Christi hat unsere Schulden erledigt: Die sind bezahlt, abgeheftet. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. (Kol 2, 14)
Darum können wir aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. (Hebr 12, 2)

Damit ist das Kreuz Jesu - nur seines! nur dieses eine! - etwas anderes geworden: nicht mehr Inbegriff eines entehrenden, schändlichen Todes —im Namen des Gesetzesž, sondern Zeichen der Rettung.

Mehr als vierhundert Jahre vergingen, bis es Christen möglich war, diesen Glauben auch so auszudrücken, daß man das Kreuz Christi abbildete: Hier die früheste Darstellung, die wir kennen - auf der hölzernen Eingangstür der Kirche Santa Sabina in Rom: - Dia zeigen -

Aber wie wurde das Kreuz - nur dieses! nur dieses eine! - —süßž?

Seit der Alten Kirche, seit dem Theologen Augustin, gibt es eine handliche Unterscheidung, die man eine Art Auslegung des 1. Gebotes nennen könnte. Seine Lebensregel lautet: die Welt ist zu gebrauchen - Gott aber zu genießen.

Gott - nur Gott! - also genießen. Im lateinischen Sprachraum sprach man von der dulcedo, von der —Süßež Gottes. In dem Weihnachtslied —In dulci jubilož klingt das noch an. Hier wird der Eindruck des Gehörs —süßž genannt.

Dann hat die deutsche Sprache eine (wohl) einmalige Entwicklung genommen: Wird im Mittelhochdeutschen - also im Deutsch des Mittelalters - etwas —süßž genannt, dann gibt es - eben anders als im Lateinischen - gleichzeitig mit der sinnlichen Bedeutung, mit der Beschreibung des Geschmackseindrucks, auch eine übertragene und eine geistliche Bedeutung.
Das heißt: Wenn Gott außer —gnädigž, —gütigž und —freundlichž auch —süßž genannt wird, hat das Wort vom Geschmack eine eigenständige Bedeutung. Bloß: Welche?

Im Kirchenlied kommt es vor in der Bedeutung von —süßemž Schlaf oder als Inbegriff all dessen, was in der Welt verlockend ist. Was der Herr Jesus schenkt, ist demgegenüber dann natürlich —süßerž. Bei Paul Gerhardt ist der biblische Anklang an die Süßigkeit von Milch und Honig im Gelobten Land nicht zu überhören. Philipp Nicolai nennt das Evangelium —süßž - das Evangelium und die heilige Speise, das Abendmahl, m.a.W.: Jesus Christus selbst. In dem Lied —Herr Christ, der einig Gotts Sohnž von Elisabeth Kreutziger kann man eine interessante Beobachtung machen: Indem Christus seine —Süßigkeitž zu schmecken gibt, wächst der Durst nach ihm. Das stimmt zunächst vom Bild her: Süßes macht durstig - und stimmt auch von der Sache her: Von Jesus kann man nämlich nicht genug kriegen. Wer mit ihm anfängt, will mehr. —Süßž heißt das in der Sprache der Mystik. —Süßž ist der Inbegriff aller Sehnsüchte - und ihrer Erfüllung.

Gott ist —süßž - und im Kreuz Jesu ist er auch am Ort bittersten Leidens. Seiner Süße begegnen wir auch dort. Das Kreuz Jesu Christi - nur dieses, nur dieses eine! - ist nicht ohne Gottes —Süßigkeitž. Nicht wird jede Bitterkeit damit in ihr Gegenteil verkehrt - aber auch umgekehrt wird Gottes Süße am Kreuz nicht bitter: Der einander ausschließende Gegensatz von —bitterž und —süßž wird überbrückt, verschmolzen. Ein ganz eigener Geschmack entsteht, etwas noch nie Dagewesenes: Die Worte tanzen. Das einstige Kreuz der entehrenden Todesstrafe kann nunmehr —süßž genannt werden. Aber wirklich nur dieses, dieses eine, das Kreuz Jesu? Was habe ich davon?

Wir haben ein Lied von der Nachfolge Jesu gesungen: —Jesu Kreuz, Leiden und Peinž. Da steht es noch einmal: Jesus macht denen, die um seinetwillen leiden müssen, das Kreuz —süßž. Das Leiden im Namen Jesu ist die Weise, wie Christen leben müssen, aber auch leben können - nicht weil Leiden süß wäre oder weil wir dereinst süße Rache üben könnten, sondern weil da das —süße Kreuzž Jesu ist, von dem das Libretto der Matthäuspassion spricht: —Wird mir mein Leiden einst zu schwer, so hilf du mir es selber tragen...ž. Nur darum kann der Dichter sagen: —Komm, süßes Kreuz!ž

Nicht die Lust an Selbstquälerei beseelt uns oder eine Art von religiösem Masochismus, wir kommen beim Kreuz nicht auf den Geschmack, führen keine Kreuzzüge - aber die Tragfähigkeit des Kreuzes Christi macht bitteres Leiden erträglich. Die Gewißheit des Kommens Gottes läßt in allem Bitteren —Süßež aufkommen. Was ich vom Tod Jesu am Kreuz habe, das ist für mich - im Bild einer Frucht gesagt - —süßž.

So wurde das Kreuz zum Zeichen der Rettung und Erlösung. Symbole haben ihre Geschichte.
Amen.
 
 


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