Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis im Rahmen der Predigtreihe "Glaube im Unterhaltungsformat": "The Outer limits"

Liebe Gemeinde!
—Sind Sie bereit? Bereit für das Unbekannte? Für eine neue Erfahrung, die alles in Frage stellen könnte, was Sie zu wissen glauben? Was Sie jetzt erleben werden, wird Ihr Bewußtsein verändern, denn hinter der vertrauten Realität lauert das Unfaßbare. Hinter dem Sichtbaren verbergen sich geheimnisvolle Rätsel. Hinter dem Augenscheinlichen liegt noch eine andere Wahrheit. Die nächste Stunde versetzt Sie in eine Welt jenseits aller Vorstellungskraft.ž

Mit diesen Worten begann jede deutsche Folge der Fernsehserie —Die unbekannte Dimensionž, auch bekannt unter dem englischen Titel —(The) outer limitsž, die äußersten Grenzen. Als Schüler habe ich sie unter diesem Titel in den 60er Jahren zunächst in England kennengelernt - damals alles noch in Schwarz/Weiß. Und doch gab es viele ungewöhnliche Bilder, viele Spezialeffekte, dazu bekannte Hollywoodstars (Robert Culp, Martin Landau, William Shatner, Martin Sheen) - und schon damals eine vollmundige Einleitung: —Sie werden jetzt die Ehrfurcht und das Mysterium erleben, das vom innersten Denken reicht bis hin zu den äußersten Grenzen.ž Große Worte. Von der Mystery-Welle der 90er Jahre war damals noch keine Rede. Die deutsche Fassung, die später die neuen Folgen einleitete - 7 Staffeln mit 154 Episoden in den 90ern - nahm den Mund dann fast noch voller: Sie wollte uns versetzen in —eine Welt jenseits aller Vorstellungskraftž. (Dabei würde ich eher an einen Gottesdienst denken als ans Fernsehen...)

Was bekam der Zuschauer da nun wirklich zu sehen? Kleine moralische Geschichten. Es ging um Gut und Böse, um richtiges Leben im falschen. Die Guten und die Bösen waren in den Rollen klar verteilt; unklar, wirklich mysteriös war da nur wenig. Kaum daß ich ein paar Folgen gesehen hatte, spottete ich: —Die hat wohl der Vatikan gesponsert.ž Statt in einer anderen Dimension spielten die Geschichten - trotz aller Aliens, Raumschiffe und Monster - offenkundig mitten in unserer Welt.

Jede Episode war in sich abgeschlossen, mit immer wieder neuen Schauspielern besetzt. Das führte wohl auch dazu, daß die Serie bei uns nicht so stark wahrgenommen wurde wie beispielsweise Akte X - das und die späten Sendezeiten. Vielleicht wäre das eher was fürs Jugendprogramm gewesen... In den USA hingegen wuchs schon in den 60ern innerhalb kürzester Zeit um "The Outer Limits" eine Fangemeinde, wie es sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hatte. In jeder Staffel gab es auch eine Folge, die ein verbindendes Element zwischen den eigentlich selbständigen Episoden darstellte, in der verschiedene Szenen aus verschiedenen Folgen miteinander verknüpft wurden, so daß im Endeffekt eine Art Rahmenhandlung entstand - und so überhaupt erst der Eindruck einer Serie.

Ein interessantes Konzept dieser Serie war nun, daß man selten vorher wußte, wie eine Episode zu Ende ging: Manchmal starb die Hauptperson am Ende, manchmal gleich der Rest der Menschheit - und nur manchmal nahm die Geschichte auch einen glücklichen Ausgang. Die Serie ist ebenfalls bekannt für eine Art Erzähler, der zu Anfang ein paar einleitende Worte und zum Ende ein meist tiefgründiges Schlußwort spricht.

Eine Folge hat mich besonders interessiert. Darum habe ich sie für heute morgen als Beispiel ausgewählt. In ihr geht es neben den üblichen moralischen Fragen um die Frage: Was ist der Mensch? und um ein wichtiges theologisches Denkmodell aus dem Glaubensbekenntnis, also wirklich um —Glaube im Unterhaltungsformatž. Die Episode trägt den Titel —Ein Leben nach dem Todž:

Eigentlich sollte der unschuldig zum Tode verurteilte Soldat Stiles längst tot sein. Allerdings wacht er nach seiner Exekution wieder auf - als Versuchskaninchen bei einem militärischen Experiment: Eine Militärärztin injiziert ihm außerirdisches Genmaterial - und Stiles verwandelt sich nach und nach in einen Außerirdischen. Dabei erlangt er zunächst eine außerordentliche, buchstäblich übermenschliche Körperkraft. Schon bald stellt er den Grund für seine "Sonderbehandlung" durch die Army fest. Er ist bestimmt als Testperson, da das Militär die außerirdische Supermacht fürchtet. Daher will es ihre Fähigkeiten erforschen.

Als ich den Film mit einer Gruppe von Religionslehrern besprach, erhob sich an dieser Stelle schon Protest: —Ja, wo sind wir denn hier? Wir reden hier von Aliens, als gäbe es sie wirklich. Was soll das? Das ist doch alles nur Kino.ž Diesen Protest konnten die Science-Fiction-Fans der 60 Jahre allerdings schnell ersticken: In der Filmkritik gilt es als ausgemacht und klare Sache, daß die Monster, die damals in vielen Filmen auftauchten, Bilder sind für tiefsitzende menschliche Ängste jener Zeit des Kalten Krieges: für die Angst vor der atomaren Selbstvernichtung der Menschheit, vor dem übermächtigen Feind aus dem Osten, Bilder auch für die Angst vor allem Fremden. Die damalige UFO-Hysterie galt vielen als Beispiel. Schürt das Militär vielleicht sogar selber diese Ängste, um sie für die eigenen Zwecke einzusetzen? - Und in den 90ern? Überall Verschwörungstheorien, Mißtrauen in das durch das Debakel in Vietnam und den ersten Golfkrieg moralisch in Verruf geratene Militär, Ängste vor Georg Bush sen. —neuer Weltordnungž.

So auch hier in dieser Folge. —Ein Leben nach dem Todž? Was für ein Leben! Um Menschenversuche geht es da - wie im wirklichen Leben: Da gab es Menschenversuche mit radioaktiver Verstrahlung von Militärangehörigen nahe des atomaren Nullpunktes und die großflächige Vergiftung Vietnams mit dem Entlaubungsgift Agent Orange. Da sieht man mal wieder: —Denen da obenž, denen vom militärisch-industriellen Komplex, ist doch alles zuzutrauen. Der ewige Kampf von Gut und Böse - ein Kampf von «ObenŽ und «UntenŽ. Der kleine Mann - nur eine Figur auf dem Schachbrett. - An Tiefe gewinnt der Film aber nun dadurch, daß er aus der Sicht des Opfers erzählt. Sergeant Stiles ist zwar jetzt stark wie nie - aber ist er noch ein Mensch? Das fragt er sich bei seiner allmählichen körperlichen Verwandlung in einen Alien mit gepanzerter Schuppenhaut vor allem selber: —Bin ich noch ein Mensch?ž Beschwörend wiederholt er - wie in einer Litanei: —Meine Seele könnt ihr nicht verändern.ž Auf dem Höhepunkt - er ist aus dem Labor ausgebrochen und auf der Flucht vor dem Militär, mit sich allein - rezitiert er wie zum Beweis seines Menschseins immer wieder den Psalm 23 —Der Herr ist mein Hirte...ž. Seine Botschaft: Mensch ist, wer betet. Oder: Solange ich bete, bin ich noch ein Mensch... Seine Mitmenschen hingegen erweisen sich als Unmenschen: Sie wollen ihn töten.

Schon daß, liebe Gemeinde, hätte gereicht, den Film in diese kleine Predigtreihe über —Glaube im Unterhaltungsformatž aufzunehmen - aber es kommt noch mehr. Was war mit dem Soldaten passiert? Wir erfuhren: Er wurde unschuldig zum Tode verurteilt, hingerichtet - und lebt doch weiter. Das erinnert an...? Mehr noch der Ähnlichkeit: Die Versuchsperson in dem Film ist und bleibt Mensch - und ist am Ende doch ein anderer, ein Alien. Damit ist er etwas Einzigartiges. Er ist nicht einfach «halb MenschŽ und «halb AlienŽ, wie er zunächst im Laufe seiner Verwandlung befürchtet, er ist beides zugleich: ganz Mensch und ganz Alien, anders gesagt: «wahrer Mensch und wahrer AlienŽ.

Mit einer ähnlichen Formulierung bekennen die Christen seit dem Konzil von Nizäa im Jahre 325, wer Jesus Christus ist: «wahrer Mensch und wahrer GottŽ - also kein Halbgott, kein Zwischenwesen, sonders beides zugleich. Gottsein und Menschsein - in der Person Jesu widerspricht sich das nicht. In Anlehnung an dieses Bekenntnis von Jesus Christus haben die Filmemacher die besondere Figur des Soldaten Stiles konzipiert: So wendet der Soldat seine übermenschliche Stärke - die an den Jesus des Johannesevangeliums erinnert: Als Jesus verhaftet werden soll und seine Gegner vor ihm zu Boden fallen - überhaupt Johannes hat etwas von Mystery, wie da eine Szenerie wie die von der Brotvermehrung aufgebaut ist... kinoreif - Stiles nun wendet seine Kraft nicht gegen die Mitmenschen an, die den medizinisch verwerflichen Versuch mit ihm angestellt haben, er flüchtet, ohne zu kämpfen. Trotz seines furchterregenden Äußeren erweist er sich also als menschlicher als die Menschen. Und wie Jesus Christus wird auch Stiles am Ende der Geschichte zum Mittler zwischen Mensch und einer übermenschlichen Macht.

Die Ängste der Militärs vor den Fremden erweisen sich gegen Ende der Geschichte nämlich als berechtigt. Die Aliens tauchen auf, urplötzlich - wie Götterboten oder Engel. Sie nehmen Stiles in ihre Mitte auf - und der Zuschauer erfährt, was hier wirklich gespielt wurde, wer hier wirklich getestet wurde: die Menschheit nämlich, sie selbst also - denn die Aliens hatten es bewußt darauf angelegt, herauszufinden, wie die Menschen wohl mit der Macht umgehen würden, die sie ihnen mit dem fremden Genmaterial in die Hände gelegt hatten.

Am Schluß müssen sich also nicht nur die Militärs, die das Experiment mit dem Menschen Stiles zu verantworten hatten, am Ende müssen sich alle Menschen fragen: Haben wir diesen Test bestanden, oder werden die Aliens uns richten? Vergeben sie uns womöglich - um seinetwegen, um jenes kleinen Soldaten wegen, der zum Opfer eines unmenschlichen Experimentes wurde und nun zum Bindeglied zwischen beiden Welten?

Auch der Zuschauer sieht sich vor die Frage gestellt: Bin ich menschlich genug - oder hat uns das Experiment, jenes im Film ebenso wie all das, was im Leben wirklich geschieht, als die Unmenschen entlarvt, die wir im Umgang miteinander sein können - so daß uns nichts bleibt, als unsere gerechte Strafe zu erwarten?

Natürlich geht es hier vordergründig nicht um Religion, auch nicht um Gott - aber immerhin um das Überleben der Menschheit angesichts ihres immer neuen moralischen Versagens. Soll heißen: Bekommen wir weltlich einst die sichere Strafe, die wir für unser Handeln verdient haben - oder wird ein höheres Wesen, wird Gott einst unser Richter sein? Dann hätten wir noch eine Chance, eine Chance auf Vergebung...

Kleine moralische Geschichten wie diese machten die Serie —(The) Outer limits - Die unbekannte Dimensionž aus - und manchmal enthielt sie ein Kleinod mit tieferer religiöser Bedeutung. In welche «unbekannte DimensionŽ hat uns diese Episode geführt? Zur Frage: Was ist der Mensch? Und zur Antwort des Glaubens: Mensch ist, wer betet. Man muß also nicht aussehen, wie ein Mensch, um menschlich zu handeln. Selbst wer offenkundig kein Mensch ist, kann in einem tieferen Sinn menschlicher sein als die Menschen. Nichtmenschsein und doch ganz Menschsein - das muß sich also nicht widersprechen. In der Geschichte zeigte sich das an der Figur des Soldaten Stiles. Wir haben das schon an Jesus Christus gesehen. Wir bekennen ihn als wahrer Gott und wahrer Mensch, Mittler zwischen Mensch und Gott, jener wahrhaft unbekannten Dimension.
Amen.
 
 


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