Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Taufgottesdienst am Sonntag Kantate über die Osterkantate "Erzittert und fallet" von Wilhelm Friedemann Bach

Liebe Gemeinde!
Nein, so darf ich heute eigentlich nicht anfangen, denn so fängt ja die Predigt an. Predigen werden heute aber Solisten, Chor und Orchester mit Wilhelm Friedemann Bachs Osterkantate —Erzittert und falletž - denn das ist eine Kantate: gesungene Predigt. Mir bleibt nur die Aufgabe einer kurzen Einführung. Warum brauchen wir das?

Der Text der Kantate - sie finden ihn auf dem Gottesdienstzettel - hat befremdliche Züge, jedenfalls für viele von uns. Was gibt es da für selsame Vergleiche und Bilder! Nun, was da gleich musiziert und gesungen wird, ist ein Siegeslied. Es ist eine Art —We are the championsž - nur eben nicht von Queen, sondern von Friedemann Bach - mit Texten nicht aus dem 20., sondern aus dem 18. Jahrhundert. In der Literaturgeschichte Deutschlands ist das die Zeit von —Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drangž. Hier liegt ein klarer Fall von Empfindsamkeit vor. Bei Empfindsamkeit denkt man an die gedrechselten Oden Klopstocks:
—Sie sah mich an; Ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns wardŽs Elysium.ž
(Darüber hat sich später Goethe lustig gemacht und ihm gezeigt, was eine dichterische Harke ist.)

Jetzt habe ich selbst einen seltsamen Vergleich gebraucht, eine Metapher - die von der Harke. Von ähnlich seltsamen Vergleichen, Bildern und Metaphern ist der Text dieses Siegesliedes voll. Da gibt es Bilder aus der Natur - Licht und Schatten, Wolken und Wind, Tag und Nacht - und sehr körperliche Dinge: Liebe und Triebe, Küsse und Adern, Brust und Lust. Manches davon klingt für uns Heutige befremdlich, lustig - oder wie ein Rätsel. Ist das ein Code? Schon. Dennoch hat hier nicht etwa Dan Brown erneut zugeschlagen, nach den Illuminati und dem Da Vinci Code, sondern eben die Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts.

Bloß: Was hier alles zu hören ist, ist irgendwie extrem, es schlägt dem Faß die Krone ins Gesicht. Wieder so eine schiefe Metapher - weil ich hier zwei Bilder ineinander geschoben habe. Ähnlich in dem Text der Kantate: —Die Liebe hat den stolzen Feind bezwungen durch bange Schmerzen, die ihrem treuen Herzen beklemmte Klage ausgepreßt.ž Na ja, es muß sich eben rhythmisch reimen. Was? Dieses unglaubliches Siegesgefühl. Es tobt sich aus in einem Stammeln, weil: Der Tod ist bezwungen.

Diesen Gedanken setzt der Text in rasante und kühne, aber durchaus traditionelle Bilder um. Es ist die Sprache der mittelalterlichen Liebesmystik eines Bernhard von Clairvaux von der Einheit mit Christus. Man findet sie auch bei Paul Gerhardt und Gerhard Tersteegen - all dieses Herzen und Küssen. Eine Art von Minnegesang - aber bezogen auf Christus. Der Grundgedanke: Jesus ist der starke Sieger. Jesus Christus hat den Tod bezwungen - und er ist mein Freund, der meines Feindes - des Todes - Feind ist. Ich bin sein Freund. Davon kann man gar nicht genug schwärmen, denn das hebt - Starkult auf christlich.

Starkult - ja, da werden auch heute noch die Gefühle ausphantasiert: —Robbie, ich will ein Kind von Dir!ž Auch im persönlichen Bereich - Kosenamen für Freunde sind bis heute üblich: Aus der Tochter wird die Prinzessin, aus dem Ehepartner der —Schatzž, aus dem Bruder —Keulež, aus Christian —Krillež. Nicht zu vergessen die Klassiker —Hasež und —Mausiž. Und alles ist geil, selbst der Geiz.

Friedemann Bachs Kantate kommt im Unterschied dazu sprachlich allerdings auf sehr hohem Kothurn daher. (Kothurn - so nannte man die high heels der antiken Schauspieler.) Und ähnlich wie die Models in GermanyŽs next Top Model stolpert die Sprache auch schon mal, verwendet an falscher Stelle Konkretionen, schwärmt beispielsweise für die —reinen Adernž, verschweigt aber das Wort Gott. So gerät sie nahe an die Grenze zum Kitsch. Wer sprachlich (zu) hoch greift, kann auch mal danebengreifen. Gottlob fängt sich die Kantate aber wieder: Da besingt sie am Ende die provokative Gelassenheit des Erlösten im Angesicht all der Schrecken der Welt:

—Rauscht, ihr Fluten, donnernd Blitzen, rauscht auf meinen Felsen zu. Schreckenflammen, ach, schlagt doch zusammen, ich kann dennoch sitzen. Nichts zerstöret meine Ruh.ž

Dieses Sicherheitsgefühl hat seinen Ursprung im Alten Testament. Da ist von Gott und Israel im Bild vom Hirten und der Herde die Rede. Da heißt es wie in Niklas Taufspruch: —Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf all deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.ž (Ps 91, 11f.)

Für uns ist diese Nähe, diese Schicksalsgemeinschaft von Christus und Christen, in der christlichen Taufe grundgelegt. Die hat uns so eng mit Jesus Christus und seinem Schicksal verbunden, näher gehtŽs nicht. Darum sind die intimsten Vergleiche erlaubt. Christliche Erotik. Das zum Friedmann Bach-Code.

Und wenn Dan Brown in seinem Roman auch schon 50 Millionen Mal die christliche Verdrängung des Weiblichen beschwört und den öden Vorwurf der Leibfeindlichkeit erneuert, dann hat er eben nicht nicht in jeder Beziehung Recht. Es gibt christliche Texte, die sind voller Erotik. Man muß sie nur finden. Lauschen wir also der Osterkantate —Erzittert und falletž, diesem Lied der Erlösten, als einem sehr persönlichen Lied zur Taufe, einem Ständchen für Niklas.
Amen.
 
 


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