Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 3. Sonntag im Advent über Offb 3, 8-13

Liebe Gemeinde!
Heute lesen wir einen himmlischen Brief. Es ist kein Wunschzettel ans Christkind, sondern ein Brief zwischen Engeln und Menschen. Wir sind weder Absender noch Empfänger, aber wir dürfen mitlesen. Es ist ein Enthüllungsbrief - von Wort zu Wort, von Satz zu Satz enthüllt er etwas Adventliches, wie jedes Türchen in einem Adventskalender einen Vorblick auf Weihnachten eröffnet. Überliefert hat ihn uns die Offenbarung des Johannes. Wir lesen einmal laut vor:

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, daß sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, daß ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Ein geheimnisvoll klingender Brief, auf den ersten Blick hat er gar nichts Adventliches an sich. Öffnen wir trotzdem das erste Türchen, tun wir einen Blick auf die verschiedenen Abschnitte. Wir sehen zuerst auf Absender und Empfänger: Es schreibt der Seher Johannes, er schreibt auf Geheiß eines Engels, notiert eine himmlische Botschaft.

Empfänger ist der Engel der christlichen Gemeinde in Philadelphia. Der Gedanke: Jede Gemeinde auf Erden hat einen himmlischen Repräsentanten - damit die interne himmlische Kommunikation funktioniert. Und der Engel bringt die Botschaft dann auf die Erde. Und wir dürfen den Engeln über die Schultern schauen und mitlesen, was unseren Geschwistern vor 2000 Jahren nach Philadelphia geschrieben wurde. Philadelphia ist eine Stadt in Kleinasien, der heutigen Türkei, nicht die gleichnamige in den USA - und auch nicht der Frischkäse (obwohl kundige Werbeleute ihr sahniges Produkt in Fernsehspots von Engeln loben lassen: —Einfach himmlisch!ž).

Nächstes Türchen: Die Engel treten nun zurück ins zweite Glied. Wir sehen den wahren Absender. Absender ist Christus, der erhöhte Herr. Er stellt sich vor als Inhaber der Schlüsselgewalt. - Moment mal, liegt die —Schlüsselgewaltž nicht bei der Kirche? Wird der Apostel Petrus nicht immer mit einem Schlüssel dargestellt? Und —Vom Amt der Schlüsselž, so überschreibt doch selbst noch Martin Luther im Kleinen Katechismus die besondere Gewalt der Kirche. Schon recht, aber das, was wir hier lesen ist ja ein Enthüllungsbrief. Er enthüllt, wer diese Macht verleiht: Und das ist Jesus Christus, der Herr.

Den Schlüssel zu haben, bedeutet ja, Macht zu haben, den Schlüssel zu verlieren, Macht zu verlieren. Das weiß jeder, der sich schon einmal versehentlich ausgesperrt hat und nicht mehr in die Wohnung kam. Das ist vielleicht ein Schlüssel-Erlebnis...! Da fällt mir so eines ein: Vor Jahren hatten wir einen Konfirmanden, vor dem war kein Schlüssel sicher: Kaum sah er einen Schlüssel, nahm er ihn schon an sich. Wir überlegten damals, warum: Ob ihn seine Eltern als kleines Kind vielleicht häufig eingesperrt hatten? Jedenfalls standen wir einmal Heiligabend um Punkt 23.00 Uhr, der Gottesdienst sollte beginnen, vor der verschlossenen Orgel - und der Schlüssel war weg. Herr Lüsch hatte die Schlüssel-Gewalt über die Orgel verloren und mußte innerhalb von Minuten sehen, wie er sie wiedergewann. Wie? Das ist eine andere Geschichte... Jesus jedenfalls hat die Schlüsselgewalt inne, er hat den Schlüssel Davids, des Königs und Herrschers - und damit hat er eine Tür aufgetan, die nun offensteht, die Tür zum Reich Gottes.

Als nächstes sehen wir die Gemeinde in Philadelphia. Sie ist treu geblieben. Sie ist treu geblieben in den ersten Christenverfolgungen, die im damaligen römischen Reich begonnen haben. Obwohl wir es hier mit einem apokalyptischen Brief, also mit einem Enthüllungsbrief, zu tun haben, werden wir leider nicht so recht schlau daraus, was wirklich passiert ist. Da ist von einigen Juden die Rede, die nicht einmal mehr verdienen, Juden, also Mitglieder des Volkes Gottes, genannt zu werden. Es fällt das böse Wort von der Synagoge des Satans - vielleicht haben da einige versucht, die Christen von ihrem Glauben an Jesus Christus wieder abzubringen. Aber wie gesagt: Nicht Genaues weiß man nicht. Das ist typisch für solche Briefe. Die äußeren Geschehnisse sind damals ja jedem bekannt und müssen nicht weiter erwähnt werden. Es kommt viel mehr darauf an, sie in ihrem inneren Zusammenhang zu verstehen. Und das geht eben nicht, ohne daß Jesus selbst enthüllt, was da auf die Gemeinde zukommt.

Viertes Türchen, klein, aber aufschlußreich. Beiläufig heißt es: Die Verfolger werden auch noch zur Erkenntnis Christi kommen und dann vor Philadelphia  niederfallen - ein altes jüdisches Motiv: Auch Gottes Feinden wird einst die Augen aufgetan werden - und dann werden sie denen, die sie als Gottes Volk verfolgten, Respekt und Verehrung bezeugen. So kommt Christus bei ihnen an - Advent. Prominentestes Beispiel dafür unter den ersten Christen war der Apostel Paulus: von Saulus zum Paulus.

Aber nun kommt das wichtigste, ein fünftes Türchen in unserem adventskalenderartigen Brieftext, die Gute Nachricht nach Philadelphia: Den Christen dort bleibt etwas erspart, was den anderen Gemeinden noch droht - die große Versuchung des Abfalls von Jesus Christus. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme! Den Christen in Philadelphia soll nicht einmal eine Zacke aus der Krone fallen, im Gegenteil: Sie werden die Stützen, die Säulen des Vereins, Pfeiler im Tempel Gottes. Ein schönes Bild, das wir da sehen. Schön jedenfalls für die Leute in Philadelphia - peinlich für uns. Haben wir den Glauben an Jesus Christus als den Herrn denn bewahrt?

Berlin ist ja nicht Philadelphia, sondern wird die —Welthauptstadt des Heidentumsž genannt. Groß ist hier der Abfall von Jesus Christus. Uns bleibt da wohl nichts erspart. - Bei aller Neugierde auf himmlische Enthüllungen - da möchte man den Brief jetzt doch lieber wieder zusammenfalten, peinlich berührt vom Lob für andere. (Kaum ein persönlicher Tadel trifft einen ja so sehr, wie wenn andere gelobt werden.)

Ein letzter Blick noch darauf, Verärgerung über die wenig stimmungsvollen Gedanken, wenig Adventliches, nichts mit Apfel, Nuß und Mandelkern. Gibt es hier nicht doch noch ein Türchen? Es ist versteckt, eher eine Art Hintertürchen. Da ist noch ein letzter Gedanke, die Sache mit dem neuen Namen.

Wer braucht einen neuen Namen? Bezahlen Sie nicht lieber —mit ihrem guten Namenž? Wer sich aber mit seinem alten nicht mehr sehen lassen kann - Verbrecher, Spione - oder wem ein neuer Name mehr Glanz verleiht (ein Titel wie Gräfin vielleicht). Von welchem neuen Namen schreibt der Seher im Namen Jesu? Vom Namen Gottes und dem Namen des neuen Jerusalem und von meinem Namen, dem neuen. Der Namen über allen Namen, der Name Gottes wird nun neu genannt - und er wird unser. Es ist der Name des Messias, des Christus Jesus.

Der Name Gottes... Das Judentum spricht ihn aus Ehrfurcht nicht aus. Und der Islam? Wie wohl keine andere Religion verehrt der Islam den Namen Gottes. Er zählt 99 Namen Allahs: Allah ist der Allmächtige, der Allerbarmer, der Allwissende, usw. Die Gebetsschnüre der Muslime zählt 33 Knoten, als Hilfsmittel beim frommen Repetieren und Meditieren der 99 Namen Allahs. Und eine bewegende beduinische Legende erzählt von der Suche nach dem 100. Namen Allahs. Es heißt, daß er schon heute einem weisen Wesen bekannt ist, dem allerweisesten der Geschöpfe Gottes: dem Kamel. Und wann immer ein Kamel stirbt, dann tritt sein Herr noch einmal ganz nah an es heran - in der Hoffnung, von ihm noch im Sterben den 100. Namen Allahs geoffenbart zu bekommen.

Eine kleine Legende aus dem Volksglauben, sie erinnert an das Erlebnis des Paulus auf dem Areopag in Athen, als er einen Altar fand mit der Aufschrift: —Dem unbekannten Gottž. Ist sie ein Hinweis darauf, daß selbst der Islam noch offen sein könnte für Neues von Gott? Ich weiß es nicht - aber ich weiß den neuen Namen Gottes, den er selbst sich gegeben hat: Jesus Christus. - Und wie dem Menschen Jesus von Nazareth der Titel des Messias, des Christus zum Namen geworden ist - so wird es auch den Erlösten ergehen, die er bei seinem Namen gerufen hat. Darum heißen wir Christinnen und Christen - und sind es.

Damit bringt der Lobbrief nach Philadelphia doch noch gute Kunde nach Berlin und Hamburg - wie auch nach Jerusalem und Kabul. Dort wie hier, in aller Welt,  geschieht Advent - eines Tages, wenn Jesus Christus kommt, als der Richter und Herr. Dann legt er seinen Namen auf alles Volk, dann dürfen sich alle sein Vok nennen - die, die standhielten in Verfolgung, aber auch die, die ihn erst dann erkennen werden.

Damit reiht sich der Predigttext von heute ein in die Reihe der Gedanken seit dem Martinstag, die von einem größeren Advent sprechen - nicht von einer Vorbereitungszeit, die mit dem Weihnachtsfest zu Ende wäre, sondern von einer Adventszeit, die mit Weihnachten, mit der Menschwerdung Gottes in Jesus, erst begonnen hat.

Als Gott, der Name über allen Namen, den Namen Jesus annahm, wurde die Tür geöffnet, die Tür zur Herrschaft Gottes in Jesus Christus. Betrachten wir den Predigttext als Adventskalender, sehen wir das 24. Türchen schon offenstehen - denn als Christinnen und Christen tragen wir bereits den neuen Namen, seinen Namen.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite