Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias (Fest der Verklärung Jesu) über Offb 1, 9-18

Liebe Gemeinde!
Kann jemand von uns gut zeichnen? Lassen Sie uns doch heute morgen mal ein Bild malen, das Bild eines großen Menschen. Es muß kein Portrait werden, es darf ruhig eine Karikatur werden... Keiner traut sich? Kein Wunder, man weiß heutzutage ja nie, was einem dann blüht. Lassen wir den Griffel also lieber fallen und begnügen wir uns mit Worten: Wie sieht ein großer Mensch aus? Wie müßte man ihn zeichnen, so daß auch ohne Worte ein jeder erkennt, daß wir es mit einem bedeutenden, einem außergewöhnlichen Menschen zu tun haben, sagen wir: einem Herrscher? - Vorschläge sammeln -

Natürlich braucht man Statussymbole: ein dickes Auto, viel Geld, viele Menschen um ihn herum - Fans, Groupies und Bodyguards. Bei der Kleidung wird es schon schwieriger: Selbst mächtige Frauen tragen schlichte Kostüme, die an Herrenanzüge erinnern; und malten wir einen Frack, könnte das auch ein Caféhausmusiker oder ein Kellner sein. - Die Aufgabe, einen Herrscher zu malen, fiele uns sicher leichter, wenn wir an einen König denken, am besten einen aus alter Zeit: Da hätten wir dann...: goldene Krone und Szepter, einen weiten Umhang in Purpur, einen hohen Thron, viele Pagen usw. - Aber wir wollten uns ja auf Worte beschränken. Hören Sie also die Beschreibung eines Herrschers:

"Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht."

Das ist so etwas wie eine Bildbeschreibung eines Herrscher - und zwar nicht irgendeines Herrschers, dieser Herrscher ist nicht von dieser Welt. Zunächst die heilige Zahl Sieben: Sieben Leuchter - wie sieben Sterne. Das lange Gewand ist Zeichen der hohenpriesterlichen Würde: 2. Mose 28, 4.27 und Weisheit Salomonis 18, 24. Den goldenen Brustgürtel tragen Könige: 1. Makkabäer 10, 89. Weiße Haare sind nicht nur Zeichen des Alters, sondern hell durch den Lichtglanz, der auf sie fällt: Daniel 7, 9. Wir merken: Kleidung und Insignien, ja die Beschreibung der ganzen Erscheinung der Gestalt, all das kommt aus dem Alten Testament: Augen wie Feuerflammen, Füße wie Golderz, eine Stimme, die rauscht wie ein Wasserfall: vgl. Daniel 10, 6.9 und Hesekiel 43, 2. In seiner rechten Hand, auf der Seite der Macht und Kraft, hält er sieben Sterne. (Vielleicht ist an das Sternbild des Kleinen Bären zu denken, das astralreligiöse Symbol von Macht und Herrschaft.) Gänzlich symbolisch wird die Beschreibung durch das zweischneidige Schwert, das aus dem Mund dieser Gestalt kommt, das Schwert des Richters. Sein strahlendes Antlitz bringt Licht in jedes Dunkel und vertreibt die Schatten - wie es die Mittagssonne tut. Kurzum: Wir sehen hier einen wie den Menschensohn, jene apokalyptische Gestalt, die von Gott her die Welt in Ordnung bringen wird. Der Menschensohn ist nicht von dieser Welt - aber er kommt zu ihr; er kommt von Gott her auf diese Welt zu: als Machthaber und Richter.

Aber, aber, wenn alle Zutaten, alle Elemente dieses Bildes hier auch aus dem Alten Testament stammen - verstößt das denn nicht gegen das Bilderverbot? Prüfen wir diesen Einwand. Wie lautet das Gebot? —Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis (Abbild) machen, weder von dem, was oben im Himmel ist, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.ž (2. Mose 20, 5) Das Bilderverbot erstreckt sich also auf Gott und die Engel, auf Menschen, Tiere und Pflanzen, auf Fische - und auch Maulwürfe und anderes unterirdisches Getier sind davon nicht ausgenommen. Es wird also ziemlich - die Historiker sagen: zusehends - weiter gefaßt. Wie gut, daß wir den Griffel ganz schnell haben fallen lassen... Schülerinnen und Schülern des Berliner Religionsunterrichts schlußfolgern sogar daraus, man solle sogar das Denken in religiösen Dingen am besten ganz einstellen... (Pisa läßt grüßen.)

Bilder denken aber darf man doch wohl. Obendrein wird das alttestamentliche Bilderverbot meist unvollständig zitiert: —Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!ž (2. Mose 20, 5) Der Mensch soll sich also keine Bilder zur Verehrung machen, sich von ihnen nicht in den Bann ziehen lassen. Das also ist der Punkt, weshalb es hieß: Bilder verboten.

Als mir neulich Konfirmanden wieder mal das Bilderverbot vorhielten, hielt ich ihnen entgegen, wer denn dann wohl Bilder machen dürfe? Und die Antwort kam, wie aus der Pistole geschossen - und völlig korrekt: Gott selbst natürlich, weil er das Gebot ja erlassen hat, theoretisch jedenfalls. Und, liebe Gemeinde, das hat er ja auch getan. Das Alte Testament versteht uns als sein Bild: —Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.ž (1. Mose 1, 27) Erstaunt waren die Konfirmanden, als ich ihnen dann noch erzählte, daß Paulus Jesus sogar ausdrücklich das —Bild Gottesž (2 Kor 4,  4; Kol 1, 15; Hebr 1, 3) nennt, Gottes Ikone. Gott selbst macht also Bilder, Bilder seiner selbst. Das hatten sie so noch nicht gesehen. Wenn wir uns also Bilder von Gott machen und Bilder von uns - dann sind das Bilder von Bildern; Bilder zweiter Ordnung, von denen wir wissen, daß es Bilder sind; Bilder, mit denen wir uns nicht Gottes oder seiner Geschöpfe bemächtigen wollen. Ob die dann noch unter das alttestamentliche Bilderverbot fallen, war zwar auch unter den Christen immer wieder mal umstritten - durchgesetzt hat es sich aber nicht, sondern dieses Verständnis: Gott hat sein Gebot selbst interpretiert. Es bedeutet: Unseren Bildern wohnt keine göttliche Macht inne. Und wir dürfen sie ihnen auch nicht zuschreiben.

Wenn wir davon ausgehend über die Macht der Bilder heute nachdenken, dann kann man sich schon fragen, ob wir ihnen nicht zuviel Macht zugestehen, ob sie uns nicht geradezu gefangennehmen. Erst Bilder von Ereignissen haben bei uns ja Wirkung. Das spurlose Verschwinden der im Roten Meer gesunkenen Fähre hat etwas Unwirkliches an sich - wie mächtig waren und sind dagegen die Bilder der zusammenstürzenden Twin Towers. Medienkritiker haben da für ihre eigenen Zwecke schon an das alttestamentliche Bilderverbot erinnert. Zu einem kritischen Umgang mit Bildern sollte es uns jedenfalls anleiten.

Gegen das Bilderverbot haben nun angeblich auch die Zeichner der Karikaturen Mohammeds verstoßen. Aber wogegen genau?

Auch der Islam kennt ein Bilderverbot - aber nicht nur in seiner Geschichte, auch in der Gegenwart ist das höchst unterschiedlich interpretiert worden. In jedem Reiseführer kann man lesen: Menschen zu fotografieren ist grundsätzlich o.k. - wenngleich man das nicht ohne ihr Einverständnis tun sollte - Bildnisse von Gott aber gibt es nicht. Und wie steht es um Mohammed? Islamisten sagen, den dürfe man nicht darstellen - aber rücken sie den Propheten damit nicht zu nahe an Gott heran? Grundsätzlich betont der Islam doch, daß Mohammed nichts als ein Mensch sei - im Unterschied zu dem, was die Christen von Jesus glauben. Aber dann muß für Mohammed doch gelten, was auch für die anderen Menschen gilt? Übrigens: Ein «echtesŽ Bild gibt es nicht. Man könnte sich also sowieso nur eines ausdenken. Läuft das Verbot also auf ein Denkverbot hinaus? Und wenn ein Bild Mohammeds zu zeigen für Muslime als Entwürdigung seiner Person gilt, stellt sich die simple Frage: Warum? Steht das im Koran? Und warum sollen sich Nichtmuslime daran halten?

Diese Frage muß der Islam natürlich selbst beantworten - aber bitte, ohne uns dabei seine inneren Probleme und Inkonsequenzen ausbaden zu lassen. Hinter dem Streit ums Bilderverbot steht meiner Meinung nach etwas anderes - und das erklärt, warum sich viele Muslime von den Karikaturen wirklich so betroffen fühlen: Wenn - wie bei einer davon - Mohammed im Himmel den vom Selbstmordattentat Zerzausten entgegenruft: —Stop, uns gehen die Jungfrauen aus!ž, dann wird damit einer unchristlichen und - wie viele Muslime sagen: auch unislamischen - Märtyrertheologie der Boden entzogen - indem man sie ad absurdum führt. Aber das ist angemessen. Denn wer glaubt, durch das Töten von Feinden zu Gott gelangen zu können - dessen Einstellung verdient nur Ablehnung. Und das sage ich im Wissen darum, daß auch Christen so gesprochen haben: —Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen heraussuchen!ž hieß es beim Kreuzzug gegen die Katharer in Südfrankreich - und die Stadt Béziers wurde dem Erdboden gleich gemacht. Mit der Kritik unserer Mitbürger heute an solch falschen Einstellungen, die rasch zur Kritik am Christentum ingesamt wird, müssen ja auch wir Christen leben. Und mit beleidigenden Karikaturen. Aber das können wir auch. Wir können auch einstecken - selbst, wenn das Christentum als Schweinereligion beschimpft wird. Gott verteidigt seine Ehre selbst. Wir müssen uns da raushalten. Genau davon handelt die Offenbarung des Johannes.

Die vielfältigen Probleme zum Thema Bilderverbot hingegen kennen wir Christen ja selbst. Auch in unserer Geschichte schwankten wir immer wieder zwischen den Extremen Bilderkult und Bilderstürmerei - nur, daß wir eine Lösung gefunden haben, indem wir zwischen dem Urbild und dem Abbild unterscheiden, indem wir Bilder von Bildern zulassen und indem wir Jesus als das einzig wahre Bild Gottes anbeten. Mit dem Wort Bild meinen wir ja seine Person. - Die gemalten, geschnitzten, in Stein gehauenen, die gedruckten, fotografierten oder gefilmten Bilder aber treten weit dahinter zurück, sie sind nur pädagogische Hilfsmittel. Ihre Schwäche kennt jeder von uns: Fast jede Verfilmung bleibt ja hinter ihrer Romanvorlage zurück. Wir brauchen diese Bilder zwar - weil wir Menschen nun einmal Augenwesen sind - aber häufig, nein in der Regel sind es erst die zusätzlichen Bilder aus Worten, die Denkbilder, die dann zusammen mit den gemachten uns Zugang verschaffen zur Wirklichkeit: zur Person eines Menschen - oder zu Gott. Uns seiner bemächtigen können wir damit nicht.

Obwohl die Bilder im Film immer ja großartiger werden und eine Geschichte auch wirklich mal besser erzählen als schlechte Drehbücher es tun - die wirklichen Bilder, die Bilder aus Fotos und Worten, sie entstehen erst im eigenen Kopf. Und die sind unvermeidbar. Ohne sie können wir nicht denken, nichts erkennen, nicht leben. - Dennoch war unsere Malaufgabe eben schon berechtigt. Sie hat uns aufgeschlossen gemacht für das Wortbild eines Herrschers in der Offenbarung des Johannes.

Und wer ist dieser Herrscher? Die Worte mit seiner Beschreibung enthüllen und verhüllen zugleich - die Rede ist von keinem anderen als von Jesus Christus. Er ist es, der in der Macht Gottes kommen wird, die Welt zu richten. - Das zu hören ist allerdings im Vergleich zum Thema Bilderverbot die wohl größere Provokation: für den römischen Kaiser Domitian damals, für unsere Welt allgemein und die Muslime im besonderen. Jesus der Menschensohn und Herr wird auch ihr Richter sein.
Amen.
 
 


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