Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag im Advent über Offb 5, 1-5

Liebe Gemeinde!
Um uns in die richtige Adventsstimmung zu versetzen, machen wir heute in der Kirche wie bei einem Adventskalender ein Türchen auf, aber nicht nur ein erstes Türchen, sondern gleich mehrere. Das mag auf den ersten Blick ein wenig verwirrend sein, aber wir haben uns ja zusehends daran gewöhnt, mehrere Dinge zugleich zu tun. Sie kennen das: Wenn es an der Tür klingelt, klingelt meist auch das Telefon. Oder ist es das Handy? - Moderne Fernseher haben die PIP-Funktion (Picture in picture oder «Bild in BildŽ - so daß man gleichzeitig Fußball und die Nachrichten verfolgen kann) - und Computernutzer wissen, wie nützlich die Möglichkeit ist, gleichzeitig verschiedene sogenannte Fenster offenzuhalten, um beispielsweise Texte und Bilder zu bearbeiten. Ganz ähnlich geht es uns heute im Gottesdienst am 1. Sonntag im Advent. Das Thema Advent und seine Bedeutung wird uns in verschiedenen Aspekten vor Augen gestellt; wir blicken also durch mehrere Fenster, bekommen mehr als nur ein erstes Türchen aufgemacht - und das fast gleichzeitig. Wie gesagt: verwirrend, aber nützlich.

Da ist der prächtig geschmückte Adventskranz. Er zählt die Sonntage vor Weihnachten. Da war das alte Adventslied vom Kommen Jesu Christi zum Gericht, das Lied zum Bild sozusagen, zu unserem Mosaik von Christus als dem wiederkommenden Herrn und Herrscher im Himmel und auf Erden. Da war das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem: —Tochter Zion, freue dich!ž Jerusalem soll jauchzen über den Friedenskönig. - Das alles Adventsmotive, verschiedene Türen oder Ausblicke auf das, was Advent - Ankunft - alles bedeutet: Gott kommt zur Welt im Kind von Bethlehem, im streitbaren Prediger Jesus von Nazareth und seiner Botschaft: —Kehrt um, denn Gottes Herrschaft ist nahe!ž - und als Ende der Zeiten.

Wer in seinem Leben schon viele Adventszeiten bewußt miterlebt hat, dem und der ist das vertraut. Der ist bereit, noch ein Fenster anzuklicken, eine zusätzliche Tür zu öffnen. Das macht nun der heutige Predigttext, den wir als Lesung eben schon einmal gehört haben:
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der  auf dem Thron saß, ein Buch,  beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

Das ist ein Blick in eine ganz andere Welt als die uns gewohnte. Der Seher aus Patmos läßt uns in eine Welt schauen, die Normalsterblichen normalerweise verschlossen ist. Wir schauen in den himmlischen Thronrat Gottes, ins Zentrum der Macht, sozusagen ins jenseitige Kanzleramt. Wer hat da Zugang? Außer dem Herrscher sind da die sogenannten Ältesten, die himmlischen Repräsentanten der irdischen 12 Stämme Israels (sozusagen deren Botschafter bei Gott) und selbstverständlich Engel - neben ihrer Funktion als Boten Gottes kennt sie die Bibel als Angehörige des himmlischen Hofstaates. Einem königlichen Herold gleich ruft einer dieser Engel gerade den ersten Punkt der herrscherlichen Tagesordnung auf: TOP 1 Buch mit sieben Siegeln

Die Anwesenden wissen schon, was wir erst erfahren, wenn wir weiterlesen: Es geht in diesem Buch mit den sieben Siegeln um die Zukunft der Welt und des Menschen. Innen und außen ist es beschrieben - wohl mit demselben Text, wie es im Alten Orient als Sicherheitsmaßnahme und zur Beglaubigung der Echtheit einer Urkunde üblich war. (Da trugen Hülle und Rolle denselben Text, später dann wurde er außen und innen auf Pergament geschrieben.) Wie in einem Drehbuch ist hier also alles enthalten, was zwischen Himmel und Erde geschehen wird. Man möchte es lesen, bevor es geschieht und sich dann darauf einstellen, auf das, was kommt - aber, leider, leider, niemand ist würdig und in der Lage, es zu öffnen. Der Seher weint schon: Wer wüßte denn nicht gern, wie es in der Welt weitergeht? Manchmal wäre man ja schon zufrieden, zu wissen, daß es überhaupt irgendwie weitergeht. (Diesen Trost brauchte damals wohl auch die Gemeinde des Sehers von Patmos, die sich von Verfolgern geradezu gelähmt sieht, wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt. Gibt es für sie noch Auswege?) So wartet alles gespannt auf die Er-Öffnung des Buches. Da spricht einer der Repräsentanten Israels und verweist auf den, der das Buch öffnen wird und damit das endzeitliche Geschehen ins Rollen bringt, so daß Gottes Kommen zum Gericht und zur Rettung beginne. Wer ist es? Er nennt ihn den Löwen aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids - und der Kenner der Szene weiß: gemeint ist der Messias.

Wie es nun weitergeht mit der Vision? Wer weiterliest, erfährt: Der Messias tritt an und übernimmt seine apokalyptische Rolle, seine Aufgabe, die sieben Siegel zu öffnen - und das endzeitliche Drama beginnt.

Für uns Hörer hier in der Kirche schließt sich das Fenster gleich wieder. Was haben wir in diesem kurzen Ausblick eigentlich gesehen? Der Blick in die Zukunft, den die Gemeinde des Sehers von Patmos getan hat, hat uns einen ungewohnten Blick tun lassen in den Advent Gottes, einen Blick von oben her, noch höher als aus der sogenannten Vogelperspektive, einen Blick auf das, was kommt, auf den, der kommt. Bei allem Schrecklichen, was seitdem auf Erden geschehen ist und was alles noch geschehen wird, wir sahen: Gott und sein Messias Jesus halten die Fäden in der Hand. Darum heißt es hier tröstend: Weine nicht!

Advent ist also eine tröstliche Zeit - und sie ist größer als das gespannte Warten aufs Christkind, sie erwartet den wiederkommenden Herrn. Dessen finale Rettungsaktion ist schon eingeleitet, der göttliche Auftrag erteilt, der Agent Gottes greift ein: —Messias, übernehmen Sie!ž

Ein ungewohnter Blick war das, sicher zunächst auch befremdlich: Was hat denn das alles mit Weihnachten zu tun? Der gemeinsame Nenner ist der Messias, der Christus Jesus - vom Anfang im Stall zu Bethlehem über den Prediger des nahen Reiches Gottes hin zum messianischen Macher, der die sieben Siegel öffnet und das Endzeitdrama beherrscht - und zum Richter, der zur Rechten Gottes des Vaters sitzt. Das alles hat der Messias übernommen.

Verwirrend allerdings, das alles fast gleichzeitig vor Augen gestellt zu bekommen. Aber so sieht man mehr und besser. Je umfassender ich über den Advent Gottes, über sein Kommen informiert werde, desto mehr Evangelium. Gott geht ja nicht auf in kleingestrickte Alternativen. Große Dinge haben viele Aspekte. Und schon bei menschlich-allzumenschlichen Events ist das so (nicht nur bei PIP und PC), zu allen möglichen Ereignissen bekommen wir heutzutage ja Informationen aus den verschiedensten Perspektiven zu lesen: Kanzlerin auf einmal hier und da, von der Wirtschaftsrede zum Staatsbesuch, vom Handkuß bis zum Bundespresseball. (Wo sie nicht einmal anwesend war. Dennoch wurde eine Meldung draus.)

Schade nur, daß sich das heutige Adventsfenster, das Fenster in unsere Zukunft, das Türchen, das den Blick auf den Messias erlaubt hat, gleich wieder geschlossen hat. So bleibt es eine Vision, spricht keinen Klartext. Aber es bereichert unseren Blick auf den Advent, weitet die Perspektive weit über Weihnachten hinaus - und lädt ein, ein anderes Fenster öffnen zu lassen, die Tür zu unserem Herzen, zum Kommen Gottes für uns: —Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...!ž
Amen.
 
 


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