Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr über Offb 2, 8-11

Liebe Gemeinde!
Ist schon einmal ein Brief von Ihnen in die falschen Hände gefallen? Das kann ganz schön unangenehm sein. Als Kind ist es mir einmal so ergangen. Ich mußte zusammen mit meiner Mutter eine alte Großtante im Sauerland besuchen. Mein Vater blieb zu Hause. Er müsse arbeiten, sagte er. Bei der Tante war es für mich als Kind einfach schrecklich. Dauernd wurde gemeckert ­ und das Essen schmeckte gräßlich. Meinem Vater schrieb ich das in einem persönlichen Brief. Nach Hause zurückgekehrt, war der Ärger meiner Mutter grenzenlos: Wie konnte ich nur so Böses über die liebe Großtante schreiben! Woher sie wußte, was ich da geschrieben hatte? Sie hatte den Brief an meinen Vater hinter meinem Rücken gelesen. Mein Brief war in die falschen Hände geraten. Dabei hatte ich mich als Sohn eines Postlers trotz meiner nicht einmal 10 Jahre auf das Postgeheimnis verlassen. Die familiären Folgen waren äußerst unangenehm. Da war jede Menge Ärger ­ und für mich war da ein Vertrauensverhältnis zerstört.

Ähnliches (und Schlimmeres), liebe Gemeinde, könnte mit unserem heutigen Predigtext aus der Offenbarung des Johannes, den wir als Epistellesung gehört haben, passieren, wenn er in die falschen Hände fällt. Auch hier handelt es sich ja um einen Brief. Wie hieß es da?

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und  deine Armut - du bist aber reich - und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Synagoge des Satans ­ wenn man das liest, läuft es einem kalt den Rücken herunter und man möchte den Brief am liebsten zurückschicken: Annahme verweigert! Er ist ja auch gar nicht an uns gerichtet, sondern an eine christliche Gemeinde in der Stadt Smyrna, dem heutigen Izmir in der Türkei, und datiert vom Ende des ersten Jahrhunderts, ist also 1900 Jahre alt. Fing da schon der christliche Judenhaß an? Warum? Was war da los?

Smyrna war damals eine rom- und kaisertreue Stadt. Stolz war man darauf, angesichts starker Konkurrenz durch andere Städte den Zuschlag für den Bau eines Tiberius-Tempels erhalten zu haben. In Smyrna lebte auch eine große Gruppe von Juden mit dem Recht auf ungestörte Religionsausübung. Streitigkeiten in deren eigenen Reihen sorgten aber für Unruhe und bedrohten dieses Privileg, den Status als anerkannte Religionsgemeinschaft, den relativen Frieden mit dem römischen Staat. Schon sank die Zahl von Übertritten aus dem Heidentum zur jüdischen Gemeinde. Interessierte schlossen sich nämlich gleich einer neuen Bewegung an, einer Bewegung, die von Seiten des Staates mißtrauisch beäugt wurde und im Verdacht stand, Aufruhr zu predigen.

Diese neue Bewegung war organisiert in kleinen, armen Gemeinden. Sie fragte nicht danach, wo einer herkam, hielt Gottes Gesetz als Weg zum Heil für die Menschen für abgetan, für sie zählte allein der Glaube, der Glaube an den Juden Jesus als den schon gekommenen, gekreuzigten und wiederkehrenden Messias. Er war für sie der wahre Herr der Welt, wie Gott. Sie sprachen von ihm als dem Ersten und Letzten, der tot war und ist lebendig geworden. Konnte ein gesetzestreuer Jude da noch zusehen, geschweige denn mitmachen? Die jüdische Gemeinde zerbrach. Juden, die den rettenden Messias erst noch erwarteten, standen gegen den neuen Weg der Judenchristen.

In dieser Situation rufen einige den Staat zu Hilfe. Um die eigene bürgerliche und religiöse Existenz zu schützen, werden die Abweichler denunziert. Die Denunzierten sehen sich in Lebensgefahr. Sie schlagen zurück. In ihrer Wortwahl sind sie dabei nicht zimperlich: —Ihr sagt, ihr seid Juden ? und seidŽs nicht. Ihr wollt Synagoge Gottes sein, des Herrn, der Leben bringt ? aber uns bringt ihr den Tod, den Tod durch staatliche Verfolgung, Tod wie ihn der Satan bringt. Ja, das seid ihr in Wirklichkeit: die Synagoge des Satans.ž

Das Christentum überlebte die Krise staatlicher Verfolgung und wurde bald selbst zur zugelassenen, dann zur herrschenden Religion ? aber nun hatte es den Judenhaß geboren. Die einst Verfolgten wurden selbst zu Verfolgern. Im Mittelalter diente das Wort von der Synagoge des Satans als biblischer Freibrief für die Judenverfolgung. Eine Blutspur zieht sich seitdem durch die Geschichte der Christen.

Heute müssen wir bekennen: Die christliche Kirche, die des Herrn sein will, der Leben bringt, brachte Tod ? und wurde so die Kirche des Satans. Der Brief an die Gemeinde in Smyrna, der die Todgeweihten trösten wollte ? in den Händen der Sieger wurde er mißbraucht, vielfältig mißbraucht. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Was hat man mit diesem Satz nicht alles gemacht! Ein Satz wie dieser stand tröstend über Traueranzeigen, war als Konfirmationsspruch Begleitung in Lebenskrisen ? wurde aber auch als unchristliche Durchhalteparole auf den Führer und den Endsieg gemünzt. Ist der alte Brief nach Smyrna bei uns also in die falschen Hände gekommen ? wie einst mein Kinderbrief, nur mit ungleich schlimmeren Folgen? Also doch: Annahme verweigern?

Oder sollten wir uns den Brief lieber hinter den Spiegel stecken ? als Anklage, als Mahnung und Warnung, daß wir immer in Gefahr stehen, Kirche des Satans zu werden? Das wäre dann ein guter Brief zum Volkstrauertag. Auch am Bußtag nützlich zu lesen.

Und wendet sich das Blatt nicht noch einmal? Ich jedenfalls sehe eine solche Wende. Während wir Christen nunmehr allen gegen Juden und Ausländer und Minderheiten gewendeten Parolen jede Berechtigung absprechen ? so spricht kein Christ ? finden wir uns zu unserer Überraschung in einer neuen Gemeinschaft mit Juden und Muslimen: Gemeinsam finden wir uns auf der Anklagebank. Die Anklage lautet: Religion ist schädlich. Die GEW, die Gewerkschaft der Lehrer, beispielsweise warnt vor Religion. Warum? Religion produziert Feinde. Kritiker jeder Religion sagen: Es sind nicht bloß die paar rassistischen, fanatisierten jüdischen Siedler, es sind nicht bloß die militanten Moslems und steinewerfenden Palästinenser, es sind nicht nur die fundamentalistischen amerikanischen christlichen Sekten ? was die drei großen Religionen, die an einen Gott glauben, verbindet, sei die Tatsache, daß sie alle Gegner, ja Feinde produzieren. Sie sind, indem sie andere ausschließen. Alles Gerede von der Liebe kann das nicht verschleiern, im Gegenteil. Wer seine Feinde lieben soll, der hat ja welche. Weg also mit aller Religion ? und die Welt ist friedlicher. Kein neuer Gedanke, gewiß, aber ein Gedanke, der gegenwärtig immer mehr Anhänger findet, ein Gedanke, der dem Bekenntnis zur Bekenntnislosigkeit eine Begründung zu liefern versucht: Wir sind die Guten. Weg mit allem Glauben.

Weg mit ­ droht da etwa eine neue Verfolgung, eine Verfolgung, von der Religionslehrer im Osten mehr erzählen können, als nur ein paar krasse Geschichten, eine Verfolgung auch im Kulturteil unserer Zeitungen, eine Verfolgung alles Religiösen durch die Internationale der Gutmenschen? Der Berliner Philosoph Schnädelbach spricht sogar vom Fluch des Christentums: —Vielleicht ist die Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach zweitausend Jahren zu leisten vermöchte; wir können es dann in Frieden ziehen lassen.ž Ist der Brief nach Smyrna wieder einmal in die falschen Hände gefallen?

Viele Christen haben ihn ja längst beiseitegelegt. Mit solch krassen Sätzen, wie man sie da findet, wollen sie sich nicht beschäftigen. Abgrenzungen, wie sie hier zu lesen sind, halten sie für unfein, geradezu für sündhaft, einen Verstoß gegen den Geist der Harmonie. Schnädelbachs Kritik trifft sie nicht. Sie sind ja nicht so.

Damit sind sie fein raus und stellen sich sogar auf die Seite der neuen Verfolger. Auch sie sind die Guten ­ die anderen müssen aufgeklärt werden und allem Bekenntnishaften abschwören. Droht da nicht eine Situation ähnlich der damals in der jüdischen Gemeinde von Smyrna? Christen übernehmen die Argumente von Nichtchristen, um sich gegen Mitchristen durchzusetzen.

Holen wir den Brief doch noch einmal hervor. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!  ... Und wir stellen fest: Er bleibt uns Mahnung und Anklage ­ wird dann aber auch wieder Quelle von Trost in Verfolgung. Leidlosigkeit, den sprichwörtlich gewordenen Rosengarten, hat uns ja keiner versprochen, wohl aber Rettung aus dem Leid: Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode. Da geht es um das Gericht Gottes. Sein Ausgang ist für die Glaubenden gewiß: Es geht aufwärts. Und das macht gelassen, was immer auch noch passiert. Ob so manche Aggression von Christen (gegen andere und gegen sich selbst) ihren Grund darin hat, daß uns diese Gewißheit immer wieder entgleitet ­ im Laufe unserer Geschichte als Kirche Jesu Christi, aber auch in der eigenen Lebensgeschichte? Wir brauchen ja Trost, nicht nur Trost und Ermutigung in vielen Lebenslagen, sondern besonders da, wo es um Tod und Leben geht. Da sind es dann die einfachen Worte: Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!  ... Das Leid ist endlich. Es endet. Am Ende steht Gottes Herrschaft.

Und dann und wann muß man nicht einmal bis zum Ende darauf warten. Ich denke noch einmal an meinen Kinderbrief, der in die falschen Hände fiel, was mir zu Hause wirklich eine Menge Ärger einbrachte. Das war das eine, und ich weiß nicht, was sich da zwischen meinen Eltern noch abspielte ? sicher ist bloß: Zu der gestrengen Großtante mußte ich nie wieder.
Amen.
 


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