Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Kantate über Offb 15, 2-4

Liebe Gemeinde!
Sturm zieht auf über der Welt, die Elemente sind entfesselt, und es beginnen die letzten sieben Plagen. Die Schalen des Zorns werden ausgegossen. Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt. Feuer und Eis - die traditionellen Anzeichen der nahen Apokalypse in den Mythen der Menschheit, ein Stück gegenwärtiger Lebenserfahrung für den, der sich die Welt nicht schönfärbt.

Mit solch kräftigen Strichen malt auch die Offenbarung des Johannes die letzten Tage der Menschheit. Doch bevor die endzeitliche Katastrophe beginnt, erklingt ein Lied. In die Ruhe vor dem Sturm hinein erklingt ein Lied. —Spiel mir das Lied vom Todž? - nein - —Auf zum letzten Gefecht!?ž-  nein - Hört das Lied: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. - Im Angesicht der kommenden Katastrophen erklingt dies Lied, das Gott und seine Gerechtigkeit preist. Es preist ihn, weil er sich endlich als Herr und Richter der Welt beweist, ein Richter, der die Welt zurechtbringt - damit die Menschen sich und die Welt nicht weiter zugrunderichten. Die Sänger durchschauen die kommenden Katastrophen, sie sehen, wer der Herr der Ereignisse ist und bleibt - und wie alles enden wird. Der Richter ist Retter. Alles wird gut.

Die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das  Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes. - Hier stehen die Sieger und singen, die Sieger über die Kräfte des Bösen. Aber sie singen nicht vom eigenen Sieg. Nichts von —We are the championsž oder —Heil dir im Siegerkranzž, nichts vom Sieg der eigenen Waffen - die Sänger singen vom Sieg Gottes, sie singen das Lied des Mose und das Lied des Lammes.
Der Seher der Offenbarung steht dabei vor dem apokalyptischen Meer aus Feuer und Eis wie einst Mose mit dem Volk vor dem Schilfmeer, wie Jesus Christus, das Lamm Gottes, vor dem Dunkel des sicheren Todes. Und getragen von der Erfahrung der großen Taten Gottes, im Wissen um die Rettung des Volkes im Durchzug durch das Rote Meer, im Vertrauen auf den Weg Christi durch den Tod ins Leben Gottes hinein, erklingt das Lied auf die großen Taten Gottes.

Was hat es mit dieses Lied, diesem gesungenen Bekenntnis auf sich? Wer soll es hören? - Es ist zunächst wie mit dem jüdischen Grundgebet: —Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger!ž Ein Rabbiner erklärt es so:
—Es wird nicht leise, sondern laut gesprochen. Gott muß nicht gesagt werden, daß Er Einer ist (mit britischem Humor fügt er hinzu: —vermutlich weiß Er esž), sondern unseren Mitjuden. Wir erinnern unsere Verwandten, die Familie Israel, an die Wirklichkeit, die unser Schicksal regiert. Das jüdische Schlüsselgebet wird darum ganz und gar nicht zu Gott gesprochen, wir sagen es zu uns selbst, und vor allem sagen wir es zueinander. Wir haben öffentlich die Wahrheit bekannt und unsere Pflicht erfüllt Wir haben die Realität des Reiches Gottes über alles gestellt. Das ist Gebet.ž

Liebe Gemeinde, auch christlich ist dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Beten heißt: Die Realität des Reiches Gottes über alles stellen. Praktisch heißt das: Wer wirklich die Realität des Reiches Gottes über alles stellt, ist schon frei, erlöst von dem, was war, von dem, was ist, und dem, was kommt. Erlöste können singen und das Lied des Lammes anstimmen. Nicht das —Schweigen der Lämmerž, die Welt der Gewalt, beseelt uns. Unerlöste benutzen Waffen, leben auf todbringende Weise ihren Frust aus, wollen sich einen Namen machen. Erlöste aber haben offene und leere Hände. Sie brauchen keine Waffen, um um Anerkennung zu kämpfen - denn Gott hat sie anerkannt. Sie tragen Gottes Harfen in den Händen - und alles, was Musikerinnen und Musiker, Sänger und Sängerin brauchen: div. Instrumente, Gebetbücher, Liedernoten, Brillenetuis. Das ist der tiefere Grund, warum wir in der Kirche singen. Das ist nicht ängstliches Pfeifen im Walde. Wir singen nicht nur unsere Angst von der Seele: Inmitten der Gewalt nehmen wir ihr Ende vorweg. Das bekennen wir vor aller Ohren - für alle Völker. Wie in der Ouvertüre nehmen wir das Finale vorweg. Ihr Völker der Welt - hört dieses Lied! - Darum: Kantate! Singt!
 
 


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