Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Betrachtung über das Lied "Nun ruhen alle Wälder" von Paul Gerhardt

Liebe Gemeinde!
Paul Gerhardts Lied —Nun ruhen alle Wälderž ist ein Abendlied - aber was für eines: Lange Zeit war es das Abendlied der evangelischen Christenheit. Dabei hat es wegen seiner Bildersprache von Anfang an auch viele Mißverständnisse ausgelöst. Von seinen Mißverständnissen befreit wird es uns heute ein Lied von Tod und Leben, gesungenes Evangelium. Wir brauchen nur auf den Ursprung der Worte aufmerksam zu werden, darauf, wie gesättigt der Text ist von biblischen Bildern.

Formal betrachtet handelt es sich um neun Strophen, die ersten sieben arbeiten stark mit Kontrasten, die letzten beiden sind ein Abendsegen. Ein solcher stand auch Pate bei diesem Lied: Vorbild war Johann Arndts Abendsegen aus seiner Schrift —Paradiesgärtlein.ž Die Melodie ist alt, sie war es schon zu Gerhardts Zeiten. Sie stammt vom Ende des 15. Jahrhunderts, nach dem Volkslied: —Innsbruck, ich muß dich lassenž.

Singen wir zunächst die ersten vier Strophen, um uns in das Lied einzufinden:
- Zettel mit den Strophen 1-4 -

Das Lied beginnt damit, daß die Atmosphäre abendlicher Ruhe aufgerufen wird. Ihr stellt der Dichter das Wachen des Beters gegenüber: Alles schläft - einer wacht. Von Strophe zu Strophe wiederholt sich nun dieser Kontrast zwischen Naturbeschreibung und Glaubensbekenntnis: Nacht und Dunkel? Kein Problem! Mein Licht ist Christus. Die dritte Strophe (—die güldnen Sternlein prangenž) aber spricht schon nicht mehr vom abendlichen Schlafengehen, sondern vom Sterben, nein vom Leben: Ich werde —stehenž! Die vier setzt diesen Gedanken fort: Wie ich mich abends ausziehe, so wird Christus mich bekleiden: mit dem —Rock der EhrŽ und Herrlichkeitž. Das Bild vom Bekleidetwerden durch Christus, ja mit Christus, vom Anziehen Christi - wir kennen es von PaulusŽ Worten über die Bedeutung der Taufe.

- Zettel mit den Strophen 5-7 -

SŽist Feierabend. Und nun ist schon lange nicht mehr vom täglichen Arbeitsschluß die Rede - jetzt geht es ums Sterben: —Herz, freu dich!ž Sterben, das bedeutet für den Dichter: frei werden, frei werden vom Leid und von —der Sünden Arbeitž. Machen Sünden Arbeit? Haben wir uns daran abzuarbeiten? Die Verbindung der beiden Worte ist mehrdeutig: Möglich, daß der Dichter die traditionelle Vorstellung meint, daß all unser Tun —jenseits von Edenž unter der Bedingung der Sünde steht, möglich, daß er als guter Gefolgsmann Luthers daran erinnert, daß auch der Gerechtfertigte Sünde bleibt, daß also die Sünde in uns —arbeitetž. Wie auch immer - davon sind wir frei: —Herz freu dich!ž

Strophe sechs: Ab ins Bett! Heute noch in Federn gebettet - dereinst in Erde: —Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück!ž Zur Ruhe gebettet, zu letzten Ruhe, wie der Volksmund sagt. Martin Luther teilte diese Vorstellung von der Ruhe, die vom —Schlaf der Totenž - aber nicht die von der —ewigen Ruhež: Am Ende steht ja die Auferstehung von den Toten. Nicht da nach aber fragt Paul Gerhardt in der siebten Strophe - geht es jetzt wieder ums abendliche Schlafengehen? - nein, es geht um die für immer geschlossenen Augen. Wie schnell das geht, weiß nicht nur Paul Gerhardt - er schreibt dies ja gegen Ende des dreißigjährigen Krieges, des ersten totalen Krieges - es wissen auch wir, wie schnell und unerwartet der Tod nach uns greifen kann. Was dann? Stirbt der Leib und lebt die Seele? Paul Gerhardt hat zuviel erlebt, um sich von griechischer Philosophie trösten lassen zu können, er fragt: —Wo bleibt dann Leib und Seel?ž Und weiß nur die Bitte an den Hüter Israels, der nicht schläft noch schlummert: —Nimm sie zu deinen Gnaden, sei gut für allen Schaden, du Aug und Wächter Israel.ž Am Ende des Lebens bleibt nur die Bitte an Gott - und das üben wir schon ein am Ende eines jeden Tages. Darum folgt der Abendsegen:

- Zettel 7+8 -

Das Lied schließt mit kindlichem Vertrauen auf Gott: —Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn...ž - mit —güldnen Waffenž. Dabei denkt der Dichter an das Hohelied - —ein jeder hat sein Schwert an der Hüfte gegen die Schrecken der Nachtž (3, 8) - und wohl auch den Epheserbrief und dessen Aufforderung: —Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.ž (6, 13)

Wie hier am Schluß, so ist das ganze Lied voll biblischer Bilder. Fast jedes Wort läßt sich dort finden: in den Psalmen, bei den Propheten - selbst die Worte, bei denen es erst einmal um die Beschreibung von Vorgängen aus der Natur geht. Hier ist es besonders das Wort aus Jesaja 14, das wir eben als biblische Lesung gehört haben.

Den biblischen Zusammenhang haben schon vor 200 Jahren manch geistreiche Leute nicht mehr verstanden, wenn sie die zu diesem Lied beispielsweise sagten, daß die erste Strophe reiner Unsinn sei: Wie können —die toten Wälder ruhen, die nie wachen? Und wie kann man in unsern aufgeklärten Zeiten noch singen: Es ruht die ganze Welt, wenn man weiß, daß gerade, wenn wir uns schlafen legen, unsere Gegenfüßler wach werden, also höchstens die halbe Welt schläft und auch von dieser nur ein Teil; weder die wachthabenden Soldaten noch Kranke, die an Schlaflosigkeit  leiden.ž Auch die Toleranz Friedrichs II. war nicht viel besser, der zu einem Streit um ein neues Gesangbuch aus «aufgeklärtemŽ Geist bemerkte: —Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist; was die Gesangbücher angeht, so steht jedem frei, zu sagen —Nun ruhen alle Wälderž oder dergleichen töricht und dummes Zeug...ž. Metaphern sollte man verstehen können, auch als König, dessen vermeintliche Macht vielfach nur eine eingebildete ist.

Aber es ist leicht, über unsere Altvorderen und ihre neunmalkluge Art zu spotten. Wir sind auch nicht besser. Ein, nein, das Beispiel für ein gegenwärtiges Mißverständnis biblischer Metaphern ist der neueste Berliner Aberglaube, den man schon den Kindern weismacht, denen man nichts mehr von Jesus Christus, von seinem Tod und Auferstehen zumuten mag. Denen mutet man zu: —Deine Oma ist jetzt ein Stern.ž Wie das denn? Der wahrhaft Aufgeklärte weiß natürlich, daß wir alle im wahrsten Sinne —Sternenstaubž sind - insofern rein physikalisch gesehen alle höheren Elemente, also auch die, aus denen unser Körper besteht, Ergebnis von Fusionsprozessen im Inneren von Sternen sind - aber daß wir nach unserm Tod auf einen Stern versetzt werden, ja zu einem Stern werden - das können wir dem —Kleinen Prinzenž überlassen. Das hat keinen Trost - und das kann sich schon gar nicht auf Paul Gerhardt berufen. Bei dem heißt es zwar in der dritten Strophe: —... die güldnen Sternlein prangen am blauen Himmelssaal; also wer ich auch stehen...ž - aber das heißt noch lange nicht, daß ich nach meinem Tod zu einem Stern werde.

Diese Anschauung von den Sternen als vorübergehenden Aufenthaltsorten der verstorbenen Seelen bis zur Reinkarnation ist zwar alt, sie stammt aus der Antike, aus der Gnosis, und lebt heute fort in esoterischen Kreisen - aber sie ist nicht christlich. Paul Gerhardts Hintergrund ist etwas anderes, nämlich das apokalyptische Buch des Propheten Daniel. Da heißt es im Kapitel 12: —Viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.ž Wie die Sterne, heißt es - das ist ein Vergleich, meint keine esoterische Höherentwicklung vom Menschen zum Stern.

Als Metapher, als Vergleich hingegen empfinden auch wir heute noch den Zauber des Wortes «SternŽ.  Es ist immer noch Sinnbild des Ewigen, dessen, was das Leben lebenswert macht: —Du bist mein Stern...ž. Was an dieser - immer noch vorchristlichen - Bibelstelle aber eigentlich von Bedeutung ist, ist gar nicht dieser kosmische Vergleich, sondern der Gedanke von der Auferstehung der Toten. Daran vor allem knüpft der Dichter hier an, wenn er vom «StehenŽ spricht: —...also werd ich auch stehen.ž

Kunstvoll ist Paul Gerhardts Gedankengang: Der Gedanke geht vom Weltganzen zum Einzelnen - vom Einzelnen zu Gott. Ein Licht nach dem anderen verlöscht, er begleitet sich selbst beim Zubettgehen - umgekehrt wird es in der Welt Gottes immer heller. Das Abendlied wird zum Lied über Tod und Leben, zum Leben in Gott.
Amen.
 
 


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