Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über Mt 9, 9-13

Liebe Gemeinde!

Heute morgen können wir einmal in Ruhe über unsere Krankheiten, über Medizin und Ärzte reden. —Um Himmels willenž, denken da jetzt vielleicht manche, —nicht auch das noch, darüber wird doch schon genug geredet! Wer kann dieses Thema denn noch ertragen?ž Mag sein - aber einen guten Arzt darf ich Ihnen doch empfehlen? Seine Praxis ist nie geschlossen, er nimmt kein Geld, trotzdem hat er immer weniger Patienten. Sie kennen ihn alle, hier ist er: Jesus Christus. Christus der Arzt, genauer: Christus der Apotheker.

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Dieses Bild aus der Heilig-Geist-Kirche in Werder an der Havel stellt Jesus Christus als Apotheker dar. Um 1700 entstand diese ungewöhnliche und seltene Darstellung des Wirkens Christi. Jesus steht hinter einem Tisch, rechts neben sich hat er sein Praxisschild, seine Reklame. Es sind Verse aus der Bibel darauf zu lesen. In unserer Luther-Übersetzung lauten sie: Wohlan, alle die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! (Jesaja 55, 1) Suchet den Herrn, solange er zu finden ist, rufet ihn an, solange er nahe ist. (Jesaja 55, 6) und: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen. (Ps 50, 15)

Dr. Jesus bietet hier seine Medizin an: umsonst, gratis. Er mischt sie aus verschiedenen Zutaten, die in verschieden geformten Gefäßen vor ihm auf einem Tisch stehen. Zunächst fallen sechs Tiegel ins Auge. Ihre Aufschriften lauten: Geduld, Hoffnung, Liebe, Beständigkeit, Hilfe, Friede. Das also ist die Medizin, die von Jesus kommt. Jeweils drei der Gefäße sind gleichartig: In den roten ist Hoffnung, Beständigkeit und Hilfe; Geduld, Liebe und Friede in den anderen typischen Apothekertöpfchen. Von dieser Sorte steht am rechten Rande noch ein Gefäß: Gnade ist sein Inhalt, verrät das Etikett. In seiner linken Hand hält Jesus die typische Apothekerwaage: zwei freischwebende Waagschalen, rechts die Gewichte (zusätzliche stehen noch auf dem Tisch) - und links in einem Säckchen die Medizin.
Mit seiner rechten Hand greift er gerade hinein. Kreuzwurz steht darauf. Man muß sich die Augen reiben, um zu erkennen, was darin ist, aber dann sieht man es deutlich: Kreuze. (Eines hält Jesus gerade zwischen Daumen und Zeigefiger.)
Kreuze - ist das die Medizin von Doktor Jesus? Bekommt jeder hier sein Kreuz verpaßt, seine Last zugeteilt, sein Päckchen zu tragen? Leiden statt Rettung? Bittere Pillen?

Auf dem Tisch liegt noch ein Tuch. Darauf - wie auf einem Antependium (so heißen diese Altartücher) - weitere Bibelverse: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. ... So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. (Mt 11, 28) Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. (Mt 9, 12) Und ganz unten am Bildrand, unter der Tischkante, kann man eben noch erkennen: Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. (Mt. 9, 13) Worte aus unserem heutigen Predigttext.

Kurze Erinnerung an den:
Jesus sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6):  »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.«  Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Jesus nimmt hier Stellung zu einem Konflikt, in den er durch sein Verhalten geraten ist. Er halte sich zu den falschen Leuten, zu den Bösen, zu denen, die Gottes Gesetz nicht achten, und ißt mit ihnen. Die Pharisäer nehmen daran Anstoß. Das ist nicht nur der Anstoß, den die ach so Rechtschaffenen aller Zeiten an denen nehmen, die sich nicht zu ihnen, sondern zu anderen halten, sondern die Pharisäer sehen darin eine Verletzung des religiösen Gesetzes.
Ein guter Jude darf ja keinen Kontakt haben zu denen, die das Gesetz verachten, keinen Kontakt zu den sprichwörtlich gewordenen Zöllnern und Sündern. —Wohl dem, der ... sich nicht wendet zu ... denen, die mit Lügen umgehen.ž (Ps 40, 5) Denn Sünder stehen Gott im Weg, verhindern sein Kommen. Mit dieser Deutung bricht Jesus: Wenn er Zöllner und Sünder an seinen Tisch ruft, dann ist damit das Reich Gottes nahegekommen.

Heute erscheint uns der gesellschaftlich-religiöse Konflikt von damals überholt. Und das gleich doppelt: Zöllner ist heute ein ehrenwerter Beruf - und was die Sünder angeht: daß die Kirche irgendwelche Menschen ausgrenze, das wird uns doch wohl im Ernst keiner mehr vorwerfen. (Eher fühlen sich manche benachteiligt, weil die Kirche nur mit Benachteiligten umgehe und die Normalos außer Acht lasse. Und andere erklären sich schnell zu Sündern, um sich als Lieblinge Jesu fühlen zu können. Aber das ist ein anderes Problem.) Die Christen jedenfalls grenzen keinen aus, weil er kein guter Mensch ist, im Gegenteil. Damals wie heute gelten ja Jesu Worte: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken, und Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Jesu Zuwendung ist also durchaus parteilich.

Dennoch müssen wir jetzt den Gottesdienst nicht abbrechen und die Gerechten erst einmal nach Hause schicken, bevor es weitergeht. (Ich glaube auch nicht, daß sich freiwillig jemand dazu zählte.) Zu unserem Thema Krankheiten, Medizin und Ärzte gehört ja das Wissen darum, daß wir alle der Heilung durch Gott bedürfen. Deshalb begrüßte uns heute (wieder einmal) der Aushang, der zuerst vor einer Kirche in England hing:
Komm herein -
du bist nicht zu gut, um draußen zu bleiben
- und nicht zu schlecht hereinzukommen!

Liebe Sünderinnen und Sünder, sehen wir wieder hin auf das Bild: Welche Medizin hat uns Doktor Jesus in seiner Heilsapotheke angerichtet?

Kreuzwurz ist die Grundzutat. Kreuzwurz war der Name für verschiedene heilsame Gewürze. Der Maler nimmt den Namen wörtlich und zeichnet einen Beutel voller Kreuze. Sie bringen aber nicht bloß Schmerzen, sondern werden zum Heilmittel.
Wodurch werden sie zur Medizin? Durch eine geheimnisvolle Zutat, die in einem Fläschchen da auf dem Tischtuch steht: den Glauben. Glaube macht aus dem Kreuz keine Last, die von uns zu tragen wäre, sondern entgiftet den Stachel des Leidens. Der Glaube läßt uns das Kreuz Christi als sein Heilmittel für uns erkennen. Der Glaube erschließt uns sozusagen den heilbringenden Wirkstoff des Kreuzes Christi. Weil Christus mit seinem Kreuz die Brücke von Gott zum Menschen schlug, ist unser Kreuz, sind unsere Leiden kein Fluch mehr, sondern der Weg Gottes zu uns Sündern: Christi Leidensweg ist unser Heilsweg. M.a.W.: Wer leidet, empfindet daran gewiß kein Vergnügen, aber er muß auch nicht das Leid der von Gott verlassenen Welt tragen - das hat Gott in Jesus getan - sondern wenn er leidet, wenn es ihm schlecht geht, dann ist er dennoch nicht allein und von allen guten Geistern verlassen. Das macht der Glaube.

Doktor Jesus mischt zu Kreuz und Glaube noch weitere Zutaten. Seine heilsame Rezeptur enthält Geduld, Liebe und Friede - Hoffnung, Beständigkeit, Hilfe und Gnade. Das können menschliche Tugenden sein, aber auch ganz konkrete Dinge, die Brille zum besseren Sehen, der Stuhl zum bequemen Sitzen: letztlich alles Zuwendung Gottes.

Das Bild mit seinen verschiedenen Zubenr und Tiegeln lädt geradezu zu der Idee ein, daß nun jeder und jede einzelne von uns seine und ihre persönliche Mischung bekommt: hier ein bißchen mehr Geduld, dort ein bißchen mehr Hilfe. Die Mischung machtŽs, das feine Auswiegen. Stellen Sie sich Menschen vor, die Hoffnung ohne Liebe bekämen oder Friede ohne Geduld, oder Leute, die zuviel von dem einen oder dem anderen bekämen, und zuwenig von dem anderen. Hier braucht wohl jeder seine individuelle Mischung, sonst bekäme Jesu Medizin nicht nur den zu Heilenden schlecht, sondern auch die anderen müßten arg unter ihnen leiden. —Gut, daß die Heiligen im Himmel sindž, meinte einmal einer meiner Lehrer, —hier auf Erden und zusammengenommen, da wären sie unerträglich.ž
Vielleicht hatte er gar nicht so Unrecht - mancher sogenannte Heilige hat wohl wirklich eine Überdosis von diesem oder jenem abbekommen.

Aber das ist nur eine mögliche Deutung des Bildes aus Werder, nicht die biblische Botschaft: die bleibt schlicht und einfach dabei, uns das Bild von Jesus als unserem Arzt vor Augen zu stellen. Und wenn wir wieder einmal über Krankheit, Medizin und Ärzte reden wollen, dann können wir in Zukunft dieses Bild aus der Heilig-Geist-Kirche in Werder vor Augen haben - und als drittes noch ein kurzes Gleichnis, das der Nürnberger Reformator Andreas Osiander über das Geheimnis unserer Erlösung erzählt. Ich gebe ihm den Titel: Warum noch nicht alles gut ist.
Ein Arzt verbietet seinem Sohn die Hausapotheke. Dennoch entwendet der ein gefährliches Gift, um es auszuprobieren, aber er droht daran zu sterben. Der große Bruder besänftigt den Zorn des Vaters über die Übertretung seines Gebotes. Das allein aber rettet den jüngeren Sohn noch nicht. Das bloße Verzeihen des Vaters hilft noch nicht gegen den angerichteten Schaden. Zur Wiederbelebung muß erst noch das Gift aus seinem Körper entfernt werden.

Ohne das Gleichnis gesagt: Gottes Vergebung macht noch nicht alles gut. Es bleiben noch die Folgen der Sünde: —Wie nun der mensch vergifftet noch leben kann, also kan er auch, vom tod wider lebendig gemacht, noch vergifftet sein, das er rainigens und gantzes gesundmachens bedarf, also kan Christus sambt dem Vater und heiligen Gaist durch den glauben in uns wonen und unser leben sein, das die sunde dannoch in uns anklebe und ausfegens bedorf.ž (O-Ton Osiander)

Noch also wirkt auch unter den Christen das Gift der Sünde fort. Und dagegen bedürfen wir weiterhin Christi, des Arztes - als Heiland gegen das Gift der Sünde. Überhaupt ist das die beste Art und Weise, über Krankheit zu reden: indem man vom Heilmittel spricht, von Jesus dem Apotheker.

Dieser Arzt bittet Gott, seinen Vater, für uns: Ich bitte dich nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie bewahrst vor dem Bösen. (Joh 17, 15) Da müssen wir also durch, durch diese Welt. An der führt kein Weg vorbei, ihr können wir nicht entfliehen.
—Da müssen Sie durch.ž Das meint auch Jesus in typischer Ärztemanier - aber Jesus bringt uns auch hindurch, mit Hilfe seiner Medizin. Mit Geduld, Liebe und Friede, mit Hoffnung, Beständigkeit, Hilfe und Gnade ausgestattet gehtŽs besser. Mit dieser Medizin kann man leben - und getrost sterben.

Bestürmen wir ihn dann wie jene Patientin: —Herr Doktor, Herr Doktor, ich stehe an der Pforte des Todesž, lautet seine Antwort: —Keine Angst, keine Angst - ich bringe Sie schon durch.ž Weltlich klingt das noch zweideutig, das biblische Bild von Jesus als unserem Arzt aber meint genau dies: Er führt uns durch die Welt hindurch ins Leben mit Gott.
Amen.
 
 


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