Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis über Mt 9, 35-38; 10, 1-7

Liebe Gemeinde!
In meiner Heimat im Ruhrgebiet wünschte sich unser Pfarrer für den Gottesdienst einen Abstimmungsknopf. Seine Idee: Die Gemeinde sollte mitentscheiden, worüber gepredigt werden sollte. Vor lauter möglichen Themen wüßte er nämlich manchmal gar nicht, welches er nehmen sollte. Und deshalb interessierte ihn der Wunsch der Gottesdienstgemeinde: Jeder hört den Predigttext und gibt dann aus einer Liste von Themen sein Interesse per Signalzeichen zu erkennen. Interaktives Predigen würde man das heute nennen. - Wie fänden Sie das? Spannend, lebendig? Nach dem Motto: Hörer machen Programm. Oder eher: Wer die Wahl hat, hat die Qual?

Jahre später, im Studium, begegnete mir eine ganz andere Ansicht: Es gibt überhaupt nur ein Thema der christlichen Predigt, die in Jesus Christus geschehene Rechtfertigung des Sünders - so einer meiner Lehrer. Sogenannte Themen könnten wir selbsternannten Moralaposteln überlassen, die ihre Gedanken predigen, nicht Gottes Wort. Predigt ist Predigt von Jesus Christus - oder sie ist keine Predigt. Das Programm steht fest. Wir haben keine Wahl. - Wie finden Sie diesen Gedanken? Ist es gut, nicht von einer Fülle x-beliebiger Themen erschlagen zu werden? Oder ist das schlicht und einfach langweilig?

Unser heutiger Predigttext gab uns in dieser Frage Entscheidungshilfe. Er ließ uns verstehen, was es mit der christlichen Predigt auf sich hat: Zunächst erfuhren wir da etwas über die Personen, über die Prediger. Es sind 12, die hier gesendet werden, der engste Kreis um Jesus, die 12 Apostel. Wir hören ihre Namen und ein paar Stichworte: Da ist Petrus mit seiner nicht näher beschriebenen Sonderstellung, da ist auch der spätere Verräter Judas. Dazu gehören ferner ehemalige Gegner, ja Todfeinde: ein Zelot, ein Widerstandskämpfer gegen die Römer, und ein Kollaborateur mit den Römern, ein Zöllner. Einige der Apostel sind Geschwister. Mehr erfahren wir von manchen überhaupt nicht. Ihre Biographien spielen - so scheint's - keine Rolle.
Eine Rolle spielt für Jesus das Volk. Er sagt, es sei wie Schafe ohne Hirten. Dieses Bild hat damals jeder gleich verstanden: gemeint ist das Volk Israel. Und auch die Kritik, die darin steckt, ist allen deutlich: Die offiziellen Hirten, die es natürlich gibt, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, sie sind eben keine. Und wenn anschließend das Bild wechselt, nicht mehr vom Hüten einer Herde, sondern vom Einbringen einer Ernte die Rede ist, auch dann verstehen alle, wovon hier die Rede ist: vom Gericht Gottes über sein Volk. Beim Gericht Gottes über sein zerstreutes Volk werden nämlich - so die traditionelle Vorstellung - Engel quasi als Erntehelfer aktiv und bringen dar, was das Volk vor Gott einzubringen hat. Das war ein vertrauter Gedanke. Neu ist, daß bei Jesus Menschen diesen Dienst der Engel übernehmen. Und diese Menschen werden gerufen, sie melden sich nicht etwa freiwillig. Jesus ruft die Jünger also zum Gebet auf, daß Gott Menschen in diesen Engeldienst berufe, er fordert sie nicht auf, sich selbst zur Verfügung zu stellen.

Und dann hören wir, was sie sagen sollen: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Das ist der Inhalt ihrer Predigt. Was bedeutet das? Durch die Predigt der Jünger soll Ungeist vertrieben werden. In ihrer Predigt vollzieht sich also Gottes Gericht - in einem neuen Verständnis. Und die Prediger erhalten Macht, so daß geschieht, was sie da sagen: Ungeist verschwindet wirklich, Menschen werden an Seele und Leib gesund. So kommt ihnen das Reich Gottes nahe.

Mit diesen verschiedenen Gedanken über Prediger als Erntearbeiter, ihre Aussendung und Vollmacht wollte der Evangelist Matthäus seiner Gemeinde deutlich machen, was es mit der christlichen Predigt auf sich hat: Sie setzt das Wirken Jesu fort. Sie sagt nur eins: Das Reich Gottes, seine Herrschaft ist nahe! Und das geschieht in Vollmacht. Sie beweist sich selbst: Denn wo sie angenommen wird, da zieht aller Ungeist aus. Wenn die Apostel kommen, dann kommen wirklich Engel zu den verstreuten Schafen. Das also, liebe Gemeinde, hat es mit der christlichen Predigt auf sich: Sie ruft Gottes Herrschaft in der unerlösten Welt aus und bringt sie damit herbei.

Mein Lehrer hatte also Recht. Wir predigen in der Kirche nicht irgendwelche Themen, sondern bringen Gottes Herrschaft zu den Menschen. Die Idee meines damals ach so modern sein wollenden Pfarrers mit den Abstimmungsknöpfen ist nicht schlecht für Diskussionen, taugt für Kirchentage und Gemeindeveranstaltungen, aber die Prediger und Predigerinnen, sie —denken immer nur an das Einež: an Gottes Herrschaft: —Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.ž

Meine Großtante kannte unseren heutigen Predigttext gut. Sie verstand ihn als Aufforderung zum Beten, zum Gebet um sogenannte 'geistliche' Berufe. Das klingt ganz fromm - und so hat sie das auch gemeint und zeitlebens getan. Viel mehr konnte sie auch nicht tun, ich habe sie nur als krank erlebt, jahrzehntelang. Sie war eine einfache, fromme Frau. Indem sie sich aber die Aufforderung Jesu zu eigen machte: —Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sendež, kam ihr Gottes Herrschaft wirklich nahe. Der Ungeist der Verzweiflung und Sinnlosigkeit konnte keine Macht über sie gewinnen. Sie sah noch einen Sinn in ihrem Leben - zu beten nämlich: Da hatte sie etwas zu tun.

Uns Jungen war das damals natürlich zu passiv: 'nur' beten. Wir wollten 'richtig' was tun. Nun, wir haben es versucht. Wir haben versucht, die Botschaft vom Reich Gottes wirklicher werden zu lassen, indem wir sie mit Taten zu beglaubigen versuchten: Bildung und Chancengleichheit für alle, Abbau sozialer Unterschiede, Schutz der Umwelt, nachhaltige Entwicklung, kurz: Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wir haben das Beste gewollt. Was ist daraus geworden?

Heute erleben wir uns am Ende vieler Möglichkeiten. Das Geld und die Kräfte gehen uns aus - den Einzelnen und auch den Kirchen. Fürs Handeln bleiben selbst einem Kirchentag nur die ins Leere laufenden Rituale öffentlicher Empörung - die Globalisierung wird ausgepfiffen. —Lebendig und kräftig und schärferž? Kindergarten! Friedrich Schorlemmer hat schon vor 12 Jahren - auf dem Kirchentag in Hamburg 1995 - öffentlich Verzweiflung bekundet über die Mittelmäßigkeit, die seine —Generation der Macherž hervorgebracht hat. Er hatte Recht. Die großen Taten bleiben aus, die großen Vorbilder sind tot. Kein neuer Bonhoeffer ist in Sicht, kein Anreger, kein Aufbruch. Selbst Dorothee Sölle vermochte am Ende nur noch, sich zu wiederholen.

Wie hilflos wirken die Proteste gegen den G8-Gipfel, wenn man sie am Anspruch auf Erfolg mißt; wie verlogen und wie billig die Gesten der Betroffenheitskünstler. An verschiedenen Stellen in der Gemeinde sprachen wir in der vergangenen Woche über die wenig aussichtsreichen Alternativen, die den Großaktivisten da einfallen. Gewiß bleiben die kleinen Alltagsdinge: Energie und Wasser sparen, Müll trennen - aber wo bleibt nach einer Generation praktizierter Entwicklungshilfe die globale Wirkung? Jetzt soll auf einmal alles gut werden - mit ihrer möglichen Verdoppelung? WerŽs glaubt...

Verzweifeln müssen wir dennoch nicht. So gut gemeint der Versuch auch ist, mit unseren Taten die Botschaft vom Reich Gottes sozusagen «wirklicherŽ werden zu lassen - eigentlich ist der Versuch ja vermessen, er muß geradezu in die Verzweiflung führen. Als Zeichen von Gottes Nähe kann unser Tun ja nur im Glauben wahrgenommen werden, davon losgelöst bleiben es lediglich ehrenwerte oder bestenfalls eindrucksvolle Taten. Die Beglaubigung seiner Nähe müssen wir also schon Gott selbst überlassen - wie damals bei den Zwölf, als sie auf den Weg geschickt wurden. Nicht daß sie reden und auch handeln sollen, ist ihr Thema - sondern sie reden von Gott und lassen ihn handeln. Darin besteht ihr Handeln.

Und diese grundlegende Handlungsmöglichkeit ist auch uns geblieben: die Predigt von Gottes Herrschaft. Auch ihre Wirkungen sind geblieben: Wo Gottes Herrschaft nämlich nahe kommt, da zieht der Ungeist aus, da werden Menschen gesund, an Seele und Leib - wir wissen heute wieder um die heilenden Kräfte des Glaubens. Aber wir werden auch die Eigenart dieser Kräfte noch mehr und besser entdecken müssen. Sie verheißen nämlich anderen Erfolg als Harmonie und Wohlbefinden: Sie decken auf und legen bloß, verhüllen nicht länger. Und das ist auch schmerzlich. —Lebendig und kräftig und schärferž? Ja, wirklich. Wo Gottes Herrschaft ausgerufen wird, wird auch der Widerstand dagegen groß. Und tatsächlich, der Widerstand gegen das Evangelium von Jesus Christus nimmt in unserer Gesellschaft immer mehr zu. Der Kapitalismus scheint zu merken, daß sich der Glaube nicht einfach mit der Weltherrschaft gegenwärtigen Wirtschaftens abfinden kann, daß sich da ein religiöser Widerpart aufbaut - auch wenn wir nach den rettenden konkreten Ideen noch suchen müssen - und uns die geeigneten «ErntehelferŽ fehlen...

Nur eines ist jetzt schon klar: Eine heile Welt haben wir auch im Glauben nicht zu erwarten. Wer das glaubt, wird bloß krank oder muß sich die Welt neurotisch schön denken. Denn soft geht's nicht zu, wenn Gott kommt. Mit Gottes Herrschaft kommt Spannung, kommt die Ernte, kommt sein Gericht. Das macht der heutige Predigttext deutlich.

Uns allen aber, die wir zunehmend auf Gottes Herrschaft warten und darunter leiden, daß wir sie nicht mit unseren Taten durchsetzen können, besonders denen, die immer weniger sehen, was sie denn eigentlich tun könnten, empfehle ich die Lösung meiner Großtante: Sie betete ja um 'geistliche Berufe', um Arbeiter für die Ernte. So sprach sie von Gott und ließ ihn handeln. So ließ sie Gott zum Zug kommen, war ihr Gebet Gebet um Gottes Herrschaft... Sie war - wie gesagt - eine einfache, fromme, kranke Frau, sie konnte nur noch beten...

'Nur' beten? Für dieses 'nur' möchte ich bei ihr um Entschuldigung bitten - bei ihr und allen Gläubigen. Und wer da jetzt noch die großen alten Männer und Frauen und ihre Taten vermißt, den erinnere ich an einen bekannten Spruch: Die Heiligen sind wie Laternenmasten. Sie werfen Licht auf unseren Weg - aber nur Besoffene halten sich an ihnen fest.
G. Amen.
 
 


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