Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag nach Epihanias über Mt 8, 5-13

Liebe Gemeinde!
Was haben der Hauptmann von Köpenick und der Hauptmann aus der heutigen Evangeliumslesung gemeinsam? - ? -

Nicht so sehr den militärischen Rang: Beide tragen zwar den Titel eines Hauptmanns, aber der römische Centurio - wahrscheinlich ein Syrer in römischen Diensten - ist als echter Offizier doch nicht gut vergleichbar mit dem Schuster Wilhelm Voigt, der vor 100 Jahren das Köpenicker Ratshaus besetzte, die Ratskasse an sich brachte und für die Übernahme der Kommandogewalt lediglich eine Hauptmannsuniform angezogen hatte.

Ihre erste Gemeinsamkeit liegt vielmehr darin, daß beide der militärischen Befehlskette vertrauen: Nach preußischen Vorschriften verlieh die Kommandogewalt unter Waffen auch Rechte im zivilen Bereich - und der römische Hauptmann setzt erfolgreich darauf, daß seine Erfahrungen mit der militärischen Befehlskette auch gegenüber dem Feind namens Krankheit wirksam sind: "Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's." Der Hauptmann geht auf Jesus zu in der Erwartung, daß der diese Befehlsgewalt hat. Für uns erscheint Jesus damit in einer durchaus ungewohnten Rolle: als Inhaber von Befehlsgewalt gegenüber Krankheit. Dabei muß von ihm nicht einmal der Befehl: "Sei gesund!" ausdrücklich gegeben werden. Es heißt lapidar: "Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast." Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.
 
Ach so, könnten wir jetzt sagen, das kennen wir doch von Wunderheilern: Deren Ausstrahlung, deren Charisma ist so groß, daß die erstaunlichsten Dinge passieren. Lahme können wieder sehen, Blinde gehen, Taube reden. In der elektronischen Kirche in den USA passiert das jeden Sonntag.

Aber auch ganz ohne Sarkasmus gesprochen: Spontanheilungen gibt es ja nun wirklich immer wieder, und selbst viele seriöse Mediziner können uns bei manchen Symptomen keinen anderen Trost anbieten, als auf "Spontanheilungen" zu hoffen. Und daß man auch im heutigen Medizinbetrieb an seine Heilung auch selbst glauben muß (nicht immer, aber immer öfter), wird uns durch Redensarten wie "der Patient muß mitwirken" und Slogans wie die Rede vom "mündigen Patienten" von den Ärzten selbst bescheinigt. Erklären läßt sich also alles.

Ins Milieu moderner Wunderheiler aber müssen wir uns nicht begeben, um den römischen Hauptmann zu verstehen, das können wir getrost den Talkshows überlassen: Hier geht es um den Glauben an die Befehlsgewalt Jesu. Nach Ansicht des römischen Hauptmanns kann Jesus mit seiner Macht die Dämonen austreiben, die nach antiker medizinischer Sicht manche Krankheiten verursachen - und so geschieht es auch, sogar per Fernheilung.

Das ist nun allerdings auch im Wirken Jesu ein Sonderfall und bringt uns auf die zweite Gemeinsamkeit, die der römische Hauptmann und der Hauptmann von Köpenick teilen: Beide sind nach jüdischem Verständnis Heiden, d.h. Nicht-Juden. Heide ist kein abwertender, aber ein im Wortsinn diskriminierender, d.h. ein unterscheidender Begriff: Wer nicht zum Volk der Juden gehört, der ist Heide. Und für den Umgang mit Heiden gelten nun einmal nach jüdischem Verständnis bestimmte Spielregeln. Der in Palästina eingesetzte römische Hauptmann kennt sie natürlich und will sie auch respektieren. Als Jesus schon erklärt, er werde kommen und den Knecht gesund machen, sagt der Hauptmann: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst. Hinter der orientalischen Demutsformel steht das Wissen darum, daß sich sein Besucher als frommer Jude unrein, d.h. kultunfähig machen würde, beträte er das Haus eines Nichtjuden. (Das Besuchsverbot gilt heute in dieser Form wohl nicht mehr, da es bei den Juden ja keinen Tempelkult mehr gibt - aber ein orthodoxer Jude hat mir einmal erklärt, daß er jedenfalls in keine Kirche hineingehen würde - wegen dieses Zeichens der Schande dort, dem Kreuz.)

Daß der römische Hauptmann diese Vorschrift des jüdischen Reinheitsgesetzes nicht nur kennt, sondern sogar respektiert (darum die Bitte: Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund), spricht für ihn - und ist für den Angehörigen einer Besatzungsmacht, der die stärkste Militärmacht der Welt repräsentiert, Zeichen einer Sensibilität, die man der heutigen Weltmacht im Umgang mit religiös-politischen Konflikten nur wünschen kann.

Jesus aber kann den römisch-syrischen Hauptmann nur loben: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Glauben? Welchen Glauben lobt Jesus denn da? Der römische Militär denkt doch in militärischen Kategorien: Jesus hat das Kommando auch über himmlische Spezialkräfte. Und Jesus lobt ihn dafür nicht nur, er läßt auch gleich eine Grundsatzbemerkung folgen: Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Hinter diesem Bildwort steht die jüdische Vorstellung von der Wallfahrt der Völker zum Berg Zion: Dereinst werden hier Menschen aus aller Welt den Gott Israels verehren. Das ist die jüdische Vorstellung von der Universalität des einen Gottes. Er wird sich dereinst zeigen als Herr aller Menschen, der Juden wie der Heiden - und die Heiden sind aus dieser Sicht eben auch wir, z.B. auch Wilhelm Voigt, der Schuster, der zum "Hauptmann von Köpenick" wurde. Die zweite Gemeinsamkeit der beiden Hauptmänner.

Das Vertrauen des Militärs auf Jesus als Befehlshaber über die Krankheitsmächte macht ihn zum Kandidaten für die Teilnahme am endzeitlichen Mahl der Völker. In diesem Bild von der Teilnahme am himmlischen Mahl bringt Jesus zum Ausdruck, was seine Zukunftserwartung ist: Heil ist möglich für Menschen aus allen Völkern - aber die Zugehörigkeit zum Volk Israel reicht nicht aus dafür. Die Frohe Botschaft für die anderen wird zur Drohbotschaft für Jesu eigenes Volk. Die so medizinisch und militärisch daherkommende Geschichte von der Heilung eines Gelähmten wird zu einem Stück Theologie der Religionen: Was wird mit den Heiden?

Schon der Genfer Reformator Johannes Calvin sah hier zwei Heilungen: die Heilung des gelähmten Knechtes - und zuvor die "Heilung" des römischen Hauptmanns. Der ist nun Kandidat für das Reich Gottes.

Und wenn wir uns fragen, was aus den heutigen Heiden wird, aus denen, die weder Juden noch Christen sind, die vielleicht 'ihre' Religion haben oder auch keine - dann ist die Pointe der heutigen Heilungsgeschichte die Begegnung mit Jesus: Der macht hier heil, den Knecht und seinen Hauptmann, der bringt auch allen Heil, die ihn anrufen. - "Wir kommen alle, alle in den Himmel", die wir Jesus anrufen - wie der römische Hauptmann. Der vertraut nicht etwa seinem starken Glauben, sondern Jesus - und der Befehlskette. Ein Kommißkopp zwar, aber der Hauptmann betont seine Unwürdigkeit. Sein Glaube ist Jesus-Glaube. Auch wir hätten kein Recht auf Gott - aber Jesus räumt es uns ein. Auch unser Glaube ist Jesus-Glaube.

Und damit endet die Gemeinsamkeit zwischen dem römischen Hauptmann und dem sogenannten "Hauptmann von Köpenick", dem Schuster Wilhelm Voigt. Der fühlt sich zwar auch unwürdig vor Gott, hört aber lieber auf seine innere Stimme:

Vorhin, uff'm Friedhof, da hab' ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen, da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder 'n Arsch zu - du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein' Leben, un dann muß ick sagen: Fußmatte ...Fußmatte, muß ick sagen, die hab ick jeflochen in Gefängnis, un da sind se alle drauf rumjetrampelt. ... So knickrig will ich mal nicht vor meinem Schöpfer stehen. Ick wer' noch wat machen...mit mein' Leben...

Damit beginnt die Köpenickiade des falschen Hauptmanns. Aber so herrlich die Komödie von Zuckmayer auch den preußischen Militarismus auf die Schippe nimmt - der wirkliche Wilhelm Voigt nimmt ein schlimmes Ende: Für kurze Zeit ein Volksheld, bleibt er eine gescheiterte Existenz. Er wollte nicht "knickrig", wie er das nannte, vor seinem Schöpfer stehen, nicht, ohne noch was geleistet zu haben.

Die Worte des echten Hauptmanns hingegen, des Syrers in römischen Diensten, wurden Bestandteil der christlichen Liturgie - zur Vorbereitung der Begegnung mit Jesus in Brot und Wein: "O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." So "knickrig" können wir vor Gott stehen, ohne was geleistet zu haben.
Amen - und Danke!
 
 


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