Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Rogate über Mt 6, 7-13

Liebe Gemeinde!
Beten, wie geht das? Jesus antwortet mit dem Gebet, das wir nach seinen Anfangsworten das Vaterunser nennen. Klare Frage, klare Antwort. Und im Evangelium des Lukas ist das auch wirklich so. Da bittet einer der Jünger Jesus: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung. So kurz, so bündig, kurz und bündig eben.

In unserem heutigen Predigttext aber stellt Matthäus das sogenannte —Gebet des Herrnž in einen größeren Zusammenhang zum Thema Beten: Im Rahmen der Bergpredigt wendet Jesus sich zuerst gegen das demonstrative Beten in der Öffentlichkeit, das offenkundig nicht allein auf Gott zielt, sondern auch auf die Menschen - wohl, um bei denen Eindruck zu schinden. Und er fügt hinzu: Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Beten soll also nicht einen Wunschzettel übermitteln wie zu Weihnachten, zum Geburtstag oder zum Muttertag - das ist bei Gott überflüssig, erklärt Jesus - sondern: Ja, was soll Beten dann?

Hören wir dazu auf die einzelnen Bitten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und  führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Mit Martin Luther unterscheidet man - in der schon in der Alten Kirche üblichen Fassung des Textes - gewöhnlich 7 Bitten: Da ist zunächst
Die Anrede: Vater unser im Himmel

Gott als Vater anzureden - das hat Gewicht. Da übernehmen die Christinnen und Christen die sehr persönliche Gottesanrede Jesu: Das Geheimnis der Welt, der Ursprung aller Dinge - Vater dürfen wir ihn nennen. Nicht nur am Muttertag könnten sich allerdings Mißverständnisse einschleichen. Darum stelle ich eine Testfrage, frei nach Martin Luther. Vater unser - was ist das? Stimmen Sie bitte ab:

- Gott ist anders als alle Väter.
- Gott ist wie ein Vater.
- Gott sitzt im Himmel auf einer Wolke.

Jetzt aber zur ersten Bitte. Hier geht es um das 1. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen! Darum gleich die Testfrage:

1. Die erste Bitte: Geheiligt werde dein Name.
- Man soll immer —heilig, heiligž sagen.
- Man soll nicht fluchen.
- Nur Gott ist heilig und anzubeten.

Da wagen wir uns doch gleich an

2. Die zweite Bitte: Dein Reich komme.
- Allein Gott möge in der Welt herrschen.
- Gib uns die Macht!
- Mach endlich wahr, was du in Jesus versprochen hast!

Immer noch sind wir sozusagen auf der ersten Tafel der 10 Gebote:

3. Die dritte Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
- Ich will nichts haben.
- Es kommt, wie es kommen soll.
- Herr, setze dich durch!

Die vierte Bitte allerdings scheint ein wenig aus diesem frommen Rahmen zu fallen - ganz weltlich geht es hier zu, so weltlich, daß manche Ausleger bei der Brotbitte an das eucharistische Brot, an das Abendmahl gedacht haben. Eher möglich, daß Jesus hier an die Geschichte seines Volkes dachte, an den Auszug aus Ägypten - und die tägliche Ration Manna.

Und das wiederum galt nur als erste Kostprobe, als Vorspeise des himmlischen Hochzeitsmahles - wie der berühmte —Gruß aus der Küchež, das Amuse gueule, ein großes Festmahl einleitet. Und für Johannesevangelium  ist Jesus selbst das Brot, das Brot des Lebens. Dann lauten unsere Testfragen:

4. Die vierte Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute.
- Hauptsache, ich habe genug zu essen.
- Ich will nicht mehr, als ich unbedingt brauche.
- Mach mich frei von der Sorge um alle Dinge! Ich will nichts außer dir.

Zum Verständnis der fünften Bitte hilft die Fassung bei Lukas: Vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden.
Matthäus hat nämlich das —wie auch wirž - und das könnte man mißverstehen, als sollte hier abgewogen werden: Wer ein bißchen vergibt, dem wird ein bißchen vergeben, wer mehr vergibt, dem wir mehr vergeben werden. So nicht. Heißt es also: Ganz oder gar nicht? Die Schlußworte, die Matthäus anführt, laufen darauf hinaus: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. Vergebung ist also keine Einbahnstraße: Wem vergeben wird, der soll auch vergeben. Dennoch wird Gottes Vergebung hier nicht völlig in die Hände der Menschen gelegt, nicht etwa von unseren Vergebungsleistungen abhängig gemacht: Vergebung führt von Gott her zu uns Menschen - und von uns zu den Mitmenschen. Testen wir unser Verständnis:

5. Die fünfte Bitte: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
- Ich will zurückgeben, was ich gestohlen habe.
- Weil du mir vergibst, was ich getan habe, will ich anderen vergeben, was sie getan haben.
- Ich will keine Schulden machen.

Auch die nächste Bitte irritiert Beter zunächst immer wieder: Und führe uns nicht in Versuchung. Führt Gott denn in Versuchung? Man ist versucht, an den biblischen Hiob zu denken und an dessen Schicksal. In der Tat, das sei ferne. —Führe uns nicht in Versuchung - dich, Herr, zu verlierenž hat deshalb ein Ausleger hinzugefügt und gibt uns damit schon einen Hinweis zum Verständnis des ganzen Gebetes, darauf, worum es letztendlich geht, um die Beziehung zu Gott. Darum hier die Bitte, ihn nicht zu verlieren. Vorher aber wieder die Testfrage:

6. Die sechste Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung.
- Laß uns nie anderen Göttern folgen!
- Stell uns nicht auf die Probe.
- Man soll kein Risiko eingehen.

Zu guter Letzt noch einmal der Hinweis darauf, daß wir nicht im Paradies leben, aber Gott als Herrn der Versuchung und des Bösen bekennen:

7. Die siebente Bitte: Sondern erlöse uns von dem Bösen.
- Mach die bösen Leute gut!
- Mach, daß alle nett zu mir sind!
- Laß das Böse nicht Macht über uns gewinnen.

Den noch folgenden Schluß könnten wir uns eigentlich sparen, der steht erst in einer Gemeindeordnung des 2. Jahrhunderts, wurde aber später in den biblischen Text eingefügt - wie eine Bestätigung, ein antwortendes o.k. der Gemeinde. Damit habe ich seine Bedeutung fast schon verraten:

8. Der Schluß: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
- Du bist der Größte.
- Howgh, ich habe gesprochen.
- Du allein bist der Herr von allem.

Liebe Gemeinde, Güter Jauch hätte heute morgen seine Freude an uns gehabt - mehr noch unsere Konfis. Die haben diesen Test nämlich schon gemacht. Aber wissen sie und wir eigentlich schon, welchen Sinn christliches Beten hat? Überhaupt: Ist das Vater unser eigentlich ein christliches Gebet? Gewiß, es ist das Gebet der Christinnen und Christen - und es gibt sicher kaum einen erwachsenen Christenmenschen auf der weiten Welt, der es nicht kennt, aber ist es deshalb schon ein christliches Gebet? Von Jesus Christus und vom Heiligen Geist ist ja nicht die Rede - es ist also kein Glaubensbekenntnis. Was ist es dann?

Es ist eine Kurzfassung des jüdischen —Achtzehn-Gebetesž Amida, eine Kurzfassung, die ganz offensichtlich auf Jesus und den Jüngerkreis zurückgeht, so daß alles christliche Beten daran gemessen wird. Aber woran eigentlich? Was ist der entscheidende Punkt dieses Gebetes? Sprechen die Christen es immer dann, wenn ihnen —nicht anderes mehr einfälltž - wie ein alter, leicht zynisch gewordener Pastor einmal meinte?

Es ist hier vor allem die vertraute Anrede Gottes, die so besonders ist - verbunden mit der Bitte um sein Kommen, um die Durchsetzung seiner Herrschaft. Die Bitte —dein Reich kommež ist so etwas wie die Mitte dieses Gebetes, jedes Betens. Worum auch immer in diesem Gebet gebetet wird, wann immer gebetet wird: Es geht um Gott und sein Kommen - zu uns Menschen: Damit wir leben. Denn häufig sprechen wir das Vaterunser, wenn uns wirklich —nicht anderes mehr einfälltž - in Situationen von Not und Verzweiflung, am Grabe, bei Katastrophen. Dann finden wir keine eigenen Worte mehr - aber mit Hilfe des Betens, wie Jesus uns zu beten gelehrt hat, halten wir fest an Gott, docken wir auch in der Gottferne und Gottverlassenheit an ihm an.

—Ein Lied kann eine Brücke seinž - hat Joy Fleming 1975 als deutschen Grand Prix Beitrag (jetzt: Eurovision Song Contest) gesungen. Beim Wettbewerb ist sie nicht weit gekommen, 17. Platz - aber sie hat Recht. Das Vaterunser ist ein Beispiel dafür. Das Vaterunser, das christliche Beten überhaupt, es errichtet eine Brücke zwischen Gott und Mensch, es ist diese Brücke - so daß die Worte nicht zählen, weder ihre Zahl noch, ob laut oder leise gesprochenwird: Es geht beim Beten um die Brücke, die Brücke zwischen Gott und Mensch - auf daß der Mensch lebe, schon jetzt und auf immer und ewig.
G. Amen.
 
 


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