Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Gedenktag der Reformation über Mt 5, 1-10

Liebe Gemeinde!
Zu Vaters Lieblingsliedern gehörte dieses: Ein Lehrer namens Matthis bringt seinen Schülern ein Lied bei. Er singt vor, sie wiederholen. Einmal singen sie falsch, er verbessert die Melodie. An einer anderen Stelle fragt er, ob jemand wisse, wie es weitergeht: Einer meldet sich und setzt das Lied richtig fort. Am Schluß singen es alle zusammen. Eine kleine musikalische Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, vielfach interpretiert, u.a. von Fritz Wunderlich.

Die Älteren unter Ihnen werden schon erraten haben, um welches Lied es sich handelt, das da zu Hause - genauso im Hause meiner Schwiegereltern - so häufig auf dem Plattenteller lag. Es heißt "Der Evangelimann", und gesungen wird: "Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen...". Der Lehrer-Sänger Matthis tritt in der Rolle des Evangelisten Matthäus auf - der Evangelimann. Und wer waren die, denen die Seligpreisungen galten?

Angesprochen von diesen Worten fühlte sich damals besonders die Generation meiner Eltern, die den Krieg zwar überlebt, aber jedes Selbstbewußtsein verloren hatte. Weil sie einmal an etwas geglaubt hatten (oder hatten glauben müssen), war in Ihnen etwas zerbrochen. Man mag es Selbstbewußtsein oder Identität oder Stolz oder jugendlichen Idealismus oder Gemeinsinn nennen. Die Folge: Man lebte, konsumierte, freute sich über den Aufschwung, das Wirtschaftswunder - aber das war's denn auch. Etwas in ihnen war wie verschüttet. Gelegentlich kam es wieder zum Vorschein: beim Wunder von Bern, beim Wunder von Lengede - und beim Hören des "Evangelimann". Manch stille Träne wurde da geweint. Das Lied brachte etwas zum Vorschein, was sie verloren glaubten: Sehnsucht, Hoffnung auf eine neue Gerechtigkeit, auf ein neues Leben.

Genau diesen Ort haben auch die Seligpreisungen Jesu. Wie in dem alten Lied aus dem 19. Jahrhundert, das seine große Resonanz ja erst in den Nachkriegsjahren hatte, sprechen sie Menschen Hoffnung zu, die keine Hoffnung haben:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Mit verschiedenen Worten und Bildern sagt Jesus hier eines: Du bist frei! Allen Opfern wird gesagt: Gott ist auf deiner Seite!

Aber wer kann sich da angesprochen fühlen? Kommt es jetzt darauf an, daß man nun wirklich arm ist oder zu Unrecht verfolgt wird, unterhalb der jeweiligen Armutsgrenze lebend oder als Flüchtling anerkannt ? Daß man barmherzig ist oder ein Softie, ein Pazifist, ja vielleicht sogar ein Gerechtigkeitsfanatiker, ein Michael-Kohlhaas-Typ, ein Robin Hood? Oder kommt es nur darauf an, daß man sich so fühlt? Leiden wir nicht alle?

Man hat Jesu Worte aus der Bergpredigt, die im allgemeinen Empfinden mit den Seligpreisungen ihren Höhepunkt erreicht, darum mit ähnlichen verglichen. In der Weisheitsliteratur gibt es Worte von der Art wie: "Wohl dem, der einen guten Freund hat...". Das ist selbstverständlich und sagt nur Selbstverständliches - ein weisheitlicher Spruch eben. In der apokalyptischen Literatur gibt es Worte wie: "Heil euch Erwählten und Gerechten; denn herrlich wird euer Los sein!" Das kommt Jesu Worten schon recht nahe: Dem Gerechten wird eine große Zukunft vorausgesagt, ein großer Lohn. Für die Seligpreisungen Jesu jedoch gilt: Die herrliche Zukunft derer, die jetzt leiden, zeichnet sich schon ab. In gewisser Weise hat sie sogar schon begonnen. Weil sie so sicher kommen wird wie das Amen in der Kirche, können Jesu Zuhörer schon jetzt aufatmen: Paradise now!

Dabei ist dieser Zuspruch an keine Bedingung geknüpft. Er gilt ja den Armen - Matthäus versteht sie als die geistig Armen. Dabei denkt er nicht an einen geringen IQ (oder Mathe "mangelhaft", Religion "sehr gut"), auch nicht an Mönche, sondern an die, die um Gott und sein Wirken wissen. Diese gelten im Judentum zur Zeit Jesu als "arm". "Armer" ist also ein Ehrenname für "Gerechter". Armut ist nun aber keine Vorbedingung. Sie verlangt nicht, daß wir andere arm machen, ruft also nicht auf zur Revolution à la "Völker, hört die Signale...".

Genauso wenig errichten die anderen Seligpreisungen Vorbedingungen, verlangen sie keine menschlichen Vorleistungen, um der Zusage "Selig sind..." teilhaft zu werden. Jesu Zusage der beginnenden Gottesherrschaft gilt vielmehr allen, die sich diese Zusage machen lassen. Doch weisen Jesu Worte darauf, daß Gottes Herrschaft in den konkreten Lebensverhältnissen unserer Welt beginnt. Und da ist eben nicht alles gleich. Da gibt es Reiche und Arme, Gerechte und Ungerechte. Da gilt die Weisheit eines meiner Lehrer, der gelegentlich sagte: "'Der Gerechte muß viel leiden', heißt es in der Bibel. - darum ist aber noch lange nicht jeder, der leidet, gerecht." Gottes Herrschaft kommt darum nicht neutral wie ein kleiner Lottogewinn, der in seiner Höhe nicht abhängig ist von den Lebensverhältnissen der Gewinner: für den einen die Rettung, für den anderen ein Taschengeld, das auch noch weggesteuert wird. Gottes Herrschaft kommt eher wie ein Blankoscheck, gibt jedem in seiner ganz persönlichen Lage die Gewißheit auf eine herrliche Zukunft.

So verstanden sind die Seligpreisungen Jesu beim Evangelisten Matthäus der lebendige Zuspruch der Rechtfertigung. Was Rechtfertigung bei Paulus meint (Röm 3, 28: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch durch den Glauben gerechtgesprochen werde ohne Werke des Gesetzes.") und was Martin Luther als Ende allen Geschäftemachens mit Gott verstand, die göttliche Kündigung des Belohnungsgedankens (Gottes Gerechtigkeit macht den Menschen gerecht.) - das wird schon in den Seligpreisungen Jesu wirksam: Gottes Freispruch für die in vielerlei Banden gefangene Menschheit.

Die Botschaft des "Evangelimanns" hat das den Desillusionierten in der Nachkriegszeit vermittelt. Und was erreicht uns heute, in unserer Welt der vielen Meinungen, Überzeugungen und Religionen, die bei vielen von uns Ängste, Zweifel und Unsicherheit hervorrufen?

Vielleicht ist der Gedanke vom Geschenk der christlichen Freiheit und Gelassenheit. In einer neuen Schrift der EKD über den christlichen Glauben und nichtchristliche Religionen heißt es: "Der Glaube an den Gott, der im Menschen Jesus auch in die Welt der Religionen gekommen ist und diese einlädt, sich seine Liebe gefallen zu lassen, gibt den Christen bei der Begegnung mit Menschen anderer Religionen die Gelassenheit, nichts erzwingen zu müssen, was sich nur in Freiheit einstellen kann. ... Gott ist schon mitten unter ihnen in Gestalt des Menschenbruders, der aller Religion von Menschen mit dem Grundakt der Liebe Gottes zuvorkommt. Gott läßt sich seine Geliebten nicht durch die menschlichen Religionen wegnehmen." Ich füge hinzu: Gott läßt sich weder durch die Höllenerfahrungen des 20. (und 21.) Jahrhunderts noch durch uns selbst wegnehmen, was er uns zusagte: die Seligkeit seiner Geschöpfe.
Amen.
 
 


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