Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias über Mt 4, 12-17

Liebe Gemeinde!
Zwei Wochen nach der Flut, jetzt kommt sie doch, die Frage: "Wo war Gott?" Zuvor war da bloß Entsetzen und anfänglich Ungläubigkeit angesichts der in den Nachrichten stündlich steigenden Zahlen der Opfer. Und ein neues Wort, aus dem Japanischen: Tsunami, Welle im Hafen.

Als nach Tagen das Ausmaß des Unglücks deutlich wurde, suchten die Medien nach Worten: größtes Unglück der Menschheitsgeschichte, ein Unglück biblischen Ausmaßes, eine Sintflut. Bis zum heutigen Tage testen die Medien, auf welches Wort die Öffentlichkeit und ihre Spendenbereitschaft am besten anspringt. Am häufigsten höre ich "Katastrophenflut". - Katastrophe, ein Wort aus der Poetik, aus dem antiken Drama: Es bezeichnet die Wendung, die ein Konflikt am Schluß nimmt, die Lösung, den tragischen Ausgang. Verwendet wird es für Ereignisse, die so einschneidend sind, daß sie es nicht möglich machen, nachher einfach bloß an das anzuknüpfen, was vorher war.

In solch einer Situation hören wir den heutigen Predigttext:
"Als nun Jesus hörte, daß Johannes gefangengesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!"

"Tut Buße!" Einige tun sich leicht damit. Sie riefen auch in diesen Tagen der Flut dazu auf: "Tut Buße - sonst ergeht es auch euch nicht anders!" Sie halten uns die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes mit ihren Katastrophenbildern, vor Augen und erwähnen, was andere verschweigen: daß unter den europäischen Opfern auch Mitbürger sind, die - statt Weihnachten zu feiern - als Sextouristen reisten.

Natürlich muß man ihnen entgegenhalten, daß doch weitaus mehr Familien betroffen sind und vor allem die Ärmsten der Armen - darunter eine Gemeinde von lutherischen Christen, eine verfolgte Minderheit unter fundamentalistischen Muslimen in Banda Aceh, die sich zur Stunde des Tsunami in ihrer Kirche versammelt hatten und bis heute unter den Schlammassen begraben sind. Wo war da Gott?

Hören wir also nicht auf jene Sorte von Apokalyptikern, sondern lieber auf den Bußruf Jesu im heutigen Predigttext: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" Jesu ruft zu Buße und Umkehr - nicht, weil eine Katastrophe droht, schon gar nicht droht er mit einer ansonsten unausweichlichen Katastrophe, er ruft zur Umkehr, weil mit ihm, mit seinem Wirken, Gottes Herrschaft beginnt. Auf die sollen die Menschen sich einstellen, mit der sollen sie rechnen - also nicht mit einer Katastrophe, sondern im Gegenteil mit einer von Gott selbst eingeleiteten Rettungsaktion. Darin besteht ihre Umkehr, ihre Buße: sich von Gott retten zu lassen.

Und was heißt das jetzt für die Toten, die Überlebenden, die Angehörigen? Jesus spricht als Prediger selbst einmal von einem Ereignis, das damals wohl in aller Munde war. Da war beim Bau eines Turmes am Teich von Siloah eine Zahl von Menschen tödlich verunglückt, und man suchte einen Schuldigen, ohne ihn zu finden. Am Ende blieb nur übrig: Sie mußten wohl selbst an ihrem Schicksal schuld sein. Selbst schuld - aber nun nicht, weil sie sträflich die Sicherheit am Bau vernachlässigt hätten, sondern schuldig im Sinne des uralten allgemeinreligiösen Gedankens des Zusammenhangs von menschlichem Tun und göttlicher Strafe. Die Leute in Judäa glaubten, die Unfallopfer von Siloah starben als Strafe für ihre Sünden. Jesus kommentiert das so: "Meint ihr, daß die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen." (Lk 13, 4f.) [Weshalb der Volksmund sagt: "Wenn Gott unsere Sünden wirklich strafte, müßten wir alle den ganzen Tag vor Schmerzen schreiend herumlaufen."]

"Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen." Da spricht Jesus ja dann doch die Drohung aus, die wir im heutigen Predigttext nicht finden. Wie sollen wir das jetzt verstehen? Ist das jetzt doch die Drohung mit der globalen Katastrophe? Bekommen die Apokalyptiker damit nicht Recht?

In der Tat, Katastrophen rufen zur Umkehr, auch wenn man keinen Schuldigen findet, auch wenn es - wie bei dem jetzigen tektonischen Seebeben - absolut keinen Menschen gibt, der daran Schuld ist. (Die Frage, ob mögliche Warnungen nicht schuldhaft verzögert wurden, ist ja eine andere.) Katastrophen  wie diese führen uns vor Augen, ein welch gefährlicher Ort diese Welt ist, wie ungesichert unser aller Leben doch eigentlich ist, daß, was an einem Ort geschieht, Auswirkungen auf alle hat, usw. usf. Und vielleicht führt die Katastrophe sogar die verfeindeten Völker der Singhalesen und Tamilen auf Sri Lanka wieder ein wenig zusammen. Aber anstatt nun wie unser Bischof zur "Demut vor der Natur" zu rufen, sollten wir im Evangelium Antwort auf die Frage suchen: "Wo war Gott?" Die allgemein-religiöse, die philosophische Antwort reicht nicht aus, sie ist nicht auf dem Niveau des christlichen Glaubens.

Einem Journalisten fiel schon die Tage in diesem Zusammenhang auf, wie eigentümlich weltlich und säkular die bisherigen kirchlichen Stellungnahmen zum Tsunami vom 2. Weihnachtstag ausgefallen sind. Im Vergleich dazu nennt er die der Politik geradezu religiös.

Woran liegt das? Der Journalist erinnert an das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 mit seinen 30.000 Toten. Das war eine Katastrophe, an der damals alle religiösen Erklärungsversuche zerbrachen. Damals dauerte es nicht bloß 24 Stunden, sondern noch 24 Tage, bis sich die Nachricht davon in der Welt herumgesprochen hatte. Aber davon abgesehen fielen die Kommentare ganz ähnlich aus, auch die weltlichen. Der Philosoph Kant sprach davon, die Menschheit könne daraus lernen: —Die Betrachtung solch schrecklicher Zufälle ist lehrreich. Sie demütigt den Menschen dadurch, daß sie ihn sagen läßt, er habe kein Recht oder zum wenigsten, er habe es verloren, von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter bequemliche Folgen zu erwarten.ž Modern gesprochen: Man muß immer positiv denken.

Wenn man das hört, mag es einem kalt den Rücken herunterlaufen. Schon Voltaire hat darüber gespottet und einen kleinen Roman verfaßt, in dem die Hauptperson Candide durch die ganze Welt geschickt wird. Candide gerät dabei immer wieder in Lebensgefahr und wird von seinem philosophierenden Begleiter immer wieder darüber belehrt, daß es in der Welt dennoch zum Besten stehe, solange man nur die richtige Einsicht habe. Auch beim Erdbeben von Lissabon gibt der Philosoph bloß kluge Worte von sich - und nur ein kleiner Diener denkt daran, was jetzt für Candide, der verletzt am Boden liegt, das Wichtigste ist: Er gibt ihm einen Schluck Wein. Und es ist ein Türke, dem am Ende aller Abenteuer Voltaire den Satz in den Mund legt, der seitdem viele Katastrophen begleitet hat. Jetzt geht es ums Handeln und Helfen, nicht ums Reden. Jetzt muß man Anpacken und einfach weitermachen. Mit den Worten Voltaires: "Man muß seinen Garten bebauen."
Oder einfach klagen, fügte der Journalist hinzu.

Also klagen und helfen, nicht theoretisieren und über irgendwelchen Sinn Nachdenken. - Amen?

Nein. Das mag ein resignierter Philosoph sagen, ein Spötter wie Voltaire oder einer, der einfach nur religiös ist und an ein höheres Wesen glaubt, das alles schon irgendwie gut machen wird. Aber das ist nicht das Evangelium. Das gibt Antwort auf die Frage: Wo war Gott?

Wir finden diese Antwort in Jesus, in seinem Leben, Sterben und Auferstehen. In seinem Tod ist Gott gegenwärtig: Gott macht den Toten lebendig. Durch Jesus wissen wir, daß der Tod als Argument gegen Gott nun ausgedient hat. Der Tod ist nicht mehr gottlos, begrenzt seine Macht nicht mehr. Gott rettet uns wie Jesus: nicht vor dem Tod - aber durch den Tod hindurch.

Ob es also der Tod eines einzelnen geliebten Menschen ist oder hunderttausendfaches Sterben, ob es gewaltsamer Tod ist, der einen Schuldigen kennt oder die schlichte Tatsache, daß wir alle sterben werden, die einen früh, die anderen später - das alles kann Anlaß sein zum Ruf nach Buße: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" Aber erst damit haben wir den Kern der Botschaft des Evangeliums erfaßt. Das Evangelium von Jesus Christus spricht von der Nähe der Herrschaft Gottes auch im Tod. Gott rettet, obwohl wir sterben müssen.

Manche rettet er auch vor der Flut - die haben Grund zur Dankbarkeit - aber auch die anderen vermag er zu retten: Das in der Taufe zwischen Gott und Mensch geknüpfte Band zerreißt nicht.

Das allerdings muß man glauben. Und das kann man glauben. Und das wird auch geglaubt. Dennoch fällt es manchmal auch gläubigen, frommen Menschen schwer, das ganze Ausmaß dieses Gedankens in sich aufzunehmen. Natürlich danken sie Gott, wenn der jemanden vor dem Tod gerettet hat, aber sie beklagen sich bei Gott, wenn ein geliebter Mensch stirbt und drohen mit Unglauben, wenn er nicht so will, wie sie. Gott aber rettet viel umfassender, gründlicher und grundlegender. Seine Gabe ist die Nähe seiner Herrschaft. Die nimmt er nicht zurück - so verschieden sie sich auch zu zeigen vermag. Eine fromme Anekdote, eine Flutgeschichte der anderen Art, beschreibt das recht drastisch:

Ein Ertrunkener beklagt sich beim lieben Gott, daß der ihn nicht gerettet habe. Dabei habe er doch so auf ihn vertraut. Gott erwidert: "Erst habe ich dich retten wollen, indem ich im Wetterbericht vor dem Sturm warnte. Aber du hast gesagt: Gott wird mich retten. Dann habe ich die Feuerwehr mit einem Boot vorbeigeschickt. Aber du hast gesagt: Gott wird mich retten. Schließlich schickte ich in letzter Sekunde noch einen Hubschrauber. Aber Du hast gesagt: Gott wird mich retten. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als dich so zu retten, daß ich dich zu mir nahm."

Da ist Gott - im Leben und im Tod.

Darum, liebe Gemeinde, bekennen wir Gott als Schöpfer, als Herrn über die todbringenden Wasser, ja als den, der auch Herr aller Zerstörung bleibt; denn weder die Natur noch das Böse sind seiner Macht gewachsen: "Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet." (Ps 46, 9) Ihm gebührt Demut, Dank und ein frohes Lied.
Amen.
 
 


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