Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Invokavit über Mt 4, 1-11

Liebe Gemeinde!
Was für ein Wochenende! Überall wurde gecastet - auf Teufel komm raus: ein Lied für Riga und Deutschland sucht den Superstar. Das Resultat: Altmeister Siegel ist wieder da und auch den Superstar haben wir gefunden: Alexander. Heute Morgen nun der Höhepunkt: Wir verfolgen den Messias-Test. Auf dem Prüfstand: Jesus von Nazareth. Wird er der Rolle des Sohnes Gottes gerecht? Sie glauben: Ja? Vorsicht: Prüfer ist ja der Teufel höchstpersönlich - in seiner biblischen Lieblingsrolle seit dem Buche Hiob: als Versucher. Hören wir lieber also noch einmal zu:
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er  vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11.12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde! Was für eine Szenerie! Sie ist keine Hungerphantasie, eher ein theologisches Bilderbuch nach Art des Johannesevangeliums. Es erinnert zudem an die großen Mysterienspiele: —Jedermann!ž Hollywood könnte es sich nicht beeindruckender ausdenken. Aber die Bühne hier ist noch großartiger: Wüste, die sprichwörtliche —Zinne des Tempelsž, ein mysteriöser hoher Berg, Engel und Teufel. Dazwischen: Jesus von Nazareth.
Alles beginnt mit Sieben-Wochen-ohne. Das macht Hunger und Appetit auf ein Wunder, denkt sich der Teufel und macht Jesus ein Angebot: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Jesus pariert wie ein Schriftgelehrter: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«  Jesus sagt also Nein zu der Versuchung, ein Wunder zu wirken, das seine legitimen Bedürfnisse und unsere Erwartungen an den Sohn Gottes befriedigen könnte. —Erst kommt das Fressen und dann die Moralž (Bert Brecht)? - von wegen: Erst kommt Gottes Wort. Das erinnert an die Bedeutung der Heiligen Schrift im Alten Israel, an Gesetz und Propheten, und stellt uns Jesus, den Prediger, vor Augen.

Nächste Station: die Zinnen des Tempels. Hier argumentiert der Teufel - Luther kommentiert bissig: —ein guter Theologež - mit der Heiligen Schrift: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11.12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Das angedachte —Schwebewunderž ist phantasievoll und spektakulär. Lehnt Jesus es deshalb ab? Weil auch das Bedürfnisbefriedigung wäre - nach Art antiker Wundertäter oder moderner Gurus, die von sich behaupteten, durch die besondere Gunst der Götter fliegen zu können? Verweigert sich Gottes Sohn solcher Mätzchen? Das ist nicht genau der Punkt: Jesus verweigert sich hier nicht bloß dem Spektakel, sondern vor allem der göttlichen Sicherheit. Gottes Sohn ist nicht unverwundbar. Jesus ist kein Bungeespringer, der dem rettenden Seil vertrauen kann. Er hat weder einen schützenden Panzer noch eine himmlische Flugbereitschaft. Er ist der Welt ausgeliefert. Jesus verweigert sich der Versuchung, wie ein höheres Wesen aufzutreten. Er ist Mensch - mit allen Risiken.

Und als Sohn Gottes darf er Gott nicht versuchen; d.h er darf ihn nicht bemühen, seine irdische Mission wie mit einem himmlischen Sprungtuch abzusichern, zu einem hollywoodreifen Stunt zu degradieren - im Sinne des Berliner Schülers, der meinte: —Ist doch gar nicht so schlimm, daß Jesus gestorben ist, war doch nur für drei Tage.ž
Jesu Tod war eben real und sein Leiden am Ölberg war echt - Jesu letzte Versuchung. Zuvor kehrte der Versucher zurück: Als Petrus Jesus von seinem Leidensweg abbringen will, schleudert Jesus ihm entgegen: Geh weg von mir, Satan! In einem umstrittenen Film hat der Regisseur Martin Scorsese dem Publikum vor einigen Jahren diese —Letzte Versuchung Christiž vor Augen geführt: Jesus spielt darin mit dem Gedanken, vom Kreuz herabzusteigen und mit seiner angeblichen Geliebten Maria Magdalena ein bürgerliches Leben zu führen. Pate für diesen Gedanken stand ein Bibelvers aus der Szene von der Kreuzigung Jesu: Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Gemeint ist: Demonstriere uns deine göttliche Macht, dann glauben wir an dich. Hier sind es die Umstehenden, die die Rolle des satanischen Versuchers übernehmen.

Dritte Szene, natürlich der Höhepunkt: die Versuchung der Macht. Macht ist geil. Macht macht an. Und hier geht es sogar um die Weltherrschaft. Hier geht es um den Kern der messianischen Erwartung, ums Eingemachte: Wie wird der Messias die Macht Roms brechen? Wie wird er seine Herrschaft antreten? Wie wird er sein Volk an die Spitze führen, so daß alle Völker zum Zion pilgern? Jerusalem als Mittelpunkt der Welt. Pikantes Detail am Rande (und zwischen den Zeilen Kritik an der Weltmacht Rom - Hallo, Georg W., hör zu:) Es ist der Teufel, der hier die Weltherrschaft anbietet, nicht Gott. Was alle haben wollen, ist ein teuflisches Angebot. Ein faustischer Handel: Macht gegen Anbetung. Jesus reagiert im Sinne des 1. Gebotes: Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

Jesus hat die Versuchung bestanden - aber damit im menschlichen Messias-Test enttäuscht. Ist er nun durchgefallen? Der Teufel (und wir vielleicht auch?) hatte ja klare Erwartungen: Bist du Gottes Sohn... Diesen Erwartungen hat Jesus nicht entsprochen. Er hat ein anderes Bild vom Messias gezeigt. Wer ist nun wirklich Gottes Sohn? Nicht der, der die Fähigkeit hat, Demonstrations- und Rettungswunder zu tun, sondern der, der sich allein von Gott bestimmen läßt. Der wahre Sohn Gottes  ist der Mensch, der allein auf Gott hört. Das gilt für Jesus - und für die, die ihm nachfolgen.
Historisch steckt hinter der geheimnisvollen Szene die Diskussion zwischen christlichen und jüdischen Schriftgelehrten über die Frage: Wer ist Jesus? Ist er der Messias? Geführt wird diese Diskussion vor dem Hintergrund der antiken Welt, die voll war von Göttersöhnen: Konkrete Menschen wie Julius Caesar oder sagenhafte Gestalten wie Herakles galten als solche. Für viele damals scheidet Jesus aus - für die Christen hingegen kreiert er einen neuen Typ von Gottessohn: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Als Mensch muß er leiden und sterben, als Gott besteht er sowohl die Versuchung, sich göttlicher Kräfte zu bedienen als auch der, sich weltlicher Macht zu bedienen - jener Versuchung, der das Volk Israel im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erlag, weil es den Zeloten folgte, die Terrorangriffe gegen die Weltmacht Rom führten. Nach jahrzehntelangem Kampf scheitern sie. Die Folge: Rom zerstört den religiösen Mittelpunkt, den Tempel. Die Juden müssen ihre heilige Stadt verlassen. Die Bergfestung Massada wird erobert - ohne daß Gott im letzten Moment auf Seiten der Zeloten eingegriffen hätte.

Der Evangelist Matthäus hat das miterlebt und sieht Jesus strahlend aus der Asche der vielfältigen enttäuschten Erwartungen an den Messias hervorkommen. Darum erzählt er seinen Mitchristen die Versuchungsgeschichte Jesu als Messias-Casting. Falsche Messiaserwartungen werden abgewiesen: Gewalt, Politik und Wundersucht. Am Ende ist klar, wer Jesus ist: Gottes Sohn. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm. Das erinnert an die Weihnachtsgeschichte.

Aber das ist noch nicht alles: Mit der geheimnisvollen Geschichte von der Versuchung Jesu wird uns ein neues Bild vom Menschen und von Gott vor Augen gestellt: Wahrer Mensch ist der, der allein auf Gott hört, ihm alles überläßt und damit auf alle Erfolgszwänge verzichtet - wahrer Gott ist der, der sich aus dem Leiden nicht heraushält. Darum kann Matthäus die geheimnisvolle Geschichte einleiten mit dem Satz: Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Letzen Endes kann allein Gott Gott versuchen. Er hat die Versuchung und den Versucher in der Hand.

Anders gesagt: Wenn wir uns fragen, wie kann Gott zulassen, was auf der Welt Schreckliches passiert? lautet die Antwort: Er ist mittendrin, er hält sich nicht heraus. Und wie kann er uns dann noch helfen? Antwort: Indem er uns frei macht von der Erwartung, wenn wir an Gott glauben, erfülle der unsere Wünsche und lasse uns alles unbeschadet überstehen. Der Glaube hat keine Macht über Gott. Das  glaubt nur der Teufel. Der Glaube läßt Gott machen - bis in den Abgrund des Todes hinein.

Der Gedanke an Rettung im Angesicht des Abgrundes hat Hollywood inspiriert: In der Anfangsszene von Brennpunkt LA (Lethal Weapon,mit Mel Gibson) droht ein Lebensmüder, von einem Dach zu springen. Da kommt ein Polizist, erschöpft, frustriert und nach dem Tod seiner Frau selber lebensmüde, alles andere als ein strahlender Held, kein Superstar. Ausgerechnet der soll der rettende Engel sein? Er macht kurzen Prozeß, kettet sich an den anderen und springt mit ihm vom Dach - Hand in Hand. Beide fallen tief ... und landen im Pool, gerettet.
Amen.
 
 


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