Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis über Mt 3, 13- 17

Liebe Gemeinde!
Wenn wir an die Taufe Jesu denken, neigen wir dazu, dieses Ereignis in eine Reihe zu stellen mit unserer Taufe: Wir wurden getauft - und Jesus eben auch. Na und? - Wir wissen zwar um einen Unterschied: Die Taufe des Johannes ist Zeichen der Umkehr und der Vorbereitung auf die nahende Herrschaft Gottes, unsere Taufe im Namen Jesu ist Zeichen der Zugehörigkeit zu ihm, zu Jesus Christus, und zur Gemeinde der Christen - aber um Umkehr und Vergebung von Schuld geht es dabei ja auch. Das legt nahe, die Taufe Jesu so zu verstehen: Der Schuldlose, der weder der Umkehr noch der Vergebung bedurfte, stellt sich bewußt in eine Reihe mit uns. Seine Taufe ist ein Zeichen freiwilliger Erniedrigung, seiner Solidarität mit den sündigen Menschen: Laß es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Fragt sich bloß, was haben wir eigentlich davon, von dieser Solidarität Jesu?

Einen ganz anderen Zugang zum Fest der Taufe Jesu haben die orthodoxen Christen: Taufe Jesu ist für sie Epiphanie, Erscheinung Jesu als des Herrn, Erscheinung Gottes in einem Menschen. Jesus wird darum dargestellt als Herrscher - wie auf dem Mosaik in unserer Kirche. Bekanntlich haben die orthodoxen Christen für jedes Fest ja eine besondere Ikone, ein Bild, das zu verstehen gibt, was da gefeiert wird.

Betrachten wir einmal eine Darstellung der Ikone vom Fest "Taufe Jesu": Es ist dies so etwas wie eine Vorlage für die Ikonenmaler, eine Skizze, die variiert werden kann - aber jede Ikone dieses Festtages muß diese Elemente enthalten: - austeilen -

Wir sehen Jesus Christus, Johannes den Täufer und drei Engel. Jesus wird getauft durch Untertauchen, wobei ihn die Hand des Täufers nur berührt, eigentlich mehr auf ihn zeigt, auf ihn verweist.

Jesus aber ist überflutet, untergegangen, er steht im Wasser des Jordanflusses wie in einer Höhle, ähnlich einer Grabhöhle: So wird die Taufe mit einem Sterben verglichen.
Die Höhle aus Wasser aber bricht auf, die Berge treten auseinander: Gott bricht ein in den Raum des Todes, sein Zeichen sprengt den todbringenden Lauf der Dinge und kehrt ihn um. Der Fluß scheint aufwärts zu fließen.

In einem Gebet vom Festtage heißt es: "Als Du durch Deine Erscheinung das All erleuchtet hast, da floh das bittere Meer des Unglaubens und der abwärtsfließende Jordan kehrte sich um, uns zum Himmel zu erheben."

Auch die orthodoxen Christen kennen also einen Zusammenhang zwischen der Taufe Jesu und unserer Taufe. Es ist derselbe, von dem Paulus spricht: "Wir sind durch die Taufe in den Tod mit ihm begraben und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt zu einem neuen Leben."

Das Zeichen für Gott leuchtet über der Szene auf: drei Strahlen fließen zusammen, bilden einen doppelten Kreis: Unendlichkeit ohne Anfang und Ende, ein Auge. Drei Strahlen treten heraus: Es spricht der Vater zum Sohn im Heiligen Geist. Zur Kennzeichnung von Gottes Herrlichkeit ist dieser Bereich bei der ausgemalten Ikone in Gold gehalten - nicht blau wie der Himmel.

So heißt es in einem anderen Gebet: "Bei deiner Taufe im Jordan, Herr, wurde die anbetungswürdige Dreifaltigkeit geoffenbart. Denn des Vaters Stimme zeugte für Dich, da sie Dich nannte den geliebten Sohn, und der Geist in Gestalt einer Taube bekräftigte die Gewißheit des Wortes."

In feierlicher Sprache, keineswegs alltäglich, wird hier der Gehalt der Taufe Jesu verkündet: Es ist Epiphanie, Erscheinung Gottes.

Am rechten Rand drei Engel - wohl die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael, drei stellvertretend für alle. Sie zeigen die Gottessohnschaft Jesu an, sind ihm zu Diensten und weisen wohl auch voraus auf die Szene von der Versuchung Jesu, denn auf den ausgemalten Ikonen ist häufig eine zusätzliche Einzelheit zu sehen, die auf dieser Skizze leider fehlt:

Zu Füßen Jesu sieht man dann eigentümliche Gestalten, Flußgottheiten - ein Zeichen für die Herrschaft Christi auch über die Mächte der Zerstörung, ein Bekenntnis zum Herrn auch des Chaos. Hier fällt unser letzter Blick nur auf die Hand mit der charakteristischen Gebärde des Segnens, des Lehrens, des Herrschens - ja des Richtens.

Liebe Gemeinde, damit haben wir ein Bild betrachtet, sind wir bei Ikonenmalern in die Schule gegangen, um, zu erfahren, was wir von der Taufe Jesu haben: Epiphanie, die Erscheinung Gottes, einen Herrn und Herrscher, der diesen Namen auch verdient.

Am zweiten Weihnachtstag nun, als bis auf Herrn Lüsch schon alle weg waren, kamen nach dem Gottesdienst zwei Reporter der Bildzeitung vorbei, trafen nur ihn noch an und wollten von ihm bestätigt bekommen, was sie zu wissen glaubten: daß die Kirchen nun gefüllter seien - angesichts der drohenden Gefahr eines Krieges gegen den Irak. (Das war bekanntlich nicht der Fall - obwohl der Besuch zu Weihnachten ja nicht schlecht war.) Was würden sie wohl von uns denken, wenn sie uns hier und heute die Köpfe zusammenstecken und Bilder gucken sähen? Erst recht, wenn wir jetzt anfingen, diese auch wirklich zu malen? Was würde der Gottesdienstkritiker des Tagesspiegels schreiben? Wird man so der Not dieser Tage gerecht?

Ich denke, ja. Wieder einmal - wie so häufig in der Geschichte der Menschen - geht es ja um die Frage: Wer ist der Herr? Ein Mensch, der der Welt seinen Willen aufzwingen will und dabei den Namen Gottes (arabisch: Allah)  mißbraucht, oder der Krieg, der nicht ohne wirtschaftliche Interessen, nicht ohne Interessen am Öl, geführt werden könnte (schließlich betrachten Militärexperten die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht als größer, aber die haben kein Öl und keine Terroristen)? Welchen Interessen ordnen wir uns unter? Wer ist der Herr?

Für die christliche Gemeinde kann ich mit der Botschaft dieser Ikone antworten - und dem Bekenntnisruf: "Jesus ist der Herr!" Und: "Christus, Gott, der erschien und die Welt erleuchtet, Ehre sei Dir!" Zum Herrn der Welt eingesetzt ist Jesus Christus, das meinen die biblischen Worte aus dem alten Ritus der Thronbesteigung eines Königs, die der Evangelist Matthäus auf Jesus bezieht: Dies ist mein lieber Sohn,  an dem ich Wohlgefallen habe.

In unserer Taufe haben wir Jesus Christus als unseren Herrn angenommen. Er sendet uns aus dem Tod ins Leben. Angesichts des Todes sind wir die reinsten Lebenskünstler - und dienen dem Leben, wie er:  "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus."

Zum Herrn und Richter der Welt eingesetzt ist damit Jesus Christus. Er bleibt der Herr - auch in Zeiten der Not und des Krieges. An ihn können wir uns halten - ohne mit den Wölfen heulen zu müssen. Die Herren der Welt siegen auf Kosten des Lebens, sie verbreiten millionenfachen Tod. Und selbst ihre guten Taten muß man fürchten: Lohnerhöhungen für die einen kosten andere den Arbeitsplatz. Christi Sieg aber geht auf Kosten des Todes . Wer ihm vertraut, hat zwar keine müde Mark (und keinen Euro) mehr in der Tasche als die anderen - eher weniger, da wir ja auch noch sammeln - aber die gewisse Aussicht auf das Leben mit Gott. Darum ist es gut, noch einen Herrn über sich zu wissen - ganz besonders für die Herren der Welt.

À propos sammeln. Ganz unten auf dem Bild ein Hinweis: Es kommt aus St. Petersburg. Sonst sammeln wir ja immer für St. Petersburg. In unserem Keller stapeln sich die Bücherkisten und suchen noch eine Transportmöglichkeit, denn angesichts der Armut dort sind Bücher ein Schatz. Umgekehrt aber hat uns an diesem Morgen dieses Bild erreicht, das dort seinen Ursprung hatte: Es hat uns bereichert. Danke - St. Petersburg.
Amen.
 
 


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