Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr über Mt 25, 31-46

Liebe Gemeinde!
Wahrlich, ich sage euch:  Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Diesen Satz haben wohl noch alle im Ohr, die den heutigen Predigttext gehört haben. Er ist bekannt wie nur wenige andere Sprüche aus der Bibel und gilt vielen als die Summe des Christentums, als Inbegriff der Aufforderung zur Nächstenliebe. Tja, wenn das soo ist..., dann laßt uns doch gleich jetzt Ernst damit machen, halten wir uns nicht mit Predigen und Zuhören auf, sondern gehen wir schnell hinaus, um das zu tun, was die mittelalterliche Tradition die Werke der Barmherzigkeit nannte:
die Hungrigen speisen,
die Durstigen tränken,
die Nackten bekleiden,
die Fremden beherbergen,
die Gefangenen erlösen,
die Kranken besuchen,
die Toten begraben.
Amen.

>Pult

Predigtlied 152, 1

Ach, eine Anmerkung ist vielleicht doch noch nötig - beispielsweise oder auch besonders für die, die zu alt oder zu krank oder zu arm sind, um genügend gute Werke zu tun, denen von der monatlichen Rente oder Stütze nichts bleibt, um sich einen Schatz guter Werke anzulegen, die sich nicht einmal mehr zutrauen, die kranke Nachbarin zu besuchen, denen in ihrer Phantasielosigkeit überhaupt nichts mehr einfällt, was sie Gutes tun könnten - oder auch für die, die sich gerade mühsam hier in die Kirche geschleppt haben und nicht gleich wieder fortkönnen: Laßt uns erst noch einen zweiten Blick auf den Predigttext werfen: Was steht denn da noch?

> Kanzel

Jesus erzählt ein Gleichnis vom Kommen des Menschensohns: Ein König wird alle Völker richten, indem er sie in zwei Gruppen einteilt - die Erben des Reiches rechts raus, die Verdammten ab ins Feuer, zum Teufel und den gefallenen Engeln.

Dieses Bild vom Jüngsten Gericht steht in der Tradition der sogenannten Apokalyptik. Apokalyptik ist eine Weltanschauung, die es in vielen Religionen gibt. Sie kann jüdisch, christlich, germanisch oder islamisch sein. So verschieden diese Religionen auch sind - sobald sie apokalyptisches Denken aufnehmen, zeichnen sie das Ende der Welt als Gericht: mit der Scheidung der Guten von den Bösen, als Gericht mit doppeltem Ausgang zwischen Himmel und Hölle.

Jesus erzählt dieses Gleichnis im Zusammenhang mit jüdischen Glaubensvorstellungen: Der König richtet ja nach dem Maßstab der Gegenseitigkeit - die etwas für ihn getan haben, werden belohnt; die das nicht getan haben, werden bestraft. Das ist der Grundsatz eines Systems des Miteinander, das sich in vielen menschlichen Gesellschaften bewährt hat, vom mittelalterlichen Feudalismus bis hin zu den Solidarsystemen der Gegenwart. Auch in den demokratischen Gesellschaften werden Kompromisse gesucht nach dem Maßstab: —Tust du was für mich, tu ich was für dichž. - In Jesu Worten ist es nun der Menschensohn, der von Gott her kommende zukünftige Richter, der nach diesem Maßstab richten wird. Und für Matthäus ist klar, wer dieser Menschensohn-Richter-König des Gleichnisses sein wird: kein anderer als Jesus.

Christlich ist an dieser Erzählung also nur die Person dessen, der da kommen wird: Jesus Christus. Wenn das aber soo ist..., wird Jesus denn tatsächlich nach dem Maßstab der Gegenseitigkeit richten? Wie verhält sich das zur biblischen Auffassung vom Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens, von der Rechtfertigung allein durch Glauben?

Betrachten wir darum einmal die handelnden Personen in dem zentralen Satz: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Erstens: Den sagt im Gleichnis der König zu den Gerechten. Es sind damit ausdrücklich Menschen aus allen Völkern angesprochen, nicht nur Juden oder Christen. Die Aufforderung zu guten Werken ergeht damit an alle. Und zweitens: An wem sollen sie getan werden? An den —Brüdernž des Königs. - Wir werden das jetzt nicht zu wörtlich nehmen können, denn wer sollte das sein, eine damit angedeutete königliche Familie etwa? Es wird sein wie in vielen anderen Gleichnissen Jesu auch, daß im Vergleich die damit gemeinte Sache immer schon durchschimmert. Die Brüder wären dann die Brüder Jesu - nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn, also die Christen. Die Christinnen und Christen haben sich ja von Anfang an als Schwestern und Brüder bezeichnet. D. h.: Gerecht ist also, wer den Christen Gutes tut.

Dieses Verständnis des Gleichnisses vom Weltgericht entfernt sich allerdings sehr vom gewohnten. Aus der Aufforderung zur Nächstenliebe - es fällt in der Tat ja auf, daß das Wort —Nächsterž hier gar nicht fällt, sondern nur die christliche Anrede —Bruderž - wird eine Antwort auf die Frage nach dem Schicksal der Nichtchristen. Was sagt der Richter-König darüber, was sie tun müssen, um zu den Gerechten zu gehören?

Die Frage nach dem, was aus den Nichtchristen wird, ob sie auch erlöst werden und in den Himmel kommen, bewegt uns heute ja sehr, mehr denn je, da wir hier in Kreuzberg ja als christliche Minderheit leben. (Übrigens finden wir uns damit in der Situation derer wieder, die uns dieses Gleichnis überliefert haben.)

Die Antwort des Gleichnisses ist aufregend: Auch die Nichtchristen (—alle Völkerž) werden Jesus Christus als ihrem Richter begegnen. Und was wird dann als Maßstab seines Urteils über sie gelten? Ihr Verhalten zu den —Brüdernž. Gut möglich, daß die ersten Christen sich hier selbst in der Rolle der Brüder sahen, so daß sie das Gleichnis als Einladung an ihre nichtchristliche Umwelt verstanden, mit ihnen brüderlich um zugehen. Aber natürlich gilt auch die Umkehrung: die Mahnung an die Christen, selbst geschwisterlich zu leben. Das Gleichnis ist schon eine Aufforderung zur Nächstenliebe - in erster Linie für die Nichtchristen, dann auch für alle. Aber es ist keine Aufforderung, sich durch Werke für gerecht zu erklären.

Alle haben die Chance der guten Werke, die Christinnen und Christen aber wissen gläubig und dankbar um die Rechtfertigung allein durch den Glauben. Wie tröstlich - nicht nur für die Alten und Schwachen, auch für die, die schon selbst, im eigenen Urteil, im Rückblick auf ihr Leben statt guter Werke bloß ein großes Kuddelmuddel, ein unentwirrbares Knäuel von Gut und Böse, feststellen! Daß Jesus Christus der Richter aller sein wird - das ist die befreiende Pointe dieses Gleichnisses vom Weltgericht. Unsere Werke erwarten sein Gericht - Gott sei Dank!

Im Gespräch mit einem Rechtsanwalt beklagte ich letzte Woche die zahllosen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, aus denen uns kein menschliches Urteil und kein Gericht helfen kann, und schloß mit den Worten: —Gut, daß es ein «Jüngstes GerichtŽ gibt, an das wir als «Letzte InstanzŽ appellieren können.ž Skeptisch meinte der Rechtsanwalt: —... wenn es denn kommt.ž Und ehe ich noch etwas dazu sagen konnte, entgegnete meine Frau: —Es muß einfach kommen.ž
Amen.
 
 


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