Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Kantate über Mt 21, 14-17

Liebe Gemeinde!
Im Evangelium ging es um Kinder. Über Kinder kann man doch eigentlich nur Gutes hören: Sie sind lustig und fröhlich, unbeschwert und glücklich. Kinder gelten als die irgendwie besseren Menschen. —Jedes Kind ist das Zeichen, das Gott seinen Glauben an die Menschheit noch nicht verloren hat.ž Bemerkung auf einer Glückwunschkarte zur Geburt.

Diese Hochschätzung von Kindern gilt quer durch alle Regionen und Religionen. —Unsere Kinder sind unsere Zukunftž, meinte Kemal Atatürk, der Staatsgründer der modernen Türkei und rief ein seit 1920 gefeiertes —Internationales Kinderfestž ins Leben unter dem Namen: —23 Nisanž (23. April) - an diesem Wochenende auch in Berlin.

Kinder gelten als weise, über ihre Aussprüche amüsieren sich Eltern und Öffentlichkeit. Bemerkung eines Berliner Steppkes über den verstorbenen Papst, als der vor Jahren seinen Attentäter im Gefängnis besuchte: —Der kann doch gar nicht anders, Vergeben ist doch sein Beruf.ž

Immer wieder gern gesehen: Tritt eine Frau an einen Kinderwagen. Wie lautet ihr entzückter Ausruf? —... süß!ž - Kinder an die Macht.

Anders klingtŽs meist nur hinter vorgehaltener Hand. Eine frühere Mitarbeiterin unserer Gemeinde und ihr erster Gedanken nach der Geburt ihrer Tochter: —Mein Gott, ist das Kind häßlich!ž (Gottlob gab sich das bald.) Auch die kreischenden Kinder rund um die Jakobikirchstraße sind nicht gerade süß, sondern schlichtweg so laut, daß die Alten ringsum zur Verzweiflung getrieben werden - und ich manchmal mit Ohropax arbeiten muß. Kinder sind eben —polymorph perversž, meinte Sigmund Freud, von instinktiven biologischen Bedürfnissen beherrscht. —Sind so kleine Hände...ž, hmm. —Ich hätte euch an die Wand klatschen könnenž, gestand meine Schwiegermutter ihren Kindern später.
Und Prinz Philipp verglich die Erziehung von Kindern mit der Dressur von Hunden. - Werden Kinder erst Menschen? Müssen sie nicht erzogen werden?

In den alten Kulturen jedenfalls galten sie erst von einem bestimmten Zeitpunkt an als zur Gesellschaft der Erwachsenen zugelassen. Bei den Juden wurde - und wird - dieser Zeitpunkt mit der Feier des Bar Mizwa - Sohn des Gesetzes - gesetzt: Am Sabbat nach seinem 13. Geburtstag liest ein jüdischer Junge zum ersten Mal in der Synagoge öffentlich aus der Thora vor. Vorher erfolgt natürlich eine religiöse Unterweisung, die mit dem Zeitpunkt des Sprechenlernens beginnt. Vor allem geht es darum, erst einmal Hebräisch zu lernen und die heiligen Bücher zu lesen. Mädchen hingegen werden an ihrem 12. Geburtstag automatisch Bat Mizwa - Tochter des Gesetzes - aber lernen vorher noch zusätzlich, wie man einen jüdischen Haushalt mit seinen Speisevorschriften führt. (Dazu gehören auch die komplizierten Riten des Pessachfestes, das gerade heute in den jüdischen Familien gefeiert wird). So schnell werden aus Kindern Leute: mit 12 oder 13. Vorher aber sind sie unfähig, die Verpflichtungen des biblischen Gesetzes zu erfüllen.

Es war also keineswegs Mißachtung der Kinder, als die Hohenpriester und Schriftgelehrten sich über die Kinder entrüsteten, die zu Jesus im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids! - sondern Sorge um deren falsche Erziehung. Der Wanderprediger aus Nazareth, ausgerechnet der, bekommt Jubel und erntet eben jenen Zuruf, den die Kinder aus der Synagoge für das Kommen des Messias kannten: —Hilf doch, Sohn Davids!ž Das war jener Zuruf, mit dem ihn das Volk bei seinem bescheidenen Einzug in Jerusalem auf dem Esel begrüßt hatte. Lobpreis ist das und Bitte um Hilfe - gegenüber einem, der in der Tradition des Königs David steht, den man damals schon längst vom kleinen Hirten zu David dem Großen, zum großen König (v)erklärt hatte.

Wohin solche Rufe führen können, wissen die von uns, die noch den Ruf der kleinen Leute auf den Berliner Straßen aus dem Sommer 89 im Ohr haben: —Gorbi, hilf uns!ž

Hier nun Jesus - und Kinder von Jerusalem. Sie seine Fans, er ihr Idol. Die Führung des Landes hingegen verweigert ihm die Zustimmung. Die Kinder also sind für Jesus, die Behörden dagegen.

Das ist nun keine Bemerkung zur aktuellen Berliner Politik zum Religionsunterricht, obwohl man am Hosianna für den Rabbi Jesus schon sehen kann, wie subversiv gerade religiöse Bildung werden kann: In den Augen der politisch Mächtigen wird hier ja der falsche bejubelt. Die kleine Begebenheit wirft aber Licht auf Jesus, den Umstürzler: Eben erst hat er die Tische der Händler im Tempel umgeworfen, gleich wird er symbolisch den Feigenbaum verfluchen. Beides nicht Zeichen dafür, daß er an diesem Tag irgendwie schlecht drauf war, sondern prophetische Zeichen für Gottes kommendes Gericht über den aktuellen Religionsbetrieb seines Volkes. Und dann hat er noch Blinde und Lahme geheilt - vielleicht im Vorhof des Tempels, denn zum Tempel selbst waren sie nach einer alten Anweisung des Königs David (vgl. 2 Samuel 5, 8) nicht zugelassen. Diese Heilungen bedeuten also: Der —Sohn Davidsž hebt eine alte Diskriminierung auf.

Jesus redet also nicht nur von der Gnade Gottes, von seiner beginnenden Herrschaft - sondern man sieht auch gleich ihre Auswirkungen. Und da kommen nun auch wieder die Kinder ins Spiel: Gerade an ihnen, die eigentlich noch kultunmündig sind, zeigt sich Gottes Gnade. Gerade sie befähigt er zum Glauben an Jesus als den Messias. Darum das Wort, das wohl jeder kennt: Wenn ihr nicht ... werdet wie die Kinder... Wörtlich heißt es: ,—Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. ž

Kinder sind hier also nicht etwa die von Natur aus besseren Menschen, noch sind sie durch Erziehung erst zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu machen: Kinder sind die, an denen sich Gottes Kommen in Jesus zeigt - durch jenen Zuruf, jenen Schrei: Hosianna dem Sohn Davids! Weshalb Jesus zur Begründung ein Zitat folgen läßt, wörtlich der griechischen Bibel, der Septuaginta, Ps 8, 3, entnommen: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.«

Gott bedient sich hier also derer, die noch nicht die vom Gesetz geforderte Leistung erbringen können. Damit belehrt der charismatische Wanderprediger Jesus die Gelehrten eines besseren. Kindermund tut Wahrheit kund - in diesem Fall jedenfalls.

Und warum hat die Leseordnung unserer Kirche diese kleine Episode nun ausgerechnet dem Sonntag Kantate zugeordnet? Sollen wir etwa «HosiannaŽ schreien, grölen, kreischen wie Jesu Kinderfantruppe im Tempel?

Die Perikopenordnung denkt wohl eher an die alte Tradition der Kinderchöre, ihre reinen klaren Stimmen - aber nicht um zur musikalischen Früherziehung anzuleiten, sondern um auch jene Menschen zum Glauben an Jesus einzuladen, die sich - mit dem Philosophen Jürgen Habermas gesprochen - für religiös unmusikalisch halten: Denn was Gottes Geist schon bei den Kindern schafft, das schafft er erst recht bei den Großen. Auch an denen ist Hopfen und Malz nicht verloren, auch sie können wie die Kinder und mit den Kindern singen: Hosianna dem Sohn Davids!
Amen - nein: Hosianna!
 
 


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