Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag im Advent über Mt 21, 1-9

Liebe Gemeinde!
Was fällt Ihnen beim heutigen Evangelium auf? Hören wir es noch einmal:
Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Was ist Ihnen aufgefallen? Eine ganze Menge, denke ich - aber vor allem eins: Angesichts dieses Evangeliums möchte man fragen: "Ja, is denn heut scho Ostern?" In gut drei Wochen feiern wir doch erst einmal die Geburt Jesu - und heute reitet er schon als Erwachsener in Jerusalem ein. (Als Kind fiel einem das jedenfalls gleich auf.) Daß Weihnachten immer früher gefeiert wird, das sind wir ja mittlerweile gewohnt - aber der Einzug Jesu in Jerusalem, Palmsonntag und Ostern? Wie kommt das Kirchenjahr zu diesem Zeitsprung von gut dreißig Jahren in drei Wochen?

Der heutige Sonntag ist der Tag der Adventsmänner. Was das ist? Das ist ein - Nikolaus. - zeigen - Das ist ein - Weihnachtsmann. - zeigen - Und wie sieht ein Adventsmann aus? So: - Spiegel zeigen - Wir sind die Adventsmenschen: Männer, Frauen und Kinder. Das bedeutet: Unser Leben ist zwar ein beständiges Warten auf das Kommen Christi, aber wir jubeln ihm schon zu: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!  Darum heute das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem und dem jubelnden Volk. "Hosianna dem Sohn Davids!" - Das ist Leben als Adventsgemeinde.

"Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen, wir sehen schon die Lichter und hören die Musik," hat Ernesto Cardenal diese Lebensweise ins Bild gebracht. Wir christliche Adventsgestalten singen aus Leibeskräften den Huldigungsruf "Hosianna", und einige von uns winken sogar mit Zweigen, frisch vom Baum - wie eine Gruppe von Cheerleadern. Ein Argentinier hat mir einmal erzählt, wie stürmisch und lebhaft es am Palmsonntag in Buenos Aires zugeht, so daß das für die Menschen ein Fest voller Begeisterung ist - aber ein schlechter Tag für die Palmen. Die sehen nachher aus wie die gerupften Hühner. "Welch Baumfrevel!" stöhnte schon die deutsche bürgerliche Obrigkeit vor dreihundert Jahren, als sie dies in der Bibel las. Auch heutzutage müßten wir erst einmal einen Antrag stellen (Einige wissen, wovon ich rede). Schließlich jubeln und warten wir ja heute - eben: christliche Adventsgestalten: Wartende und Jubelnde.
 
Sonst will heute ja keiner mehr warten, nicht einmal bis Weihnachten  - weshalb der Handel uns jetzt schon die Schnäppchen "schenkt": "Warten Sie nicht bis Weihnachten, kommen Sie ins Getränkeland!" Die Lichterketten leuchten, funkeln und blinken, als wär's schon Heilig Abend. Und Einzug in unsere Stadt halten - Leute, geht ihnen entgegen, alle, die Ihr leere Taschen habt! - alle Jahre wieder, bald auch bei Dir! - die Coca-Cola-Weihnachtstrucks, ein Einzug gleich dem in Jerusalem mit jubelnden, erwartungsfrohen Menschenmengen am Straßenrand, die ihre leeren Einkaufsnetze ausbreiten, um sich beschenken zu lassen - jedenfalls soweit es nach dem Brausebrauer und Erfinder des Weihnachtsmannes mit dem cocacolaroten Mantel geht. (Im Jerusalem von heute hingegen: Bomben-Stimmung.)

Wie gesagt: Heute will sonst keiner mehr warten, nicht einmal bis Weihnachten. Aber auch Adventstypen wie wir, die wissen, das sie noch warten müssen, bis Christus kommt als Herr und Richter und Retter der Welt, die haben es gar nicht nötig, bis Weihnachten oder Palmsonntag oder Ostern zu warten - denn wir feiern ja schon heute den Sohn Davids, den König, den Herrn. Darum ja heute, am ersten Adventssonntag, die Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem - um des Jubelns über Christus willen. Jubel? - Die Szenerie beginnt geheimnisvoll. Zwei Jünger und ein Auftrag. Holt schon mal den Wagen! Und das messianische Transportmittel steht auch schon bereit und zur Verfügung. Wie kommt das? Wo kommt es her?

Einer meiner Lehrer scherzte einmal und meinte: Es kommt aus dem Alten Testament! Das trifft den Nagel auf den Kopf. Matthäus holt sich die Eselin und ihr Füllen aus dem Alten Testament, denn da steht es beim Propheten Sacharja: »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« (9, 9). Matthäus will also sagen, daß sich diese Verheißung in Jesus erfüllt. Der messianische König kommt weder auf hohem Roß noch als stolzer Reiter noch erhebt er Kriegssteuern. (Das ist jetzt keine politische Anspielung auf die Gegenwart, sondern steht so schon in den apokryphen Psalmen Salomonis über den Messias (17, 33): "Denn er verläßt sich nicht auf Roß und Reiter und Bogen; auch sammelt er sich nicht Gold und Silber zum Kriege".) Darauf kommt es Matthäus an.

Reiterlich ist das übrigens eher schwierig: Jesus setzte sich darauf - also auf Esel und Füllen. Wörtlich genommen wäre das zirkusreif: Jesus sitzt auf zwei Eseln gleichzeitig wie John Wayne auf zwei Pferden beim Rodeo - oder er voltigiert von einem zum anderen. Egal, ob das für Jesus nun reiterisch möglich ist oder nicht - Matthäus konnte darauf keine Rücksicht nehmen - hier geht es ihm ja nicht ums Reiten, sondern um zwei Tiere und einen Reiter, die wortwörtlich die alte Verheißung erfüllen.

Dazu gehört auch die sehr große Menge. Die betont Matthäus besonders: Ganz Jerusalem steht da am Straßenrand, die "Tochter Zion" - die Gottesstadt wird als Frau vorgestellt - sie macht die große Szene: Sie rollt Kleider aus wie den Roten Teppich, hackt Zweige von den Bäumen und jubelt: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Hosianna, d.h.: hilf, Herr!

Politische Einzüge dieser Art gibt es immer wieder: "Gorbi, hilf!" erklang es auf den Straßen Berlins - und zu Beginn der israelischen Siedlungspolitik auf palästinensischem Boden begrüßten radikale Siedler Menachem Begin mit dem Huldigungsruf: "Da kommt der König von Israel!" - Auch die biblische Szenerie bietet Jesus die Frage an: "Bist du der Messias? Dann hilf uns!" Das Kirchenjahr liefert die Antwort:

Ja, hier kommt der Messias, er kommt und erfüllt die Verheißungen - aber er erfüllt sie nicht so wie erwartet. Keine einseitige Parteinahme, nicht einmal eine friedliche Revolution, sondern die Versöhnung mit Gott in Person - die reitet hier auf den Eseln in die Stadt ein. Es kommt, was im Kind in der Krippe sichtbar wird: ein Mensch - und in diesem Menschen Jesus von Nazareth kommt Gott zur Welt. "Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt." Scheinbar kommt weniger, als die Jerusalemer erwarten, tatsächlich aber mehr, mehr von Gott.

Und was tun wir? Wir erwarten ihn und erwarten alles von ihm. Wir huldigen diesem Kind - Hosianna, Herr, hilf - wir huldigen ihm in Liedern und Gebeten. Und weil wir alles von ihm erwarten, taufen wir unsere Kinder in seinem Namen, auf seinen Namen, wie es in den alten Liedern heißt. So sind, bleiben und werden wir immer mehr Adventstypen, Menschen, die auf ihn warten und ihm zujubeln. Das ganze Leben der Christen sei ein "Hineinkriechen" in die Taufe, hat Martin Luther gesagt, ein Leben auf den hin, der sein Leben mit dem unserem verbunden hat. Adventsleben, nenne ich das, jubelndes Warten auf den, "der da ist, der da war und der da kommt."

Auch Ihre Theresia haben Sie schon als ein Adventskind erlebt, eine, die freudige Erwartung ausstrahlt. Beim Anziehen und Essen (und auch hier in der Kirche) - da hat sie keine Angst, sondern die Erwartung, es passiert etwas Tolles. So hat sie schon Freude verbreitet ("ein Kind ist uns geboren, eine Tochter ist uns geschenkt" - aber nicht, daß Sie das jetzt zu Weihnachten in der Kirche singen!). Theresia hat sie wieder mitgenommen in die gute Laune. Ein Geschenk, haben Sie gesagt, eines, das vor Dankbarkeit geradezu in die Knie zwingt - unter der Zusage des christlichen Glaubens: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."

Dieser Geist, er macht uns jetzt zu Adventsmännern und -frauen und -kindern - wenn auch noch unvollkommen, wir alle. Aber am Ende, beim finalen Hosianna, da werden wir noch mehr: zu erlösten Gottes-Kindern. "Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gottes teilhaftig werde."
Amen.
 
 


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