Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über Mt 20, 1-16a

Liebe Gemeinde!
"So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein." So endete das Evangelium - mit einem geflügelten Wort. Und wirklich: Ob es damals die Autoschlange in Dreilinden war oder heute die plötzlich geöffnete zusätzliche Kasse bei ALDI - immer, wenn auf einmal die anderen vorne sind, geht ein Stöhnen durch die Wartenden: Immer erwischt man die langsamste Schlange - und manchmal hört man dann sogar den Satz: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten. Selten geht es einem gut dabei. Das ist doch irgendwie ungerecht.

Das heutige Evangelium ist noch für einen anderen Schlußsatz gut: "Wer zu spät kommt, ...." - nein, den belohnt das Leben. Schließlich ist der Stundenlohn in Jesu Gleichnis so hoch wie der Tageslohn. Wer da also zu spät kommt... Aber auch das ist natürlich ungerecht. Schlimmer noch. stellen Sie sich vor, wie es am nächsten Tag weitergehen könnte:
Früh am nächsten Morgen ging der Hausherr wiederum, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Aber er fand keinen einzigen Arbeitswilligen. Und er ging aus um die dritte Stunde und fand wiederum keinen. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und immer noch dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand sie alle und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Ich wollte euch einstellen. Sie sprachen zu ihm: Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Er sprach zu ihnen...

Ja, was würde der Hausherr da wohl sagen? Hauptsache, ich bin mein Geld los? Oder: Faule Bande? ... Jedenfalls, wenn das so weiterginge, dürfte es um seinen Weinberg bald schlecht bestellt sein... "Wer soll das bezahlen?...". Klarer Fall: Jesu Gleichnis verdirbt die Arbeitsmoral. Und der Sozialneid folgt auf dem Fuße. Jesus - Erfinder der sozialen Hängematte? Jedenfalls bestätigt das Gleichnis, was wir doch schon zu wissen glauben: daß wir vom Leben dauernd ungerecht behandelt werden: Gleicher Lohn für ungleiche Arbeit - wie ungerecht! Wenn das weltlich Schule machte...
Dann könnten wir die Ost-/Westangleichung bei Löhnen und Gehältern vergessen und das Gebot des Grundgesetzes auf Herstellung gleicher Lebensbedingungen in der Bundesrepublik auch. Und die sogenannte Dritte Welt müßte sehen, wo sie bleibt. Und das soll ein Gleichnis für das Himmelreich sein?

Sehen wir genauer hin: Jeder erhält dasselbe. Aber wir sind doch ganz verschieden: - Experiment mit diversen Gläsern und derselben Menge Saft - Jetzt hat jeder dasselbe - und doch sind einige Gläser kaum gefüllt und andere schon überfüllt. Das Ergebnis: Gleichmacherei bringt's wirklich nicht, bedeutet für uns persönlich keine hinreichende Gerechtigkeit. Soll das etwa himmlische Gerechtigkeit sein?

Die katholische Mystikerin Theresia von Avila hat das Experiment mit den diversen Gläsern anders erzählt: Sie sagte, Gott gibt jedem genau das, war er oder sie braucht. - zurückgießen und dann alle Gläser voll gießen - Welches Glas ist nun voll? ... Das sei die himmlische Gerechtigkeit, meint Theresia: Jedem das seine. Das heißt aber: Einige bekommen mehr. Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.

Da freute sich mein katholischer Patenonkel, weil er glaubte: Ich kriege mehr. Dafür, daß ich im Kirchenchor singe, bekomme ich auf Wolke 7 bestimmt ein Extrakissen.

Aber ist das der Himmel - die Fortsetzung der Welt mit anderen Mitteln? Mit mehr und weniger? Viele haben das geglaubt, auch einige unserer frommen evangelischen Väter - und das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg stand Pate dabei: Sie sprachen von "Graden" von Seligkeit. Zwar sei es im Grunde natürlich dieselbe Seligkeit, aber dem einen komme mehr hiervon zu als der anderen - gleichsam ein Accessoir: Gott verteile, wie er will - und der eine hat's , die andere nicht.

Abstufungen im Himmel! Aber ist das nicht der Himmel des Dichters Dante? Der stellte sich wirklich verschiedene Himmelssphären vor - ähnlich den Umlaufbahnen der Planeten - mit unterschiedlicher Nähe zu Gott, dessen Anschauung alles übertrifft:

"In jenem klaren, tiefen Wesensgrunde
 Des hohen Lichts erschienen mir drei Kreise
 Mit einem Umfang, drei verschiednen Farben.
Und zweie sah ich wie zwei Regenbogen
 Einander spiegeln, Feuer schien der dritte,
 Von beiden Seiten gleichermaßen lebend."

Wunderschön. Bloß: Ist das noch das Himmelreich, das Jesus predigt?

Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Wie weit reicht denn nun Jesu Arbeitgebergleichnis? Setzt es wirklich die weltlichen Verhältnisse im Himmel fort? Geht es überhaupt um Arbeit und um Lohn? Fakt ist: Jeder Arbeiter im Gleichnis bekommt denselben Lohn, einen Silbergroschen. Die Historiker sagen, das sei damals genug für einen Tag, genug zum Leben. Und der Bibelkundige erinnert sich an die Geschichte vom Auszug aus Ägypten: Da gab Gott Manna und Wachteln, Tag für Tag, genug zum Leben. Ähnlich schlicht erzählt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: Jeder kriegt, was er braucht. Aber als Gleichnis vom Himmelreich geht es hier natürlich nicht um Geld oder ein mehr oder weniger gerechtes Wirtschaftsprogramm, sondern um eben genau das Himmelreich. Das also ist es, was wir bekommen. Und das bekommen auch die, die erst spät dazukommen.

Zur Zeit Jesu war das eine deutliche Anspielung auf die Armen im Land, auf die kleinen Leute, die mit der Leistungsfrömmigkeit der Pharisäer nicht zurechtkamen. Zur Zeit der Apostel wurde das verstanden als Anspielung auf die Heiden: Sie sind es, die erst in der letzten Stunde des Tages in Gottes Weinberg gerufen worden sind. Und immer seitdem wird uns dieses Gleichnis zur Frohen Botschaft für alle, die sich erst jetzt von Gottes Wort rufen lassen: Hier gibt es kein: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Wann immer einer dazukommt - ihn erwartet Gottes Reich.

Ein Problem damit werden allerdings die haben, die meinen, sie hätten mehr verdient, sie würden mehr empfangen - wie das Kissen auf Wolke 7. Aber wie könnte es mehr als alles geben? Gott allein genügt - weil er alles ist, Tag für Tag, genug zum Leben. Jesu Gleichnis rechnet allerdings mit unserem Protest dagegen:

Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

Das meint den Faktor Neid. Wie oft sagt man sich: "Womit habe ich das verdient?" Und: "Muß das jetzt auch noch sein? Andere haben es doch viel leichter im Leben." Wie wahr, das ist der Lauf der Welt. In solchen Momenten ist die Botschaft von Gottes Güte für alle schwer zu ertragen - beispielsweise dann, wenn es einem schlecht geht oder wenn man Streß hat mit seiner Kirche, wie unser guter Bruder Wischnath, der Generalsuperintendent von Cottbus. Wir werden gleich hören, wie scharf ihn der Bischof attackiert. Und da ist es menschlich in Ordnung zu protestieren, weil man nicht bekommt, was einem in der Ordination versprochen wurde: Schutz und Hilfe von der Kirche. Stattdessen böse Worte. Womit hat er das verdient? Bloß: Die Kirche ist eben nicht das Himmelreich, wie manche das gerne hätten - wie sich wieder einmal bewiesen hat. Obendrein: Selbst Gottes sehr spezielle Güte - eben weil sie so schwer zu ertragen ist - bringt auch einen schmerzlichen Akt des Gerichtes über uns, die wie mehr haben wollen, als wir brauchen, und Angst haben, auch von Gott nicht genug zu kriegen. Das vermeintlich Wirtschaftsgleichnis entpuppt sich damit als Gleichnis vom Gericht Gottes - über uns und unsere Vorstellungen von seiner Gerechtigkeit. Weder gibt Gott jedem das seine noch das, was er verdient hat, sondern das Seinige. Was aber ist das? Himmelreich, das ist: Ende der Existenzangst, wie 5000 Euro Sofortrente lebenslang, nein: täglich eine Million, mehr jedenfalls als bloß genug.

Wollten wir diese Fülle seiner Gaben in einem dritten  Experiment mit den Gläsern vor Augen bekommen, dann bräuchten wir dazu jetzt jede Menge Saft - nein, Wein für alle, wie bei der Hochzeit zu Kana. Und das tagtäglich, ein Meer, so daß ein bißchen Mehr oder Weniger keine Rolle spielt, eben: Accessoires. Haben wir aber nicht - so daß uns noch einmal vor Augen steht, daß diese Welt eben nicht das Himmelreich ist und umgekehrt das Himmelreich nicht von den Regeln der Knappheit und des Neides beherrscht wird, die für unsere Welt gelten. Die besondere Art von Gottes Güte, die unseren Neid brechen muß - sie wird uns im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg vor Augen gestellt. So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Gottes Gerechtigkeit übersteigt alles, was wir für gerecht halten. Aua - und
Amen.
 
 


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