Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Fest Erscheinung des Herrn über Mt 2: Der Stern von Bethlehem

Liebe Gemeinde!
Wer ist bei Matthäus wohl die wichtigste Gestalt in seiner Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland, wer spielt gewissermaßen die Hauptrolle? - ? - In der Sache natürlich Jesus Christus - aber in der Erzählung ist es vor allem der Stern, sein Stern. Er veranlaßt die Magier aus dem Osten zu ihrer großen Expedition, er zeigt ihnen den Weg; mehr noch: er geht mit - wie ein Reiseleiter durchs Heilige Land: "Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war." Der Stern ist der eigentlich Handelnde in dieser Erzählung. Er setzt alles in Bewegung.

Die babylonischen Sterndeuter damals sind ihm gefolgt - die Astronomen der Neuzeit haben ihn gesucht: Wie sah er aus? Wie dieser hier? (So hat man ihn jedenfalls häufig darstellt.) Gab es damals einen solchen Stern? Lassen sich noch Spuren von ihm finden?

Im Wesentlichen gibt es drei, vier Theorien: Es könnte sich um abstürzende Meteore handeln oder um einen Kometen, dessen Schweif in Erdnähe sichtbar wird. Von beidem müßte es allerdings Spuren geben: Meteoriten hinterlassen Einschlagstellen, Kometen kehren regelmäßig wieder. Jedoch hat man weder Meteoritenlöcher gefunden noch zeitlich passende Kandidaten für die Kometentheorie. Es gibt allerdings Aufzeichnungen alter chinesischer Sternenkundiger aus der Han-Dynastie, die zur Zeit Jesu in China regierte, über einen Kometen, die in etwa in die Jahre vor Christi Geburt passen: Das Han-Shu erwähnt im Jahre 5 v. Chr. einen Komenten im Sternbild Steinbock. Nur ist dieser Komet bisher noch nicht wieder aufgetaucht, so daß man seine Bahn berechnen könnte.

Vielleicht war es ja auch eine Nova oder eine Supernova, der Ausbruch eines Sterns oder eines Sternhaufens, der die Nacht zum Tage macht. Aber auch eine solch gigantische Himmelserscheinung hinterläßt Spuren - und die bisher bekannten hat man zeitlich nicht passend zuordnen können.

Als wahrscheinlichste Theorie gilt darum den meisten die von zwei Himmelskörpern, die sich alle 820 Jahre zusammenfinden. Sie bilden zwar streng genommen keinen neuen Stern - für unsere Augen ergibt sich jedoch scheinbar ein neuer Himmelskörper, wenn Jupiter und Saturn am Himmel eng zusammentreten, in der Fachsprache der Astronomen: eine sogenannte Konjunktion bilden.

Das war im Jahr 7 vor Christus gleich drei Mal der Fall - im Mai, September und Oktober - und paßt zusammen mit dem wahren Geburtsdatum Jesu, das Historiker heute meist im Jahre 6 oder 7 vor Christus ansetzen, weil sich der Erfinder des christlichen Kalenders, der Mönch Dionysius Exiguus, im vierten Jahrhundert bei der Berechnung des Geburtsdatums Jesu wohl geirrt hat. Diese Theorie von der Planetenkonjunktion - sie stammt schon von Johannes Kepler - ist sehr anschaulich; man kann im Planetarium nachahmen, wie die zwei Himmelskörper scheinbar immer wieder zusammenkommen und sich wieder trennen. In jedem Planetarium gibt es darum vor Weihnachten zu diesem Thema Vorführungen. Eine Variante dieser Idee ist die Beobachtung, daß am 17. April des Jahres 6 vor Christus in Babylon Jupiter vorübergehend in den Schatten des Mondes trat.

Wir sehen - viele Möglichkeiten für einen Stern von Bethlehem (fast schon zu viele). Wichtiger aber ist die Frage: Was ist das Besondere an diesem Stern? Dazu müssen wir uns jetzt auf etwas einlassen, was im Alten Israel verboten war: auf Astrologie, auf die damals wie heute verbreitete Überzeugung, was am Sternenhimmel geschieht, beeinflußt uns hier auf Erden.

Wissenschaftlich gesehen ist das zwar so richtig wie falsch - richtig ist, daß die Kräfte des Kosmos unser Leben auf Erden erst möglich machen, daß wir Teil dieses gigantischen Spiels der Planeten und Sterne sind, als Aberglaube gilt den Wissenschaftler von heute jedoch der Gedanke, daß das persönliche Schicksal eines Menschen von der Sternenkonstellation zur Zeit seiner Geburt bestimmt wird - was die Menschen allerdings nicht hindert, sich immer wieder Horoskope erstellen zu lassen oder sie beim Zahnarzt mit wohligem Schauer zu lesen (Und dann stehen dann Sätze wie: "Heute wird ihnen ein vertrauter Weg teuer." - ? - was damit gemeint ist? der Eintritt beim Arzt)

Israels Glaube verbot die Beschäftigung mit dem Sternenglauben, das Volk der Juden sollte allein seinem Gott vertrauen. In Babylonien hingegen war die Sternenkunde hoch entwickelt, man erfand die uns heute noch bekannten Sternkreiszeichen - Fische, Schütze, Widder usw. - und verlieh ihnen bestimmte Bedeutungen. Der Himmel war mehr als nur Kalender, der Himmel war Gottesbote. Himmlische Zeichen im Sternbild des Löwen beispielsweise kündigen die Geburt eines neuen babylonischen Königs an. Der "neue" Stern im Sternbild des Widders (oder der Fische: je nach dem, ob es um Jupiter/Saturn geht oder Jupiter/Mond) galt damals als das Zeichen für die Geburt eines neuen jüdischen Königs. Wie gesagt: Wichtige Ereignisse auf Erden hinterlassen eben auch himmlische Spuren. Mikro- und Makrokosmos entsprechen einander. So allgemein gesprochen war das die generelle Überzeugung der Menschen in der hellenistischen Antike, wenngleich nur wenige es zu solcher Detailverliebtheit gebracht hatten, wie die "Weisen aus dem Morgenland", hinter denen manche eine Priesterkaste von Anhängern des alten persischen Glaubens an Zoroaster (Zarathustra) vermuten. Der soll eine Weissagung auf einen messianischen Königs ausgesprochen haben und auf eine Reise von Sterndeutern in das Land seiner Geburt. So folgten die Magier einem Horoskop, einem für Juden verbotenen Weg der Erkenntnis.

Matthäus nimmt diesen Gedanken auf, ganz ohne Berührungsängste. Ihm ist er anscheinend ganz selbstverständlich. Wie sollte es auch anders sein: Wenn schon die Geburt eines neuen Königs in der Welt, eines irdischen Königs, durch eine Himmelserscheinung angekündigt wird, dann muß auch und erst recht bei Jesu Geburt der Himmel sich rühren - wie auch bei seinem Tod. Da verfinstert sich laut Matthäus der Himmel, die Erde bebt, und der römische Hauptmann ruft aus: "Dieser war in Wahrheit Gottes Sohn." So bekennt Matthäus, wer Jesus ist.

Als König der Juden (so auch die Inschrift am Kreuz!), als Sohn Gottes hat Jesus natürlich auch seinen Geburtsstern - auch wenn vielleicht erst Matthäus diese Verbindung sieht. (Die anderen Evangelisten und Apostel erzählen ja nichts davon.)

Aber Matthäus sieht noch mehr, mehr als einen neuen Königsstern: Die Magier aus dem Osten suchen einen König, aber sie finden den Erlöser. Darauf deuten die Geschenke hin. Sie sind nicht nur wahrhaft königlich im Wert, sondern auch voller Bedeutung: Gold für den irdischen König, Weihrauch für Gott und Myrrhe steht für den Tod, die Einbalsamierung des Verstorbenen.

Matthäus sieht so schon in den Geschenken Jesu Leben und Bedeutung wie im voraus abgebildet: den Herrscher, den Priester, den gekreuzigten Sohn Gottes. Und dem leuchtete schon von Anfang an der Stern. Endlich ein Super-Star, der diesen Namen auch verdient hat, ein Herrscher für alle!

So nimmt Matthäus die verpönte Astrologie auf, setzt noch einen drauf und bekennt, wen die Weisen finden, als sie einen Königssohn suchen: den Kyrios, den Herrn. Sie finden mehr, als sie suchen und  - anders als König Herodes und sein Hof - sie handeln, wie es sich gehört: "... sie fielen nieder und beteten das Kind an." Für Matthäus geschieht hier Epiphanie, Advent, Ankunft des neuen Herrschers. Darum macht er die Geburt Jesu zu einem internationalen und kosmischen Ereignis: In den Magiern aus dem Osten begegnet die Welt ihrem Herrn. Und ausgerechnet die heidnischen Sterndeuter, die etwas in jüdischen Augen Verbotenes tun - sie finden ihn.

Und eine Frage findet damit ihre Antwort. Am Heiligen Abend fragte eine junge Frau hier in der Kirche: "Warum beschenken wir uns eigentlich, müßte nicht Jesus zu seinem Geburtstag von uns die Geschenke bekommen?" Matthäus antwortet mit seiner Geschichte von den Weisen aus dem Osten: Die Welt hat Jesus beschenkt - und Jesus hat sie beschenkt. Mit unseren Geschenken feiern wir ihn, den neuen Herrn, Gottes Geschenk für die Menschheit, den Stern, der vom Himmel kam. "Weihnachten ist es für uns alle."

Davon handelt auch unser alljährliches Sprechspiel (Josef Guggenmoos, Wir gehen zur Krippe) - in der Hauptrolle: die Gemeinde: - Rollen verteilen -
Amen.
 
 


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