Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias über Mt 17, 1-9

Liebe Gemeinde!
Als ich noch klein war, ging ich unheimlich gern in ein bestimmtes Schuhgeschäft. Da kriegte man jedesmal nicht nur einen tollen Comic mit Lurchi-Geschichten, sondern auch den totalen Durchblick - was die Füße anging jedenfalls. Schon Ende der 50er Jahre hatte da nämlich eine neue Erfindung Einzug gehalten: Man stellte sich vor eine Maschine, die ähnlich aussah wie unser Pult hier, mit seinen Füßen nach vorn, öffnete eine Klappe und konnte seine Fußknochen sehen. Das war total spannend: zu sehen, wie sich alles bewegte, alles live, alles lebendig. (Die Leichenschau am Ostbahnhof im letzten Jahr konnte mich da nicht mehr anziehen.) Mit diesem Durchleuchter ließ sich gleich feststellen, ob einem die Schuhe paßten, die man gerade anprobierte. Verständlicherweise sind diese Apparate aber schon recht bald wieder aus dem Verkehr gezogen worden - schließlich waren es nichts anderes als Röntgengeräte. Dennoch, das Bild meiner durchleuchteten Füße habe ich heute noch vor Augen und mußte gleich daran denken, als ich das Evangelium des heutigen Sonntags kennenlernte. Hören wir die Geschichte:

L. "Nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!
Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist."

Liebe Gemeinde!
Jesus wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Als Kind habe ich da wirklich an so etwas gedacht wie Röntgenstrahlen, an Strahlen, die Jesus durchleuchten, so daß man durchschaut, wer er ist. Und in der Tat: Die Darstellungen des sogenannten Turiner Leichentuches, die ich viel später kennenlernte, ähnelten einer Röntgenaufnahme. Aber alles, was man da sieht, ist ja das Abbild eines x-beliebigen Menschen. Mehr können die X-Rays nicht zeigen. Wer aber ist Jesus? Das wollte ich durchschauen. Das fragten sich ja auch seine Zeitgenossen, das fragen sich die Menschen immer wieder - und wir eben auch.

Das Neue Testament gibt viele Antworten: Menschensohn, Messias, Gottessohn. Auch die Geschichte, die wir gerade gehört haben, bringt dabei etwas 'auf den Punkt'. Zur Antwort dieser Geschichte sollen uns einige Bilder führen. Alle sind Bilder des Glaubens, daß dieser Mensch Jesus mehr ist und anders ist als unsereins. Alle tragen zur Antwort bei, eines zeigt den besonderen Gedanken unseres Predigttextes.

Ich zeige sie Ihnen als Diaschau - aber keine Angst, es werden nicht ganz so viele, wie bei den endlosen Abenden mit Urlaubsdias:

Bild 1 - Ist Jesus der große Freund der Menschen, der alle zu sich lädt - an seinen Tisch, in seine Gemeinschaft?

Bild 2 - Ist Jesus der Revolutionär, der menschenfeindliche Ordnungen im Namen Gottes umstürzt?

Bild 3 - Ist Jesus das neugeborene Kind in der Krippe? (Da könnten wir jetzt ja auch ein Bild vom letzten Heiligen Abend haben - mit Laila in der Rolle des Christkindes, also in jener Rolle, die jetzt ihr Leben ist: Christkind zu sein.)

Bild 4 - Ist Jesus der —Gute Hirtež, der sich um uns kümmert wie ein Hirt um seine Schafe?

Bild 5 - Ist Jesus der Heiland, mit Macht über Krankheit und Tod?

Bild 6 - Ist Jesus der Leidende, der unter dem Druck der Welt - hier wie in einer Kelter dargestellt - an Gott festhält? Und damit Vorbild auch für uns und unseren Glauben?

Bild 7 - Ist Jesus da, wo heute Menschen Not leiden - so daß wir ihn sehen, wenn wir einen von uns leiden sehen?

Bild 8 - Ist Jesus der Herr, der Richter am Ende der Tage, in dem wir Gott und seiner Macht begegnen?

Bild 9 - Wer das letzte Bild mit diesem hier vergleicht, wer auch an das Christusmosaik in unserer Kirche denkt, der erkennt hier die besondere Aussage unseres Predigttextes vom Fest der Verklärung Jesu: Der verklärte Jesus erstrahlt im Glanz hellen Lichts. (Das Original zeigt das besser als diese Reproduktion.) Es ist das Licht von Ostern, das Licht Gottes, der lebendig macht. Mehr Licht geht nicht. Das Bild zeigt als Licht, was die Bibel mit 'Herrlichkeit des Herrn' in Worte faßt: Gottes Glanz. Er fällt auf Jesus. Gott können wir nicht sehen - aber seinen Glanz. Der fiel auf Jesus, badet ihn in Licht, macht ihn licht.

In der Zeit, in der dieses Bild, eine griechische Ikone, entstand, wurde viel nachgedacht über diesen Glanz. Er spielte eine große Rolle im Leben der Mönche auf dem Athos. Können sie es auch sehen, dieses Licht vom Berge Tabor? Manche berichten bei ihren Meditationen von Gotteserfahrungen, Lichtvisionen. Oder war das Taborlicht psychologisch erklärbar? Wie wenn ich sage: Mir geht ein Licht auf? Oder wenn ich an ein Lächeln denke, das wie aus heiterem Himmel kommend ein bitter gewordenes Gesicht verklärt? Kann der Mensch Gott sehen?

Nein, heißt es am Ende langen Nachdenkens, solange wir auf auf Erden leben, kann Gottes Wesen uns nicht sichtbar werden. Dieser 'Atheismus' hat Recht. Gott bleibt Gott, wird kein Stück der Welt. Aber da ist sein Glanz, sein Licht, seine Gnade, seine Energie: Die wird im Taborlicht sichtbar, die fällt auf Jesus - und zeigt ihn als den Christus.

Was Röntgenstrahlen nicht vermögen: uns zu zeigen, wer Jesus ist - sie zeigen eben nur Knochen - vermögen diese Bilder des Glaubens. Gott bleibt zwar Geheimnis, aber wer fragt: Wer ist Jesus? erhält hier die Antwort des christlichen Glaubens, die wir eben auch im Glaubensbekenntnis und in der Feier der Taufe gegeben haben: Er ist der himmlische Herr. Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Er wird kommen als der Retter.

Für uns heißt das: Bei allem Licht, der Mensch kann Gott nicht sehen - nur seinen Glanz auf Jesus und seinen Abglanz auf den Menschen. Dieser Glanz durchflutet die Welt. Der Mensch kann im Lichte Gottes sehen. Im Lichte Gottes sehen wir die Welt als Schöpfung und die Menschen als Schwestern und Brüder: Gott wirft sein Licht in dunkle Ecken und verklärt dunkle Gestalten. Aus Leuten werden Menschen. Aus Menschen Christ-Kinder - mit guten Zukunftsaussichten: —Selig sind, die reinen Herzens sind, dennn sie werden Gott schauen.ž
Amen.
 
 


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