Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Taufgottesdienst am 17. Sonntag nach Trinitatis über Mt 15, 21-28

Liebe Gemeinde!
In heutigen Abschnitt aus dem Evangelium treffen Welten aufeinander, die bis heute zumeist voneinander getrennt sind, nicht nur im arabischen Raum: Gesundheit und Krankheit, Judentum und nichtjüdische Religion, Männer und Frauen. Verschiedene Welten in der Tat: Entweder man ist gesund oder man ist krank; Juden und Nichtjuden leben meist für sich, ganz zu schweigen von Männern und Frauen: Jedes Geschlecht hat auch einen Lebensbereich für sich. Nur selten kommen diese verschiedenen Welten zusammen, und wenn, dann haben wir es meist mit einer explosiven Mischung zu tun. Das passiert im heutigen Evangelium gleich dreifach:

"Jesus ging weg von Genezareth und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Laß sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde."

Liebe Gemeinde! Jesus überschreitet hier gleich mehrere Grenzen: Er, dessen Sendung seinem Volk Israel gilt, geht ins Ausland: Tyros und Sidon sind Städte der Phönizier. Die sind zwar nicht gerade Feinde der Juden - beide Völker haben sich vor Jahrhunderten im Lande niedergelassen, sind also eingewandert - aber man lebt doch im dem Wissen darum, daß Israel erst später kam. Palästina, der Name des Landes, leitet sich ab von den Phöniziern. Aber als Seefahrt und Handel treibendes Volk kam man dem Ackerbau treibenden Volk der Juden zur Zeit Jesu nicht mehr in die Quere. Beide Völker lebten nebeneinander her - wie auch Männer und Frauen, die im Orient bis heute zwei Parallelgesellschaften bilden. Wenn Matthäus nun betont von einer Kanaanäerin spricht, weiß der Hörer: Sie ist gleich doppelt anders - nach Volkszugehörigkeit und nach Religion - und dann ist sie auch noch eine Frau.

Aber das ist nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste ist: Sie nervt. Sie nervt - und wie. Der Grund ist klar: Ihre Tochter ist krank und soll gesund werden. Krankheit wird nach volkstümlicher Ansicht von bösen Geistern, von Dämonen verursacht. Manche Menschen aber haben Macht über diese Dämonen und können sie —austreibenž. (Was Hollywood heute als Geschichten um Buffy erzählt, sind Dämonengeschichten aus alter Zeit in modernem Gewand. Damals waren das aber nicht bloß Geschichten zur Unterhaltung, sondern Alltagserfahrung.) Und die Frau geht mit Jesus auch um, wie mit denen, die Macht haben über Dämonen: Man muß ihre Aufmerksamkeit gewinnen - dann werden sie helfen. Sie schreit: Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Jesus aber reagiert nicht. Liegt das daran, daß die Jünger wie Bodyguards im Weg stehen? Jedenfalls sind die sofort genervt und bitten Jesus, die Frau gehen zu lassen. Unklar ist, ob sie, die erlebt haben, daß Jesus Macht über Krankheit hat, ihn damit zu einer schnellen Heilung veranlassen wollen; klar ist, daß die Jünger die Frau los werden wollen, weil: Sie nervt wirklich. Diese Weiber!

Auch Jesus zeigt sich hier nicht gerade als Frauenversteher. Erst wird er - typisch Mann - grundsätzlich. Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Mit anderen Worten: Ich bin hier nicht zuständig. Meine Sendung gilt Israel, dem Volk der Juden. Und dann wird er frech. Als die Frau sich nicht abschütteln läßt und vor ihm niederfällt in der orientalischen Demutsgeste totaler Unterwerfung - ich sage ihnen, immer diese Bittstellerinnen, die auf Kommando auch noch Tränen fließen lassen können, das kann einen völlig auf die Palme treiben - schimpft er wie ein arabischer Mann: Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.

Ein Satz wie ein Donnerschlag, meinte schon Martin Luther. Obendrein ein politisch-moralisch höchst unkorrekter Vergleich der Frau mit einem Hund, verschärft dadurch, daß —du Hundž im Orient eine krasse Beleidigung ist. Unter Männern kann sich eine solche Beleidigung nur erlauben, wer wirklich Macht hat. So soll der ägyptische Präsident Mubarak, als vor Jahren einer der zahlreichen fruchtlosen Friedensverträge in Nahost unterzeichnet werden sollte und Jassir Arafat mit seiner Unterschrift noch zickte, während die Kameras schon aufgebaut waren und man auf Live-Sendung gehen wollte: —Jetzt unterschreib schon, du Hund!ž

Die auf Jesus zugehende Frau müßte nun eigentlich hinreichend abgeschreckt sein: durch ihre religiöse Ausgrenzung, durch die Männergesellschaft und durch die Beleidigung. Aber sie bleibt hartnäckig - und nicht nur das, sie gibt eine Antwort, die an Schlagfertigkeit nicht zu überbieten ist: Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Da fällt mir der Karnevalsschlager ein:
Und keiner soll sagen,
Wer da ißt, der sei schlecht;
|: Denn für alle, die da essen,
› ›Wächst der Weizen erst recht, :|
Und der eine ißt die Torte,
Die der Himmel ihm beschert.
Und der and're all die kleinen Krümelchen,
Die er findet auf der Erd.

Ein melancholisches Lied über die Verteilung von Reichtum und Armut. Verhält sich die kanaanäische Frau nicht wie in diesem Lied, wenn sie sich mit den «BrosamenŽ zufrieden geben will? Bescheiden, demütig, genügsam? Typisch Frau? Was Frauen nicht alles für ihre Kinder tun!

Brosamen - das meint genaugenommen sogar weniger als die Krümelchen des Schlagers, es ist der Abfall. Die Brosamen sind nämlich nicht die Bröckchen für den Schoßhund, sondern meinen die Brotfladen, die man beim Essen benutzte, um sich die fettigen Finger abzuputzen, Bio-Servietten also. Und das ist ihr genug?! Ist das Bescheidenheit - oder Zielstrebigkeit?
Was die Kanaanäerin auszeichnet, ist ihre gedankliche Konsequenz. Sie nimmt den Gedanken Jesu auf, den Gedanken vom Brot für die Kinder Israels - und denkt ihn konsequent weiter zum Gedanken vom Brot für alle. Es ernährt alle. Die erste Theologin.

Theologin? Jesus gibt der schlagfertigen Antwort der Frau ja größeres Gewicht, theologische Bedeutung: Frau, dein Glaube ist groß. Damit markiert dieser genial schlagfertige Satz die Wende. Er sorgt dafür, daß Jesu Wirken für uns in ein neues Licht gerät. Gewiß, Jesus predigt wie ein Prophet nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel - aber was Jesus da sagt von der kommenden Herrschaft Gottes, das gilt aller Welt. Jesu Wirken, das ist Brot für die Welt. Die Botschaft vom Reich Gottes bietet uns nämlich mehr als nur Brosamen oder bloß Krümelchen, mehr als nur ein Stück vom Kuchen - sondern «Torte sattŽ, eben: Brot für die Welt, für Menschen aller Regionen und Religionen.

Heute provoziert dieser Gedanke auf den ersten Blick kaum noch. Zu selbstverständlich ist uns das: Jesus ist für alle da. Provozieren würde dieser Satz aber sofort wieder, wenn wir ihn als Begründung christlicher Mission verstehen: Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Wieso das provoziert? Weil dieser Satz uns auffordert, auch zu Menschen zu gehen, die in ihrer eigenen Welt leben: in der Abgeschlossenheit einer bestimmten Schicht oder Klasse, in einer anderen Religion oder Nation. Darf man heute noch sagen, daß wir auch Buddhisten, Muslime und Juden zu missionieren haben? Dabei schulden wir doch auch den Atheisten, Juden und Muslimen bei uns die Botschaft von der Nähe der Herrschaft Gottes in Jesus Christus. Christsein ist nicht nur etwas für Deutschstämmige. - In unseren Breiten hören gegenwärtig zwar nur wenige diese Botschaft und noch weniger nehmen sie an. Mission impossible? Aber das liegt ja auch nicht in unserer Hand. Dafür sorgt Gottes Geist. Und er tut es ja wirklich - immer wieder. Deshalb können wir heute wieder Taufe feiern - Zeichen von Gottes Herrschaft. Sie bedeutet Fülle, genug für alle. Mission possible.

Der schlagfertige Vergleich der Kanaanäerin gibt uns dabei auch noch so etwas wie einen praktischen Tip für unsere Mission: Wenn wir im Gottesdienst Christus feiern, dann können das ja alle wahrnehmen. Da sehen sie in unseren Städten und Dörfern eine Kirche stehen, da läuten die Glocken, da können sie unverbindlich einmal hineinschauen - auch der Gottesdienst ist keine Geheimveranstaltung, sondern bietet öffentlich das Brot des Wortes Gottes, von dem Brocken abfallen für alle - auch für die «HundeŽ in der letzten Bankreihe.

Das alles kann passieren, wenn durch Jesu Wirken Welten zusammenstoßen: die der Nichtjuden und Juden, die der Frauen und Männer, die von Krankheit und Gesundheit. Diese explosive Mischung läßt Gottes Herrschaft aufblitzen - immer wieder einmal, auch bei uns. Am Ende steht Heilung. Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Amen.
 
 


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