Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Reminiszere über Mt 12, 38-42

Liebe Gemeinde! Liebe Furchtlose!
Jesus wird in die Enge getrieben: —Beweise, daß du Recht hast, daß deine Botschaft wahr ist!ž Ein Zeichen dafür, einen Beweis wollen die Pharisäer sehen. Auf gut westfälisch: Jesus soll —Butter bei die Fischež tun, bloß reden reicht nicht. Aber Jesus weigert sich mit den Worten: —Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.ž

Das Zeichen des Propheten Jona? Das, liebe Gemeinde, klingt geheimnisvoll, mysteriös, nach mystery. Was ist das für ein Zeichen, das Zeichen des Jona? Um dieses Rätsel zu lösen, lassen wir heute dieses Bild zu uns sprechen. Es stammt aus einer Zeit der christlichen Bedrängnis, aus der Zeit der letzten Christenverfolgung vor der Wende unter Kaiser Konstantin. Damals wunderte sich der heidnische Philosoph Kelsos über die Furchtlosigkeit der Christen. Das Bild zeigt, warum sie sich nicht fürchteten:

Der erste Blick zeigt eine verwirrende Vielfalt von Einzelheiten: Man erkennt viele Menschen, ein Schiff, Wellen, einen Baum, ein Ungeheuer, das einen Menschen verschlingt und - auf der anderen Seite - wieder ausspuckt..... Das bringt uns auf die Spur.... Es ist die Geschichte des Jona - aber das ist nicht alles: Zu unserer Orientierung habe ich verschiedene Teile des Bildes bereits markiert. Wir sehen oben links die Auferweckung des Lazarus, rechts daneben den als Mose dargestellten Petrus, der aus dem Felsen Wasser schlägt, dann Petrus als Gefangenen und ganz rechts außen: oben Petrus als Hirt der Gemeinde, darunter Petrus als Menschenfischer.

Die anderen Bildteile zeigen die Jonageschichte in der Art eines Comicstrip: Was nacheinander erzählt wird, wird nebeneinander dargestellt, wird gleichzeitig - nicht die ganze Jonageschichte, nur einige ausgewählte Abschnitte werden uns gezeigt: Jona schifft sich ein, wird im Unwetter ins Meer geworfen und von einem Untier verschlungen, das ihn wieder ausspuckt. Darüber liegt Jona unter dem Rizinusstrauch.
Eine letzte Einzelheit läßt sich leicht übersehen: Knapp rechts von der Mitte schaut ein Mensch aus einem Kasten: die Rettung Noahs aus der Sintflut.

All diese Deutungen setzen Betrachter voraus, die sich in der Bibel auskennen, die vergleichen können mit anderen Darstellungen, um dieses steinerne Fries aus den Jahren um 300 nach Christus zu verstehen. So kann man dann Stück für Stück entschlüsseln. - Verstanden haben wir das Bild aber noch nicht, wenn wir nur die einzelnen Bestandteile erkannt haben - dann würde es uns ja lediglich an einzelne biblische Geschichten erinnern -  richtig sprechend wird das Bild erst, wenn wir auf den Zusammenhang der Teile aufmerksam werden:

Ist der überhaupt vorhanden? Geht es hier nicht kreuz und quer durchs Alte und Neue Testament: von Noah über Mose und Jona zu Lazarus und Petrus? Und warum wird Petrus als Mose dargestellt? Was hat er mit ihm denn zu tun? Er hat doch viel später gelebt. So betrachtet, ist das schon ein eigentümliches Bild. Es erinnert mich mehr an einen Fleckerlteppich oder an eine Collage, wo aus unterschiedlichen Einzelteilen ein neues einheitliches Ganzes entsteht. Wo ist hier der Zusammenhang?

Ein erster Zusammenhang ist mit dem Zeichen des Wassers gegeben: Es verbindet die meisten Teile des Bildes. Wasser ist mehrdeutig: Es spendet Leben - und ist zugleich bedrohlich. Was dem Volk unter Mose in der Wüste Leben ist, ist tödliche Bedrohung für Noah und Jona.

Ein nächster Zusammenhang ist dieser: Das Bild präsentiert Rettungsgeschichten, Erzählungen von Rettung aus Todesnot. Wie in den Rettungsgeschichten amerikanischer Fernsehserien bildet es menschliche Helden ab, biblische Gestalten. Ihre Namen sind bis heute bekannt. Der eigentliche Retter aber bleibt unsichtbar. Wer die biblischen Geschichten kennt, der weiß sofort: Hinter den menschlichen Gestalten und Erfahrungen von Rettung steht Gott. Darin stimmen die Geschichten überein, darum können sie auch zusammenfließen und ineinandergeschachtelt werden. Ein roter Faden schlängelt sich durch die Geschichte Israels und der Jungen Kirche: Gott rettet.

Das Bild bündelt viele Zeichen und Hinweise. Sie gelten zuletzt einem Zeichen: Unser heutiger Predigttext nennt es das Zeichen des Jona:

Im Buch des Propheten Jona besteht das Zeichen in der tatsächlich erfolgten Buße und Umkehr der Leute in Ninive. Der Prophet unter dem Rizinusstrauch muß erleben, daß - gegen seine Erwartung - ausgerechnet das heidnische Volk der Niniviten Buße tut. Was damals bei Jona geschah, hält Jesus nun seinem Volk vor - und er denkt dabei auch an sein eigenes Wirken: Bußpredigt, der Ruf: Kehrt um zu Gott!, ist zu befolgen, da ist nicht vorher erst zu fragen: Hast du auch die nötige Vollmacht dazu?

Das Zeichen der erfolgten Bekehrung der Einwohner Ninives tritt aber im Anspruch Jesu und erst recht in der Sicht der Jungen Kirche weit zurück hinter der anderen Deutung des Zeichens des Jona, wie sie in der Mitte unseres Bildes uns vor Augen gestellt wird: So wie Jona aus dem Bauch des Fisches gerettet wurde, so wird der Menschensohn Jesus Christus aus dem Tod gerettet. "Und siehe, hier ist mehr als Jona." Für die Christen war Christus selbst das Zeichen des Jona. Der moderne Holzschnitt rechts unten greift das auf: Jona und der Wal bilden ein Kreuz, das Zeichen Christi.

In diesem Glauben las die Junge Kirche gerade in Zeiten der Verfolgung wie um das Jahr 300, aus dem dieses Bildfries in etwa stammt, die alten Rettungsgeschichten und hinterließ uns mit diesem Bild eine neue: Denn dieses steinerne Fries ist ein römischer Sarkophag, ein Sarg, geschmückt mit dem Zeichen des Jona. Er wird uns zum Zeichen für den Glauben an Gott als den Retter aus dem Tod, zu einem Osterbild.

Die Auferweckung Jesu, dieser göttliche Erfolg im Kampf gegen den Tod, wurde den ersten Christen zum großen Ansporn. Dadurch motiviert, zogen sie aus in alle Welt und verkündeten in aller Freimut und furchtlos Gottes Rettungstat mit den Worten: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!"

Dabei war ihnen der Spott ihrer heidnischen Umgebung sicher. Der Philosoph Kelsos nannte das Christentum eine Religion für Sklaven, Weiblein und Kindlein, für Habenichtse: Sie haben nichts und dünken sich reich. "'Wer nur immer', sagen sie, 'ein Sünder, wer unverständig, wer unmündig, und kurz zu sagen, wer immer unglückselig ist, dem steht das Reich Gottes offen. " Mit der Rede von der Auferstehung ködern sie die Leute. So spricht ein Gegner des Christentums, der wohl bedeutendste, den es je gab. Manchmal sehen Gegner ja besonders  klar: Die Botschaft von der Überwindung des Todes durch Jesus Christus traf in der Welt der untergehenden Antike auf offene Ohren.

Und sogar der Ruf zur Umkehr kann Erfolg haben - nicht nur in Ninive oder im Alten Rom. Mein alter Dorfpastor sagte mir vor gut 20 Jahren zum Abschied nach Berlin, der Welthauptstadt des Heidentums: —Auch das Siegerland war entchristlicht ­ und dann kam die Erweckungsbewegung.ž Umkehr ist also möglich, damals wie heute. Auch Berlin kriegt wieder seine Chance. Aber anders als Jona und die Zeitgenossen Jesu brauchen wir eigentlich nicht immer wieder neue Zeichen und vorherige Erfolgsbeweise, um uns zu motivieren; wir können das Zeichen des Jona ja von Jesus Christus her verstehen: Gott rettet aus dem Tod.

Aber wie denn, wann endlich und warum eigentlich? Dem denken wir nach in der Passionszeit, im Blick auf biblische Geschichten des Alten und Neuen Testaments, im Blick auf unser Leben - aber dennoch bleibt das geheimnisvoll, geheimnisvoll wie das Zeichen des Jona, mysteriös, mystery  - wie alle Zeichen der Liebe Gottes: für Gegner kein Beweis, aber genug, um unsere Furchtlosigkeit sicherzustellen.
Amen.
 
 


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