Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Sonntag Kantate über Mt 11, 25-31

Liebe Gemeinde!
"Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." Bis zum 3. Februar 1945, bis zum Tag jenes größten Bombenangriffs auf Berlin mit seinen vielen Opfern in der Berliner Innenstadt, stand dieses Wort Jesu aus dem Evangelium nach Matthäus, unser heutiger Predigttext, über dem Mosaik in der Apsis der Jacobi-Kirche. Heute können wir es hier erneut lesen. Und  es predigt uns auch. - Von dem ursprünglich größeren Mosaik hat nur der Teil mit der Christusdarstellung die Zerstörung überstanden. Dadurch ist noch eindeutiger geworden, wer hier redet und von wem hier die Rede ist: Jesus - Sohn des himmlischen Vaters: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Das Bibelwort macht im Kirchenraum noch auf einen weiteren Zusammenhang aufmerksam: Hier wird die Einladung an die Mühseligen und Beladenen nicht nur ausgesprochen, hier wird sie auch verwirklicht. Im Gottesdienst der christlichen Gemeinde, der sich im Gottesdienst mit Abendmahl auch bei den Anhängern der Reformation Martin Luthers in den liturgischen Formen der stadtrömischen Messe der Alten Kirche vollzieht, wird die Verheißung Jesu Wirklichkeit, seine Einladung: —Kommt zu mir und laßt euch von mir dienen!ž Denn Gottesdienst ist —... nicht anderes, dann daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein hl. Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.ž So Martin Luther bei der Einweihung der Torgauer Schloßkapelle. In den liturgischen Formen der Messe ist der Herr bei uns - und sind wir beim Herrn.

Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Im Kyrie tragen wir die Not der Welt vor ihren Herrn - im Vertrauen, ja im Wissen um seine Hilfe. Wir huldigen ihm, weil wir den kennen, der insgeheim der Herr der Welt ist - und der allein helfen kann. Damit widersagen wir allen anderen Herren und Mächten. Das Christusmosaik zeigt dieses Bekenntnis.

Im Gloria - für sich genommen schon eine Messe im kleinen - setzen wir es fort: —Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade...ž. Das klingt nach Weihnachten und ist darum kein bloßer Wunsch, sondern bedeutet: Gott macht seinem Namen alle Ehre! Gott kommt, indem seine Herrschaft ausgerufen wird. Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Mit den Unmündigen sind die gemeint, die ursprünglich weder zu den Schriftgelehrten noch zum Volk Gottes gehörten. Wir Unmündigen also beginnen hier, was Gott uns gezeigt hat, was aber noch nicht vollendet ist. Wir huldigen Christus, dem Sieger, als der am Morgen aufgehenden Sonne und als dem Herrn, der sein Volk in der Feier der Eucharistie versammelt: Gottes Ehre ist es, den Menschen entgegenzukommen, in menschlichen Worten, in Brot und Wein.

Im Credo, dem christlichen Glaubensbekenntnis seit den Zeiten der Alten Kirche, bekennen wir öffentlich, wer Gott ist: Vater, Sohn und Geist - und wie er an uns handelt. Das Geheimnis der Welt, der Schöpfer, ist in einem von uns erschienen und bleibt mit seinem Geist in der Welt. Wo Menschen glauben und bekennen: —Herr ist Jesus Christusž, da spricht Gottes Geist aus ihnen. Er hält uns mit dem Herrn zusammen - und auch miteinander.

In Sanctus und Benedictus beten wir den heiligen Gott an, der sich zu uns im Abendmahl herabneigt: Er kommt, der einst kam und dereinst kommen wird. Er kommt und ist da - in Brot und Wein. Darin, daß er so klein sein kann, zeigt er seine Größe. Das macht ihn groß und herrlich. Wir preisen ihn mit Cherubim und Seraphim - der Himmel kommt zur Erde.

Im Agnus dei, dem Gesang zur Brechung des Brotes, reden wir Christus an als das Lamm, das letzte Opfer, das alles weitere Opfern überflüssig gemacht hat: Niemand muß mehr Opfer sein, das zur Sühne stirbt, weil ein anderer schuldig geworden ist, niemand darf noch zum Opfer gemacht werden. Jesus Christus, das letzte Opfer, hat Friede gestiftet zwischen Gott und Mensch.

Darum heißt es: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Und dennoch ist da kein Friede. —In angustiisž, —in Ängstenž hat Joseph Haydn die von ihm komponierte Messe überschrieben. Das Publikum aber hat die Messe Lord Nelson gewidmet, dem Sieger der Schlacht von Abukir. Das ist der alte Gedanke: Wir erwarten Frieden durch Sieg im Krieg. Seitdem hat es darum noch viele Kriege gegeben, mit Siegern und Verlierern - und noch mehr Opfern. Warum? Die Frage gehört zum Geheimnis, das sich der Mensch selber ist. Gott siegt anders. Gottes Sieg über das Böse wurde bereits durch das Opfer Jesu Christi errungen. Hier und jetzt, im Gottesdienst, in der Messe finden wir darum Seinen Frieden - die Welt aber muß ihn noch suchen. Gottes öffentliche Herrschaft hat ja erst begonnen. Darum beten wir: Dona nobis pacem, gib uns Frieden.

Der liturgische Gottesdienst, die Feier der Messe endet, der Gottesdienst des Lebens geht weiter. Hier in der Kirche aber lüften wir das Geheimnis des Lebens. Hier zeigen wir, machen wir sichtbar und hörbar, was die Christen glauben: Jesus, den Herrn der Welt, der alle einlädt, sich von ihm dienen zu lassen, und jenen, die diese Einladung annehmen, schon einen Vorgeschmack des Himmels gibt: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Die alte Inschrift hat den Krieg nicht überstanden - aber im Gottesdienst lebt das Wort Jesu weiter unter uns: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde...

Wir, obwohl mühselig und beladen, preisen ihn - mit Jesus. Kantate! Singt!
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite