Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag im Advent über Mt 11, 2-10

Liebe Gemeinde!
Johannes und Jesus: Zwei Männer - ein Weg. Zugleich eine Männerkonkurrenz. Beide sehen Gottes Herrschaft kommen - aber wie sieht ihre eigene Rolle dabei aus?

Johannes tauft zum Zeichen der Buße. Er hat die Stadt verlassen und predigt an der alten Landesgrenze Israels, dem Fluß Jordan. Als das Volk Israel das erste Mal "über den Jordan" ging, da nahm es das ihm von Gott zugesagte Land in Besitz. In den Jahrhunderten danach hatte das Volk ein wechselhaftes Schicksal. Phasen des Wohlstands wurden abgelöst von politischem und wirtschaftlichem Niedergang. Hin und wieder hatten Propheten gemahnt: Das Volk hält seine Bundesverpflichtungen nicht ein, die katastrophale Lage im Land ist seine eigene Schuld, es ist von Gottes Wegen abgewichen. Aber ihre Stimmen verstummten. Bald 100 Jahre Fremdherrschaft und Abhängigkeit von der einzigen verbleibenden Weltmacht - ein König von Roms Gnaden. "Kehrt um!", ruft nun Johannes, "hinaus aus den Städten, kommt aufs Land, an den Jordan: Geht den Weg noch einmal, den eure Väter gegangen sind. Geht ihn selbst und tut Buße: Fangt noch einmal von vorn an - denn Gottes Gericht über euch steht vor der Tür!"

Die Menschen hören auf ihn. Sie kommen in Scharen und lassen sich taufen. Eine religiöse Erneuerungsbewegung beginnt. So weit, so gut. Aber die große Frage lautet: Ist das Unternehmen des Johannes nur eines unter vielen anderen (wie das der Klostergründer von Qumran oder das der zelotischen Befreiungsfront)? Oder erwacht mit Johannes die Stimme der Prophetie wieder? Jedenfalls kann er den Mund nicht halten. Johannes eckt an beim Landesherrn. Nicht allein, daß der sich aufführt wie ein orientalischen Herrscher (oder wie Dieter Bohlen) und eine Frau nach der anderen heiratet - jetzt hat er auch noch seine Frau verstoßen und die Frau seines Bruders geheiratet. Das prangert Johannes an - und wandert ins Gefängnis. Prophetenschicksal.

Im Gefängnis dann die Frage nach dem anderen. Denn da ist noch ein Prediger vom nahen Reich Gottes:
Als aber Johannes im  Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.  Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: Was seid ihr  hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen  Propheten sehen? Ja, ich sage euch: er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«

Wer ist der Messias, wer von den vielen Erneuerern? Vielleicht dieser Prediger aus Galiläa? Aber passen die messianischen Kennzeichen denn auf ihn? Was hatten die Propheten über die kommende Zeit des Messias gesagt? "»... Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken." (Jes 35, 4-6) Daß das eine Freudenbotschaft ist, auch das sagt die Prophetie über den Messias, den Gesalbten: "Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen..." (Jes 61, 1)

Die Frage des Johannes ist aber dennoch verständlich, denn Jesus paßt nicht dieses messianische Schema, jedenfalls nicht ganz. Wo bleiben Gottes Rache und die Vergeltung, sein Gericht? Das muß doch erst einmal kommen - meint Johannes jedenfalls. Und auch viele seiner Zeitgenossen sehnen sich nach göttlicher Vergeltung für das Unrecht, das sie seit Generationen ertragen müssen.

Jesus hält sich bedeckt. Er spricht zwar von seinen Wundertaten, den klassischen "Werken des Messias" - und sie werden sogar noch ergänzt um die Heilung von Aussätzigen und die Auferweckung von Toten: "Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf" - aber wen überzeugt das? Diese Wunder erregen zwar Aufsehen, aber sie überzeugen dennoch wenig. Die Menschen wollen ja nur immer noch größere Wunder sehen. Warum verweist Jesus trotzdem darauf? Jesus tut seine Wunder nicht als Beweis dafür, daß er der Messias ist, sondern sie sind die Begleitumstände von etwas Größerem. Da war ja noch mehr. Die Quintessenz der Prophetie war: Unter diesen Zeichen kommt Gott selbst. Und das ist es. Damit formuliert Jesus seinen eigenen Messiasanspruch. Mit ihm kommt Gott: "Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert." Es gibt also nur einen Messias - und das bin ich. Es gibt nur einen Christus, und das ist Jesus.

Das ist das grundlegende Bekenntnis der Christen geworden: Jesus in Person ist die Antwort auf die Frage des Johannes. Seine Werke machen ihn zum Kandidaten für das Messiasamt. Die Worte der Propheten kann er für sich in Anspruch nehmen. Sicherheit aber gibt allein sein Wort. Mit Jesus kommt nicht irgendetwas oder irgendwer, auch nicht "bloß" der Messias: Mit Jesus kommt Gott. Basta. - Jesus hat ein Macht-Wort gesprochen. Die Konkurrenz der beiden Männer ist entschieden. Nur einer ist der Star: "Es gibt nur einen Christus ..., Jesus Christus."

Und während diese Nachricht noch zu Johannes unterwegs ist, hält Jesus einen Nach-Ruf auf Johannes. Wer ist Johannes? Er war Sohn eines Priesters aus altem Geschlecht. Hatte er vielleicht sogar eine Zeit lang am Königshof gelebt? Das würde erklären, daß Jesus zwei seltsame Anspielungen macht: Jesus spricht vom "Rohr ..., das der Wind hin und her weht." Und: "Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige." Schwankendes Rohr, Wendehals, höfische Kleidung - das hat so wenig mit dem jetzigen Bußprediger zu tun, wie es als Anspielung auf einen früheren Lebensabschnitt des Täufers Sinn macht. Johannes - vielleicht einer, der ausstieg aus den Kreisen der Mächtigen. Über ihn spricht Jesus sein zweites Macht-Wort: Ich sage euch: er ist mehr als ein Prophet. Johannes ist Vor-Bote.

Erhält Johannes damit nur die Rolle einer Vor-Gruppe im Konzert, eines Marktschreiers, des Ankündigers des großen Boxers, des Laudators einer Preisverleihung - Johannes, der Mann fürs warming up? Jesus sagt das nicht ausdrücklich; sagt nicht, was der christliche Glaube hier später gehört hat. Er hat Johannes in der Tat zum bloßen Vorläufer Jesu gemacht. Jesus aber spricht geheimnisvoller: Johannes ist ihm Vorbote des Messias und damit Vorbote des Kommens Gottes. Das ist der Punkt: Johannes ist der Mann der Wende. Mit Johannes beginnt das Heil, Johannes ist der Mann des Advent, die Adventsgestalt schlechthin. Was in Jesus seine Erfüllung erlebt, beginnt mit Johannes.

Zwei Männer also - doch ein Weg. Die Männerkonkurrenz findet ihre Lösung. Jesus ist die Antwort. Wie aber war die Frage?

Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Diese Frage taucht ja immer wieder auf. In den ersten christlichen Jahrhunderten ging ein geheimnisvolles Wort um: "Mit der Kraft des hohen Lichtkönigs heilt er die Kranken." Dann wird Jesaja zitiert, mit der Ergänzung durch Jesus, dann folgt: "Es gibt Tod und es gibt Leben, es gibt Finsternis und es gibt Licht, es gibt Irrtum und es gibt Wahrheit."

Worte wie diese machen Jesus Konkurrenz. Sie machen ja Eindruck, weil sie so geheimnisvoll raunen und tolerant und offen klingen. Sie rufen nach einem Erlöser - ohne ihn jedoch zu kennen und zu nennen. Sie hoffen auf einen Advent Gottes - doch ohne ihn schon feiern zu können. Hier fehlt jede Entschiedenheit und jede Festlegung, hier verkommt der Wunsch nach Erlösung zu einem banalen Spruch.

Auch heute gibt es eine weit verbreitete Abneigung gegen das christliche Bekenntnis zu dem einen Christus, Jesus Christus. Muß man selbst als Christ nicht längst - um der politischen Korrektheit willen und im Namen der Toleranz - einräumen, daß doch jede Religion auf ihre Art Rettung anbiete? Und haben die vielen "Messiasse" in der Geschichte der Menschheit nicht eher Unglück über ihre Völker gebracht? Was hat sich denn geändert durch Jesus - im Lauf der Welt? Wo bleibt die Erlösung, der Friede? Wer hilft uns aus dem Schlamassel?

Die Antwort der Christen geben wir mit dem Weihnachtsfest. Hier feiern wir Gottes Kommen, Gottes Advent im Menschen Jesus, weil Gottes Geist uns gezeigt hat: Er ist es, der da kommen sollte. In Jesus ist mehr als nur Hoffnung und Verheißung, hier beginnt Erfüllung: denn mit dem Messias Jesus kommt Gott. Er erfüllt die Erwartungen nicht - er übertrifft sie. Andere Messiasse ruinieren uns bloß. "Christ, der Retter ist da." Oder: "Es gibt nur einen Christus..., Jesus Christus." (gesungen auf die Melodie: Guantanamera, frei nach: "Es gibt nur ein Rudi Völler.")
Amen.
 
 


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