Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Sexagesimae über Mk 4, 26-29

Liebe Gemeinde!
Wenn Jesus in Gleichnissen vom Reich Gottes predigte, so tat er das selten mit langer Rede. Manchmal sogar mit sehr knappen Worten. Ehe man sichŽs versieht, ist die Geschichte vorbei, und man hat die Pointe nicht mitgekriegt ­ wie bei einem Witz: Einen Moment nicht aufgepaßt und die Pointe ist verpufft.

Heute hatten wir ein Beispiel dafür. Was blieb vom heutigen Evangelium hängen? Vielleicht nur das Bild von der Saat oder die etwas umständliche Einleitung: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft ... Daß Jesus danach eine ungewöhnliche und auch noch ärgerliche Geschichte erzählte, konnte einem leicht entgehen. Hören wir darum noch einmal zu und machen wir gleichzeitig das Experiment:
- Pflanzen einiger Samenkörner in einem Blumentopf -

Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Der Same geht auf und wächst - und der Bauer weiß nicht, wie? Wie das? Ein Bauer soll nicht wissen, wie der Same aufgeht und wächst? Er weiß doch, wie das Erdreich beschaffen sein muß, er weiß, daß Wasser und Sonne nicht fehlen dürfen, er weiß, daß sich das Fruchttragen alles andere als von selbst einstellt. Darum muß es ja ihn, den Bauer geben. Er hat das Jahr über alle Hände voll zu tun, muß düngen, bewässern, Schädlinge bekämpfen. Darum baut ja nicht jeder von uns sein eigenes Getreide an, fahren die Berliner nicht im Frühling zur Saat- und im Herbst zur Erntepartie hinaus ins Brandenburgische, sondern sie lassen Landwirte sich um die Ernährung aller bemühen ­ und zwar das ganze Jahr über. Und jede Grüne Woche belehrt uns eines besseren. War das damals denn anders?

Keineswegs. Wenn ich mir vorstelle, so hat Jesus zu seinen Zuhörern damals gesprochen, dann haben die aber spätestens an dieser Stelle aufgehorcht und sich provoziert gefühlt. Als palästinensischer Bauer in der soundsovielten Generation soll ich nicht wissen, wie Korn gedeiht? Lachhaft. Was hat sein Vater, dieser Zimmermann, ihm denn beigebracht? Gärtnerisches Wissen? Setzen: Fünf. Warum macht mich dieser Prediger so an? Weiß er nicht, wie ich schuften muß, daß der Weizen Frucht trägt? Warum komme ich in seiner Bauerngeschichte nicht vor - nur wie ein dummer Junge, der nach der Saat bloß schläft und aufsteht, nicht weiß, wieŽs wächst, und erst bei der Ernte wieder ins Spiel kommt? Ist die Geschichte die Jesus-Variante des Sprichwortes: "Der dümmste Bauer hat die dicksten Kartoffeln"? Was will mir dieser Prediger bloß sagen? Stimmt er etwa das Lob der Faulheit an? Wo andere doch predigen, man müsse eifern für das Gesetz Gottes, asketisch leben oder wenigstens gegen die Römer kämpfen? Oder will er mir mit dem Gericht Gottes drohen, wenn er sagt: So schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da?

Das Gleichnis lebt von diesen Einwänden. So zieht Jesus seine Zeitgenossen  und uns in die Geschichte hinein, die er da erzählt - über unseren Protest. Der macht aufmerksam auf die eigentliche Pointe: Von selbst bringt die Erde Frucht. Von selbst? Wo bleiben denn da wir Menschen und unsere Bemühungen? Ist das nicht un-menschlich, dieses Gleichnis? Vielleicht ist der Text nicht richtig übersetzt. Hören Sie einmal den Urtext - und Sie werden gleich feststellen, daß Sie griechisch verstehen: - Zitat 4, 28a -

Na, haben Sie das Wort erkannt, auf daß es hier ankommt? Ja, richtig: Automatisch steht da. Automatisch bringt die Erde Frucht. Was soll das bedeuten? Das sollten wir Menschen von heute doch wissen; wir erst recht, wir sind doch von Automaten umgeben. "Muß ich den Wasserkocher nicht abstellen?" "Nein, wenn das Wasser kocht, macht er das automatisch." "Wo ist bei deinem Auto denn das Kupplungspedal?" "Der hat doch 'ne Automatik!" "Und wie funktioniert die?" "Gut, aber frag mich nicht, wie das geht." "Und wie stellt man die Heizung ein? "Nicht nötig, geht alles automatisch. Wärme auf Knopfdruck." "Und die Uhr muß man nicht aufziehen?" "Nein, geht doch automatisch."

Wenn wir die Beispiele bedenken, kommen wir der Bedeutung des Wortes 'automatisch' näher. Man muß ja nicht wissen, wie etwas funktioniert, ein Thermostat für den Überhitzungsschutz oder eine Hydraulik für den Gangwechsel oder eine vorprogrammierte Zeitschaltuhr, man muß nicht wissen, wer es konstruiert und eingebaut und vorbereitet hat - trotzdem kann man sich darauf verlassen, daß eine Automatik ohne menschliche Einwirkung arbeitet. "Dem Ingenieur ist nichts zu schwör." - Gemach, gemach, wird so ein Ingenieur jetzt einwenden. Das ist doch nur scheinbar so. Was habe ich nicht alles tun müssen an Planung und Ausführung, was ist in den Fabriken nicht alles geschehen, bis ihr eure Automatik habt - und auch die müßt ihr meist erst einmal noch in Betrieb nehmen. Was also heißt hier Automatik? Alles vergessen, alle vergessen - sich aufs Funktionieren verlassen? Im alltäglichen Sprachgebrauch mögt ihr Recht haben - aber damit etwas wirklich scheinbar automatisch, von selbst funktioniert, ist viel Arbeit nötig: Nachdenken, Energiezufuhr - und bei der Uhr etwas Armbewegung.

Dennoch, liebe Gemeinde, ob's den Ingenieur von heute ärgert oder seinerzeit den palästinensischen Bauern, Jesus hat's mit der Automatik. Aber: Braucht er das Wort noch in seinem alltäglichen Sinne, wie wenn er sagte: "Der nächste Winter kommt bestimmt"? Die Besserwisser würden auch da protestieren - Klimawandel! - Jesus aber meint das hier anders, auch nicht die Automatik der Natur, der Jahreszeiten. Seine Worte sind ganz von ihrem Inhalt her bestimmt. Er überrollt geradezu alle Einwände mit seiner Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes: Denn kein Vergleich - weder der agrarische noch der technische - stimmt so ganz, die gemeinte Sache, das Kommen des Reiches Gottes, das ist unvergleichlich - automatisch.

Gottes Reich kommt automatisch. Nehmen wir das einmal ernst: Dann können wir mit unserm Christsein doch einfach abwarten, bis der Herr der Ernte, bis Gott kommt, um die Ernte einzufahren. Wir haben doch für die Ernte nichts zu tun. Was Er gesät hat, wird Er dann ernten. Der Rest geschieht - von selbst. Wir sind diesbezüglich arbeits-los. Das Gleichnis setzt jeder Arbeitsbeziehung zu Gott ein Ende. Sobald das Thema nämlich nicht Landwirtschaft, sondern das Reich Gottes und seine Automatik ist, so muß sich jeder Christ und jede Christin sagen lassen, daß Gott allein sein Reich kommen lassen wird. Und das sagt uns etwas über Gott: Er ist der, der zwischen Saat und Ernte das Wachsen seines Reiches dem automatischen Wachstum überläßt.

Wenn wir das Gleichnis so verstehen, klingt es befremdlich, ja ärgerlich. Das klingt ja fast so, als habe sich Gott von der Welt zurückgezogen. Kommt er ohne Menschen aus? Jedenfalls: Gott hat Zeit, er kann warten. Das ist "Die Entdeckung der Langsamkeit." Er hat alle Zeit der Welt; denn der Lauf der Dinge hindert nicht das Kommen seines Reiches. Im Lauf der Dinge kommt sein Reich. Alle Gegnerschaft kann es nicht aufhalten: "Gottes Reich in seinem Lauf halten weder Mensch noch Teufel auf." Die Zeit der Kirche ist dann wirklich Frei-Zeit; die Zeit, in der Gott sich zurückhält, in der er das Evangelium unter den Menschen wachsen läßt - wie ein Bauer die Saat wachsen lassen muß, wie das automatische Getriebe seinen Vorzug erst beim Langsamfahren ausspielt.

Demonstrieren kann man das aber nicht, allenfalls mit einem scheiternden Experiment: Wenn wir nämlich Samen säen - auf den Blumentopf zeigen - und warten, bis der Same Frucht bringt, wissen wir ja: Automatisch ist das nicht, nicht wirklich jedenfalls: Bestenfalls sieht es so aus - und verlangt von uns dennoch Einsatz und Geduld. Wirklich automatisch kommt für uns nur der Tod.

Aber wenn wir das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat vom Reich Gottes verstehen - als Versprechen, daß Gott kommt, dann kommen auch wir wieder in dem Gleichnis vor, und zwar höchst lebendig; denn wir Christinnen und Christen sind ja der Ort, an dem die Saat schon wächst, während Gott noch im Kommen ist. Gottes Wort läßt Kirche entstehen. Kirche ist ja da, wo Gottes Reich auf Erden wächst - verborgen in seinem Wort, in Brot und Wein im Abendmahl. Dort kommt Gottes Reich - ganz von selbst, eben: automatisch.
Amen.
 
 


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