Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über Mk 2, 23-28

Liebe Gemeinde!
SABBATVERLETZUNG, hätte der Galiläische Tagesspiegel - wenn es denn eine solche Zeitung vor 2000 Jahren gegeben hätte - groß und schreiend gemeldet: Untertitel: Jünger des Jesus von Nazareth ernten am Heiligen Ruhetag. Und klein weiter: Bei einer das Gebot der Sabbatruhe großzügig auslegenden Wanderung am letzten Sabbat kam es zu einer weiteren Provokation: Eine kleine Gruppe um den selbst ernannten Lehrer Jesus von Nazareth stillte ihren Hunger durch das Abstreifen von Körnern aus den reifen Ähren - ein am Sabbat bekanntlich verbotener Erntevorgang.

Die vermutliche Reaktion der Leser von damals: Einige hätten sich - wie von den Zeitungsmachern erhofft und eingeplant - pflichtschuldigst empört, die Sache aber vermutlich schnell wieder vergessen. Sabbatverletzungen waren ja an der Tagesordnung. Andere hätten vielleicht wieder einmal aufgestöhnt über die Kleinlichkeit der religiösen Parteien: —Hat von denen etwa noch keiner am Sabbat schnell mal ein paar Körner gegen den gröbsten Hunger zwischen die Zähne getan?ž Nur wenige hätten wohl weitergelesen. Was hat dieser Jesus noch gesagt? —Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?ž —Doch, doch, schon mal gehört diese Geschichte,ž denkt sich der Leser, —aber das ist was für Schriftgelehrte. Sollen die sich doch streiten, wann was wo genau erlaubt ist. Not kennt kein Gebot.ž - Bleibt da noch die Schlußbemerkung im Galiläischen Tagesspiegel: Jesus von Nazareth kommentiert selbst sein frevelhaftes Tun: —Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.ž Letzter Gedanke unseres Lesers: —Guter Spruch, kann reden der Mann. Bloß: als möglicher Messias unseres Volkes scheidet er damit wohl aus. Zu lustbetont, zu wenig asketisch. Der erwartete Messias wird streng sein in Sachen Gesetz, superstreng.ž Er blättert weiter. Genug des Themas Sabbatverletzung.

Sabbatverletzung: Wäre das heute überhaupt noch eine Meldung wert?

Was etwa titelt der Berliner Tagesspiegel heute, knapp 2000 Jahre später über den gestrigen Sabbat und die anschließende Lange Nacht des Shopping? Nichts. Hunderttausende in der City, den Tag über bis nach Mitternacht, von Sonnabend - dem Sabbat - bis in den beginnenden Sonntag hinein - aber das sind wir ja bei solchen Ereignissen längst gewohnt.

Sind massive Sabbatverletzungen also an der Tagesordnung? Offensichtlich ja. So müssen es jedenfalls die frommen Juden sehen, die in unserer Stadt leben. Die müssen nämlich zusehen, wie sie damit klarkommen. Für sie heißt es entweder am Sonnabend zu Hause bleiben oder eben trickreich alles meiden, was als Arbeit definiert ist, BVG-Monatskarte vorzeigen statt Einzelfahrscheinkauf beispielsweise - denn alle Geldgeschäfte gelten als Arbeit.

Was Jesus begonnen hat, haben wir anscheinend auf die Spitze getrieben. Erst —Not kennt kein Gebotž, dann: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Und dann verstehen wir das so: Der Mensch will sich vergnügen. Dem hat der Sabbat zu dienen. Samstag ist also nicht nur Putztag und Einkaufstag, sondern auch Tag zur ganzheitlichen Selbstverwirklichung: Tag für Sport, Kultur und Party.

Jetzt werden Sie einwenden: Dafür haben wir aber doch den Sonntag als den Tag der Arbeitsruhe. Den Sabbat des Neuen Testaments hat man ihn im Mittelalter genannt. Und der bleibt doch arbeitsfrei. Haben sich die Kirchen nicht immer wieder für den Sonntag eingesetzt? Ohne Sonntag ist jeder Tag Werktag, war der Slogan. Wer sonst schützt die Arbeitenden vor Überarbeitung? Wer schützt die Familien? (Deshalb lieben ja altwerdende evangelische Pfarrer so die Sabbatruhe.) Und müssen wir uns nicht auch weiterhin für die Sonntagsruhe einsetzen - weil der Mensch doch seine natürlichen Rhythmen braucht?

So hätten wir dann eben den Sonntag - wie die Juden ihren Sabbat haben, unseren Sonnabend - weshalb schon Luther das dritte Gebot kurz und knapp so übersetzte: Du sollst den Feiertag heiligen! Egal also, ob Samstag oder Sonntag - jedenfalls ist es Gottes Wille, alle sieben Tage zu ruhen.

Andererseits: Warum verstoßen Jesus und seine Jünger dann dagegen? Geht es ihm wirklich nur um großzügigere Regeln für den Notfall, so daß man ihn der Schule der liberalen Rabbiner im heutigen Israel zurechnen müßte, für die beispielsweise bei Unglücksfällen am Sabbat der Einsatz des Roten Davidsterns - des israelischen Roten Kreuzes - selbstverständlich ist (wenn sie nicht sogar selbst Auto fahren und den allsabbatlichen Verkehrsstau derer vergrößern, die von Jerusalem aus mal schnell die Stunde zum Sonnetanken ans Tote Meer fahren - weil der Mensch doch seine Erholung braucht)? Wenn das die Position Jesu wäre, dann müßte unser neuer GKR in der Tat überlegen, was genau für die Gemeinde am Sonntag erlaubt ist und was nicht - wie damals und heute die jüdischen Schriftgelehrten zu klären haben, was am Sabbat erlaubt ist und was nicht.

Wer mal ein Wochenende in Genf verbracht hat, weiß, wie langweilig die Stadt dann ist, insbesondere sonntags. Zwar sind einige Restaurants geöffnet - aber ein Glas Wein zu bekommen ist schwierig, das gehört zu den Regeln des Sonntags als des christlichen Sabbats. Wen wundertŽs da, wenn die kirchlichen Bemühungen um die Sonntagsruhe anderenorts, etwa in deutschen Ostseebädern, auf Widerspruch stoßen: —Am Sonntag müssen wir geschlossen halten - so ist es, wenn die Pfaffen waltenž, las ich vor zwei Jahren an der See. Starker Tobak - aber so ist das eben im Osten, dachte ich.

Aber Jesus hat im Evangelium des Markus der Geschichte von den Ähren rupfenden Jüngern noch einen Satz hinzugefügt, der alles in ein ganz anderes Licht rückt: So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat. Jesus beansprucht, Herr über den Sabbat zu sein. Er beansprucht, Herr zu sein über Gottes Ordnung. Er beansprucht Gottes Stellung. Mit ihm ist die neue Herrschaft Gottes auf Erden angebrochen - und dazu paßt kein Hungern und Fasten im Namen des Gesetzes.

Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. (Mk 2, 19) Das ist die Provokation damals - und das bleibt sie auch heute. Es verbietet sich, aus dem Sonntag mir nichts dir nichts einen Sabbat des Neuen Testamentes zu machen. Denn was noch der Vorbereitung  auf das Kommen des Messias dienen sollte, ist in Jesus überholt. Wer durch das Halten des Sabbatgebotes noch etwas von Gott erwartet, ist von gestern. Wer seine Hoffnungen auf die Sabbatvorschriften setzt, verstellt sich den Blick auf den Messias Jesus.

Wenn Jesus der Herr ist auch über diese göttliche Ordnung - was heißt das dann für unseren Umgang mit dem Sonntag? Er ist ja der Tag der Feier der Auferstehung, der Tag der göttlichen Unruhe über den Lauf der Welt, der Tag von Gottes erneutem Eingreifen - also der Beginn von Gottes neuer Schöpfung, der Tag der Feier der Erlösung durch Jesus Christus, den Herrn. Kurzum: Es ist der Tag des Gottes-Dienstes - in seiner doppelten Bedeutung: Gott dient uns, und wir dienen ihm. Ein Tag totaler Dienst-Leistung sozusagen. Das macht den Sonntag zum Sonntag. - Und warum nicht anschließend die Geschäfte öffnen? (Als die Frauen das leere Grab entdeckten, sozusagen am ersten christlichen Sonntag, waren die Geschäfte ja offen, denn es war der erste Tag der Woche, als sie hingingen, um Salböl zu kaufen.)

Martin Luther meinte sogar: Wenn sich die christliche Gemeinde am Sonntag versammelt, dann muß sie beachten, daß sie das nicht tut, um damit ein heilsnotwendiges Gebot zu halten. Bloß das nicht: Denn gottgewollten Zeiten ist sie nicht mehr ausgeliefert - und darf sie sich auch nicht mehr ausliefern. Heilige Zeiten zu beachten, das wäre Religionsbetrieb, nicht christlicher Glaube. Für den gilt: So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat. Darum sind wir der Sabbatgesetzgebung nicht mehr unterworfen. Darum müssen wir nicht das jüdische Arbeitsverbot vom Sabbat auf den Sonntag übertragen. Darum sind wir frei vom Zwang göttlicher Ordnungen.

Wir können tun, was wir menschlich nützlich und angebracht finden - aber wir müssen das nicht tun, als ob Gott das um unseres Heiles willen wollte. Unser Heil hängt nicht vom Sabbat oder Sonntag ab. Das darf auch eine Kirche nicht vergessen, die sich für die Sonntagsruhe einsetzt.

Praktisch mag unser Leben zwar dann nicht viel anders aussehen als das derer, die eine heilige Ordnung beachten - aber wir sind ihr nicht ausgeliefert. Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe, weiß der Volksmund. Die scharfe Bemerkung gegen die Pfaffen, die ihn per Gerichtsurteil gezwungen hatten, sein Strandgeschäft geschlossen zu lassen, kam übrigens ausgerechnet aus der Familie eines GKR-Vorsitzenden.

Insofern ist die Aktion der am Sabbat Ähren rupfenden Jünger Jesu auch heute noch durchaus eine Meldung wert. Wenigstens die Kirchen sollten sie lesen - und alles von ihrem Herrn und nichts vom Beachten vermeintlich gottgewollter Ordnung erwarten. - Deshalb feiern wir jetzt das Herrenmahl. Das ist die wahre Feier des Sonntags. In den Konsum können wir uns dann immer noch stürzen - ohne das Waltersdorfer Feuerwehrfest als Alibi für offene Geschäfte und unseren sonntäglichen Teppichkauf zu brauchen.
Amen.
 
 


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