Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über Mk 2, 18-22

Liebe Gemeinde!
Das Neue Jahr beginnt - man stellt sich wieder die alten Fragen: Was bringt die Zukunft? Näherhin: Welche guten Vorsätze faßt man in diesem Jahr? Oder noch konkreter: Wohin mit den überflüssigen Pfunden von Weihnachten? Vielleicht fasten - schon vor Beginn der eigentlichen Fastenzeit?

Diese Frage trifft sich gut mit dem heutigen Predigttext: Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab, und der Riß wird ärger. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.

Frage und Antwort sind leicht verständlich: Religiöse Menschen fasten - damals also die Anhänger der Pharisäer und die Anhänger Johannes des Täufers. Nur die Anhänger Jesu nicht. Die schlagen aus der Art. Warum? Durch seinen Vergleich mit der Situation einer Hochzeit macht Jesus klar: Solange der Bräutigam da ist, wird gefeiert, nicht gefastet. Hochzeit? Bräutigam? An dieser Stelle wird uns klar, daß es hier gar nicht so sehr ums Fasten oder Nichtfasten geht, sondern um Jesus, der sich mit einem Bräutigam vergleicht - und dessen An- oder Abwesenheit. Die Frage ist also: Was hat ein Bräutigam denn an sich, daß er, daß seine Anwesenheit die gute alte religiöse Tradition des Fastens außer Kraft setzt? Und vor allem: Wenn Jesus sich damit meint, was hat Jesus an sich, daß durch ihn selbst der gute Brauch des Fastens in den Hintergrund tritt? Was hat er an sich, daß seine Anwesenheit neue Regeln setzt - eben feiern, nicht fasten?

Die beiden Bildworte, das vom neuen Lappen auf dem alten Kleid und das vom neuen Wein und den alten Schläuchen klären dieses besondere Verhältnis von Alt und Neu.

Machen wir uns die verschiedenen Möglichkeiten, Alt und Neu in Beziehung zu setzen, zunächst mit Hilfe anderer Beispiele klar: Neue Schuhe etwa, die kauft man(n), wenn die alten abgetragen sind. (Ich rede jetzt natürlich von männlichem Kaufverhalten.) Und häufig wirft man die alten dann auch nicht gleich fort, sondern da stehen dann die alten neben den neuen im Schrank. Sie sind unvergleichlich bequem - und zumindest werktags kann man sie doch noch tragen. Da haben wir eine Art von Koexistenz von Alt und Neu. - Anders ist es mit einem neuen Auto. Kommt ein neues Modell auf den Markt, ist das bisherige unweigerlich alt, auch wenn man es gerade erst beim Händler abgeholt hat - was sich sofort auf den Gebrauchtwagenpreis auswirkt. Hier macht das Neue das Alte also alt. Theoretisch kann man das Alte zwar immer wieder reparieren, neue Teile einbauen ohne Ende - bei Flugzeugen beispielsweise geht das Jahrzehntelang gut - das alles ändert aber nichts daran, daß sie dennoch schlicht und einfach alt sind, so verkehrstüchtig sie auch sein mögen. Nur bei exklusiven Sportwagen ist das anders: Die sind so selten und knapp, daß selbst die alten Modelle noch Geld bringen, manchmal mehr als der Neupreis kosten. - Computer hingegen sind von Anfang an alt. Die Entwicklung zu immer höherer Leistungsfähigkeit verläuft so rasant, daß man eigentlich immer nur die von gestern kaufen kann. Das Neue ist wie der Hase beim Hunderennen: Es motiviert zum Laufen, bleibt aber unerreichbar. Neue Computersoftware hingegen, die ist meist wie Bananen, die muß man erst reifen lassen. Wenn man Glück hat, löst sie die alten Probleme - aber unter Garantie schafft sie neue. - Sie sehen, liebe Gemeinde, das Verhältnis von Alt und Neu hat viele Facetten.

Und wie ist das mit dem Neuen in Jesus? Ist es mit dem Alten kompatibel - wie bei den Herrenschuhen? Oder ist es eher wie bei den Autos - so daß das Neue das Alte zum Alten macht? Höre ich mich unter den Christenmenschen und in ihrer Geschichte um, kann man beide Meinungen finden:

Die einen sagen, der Neue Bund setze den Alten nicht außer Kraft und lieben ihn wie einen Oldtimer, die anderen sagen, der Neue Bund macht den Alten aber doch alt, weil Jesus etwas Neues darstelle. Und wieder andere sind immer auf der Suche nach dem Allerneuesten, auch bei der Religion. Sie probieren es mit esoterischem New-Age-Denken im Zeitalter des Wassermanns, mit Scientology - oder sogar mit dem Islam. Und sie finden nicht, weil es doch immer wieder etwas noch Neueres gibt. Sie jagen dem Neuen nach wie die Hunde hinter dem Hasenfell auf der Rennbahn. Die Besonderheit des Neuen, das mit Jesus kommt, aber entdeckt keiner von ihnen. Worin besteht es?

Das Neue an Jesus ist zerstörerisch, es zerstört das Alte. Es läßt nicht mehr alles beim Alten, es läßt auch nichts anderes Neues mehr neben sich bestehen. Jesu Bildworte vom neuen Lappen und alten Kleid und vom neuen Wein in alten Schläuchen legen nahe, provozierend zu sagen: Probiert es doch aus! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr versucht, Jesus einzuordnen, ihn einzupassen - an eure Bedürfnisse, an die alten Ordnungen und Regeln. Dann geht euch alles verloren. Dann zerreißt - bildlich gesprochen - das Kleid, dann platzen die Schläuche. Das Resultat: Alles geht verloren - wie junger gärender Wein sich nicht mit den alten vertrockneten Lederschläuchen verträgt, sondern sie zum Platzen bringt, wie auch die beste Schneiderin durch Flicken nicht verhindern kann, daß der Ärmel irgendwann einfach durchgescheuert ist. Die Bilder sind klar: Das Neue an Jesus ist für das Alte zerstörerisch. Bloß: Was heißt das - ohne in Bildern zu sprechen?

Bei Jesus fällt auf, daß er gerade das aber nicht tut. Er verzichtet nicht auf die Bilder - und man hat lange gerätselt, warum. Macht er es wie ein guter Lehrer, weil er anschaulich bleiben will, verständlich für alle, konkret, nicht abstrakt? Oder liegt das an dem Neuen selbst, das man von ihm eben nicht so reden kann wie vom Alten und gut Bekannten?

Das ist es liebe Gemeinde! Das Neue ist nämlich das Reich Gottes, seine Herrschaft, die in Jesus Christus beginnt - aber eben nicht mit Händen und Füßen zu greifen ist, sondern nur im Bild, in der Metapher, im Vergleich - eben nur im Gleichnis und als Gleichnis in Worte gefaßt werden kann. Konkret ist eigentlich nur Jesus. Und Reich oder Herrschaft Gottes - das sind selbst gleichnishafte Ausdrücke, die alles und jedes bedeuten könnten, werden sie nicht im Zusammenhang mit Jesus gebraucht. Zu dieser Einsicht führt uns der kurze heutige Predigttext und zur Einsicht in das Neue, das Jesus selbst darstellt, der Bräutigam - auch das wieder so ein Bildwort.

Und das Thema neu und alt erhält hier eine neue Facette: Neben Jesus kann das Alte, kann alles bisherige nicht weiterbestehen. Er kehrt die uralte menschliche Befindlichkeit um, daß das Alte im Kopf fester sitzt als das Neue - weshalb alte Menschen manchmal besser von früher erzählen können als vom Heute. (In der Hirnforschung nennt man das das RibotŽsche Gesetz.) Jesus macht den Kopf wieder frei - von den alten religiösen Regeln bespielsweise, von allen religiösen Regeln. Mit Jesu Kommen verschwindet das Alte wie Schnee vor der Sonne - vor ihm, dem Neuen. Seine Anwesenheit macht alles neu - wie nur Gott es kann. Darum sagt Jesus beim Evangelisten Johannes später zu Recht: —Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.ž (Joh 14,6) Das, liebe Gemeinde, ist das Neue an Jesus: Der Weg der Menschen zu Gott führt exklusiv über ihn.

O je, das wollen aber viele nicht hören. Stört das nicht die friedliche religiöse Koexistenz - nicht nur in unserer Stadt? Schon - aber was soll man machen mit dem Neuen an Jesus? Es vergessen, verdrängen, verleugnen? So versuchen Sie das doch mal, das mit dem neuen Flicken und dem alten Kleid, das mit dem neuen Wein und den alten Schläuchen. - Geht doch, meint die moderne Gesellschaft, heutzutage jedenfalls: Und erfindet das Kunststopfen und die Glasflaschen. Sind die britische Herrenmode von Ärmelschonern von Anfang an und Champagner und Prosecco nicht wie die symbolische Lösung des Problems von alt und neu? Der moderne Widerspruch zu den Bildern aus alter Zeit?

Man amüsiert sich über die überholten alten Bibelworte aus vortechnischer Zeit und demonstriert so, daß man das Problem beherrscht. Neuer Wein und alte Schläuche - geht doch, demonstriert man. Wen wundertŽs, lassen doch schon die Christinnen und Christen das Neue an Jesus nicht mehr so recht zu. Sie denken sich, es habe doch jeder seinen Glauben - als rettete uns der Glaube und nicht Gott. Und selbst dagegen könnten Sie jetzt sagen, schließlich gebe es doch bloß einen Gott, verschieden seien doch nur die Bilder, die die Menschen sich von ihm machen.

Nun, Bilder sind auch eine Wirklichkeit und man kann ihnen nicht entgehen - mit Martin Luther gesprochen: —Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.ž Diese selbstgemachten Bilder aber führen in die Irre, in die Welt, ins Alte. Der eine Gott, an den wir glauben - er ist eben nur in Jesus Christus für uns da. Das ist das Neue - und alle Alte, alles andere hat daneben keinen Bestand. - Die Frage nach dem Fasten - so ist unser Predigttext in der Lutherbibel überschrieben - ist also gar nicht die Hauptfrage, um die es geht.

Übrigens, sie wäre von heute her auch schwer zu beantworten. Erinnern wir uns an Jesu Antwort: Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage. Und wann ist das? Man könnte dabei an Jesu Sterben denken und an seine Himmelfahrt und nach Ostern wieder die alten Fastenregeln einführen - manche christliche Kirchen haben das auch getan - aber das verträgt sich nicht dem christlichen Glauben, daß Jesus in seinem Wort und Sakrament bei uns ist und bleibt, das verträgt sich nicht mit seinem Wort: —Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.ž (Mt 28 20) Es geht hier also nur beispielhaft ums Fasten, vor allem aber geht es um Jesus selbst, den Bräutigam. Das zu entdecken, das wäre ein guter Vorsatz fürs Neue Jahr, ihn zu entdecken - und auch zu entdecken, daß man eben nur in Bildern und Vergleichen, im Gleichnis als Gleichnis, von Gottes Kommen und Bleiben unter uns reden kann.

Das Bild vom Bräutigam ist heutzutage sicher ungewohnt, vielleicht auch zu persönlich und zu intim - wäre da nicht der kleine Witz, den ich die Tage hörte: Ein Kloster kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Dabei müßte doch so vieles renoviert und neu gemacht werden. Der Bischof setzt einen Verwalter ein. Der stöhnt nach einem ersten Einblick in die katastrophale Finanzlage: —Und die sind alle mit Jesus verheiratet.ž Sagt seine in geistlichen Dingen etwas unbedarfte Sekretärin: —Verheiratet? - Dann könnten wir dem doch die Rechnung schicken!ž

Gut gesprochen - Jesus hat ja unsere Schuld(en) bezahlt. Und gibt einen aus: sich selbst, in seinem Wort und in Brot und Wein. Und so macht er alles neu, so neu, daß alles Alte ihm Platz machen muß.
G. Amen.
 
 


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