Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis über Mk 1, 40-45

Liebe Gemeinde!
Etwas fällt auf in der Erzählung von der Heilung eines Aussätzigen: Warum droht Jesus dem, den er gerade geheilt hat, warum treibt er ihn fort und verdonnert ihn zum Schweigen? Und ganz allgemein: Den Gläubigen drängt sich geradezu die Frage auf: Wird Jesus auch uns heilen, von unseren Krankheiten? Was also hat sich der Evangelist Markus bei dieser Geschichte gedacht?

Die Antwort ist vielfältig. Vielleicht kann uns wieder einmal Josef, genannt Jossele, über den Predigttext näheren Aufschluß geben. Sie fragen, wer das ist? Nun, die Bibel weiß nichts von ihm. Ich stelle mir vor, er könnte ein Nachbar des unbekannten Aussätzigen gewesen sein, den Jesus heilte. Also, Jossele, was hast du uns zu erzählen?

Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Vielleicht stelle ich mich erst einmal vor. Ich bin Josef, Angehöriger des gleichnamigen Stammes in Israel. Aber alle meine Freunde nennen mich Jossele. Ich wohne in Galiläa, am See Genezareth, nicht weit entfernt von Kapernaum. Unser Dorf ist nur klein, da kennt jeder jeden, und was der eine hört, wissen bald alle. Mein Lebensunterhalt war das Fischen - und im großen und ganzen ernährte das schon einen Mann und seine Familie. Schmackhafte Fische gibt es bei uns. Ihr müßtet sie einmal probieren - aber ich schweife ab. Schließlich will ich Euch von meinem Nachbarn Benjamin erzählen.

Benjamin wohnte damals gleich mir gegenüber, unsere Häuser am Dorfeingang trennte nur die Gasse. Eines Tages - keiner hat es kommen sehen - klagt Benjamin des Morgens über Schmerzen, fühlt sich schlapp und bekommt Ausschlag, der nicht mehr heilt. Wir Nachbarn sind gleich in Sorge, nicht nur seinetwegen, denn bald stellt sich heraus, was wir befürchten mußten: Aussatz. (Ihr kennt diese Krankheit als Lepra.) Aussatz ist ansteckend. Wir damals konnten es nicht heilen. Das einzige Mittel war, die Kranken sofort von der Dorfgemeinschaft und allen anderen Menschen zu isolieren. Nahrung bekamen sie gelegentlich zugesteckt, aber sie mußten sich von uns fernhalten. Ihr müßt das schon verstehen, wir waren nicht herzlos. Es war die einzige Möglichkeit - sonst hätte es uns alle erwischen können. Dabei hatten alle Mitleid mit Benjamins Frau und den vier kleinen Kindern.

Dem Herrn sei Dank, daß unsere Religion auch für solche Fälle ihre festen Regeln bereithält! Uns allen blieb die Zuversicht auf den Herrn, der würde sich seiner schon annehmen. Manche dachten ja auch, Benjamins Krankheit sei Strafe für irgendeine Sünde, aber der Rabbi in Kapernaum, einer von den modernen Schriftgelehrten meinte, wenn der Herr so handelte, müßten wir alle an Aussatz leiden. Mein Cousin allerdings sagte, so einfach könne man es sich nicht machen, er wüßte außerdem ganz genau, daß die Frau von Benjamin einmal - aber ich schweife schon wieder ab. Eigentlich will ich Euch ja von einem Ereignis erzählen, mit dem ich bis heute nicht klarkomme. Und heute bin ich schon ein alter, geschwätziger Mann, der nur noch auf den Tod wartet. Das ganze passierte aber schon, als ich noch jung war, kurz nachdem mein Nachbar Benjamin von Aussatz befallen worden war. Die Geschichte selbst ist kurz erzählt:

Jeschua kam in unser Dorf. (Ihr kennt ihn unter dem Namen Jesus.) Seine Familie lebte in Nazareth. Jeschua war ein frommer Mann, hatte seinen Beruf aufgegeben und zog als Wanderprediger durch unser Land. Von solchen Leuten gab es eine ganze Menge. Ich habe nie so recht verstanden, was die alle wollten, schließlich hatten wir doch unseren Glauben - seit Abraham, Isaak und Jakob, seit Mose und den Propheten. Wir hatten das Gesetz des Herrn - und kluge Leute, die es auslegten. Mich hat das auch nicht besonders interessiert, ich bin ein einfacher Mann. Die muß es schließlich auch geben: Wer sonst schafft die Nahrung für unser Volk herbei? Und dieser Religionsbetrieb in Jerusalem war mir viel zu kompliziert - mit all seinen Regeln und Geboten. Zum Glück war Jerusalem weit. Bloß: Was das alles kostete! Bezahlen müssen das immer wir kleinen Leute. Die Hauptsache sind die Zehn Gebote des Herrn, habe ich meiner Frau und meinen Kindern immer gesagt. Und: Haltet die Sabbatruhe ein!

Benjamin dachte ja anders. Er hoffte auf die große Wende, wenn nur erst der Messias käme. Er war - so gesehen - eigentlich der frömmere von uns beiden. Und trotzdem war er krank. Aber ich schweife schon wieder ab... Kurz und gut: Es ist gegen Mittag, die Schatten werden kürzer, bald werden sich alle in die Häuser zurückziehen, um sich zu erholen. Schließlich müssen die Netze kontrolliert werden, damit es gleich am Abend wieder hinaus gehen kann zum Fischfang. Da kommt eine Gruppe von Wanderern, einer vorweg, er scheint der Anführer zu sein. Und noch bevor sie das Dorf betreten, läuft eine Gestalt auf sie zu. Ich erkenne gleich den Aussätzigen Benjamin und denke noch, na, der kommt aber bedenklich nah ans Dorf heran, da fällt er vor dem ersten Wanderer in die Knie. Ich sehe, wie der ihn berührt - ja, ist er denn blöd, daß er den Aussatz nicht erkennt, denke ich noch - aber da redet der auf Benjamin ein - na endlich, jetzt hat er 's gemerkt - da läuft Benjamin auch bereits wieder fort, und die Gruppe geht weiter.

Keine große Geschichte, meint Ihr jetzt? Von wegen! Eine Woche lang ist Benjamin verschwunden. Wir denken schon, na, hat ihn der Aussatz so heftig gepackt? Da taucht er auf einmal frisch und fröhlich mitten im Dorf wieder auf, ruft mit lauter Stimme, er sei geheilt und schwenkt zum Beweis ein Papier mit dem Siegel des Tempels in Jerusalem. Da hat er es tatsächlich amtlich: Die Priester bestätigen ihm volle Gesundheit und die Wiederaufnahme in die Dorfgemeinschaft nach dem Gesetz des Mose. Alle strömen auf dem Dorfplatz zusammen und wollen die Sensation hören und sehen. Benjamin aber kann sich gar nicht wieder einkriegen: Dieser Wanderprediger sei es gewesen, der ihn geheilt habe, Jeschua, er sei ein Wundertäter, und wir alle sollten zu ihm hingehen, er würde uns alle gesund machen.

Benjamin, Benjamin, habe ich ihm gleich gesagt, nun übertreib mal nicht gleich, du machst unseren Leuten - wie dem Lahmen Schlomo hier - nur Hoffnungen, die dann doch nicht erfüllt werden. Wir kennen doch all diese Wundertäter: Hin und wieder heilen sie einen - und das ist es dann auch. Was aber ist mit den anderen, deren Hoffnungen enttäuscht werden? Wer hilft denn mir, und wer hat dem armen Itzchak geholfen, der in dem schweren Sturm drei Tage zuvor ertrunken war? Wo war denn da dein Wundertäter Jeschua? - Natürlich haben die Leute nicht auf mich gehört, sondern haben die ganze Nachbarschaft rebellisch gemacht, bis rauf nach Kapernaum. Dieser Wanderprediger konnte sich eine Zeitlang vor Leuten gar nicht mehr retten.

Einer, der bei ihm war, der mit Jeschua durchs Land zog - sein Name tut jetzt nichts zur Sache, er will ausdrücklich nicht genannt werden - hat mir später erzählt, die Geschichte von dieser Heilung - zusammen mit ein paar anderen - hätte so viel Aufsehen erregt, daß manche in Jeschua den lange erwarteten Messias gesehen hätten. Aber statt daß der nun seine wachsende Popularität genutzt hätte, um die Leute zu organisieren und gegen die römische Besatzungsmacht zu Felde zu führen, hätte der bloß gepredigt, vom Reich der Himmel gesprochen und religiöse Streitgespräche geführt. Viele Leute seien ihm auch gleich wieder davongelaufen, aber die Zahl seiner Anhänger hätte doch die führenden Kreise in Jerusalem beunruhigt. Die Konsequenzen waren abzusehen: In der Hauptstadt kam es zur Entscheidung, in einer für Außenstehende nicht zu durchschauenden Intrige zwischen den herrschenden Tempelkreisen und den Römern sei Jeschua hingerichtet worden.

All das habe ich aber erst viele Jahre später gehört, da gab es schon keinen Tempel mehr. Den hatten die Römer niedergebrannt. Ein Verbrechen gegen den Herrn, sicher, schon. Aber: Das haben die in Jerusalem davon, habe ich noch gedacht, die haben ja sowieso immer auf uns in Galiläa herabgesehen, als seien wir keine richtigen Juden... Ach so, das Ende der Geschichte vom Aussätzigen Benjamin wollt Ihr hören? Ich weiß nicht, ob die Geschichte überhaupt ein Ende hat. Jedenfalls ist es eine Geschichte voller enttäuschter Hoffnungen: Benjamin hatte auf Heilung für alle gehofft - und sein Wundertäter Jeschua wurde hingerichtet. Der andere hatte auf politischen Widerstand gesetzt - und nun, Jahrzehnte später, ist Jerusalem ein Trümmerhaufen. Und Benjamin ist vor kurzem gestorben. Was bleibt? - Da sind immer noch wir Fischer, die wir jede Nacht neu auf den See hinausfahren. Jetzt sind es meine Söhne, die tun, was schon unsere Väter getan haben. Wir haben unser Auskommen, halten auch an der alten Religion fest, aber Hoffnungen? Wenn Ihr danach fragt - was sollen wir Alten denn noch für Hoffnungen haben? Wenn die Wehwehchen des Alters kommen, ist da kein Wundertäter zur Stelle. - Ganz zu Ende erzählt ist meine Geschichte von Jeschua damit aber immer noch nicht: Natürlich haben auch wir in unserem abgelegenen Dorf längst gehört von dieser neuen religiösen Bewegung. Sie wird getragen von Leuten aus unserer Gegend, von Galiläern also. Aber es ist nicht ratsam, das an die große Glocke zu hängen:
Seitdem die Römer sich immer breiter machen in unserem Land und die Garnison in Kapernaum alles im Griff hat, ist es nicht leicht für uns Juden. Aber auch diese neue Bewegung hat es nicht leicht. Sie wird von Römern und uns Juden gleichermaßen beargwöhnt, weil sie sagen, der Herr habe den hingerichteten Jeschua von den Toten auferweckt. Der Herr auf Seiten des Gesetzesbrechers, des Wundertäters von damals, des Wanderpredigers?

Neulich kamen ein paar Fremdlinge in unser Dorf - auf Empfehlung von Simon, dem Fischer aus Kapernaum. Weil ich mittlerweile der Älteste bin bei uns und als Freund des Aussätzigen Benjamin bekannt bin, haben sie mich aufgesucht und nach dieser Geschichte befragt. Befragt? Eigentlich haben sie sie mir erklärt, besonders einer von ihnen mit Namen Markus. Ich weiß nicht zu sagen, ob er Jude oder ein Heide war. Volk und Herkunft scheinen bei Ihnen nicht so wichtig zu sein: Ja, bei ihnen, sie gehörten nämlich zu dieser neuen Bewegung der Jesuaner oder Christen. Sie glauben, daß Jesus der Messias ist, daß er lebt und bald wiederkommen wird, um Gottes Herrschaft öffentlich anzutreten. Ja, Gottes Herrschaft sagen sie wirklich, sie sprechen den Namen des Herrn tatsächlich aus. Überhaupt sprechen sie von Gott wie von einem, der den Menschen nahe ist, sie sprechen von Jeschua oder Jesus wie vom Herrn selbst. Sie tragen zusammen, was ihnen aus seinem Leben wichtig erscheint: Wie er als Wanderprediger von Gott, seinem und unserem Vater sprach, wie er in Gottes Macht Menschen heilte - und so kamen wir auch auf den Aussätzigen in unserem Dorf zu sprechen: Ich habe ihnen erzählt, was ich weiß, was damals passiert ist - und warum ich zweifele: Wenn Jesus", wie ihr sagt, der Messias war, warum hat er dann nicht alle geheilt? Und was haben wir heute von ihm?

Markus gab mir zur Antwort: "Jesus war von Anfang an der Messias - aber alle haben ihn mißverstanden, alle wollten ihn für ihre Interessen einspannen: für die eigene Gesundheit oder für die Befreiung des Volkes von den Römern oder gegen die superschlauen Schriftgelehrten. Er aber wollte allein für Gott, seinen Vater, einstehen und die Menschen neu zu ihm hinführen. Er wollte nicht die Macht. Und als er wie ein Verbrecher am Kreuz starb, da rief ausgerechnet ein Heide, der römische Hauptmann, der ihn hinrichten mußte, aus: 'Das ist der Messias!'
Wer Jesus nur als Wundertäter sieht, der hat ihn mißverstanden. Er ist der Knecht Gottes, der Sohn Gottes. Er lebt."

Er lebt? Ein Sohn Gottes? Mir ist das zu abstrakt, ich bin ja nur ein einfacher alter Fischer. Sag mir, Markus, habe ich also gefragt, kann Jesus auch mich gesund machen? Was tut er für mich?

Als Markus antwortete, hörte sich das feierlich, an wie eine Predigt: "Denk doch an deinen Freund Benjamin. Der ist von seiner Krankheit befreit worden. Andere hat Jesus von ihrer Schuld befreit. Das kann nur Gott. Alle will er heilmachen - an Leib und Seele. Erst jetzt verstehen wir, was sein Heilen bedeutet hat: Er ist der Heiland - für alle Menschen: weil er sie zu Gott führt und von allem frei macht, was sie auf diesem Weg hindert, ob das Krankheit oder Sünde ist. Vertrau ihm, Jossele, sprich zu ihm wie zu Gott, im Gebet, wie dein Nachbar Benjamin zum vorbeiziehenden Wanderprediger: 'Willst du, so kannst du mich reinigen.' Und er wird zu dir sprechen: 'Ich will's tun; sei rein.'" Und mir war so, als spräche der Herr selbst das zu mir.

Ja, das war sie nun wirklich, die Geschichte von Benjamin und Jeschua. Und wenn ich dem Markus glaube, dann ist es auch meine Geschichte. Und ich denke, es ist auch Eure Geschichte. Sie will es jedenfalls werden...

Danke, Jossele - und:
Amen.
 
 


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