Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Quasimodogeniti über Mk 16, 9-14

Liebe Gemeinde!
Trifft der Tünnes den Schääl: —Ich hab dich schon so lange nicht mehr in der Kirche gesehen - glaubst du denn nicht mehr an den lieben Gott, die Muttergottes und die Engel?ž Antwortet der Schääl: —Doch, an das fliegende Personal glaube ich noch - nur mit dem Bodenpersonal komme ich nicht mehr zurecht.ž

Das ist nicht nur ein alter Witz, sondern auch eine bekannte Kritik, diese Kritik am Bodenpersonal des lieben Gottes, das den Zugang zum Evangelium eher verbaut als eröffnet. Es ist die Kritik der Gemeinde an den Amtsträgern, der Basis an denen da oben: Kirchenkritik auf die rheinische, auf die gemütlich-fröhliche Art.

In Berlin klingt das meist einen Zacken schärfer: —Die Pfarrer sind doch alle Lügner, die wissenŽs doch eigentlich besser, gebenŽs aber nicht zu. Und das Konsistorium? Ein bischöflicher Hofstaat voller Schranzen und Intrigen, nur mit sich selbst beschäftigt.ž Bodenpersonal - ohne Bodenhaftung, aber mit A16 Westgehalt. Bodenlos!

Kann man da noch Schlimmeres sagen? Ja, die Kritik des Auferstandenen an den Seinen ist noch härter. Zweimal heißt es über die Jünger Jesu: —Als diese hörten, daß er lebe und sei ... erschienen, glaubten sie es nicht.ž Dafür erhalten sie vom auferstandenen Herrn selbst die Quittung: Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, daß sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Das, liebe Gemeinde, ist Kirchenkritik von ganz oben. Sie entlarvt die Jünger als Ungläubige.

Wieso Ungläubige? Was machen sie denn? Sie trugen Leid und weinten. Die Anhänger Jesu sind offenkundig völlig besetzt von ihrer Trauer - der Frohen Botschaft von seiner Auferstehung schenken sie keinen Glauben.

Das Bodenpersonal ist also mit seiner Trauer beschäftigt, versucht, den Verlust zu verarbeiten - doch seine Trauerarbeit verdrängt den Herrn. Ihre Trauer ist den Jüngern wichtiger als der Auferstandene.

Der Schluß des Markusevangeliums macht ein Lehrbeispiel daraus, Unterricht zum Thema Ostern: Da gibt es Zeugen der Auferstehung, Maria von Magdala und die Zwei, die über Land gingen - offenkundig die Emmausjünger - aber ihr Zeugnis findet kein Gehör. Die Jünger trauern lieber, schauen zurück. Das ist ja so menschlich. Damit sind sie auf sicherem Boden, auf dem Boden der Tatsachen. Aber so sind sie ein Hindernis für Gottes Handeln - ungläubig, sagt der Herr.

Wer ist nun damit gemeint? Vor allem die Elf. Die Elf - so viele wie ein Fußballteam. —Elf Freunde sollt ihr sein.ž Was für ein Team hatte Jesus da ausgewählt? Freunde? Im Rückblick der Jungen Kirche stellt sich das wenig rühmlich dar. Einer, Judas Iskariot, war schon im Vorfeld ausgeschieden. Der Mannschaftskapitän, Petrus, wollte schon nicht mehr dazugehören. Und dann die Krise: Nach dem Verlust ihres Trainers sitzen sie zusammen und trauern, sind mit sich selbst beschäftigt, verarbeiten ihre Niederlage. Ein müder Haufen, chancenlos - dabei hat die neue Saison noch nicht einmal begonnen. Als Team sind sie am Ende - bis der Chef selbst auftritt und ihnen die Hölle heiß macht. Nichts anderes bedeutet ja der Vorwurf der Herzenshärte und des Unglaubens: —Euer Unglaube ist Gott im Weg. Hört auf, eure Wunden zu lecken!ž

Das alte Spiel ist aus und unwiderruflich vorbei. Nur ganz anders geht es weiter: Jesus offenbarte sich ihnen, heißt es. Das bedeutet: Er selbst begeistert sie, so daß sie glauben. Er macht sie glauben. Mehr noch: Er selbst ist es, der mit ihnen ist. Da geht keine Sache Jesu weiter, da wird nicht gepredigt, wie Jesus predigte. Da wird Jesus selbst zum Inhalt der Predigt: als der Christus. Da beginnt ein neues Spiel: Das Team wird neu aufgebaut und verkündigt jetzt Jesus den Gekreuzigten. Und der, von dem da die Rede ist, der ist bei ihnen. Sein Geist hat sie neu zusammengeführt und motiviert, in Bewegung versetzt: Elf Freunde könnt ihr sein. Der Ungeist der Trauer ist weg.
Das ist das Wichtigste, was uns heute morgen das Evangelium nach Markus nach Art einer Zusammenfassung verschiedener Osterberichte vor Augen führt: Gott überwindet den Widerstand der Menschen, so daß sie an Jesus als den Herrn glauben. Gott erwählt sich ein Team und macht es tauglich. Gott, der größte Kritiker seiner Kirche, baut sie auf.

Fragt sich noch, warum haben die Elf eigentlich nicht den ersten Zeugen geglaubt, Maria von Magdala und den Wanderern nach Emmaus? Ein später Abschreiber des heutigen Evangeliumstextes fügt dazu eine Erklärung an. Sie findet sich in einigen Handschriften: —Und sie entschuldigten sich und sagten zu Christus: «Dieser Äon der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens ist unter dem Satan, der es nicht zuläßt, daß die wahre Kraft Gottes von den unreinen Geistern ergriffen wird; deswegen offenbare jetzt schon deine Gerechtigkeit.Ž Und Christus erwiderte ihnen: «Erfüllt ist die Grenze der Jahre der Macht des Satans; aber andere Schrecken nahen auch für die, für die ich, da sie sündigten, dem Tode ausgeliefert wurde, damit sie zur Wahrheit umkehrten und nicht mehr sündigten, damit sie die geistliche und unvergängliche Herrlichkeit des Gerechtigkeit im Himmel erben.Žž So erklärte sich der unbekannte Abschreiber das Ausbleiben der Vollendung mit der immer noch währenden Macht des Satans. Obwohl die Macht des Bösen grundsätzlich zwar gebrochen ist, ist die Sünde noch nicht aus der Welt, sind die Schrecken der Sünde noch nicht vorbei. Die Erlösung ist also noch nicht vollendet.

Papst Pius II. kam im Jahre 1461 auf eine andere Idee: Weg mit dem Unglauben. Mit ein bißchen guten Willen müßte das doch möglich sein, weil am Ende doch alle was davon haben. Darum schrieb er an den türkischen Sultan Mohammed II., er möge doch zum christlichen Glauben überwechseln, dann werde in aller Welt das Goldene Zeitalter anbrechen. (Das hat aber irgendwie nicht geklappt.) Bleibt also die Frage: Warum haben die nicht geglaubt? Waren die Boten des Evangeliums nicht überzeugend genug?

Darum ging es auch in meiner ersten Predigt. Ich war siebzehn Jahre alt und sollte bei einer Andacht in der Aula meiner Schule etwas über den Anfang des ersten Johannesbriefes sagen: Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Ich habe nur ein paar Sätze gesagt. Vor allem ging es darum: Wenn man von etwas hört, bei dem man nicht dabei war, dann ist es doch das beste, denen zu glauben, die dabei waren. Die sind doch am Glaubwürdigsten. Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch. Leute, vertraut also den Augenzeugen!

Besonders gut angekommen ist dieses Argument damals nicht. Die Mitschüler meinten, was sogenannte Augenzeugen erzählten, das sei doch deshalb nicht gleich glaubwürdig, bloß weil sie angeblich dabei waren. Wer weiß, was in deren Kopf vorging? Und: Kann ich nur glauben, indem ich anderen glauben muß?

Das war der Einwand meiner Mitschüler. Auch bei den Lehrern kam ich nicht an, weil ... Aber da muß ich was vorausschicken. Der Pfarrer, der mich und die kleine Andachtsgruppe damals vorbereitete, war wohl ein verhinderter Schauspieler. Er schlug uns große Töne und Gesten vor. Dazu wir waren viel zu verlegen, voll peinlich das. Das Ende vom Lied: Ich stand bei meiner Predigt betont lässig da, mit einer Hand in der Hosentasche. Und jetzt raten Sie mal, woran die Lehrer Anstoß nahmen, was die Predigt bei ihnen unglaubwürdig machte... Und später waren es einmal braune Schuhe zum schwarzen Talar (Unmöglich! Wie sieht das denn aus?), die den Lauf des Evangeliums hemmten...

So sah die erste Kritik aus, die ich als Mitglied des Bodenpersonals des lieben Gottes, als Spieler der Jesus-Elf, einstecken mußte - und sie war nicht falsch. Sie trifft genau den Punkt, den das heutige Evangelium macht: Danach ist das Bodenpersonal nämlich von Anfang an und grundsätzlich untauglich zur Verkündigung des Evangeliums, Augenzeuge hin oder her, Hand in der Tasche oder nicht, Schuhfarbe braun oder schwarz. Jene damals und wir heute sitzen im selben Boot der Untauglichkeit, des Unglaubens.

—Wir sollen ... von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. (Darum können wir ihn nur bitten, daß er unsere Rede dazu tauglich mache)ž, meinte Karl Barth, einer der großen theologischen Lehrer des vergangenen Jahrhunderts. Wir müssen von Jesus Christus erst tauglich gemacht werden, seine Zeugen zu werden.

Schon Martin Luther erkannte, daß nicht bloß der Teufel oder der Glaube anderer das Evangelium hemmt - und schon gar nicht die mangelnde Überzeugungskraft der Boten. Der Grund liegt viel tiefer, in uns selbst: Jeder Christ ist zugleich Gerechter und Sünder - in sich Sünder, vor Gott gerettet - aus sich ungläubig lebt er als Bürger zweier Welten: im Licht des Ostersieges und im Dunkel der alten Welt. Deshalb müssen wir alle immer wieder erst tauglich gemacht werden, Gottes Zeugen auch wirklich sein zu können.

Wie, wo und wann geschieht das? Hier und jetzt im Gottesdienst. Hier verdienen wir unseren Namen: Christen. Hier sind wir, was wir aus uns selbst heraus gar nicht sein können: Boten Gottes. Hier und jetzt sind wir Zeugen des Evangeliums von Jesus Christus. Und das sind wir durch Jesu Gegenwart in Wort und Sakrament. Sie macht uns in jedem Gottesdienst zu Boten und Zeugen, zu Wesen, die Gott loben. Die Bibel nennt solche Wesen Engel.

Hin und wieder kann man aus dem Gottesdienst auch etwas mitnehmen, etwas, das einen für die Woche aufbaut - einen Gedanken, ein Lied. Aber, liebe Engel, darauf kommt es gar nicht so an, sondern auf den Gottesdienst selbst. Denn der Schääl hat ganz Unrecht, wenn er wegen seines Leidens am Bodenpersonal den Gottesdienst meidet. Wir sind hier nämlich kein Bodenpersonal. Hier sind wir —quasimodogenitiž, wie die neugeborenen Kinder, —fliegendes Personalž, Engel - selbst mit braunen Schuhen und Händen in der Hosentasche.
Amen.
 
 


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